mini|Jean Paul, Das Leben des Quintus Fixlein (Titel 1796)
Leben des Quintus Fixlein aus funfzehn Zettelkästen gezogen; nebst einem Mußteil und einigen Jus de tablette sind Titel und Untertitel einer 1794/95 entstandenen und Ende 1795im Verlag Lübeck in Bayreuth mit der Jahreszahl 1796: In: Jean Paul. Werke. Vierter Band. Carl Hanser München, 1962, Anmerkungen, S. 1141. publizierten humoristischen IdylleKindler Lexikon im dtv. Deutscher Taschenbuch Verlag München, 1974, Bd. 13, S. 5537. von Jean Paul. Erzählt wird der groteske Karriereweg des Lehrers Fixlein zum glücklichen Pfarrer und Familienvater im Dorf Hukelum.
Überblick Jean Pauls Buch setzt sich ungefähr zur Hälfte aus dem Roman „Des Quintus Fixlein Leben bis auf unsere Zeiten“ und zur anderen aus verschiedenen voran- und nachgestellte Schriften zusammen, die sich von der sentimental-empfindsamen Dichtung über die philosophische Abhandlung bis hin zur humoristisch-satirischen Erzählung erstrecken und mit den im Roman behandelten Themen in unterschiedlicher Weise vernetzt sind.
Des Quintus Fixlein Leben bis auf unsere Zeiten In der Vorrede (Billett an meine Freunde) nennt der Erzähler „[d]rei Wege, glücklicher zu werden“: den enthusiastisch-erhabenen der Vogelperspektive, den komisch-idyllischen der Froschperspektive und den humoristischen des Wechsels zwischen den beiden anderen. Der Fixlein-Roman ist, wie das Schlusswort des Erzählers im letzten Kapitel bestätigt, ein Beispiel für den zweiten Weg: Er zeigt, „dass man kleine sinnliche Freuden höher achten müsse als große“.Kindler Lexikon im dtv. Deutscher Taschenbuch Verlag München, 1974, Bd. 13, S. 5537.
Vom 11. Kapitel an greift der Erzähler, der in der Welt herumreisende flachsenfingische Fürstensohn Jean Paul, in die Handlung ein. In seiner ambivalenten Bewertung der Fixlein-Idylle und in eingeschobenen philosophisch-weltanschaulichen und gesellschaftskritischen Betrachtungen kritisiert er u. a. die Besetzung der Ämter durch Beziehungen oder Bestechungen (6. Zettelkasten) und macht ironische Vorschläge über die Reform des staatlichen Ämterhandels mit verschiedenen „Verbaltugenden“ im Titel z. B. der Unparteilichkeit, der Schnelligkeit, der Untertanenliebe, der Rechtschaffenheit. Dabei verweist er auf Sternes „Tristram Shandy“: die Schale der Kleidung würde auf den Menschen zurückwirken (4. Zk.). Auch übt er Kritik am hierarchischen autoritären Schulsystem, den gering besoldeten und wenig qualifizierten Lehrern (6. Zk.): In den „Schulmonarchien“ würde der Rat der Stadt am liebsten kräftige Lehrer anstellen, die die Schüler zu verprügeln vermögen.
Inhalt Fixleins Geburtstagstrauma Zebedäus Egidius Fixlein hat nach Beendigung seines Studiums in Leipzig 1791 eine Quintus-Stelleoder Quintei bzw. Quintur, d. h. die fünfte Lehrerstelle für die zweite Gymnasialklasse s. 4. Zettelkasten am Gymnasium in Flachsenfingen erhalten. Acht Tage nachdem er den Unterricht einer Quintanerklasse übernommen hat, beginnen die Hundsferien und er reist zusammen mit einem Quintaner als Diener und seinem Pudel Schill (Gilles) an seinen Geburtsort Hukelum. Dort lebt seine Mutter Clara als „Kunstgärtnerin“. Nach dem Tod ihres mit 32 Jahren verstorbenen Mannes durfte sie „aus Gnaden“ im Gärtnerhäuschen am Rand des Schlossparks des Dragonerrittmeisters Egidius von Aufhammer wohnen bleiben. Die Hukelumer und sogar der Flachsenfinger Rat vermuten, auch Fixlein werde wie sein Vater im Alter von 32 Jahren am Sonntag Kantate sterben. Fixlein und seine Mutter sind ebenfalls abergläubisch. Das Kirchbuch wurde durch einen Brand vernichtet und so lässt sie ihren Sohn in der Hoffnung, er habe vielleicht die Schwelle zum 33. Jahr schon überschritten.
Der Hobby-Literat Mit dieser offenen Frage genießt Egidius seine Zeit, taucht in die Welt seiner Kindheit ein (2. und 3. Zk.), lässt sich von seiner Mutter alles über seine Vergangenheit erzählen und verwahrt die Lebensbeschreibung in zeitlich geordneten Zettelkästen. Aber er sammelt nicht nur für seine Chronik, sondern arbeitet an verschiedenen schriftstellerischen Projekten, zum Beispiel an einer Sammlung von Errata in deutschen Schriften und an einer Statistik über die Häufigkeit der Buchstaben des Alphabets in Luthers Bibel sowie ähnlichen statistischen Auflistungen. Am liebsten denkt er sich Entwürfe zu Büchern aus.
Freundschaften In seinen Ferien besucht er seine alten Freunde, den Pfarrer Astmann und seine Patin, die Rittmeisterin auf Schadeck. Abends liest er mit seiner Vertrauten, dem 25-jährigen Fräulein Thienette, Blattläuse von den Rosen und Regenwürmer von den Beeten. Sie hat eine weiche Seele, ist bescheiden, höflich, furchtsam und „liebt[-] ihn ein wenig.“ Beide wurden als Kinder gemeinsam vom Senior Astmann, dem „geistlichen Ortskurfürsten“ unterrichtet. Später ging Egidius als Student nach Leipzig, und das verwaiste „hausarme[-], insolvente[-]“ Mädchen wurde die Gesellschafterin der Rittmeisterin und zugleich die Verwalterin der Haushaltung: Als „Hauptmännin“ bewacht sie die 13 öden Zimmer des Schlosses und „kommandieret“ die Arbeiter und Mägde. Auch die 18-jährige Metzgertochter Eva Steinberger, die Tochter von Egidius ehemaligem Vormund, hofft auf eine Verlobung mit dem Studenten, doch ihr Vater ist wegen der Unverträglichkeit der Charaktere gegen eine Ehe mit einem Akademiker, und Fixlein gibt ihm Recht (4. Zk.) Zudem möchte er eine Braut nicht mit der drohenden Prädestination und der Angst vor seinem Tod belasten. Deshalb meidet er eine Bindung.
Erbschaft Die kranke Rittmeisterin möchte vor ihrem Tod ihrem Patenkind Egidius zu einer Beförderung verhelfen (2. Zk.) Er besucht sie im Schloss und hält ihr eine Mahnpredigt zur Probe seiner Eignung als Pfarrer in Hukelum. Sie kann zwar seinen Wunsch nicht erfüllen, doch sie erreicht durch ihre Beziehungen zum Bürgermeister und Rat der Stadt Flachsenfingen, dass er das Konrektoriat am Gymnasium erhält und damit vom fünften zum zweiten Lehrer aufsteigt und die Sekundaner unterrichten darf.
Eine Wende im Leben Fixleins wird im April 1792 durch den Tod des Pfarrers Astmann eingeleitet. Bald darauf stirbt nach zwei Schlaganfällen auch die Rittmeisterin. (5 Zk.) Thiennette konnte sie noch vorher dazu bewegen, ihr Patenkind in ihrem Testament zu berücksichtigen: Er erhält ihr Prachtbett mit einem Spiegelhimmel und rückwirkend für 32 Jahre die nicht ausgezahlten Patenpfennige, die zu einer stattlichen Golddukatensammlung angewachsen sind. Am 5. Mai, dem Tag vor dem kritischen Kantate-Sonntag, stellt sich bei der Testamentseröffnung heraus, dass die gelähmte Erblasserin Thiennete für ihre Treue nicht mehr belohnen konnte und diese leer ausgegangen ist.
Fixleins Stimmung ist gemischt: Er ist zugleich traurig über den Tod seiner Wohltäterin und glücklich über die Erbschaft, mit der er seine Schulden beim Vormund Steinberger zurückzahlen kann. Aber er steht an diesem Tag unter dem Druck der Prophezeiung seines Todes. Mit drei Flaschen Wein will er sich, seiner Mutter und Thienette die Situation erleichtern. Er findet das Fräulein im Park nach ihrem Versuch, sich ihre Trauer über den Tod ihrer Herrin durch einen Aderlass zu erleichtern. Nachdem sich die Aderlassbinde verschoben hat, so dass der „Ärmel mit ihrem Blute vollgequollen“ war, verbindet er ihren Arm neu und stärkt sie und sich mit dem gekauften Wein. In ihrem Leid und seinem Mitleid über ihre Einsamkeit und Armut entdeckt er ihre Schönheit und sie verloben sich, beide leicht alkoholisiert, in der Mondnacht, die zugleich um 12 Uhr die vermeintliche Entscheidung über die Prophezeiung bringt.
Pfarrer in Hukelum Um Fräulein Thiennette heiraten zu können, reichen Fixleins Einkünfte als Quintus nicht aus. Deshalb bewirbt er sich um die Pfarrstelle in Hukelum. In seiner Bittschrift an den Rittmeister von Aufhammer nennt er verschiedene Gründe, u. a. die Einsparung von Thiennettes Versorgung aus der Armenkasse des Rittmeisters (6 Zk.). Zur Probe muss Fixlein drei Aufgaben erfüllen (7. Zk.): eine Predigt am Sonntag, am Dienstag die Organisation der sechs Probereden zur Martini-Feier (11. November 1792) über Martin Gottlob Lutherhttps://www.stadtwikidd.de/wiki/Martin_Gottlob_Luther, den letzten direkten Namensträger-Nachfahren Martin Luthers, und am Mittwoch den „Aktus“ im Rahmen einer Schulfeier. Doch vor Abschluss dieser Reihe hat von Aufhammer sich für den Subrektor Hans von Füchslein als Nachfolger Astmanns entschieden. Dieser war bereits, bevor Fixlein das Amt des Konrektors erhielt, für diese Stelle vorgesehen, lehnte jedoch die Beförderung ab, weil er Hukelumer Pfarrer werden wollte (4. ZK). In der Bestallungsurkunde ersetzt der Gerichtshalter aus seinem Eindeutschungs-Drang heraus das Wort „Subrektor“ durch „Schul-Unterbefehlshaber“, was auch auf Fixleins Amt bezogen werden kann. Am Mittwochmorgen vor dem „Aktus“, erhält Egidius das versehentlich „An den Pfarrer Fixlein“ adressierte Ernennungsschreiben. Er bedankt sich sogleich überschwänglich bei seinem Gönner und teilt als Schlussredner des Aktus der Versammlung seine Ernennung mit. Der über den vermeintlichen Verrat verärgerte Füchslein schickt an den Rittmeister ein Pamphlet, der daraufhin die irrtümliche Stellenbesetzung der Hukelumer Pfarrgemeinde und der Schadecker Filiale ratifizieren muss (8. Zk.). Fixlein bezieht das Pfarrhaus und richtet es mit Hilfe der Mutter und Thiennettes ein. Sein Lebensziel, „nach der Quaterne aus dem Lotto des Zufalls die Quinterne“ (den Haupttreffer) der „Ein- oder Anzugspredigt“, ist mit seiner Antrittspredigt am 15. April 1793 erreicht. Die Heirat wird zur Sicherheit erst nach dem Kantate-Sonntag terminiert.
Das Goldene Zeitalter Jetzt beginnt das „Goldene Zeitalter“ zwischen Verlobung und Hochzeit. Der Galeerenarbeit des Gymnasiums ist Fixlein entkommen. Nach seinem Sonntagsdienst in der Kirche hat er „sechs literarische Schöpfungstage“: „O wenn der Ritter Michaelis behauptet hat, das Paradies wäre klein gewesen, damit sich die Menschen nicht auseinander verliefen, so ist ja ein Dorf und seine Freunde klein und eng, damit doch ein etwaiger Nachriss von Eden noch auf unserer Kugel stehe. […] So rollen seine Minuten auf lauter Glücksrädern über die zwölf Tage [zwischen dem Kantate-Sonntag und Himmelfahrt], die der blinkende, mit kleinen Glückssternen […] ausgelegte Himmelsweg zum dritten Himmel des dreizehnten [des Hochzeitstags] sind“ (8. Zk.).
Am 9. Mai 1793 feiern Fixlein und Thiennette mit ihren Gästen ein kulinarisch aufwändiges Hochzeitsfest (9. Kap.), am 21. Dezember, dem Thomastag, Thiennettes Geburtstag (10. Kap.) und im Mai 1794 die Geburt eines Sohnes. Ein wichtiges Projekt der Kirchengemeinde ist die Ersetzung der alten undichten Kirchturmspitze durch eine neue. Dafür sucht der Pfarrer Mäzene. Die Namen der Spender sollen zur Erinnerung in einer Bleischachtel im neuen Turmknopf aufbewahrt werden.
Der Erzähler Jean Paul Mit dem 11. Kapitel tritt der Erzähler, der aus „Hesperus oder 45 Hundposttage“ bekannte Berg-Hauptmann und Fürstensohn Jean Paul, in die Handlung ein. Er war auf Reisen und begleitet am Sonnabend, dem 3. Mai, den flachsenfingischen Superintendenten, den Senior capituli und einige weltliche Räte zur amtlichen Einführung des Pfarrers am darauffolgenden Tag. Nachdem er den Pfarrer kennengelernt hat, kommt er auf die Idee, dessen Lebensgeschichte aufzuschreiben. Dazu verlängert er seinen Aufenthalt bis zur Taufe des von Thienette gerade geborenen Sohnes, dessen Pate er wird. Als Grundlage seiner Biographie dienen ihm die Beobachtungen des Alltagslebens seines „Gevatters“ Fixlein, Gespräche mit der Familie und der Zettelkaste des Pfarrers. In der Akazienlaube des Schlossgartens schreibt er, z. T. gleichzeitig mit der Handlung, seinen Roman.
Heilung vom Aberglauben