Die Partei für gemäßigten Fortschritt in den Schranken der Gesetze (PFGFIDSDG), ,deutsch übersetzt auch als: Partei des maßvollen Fortschritts in den Grenzen der Gesetze, Partei des gemäßigten Fortschritts im Rahmen des Gesetzes u. ä. war eine Partei in Cisleithanien (Österreich-Ungarn), die sich 1911 unter Führung des Schriftstellers Jaroslav Hašek in Form einer Parodie am Wahlkampf für den österreichischen Reichsrat beteiligte.Helmut Rumpler, Adam Wandruszka, Peter Urbanitsch (Hrsg.): Die Habsburgermonarchie 1848–1918. Band VIII: Politische Öffentlichkeit und Zivilgesellschaft. Teilband 1: Vereine, Parteien und Interessenverbände als Träger der politischen Partizipation. Wien 2006, S. 700. Eine Wiederaufnahme ihrer Tätigkeit in der Tschechoslowakischen Republik scheiterte 1921. Durch den Doppelcharakter der Vereinigung als „Partei“ und politisch-künstlerische „Aktionsgruppe“ sind bei der Darstellung der PFGFIDSDG Realität und Fiktion oft nur schwer zu unterscheiden.
mini|hochkant|Wahlkampfslogan: Jeder Wähler erhält ein kleines Taschenaquarium
Geschichte Gründung mini|hochkant|Parteivorsitzender Hašek
Nach Aussage ihres Parteivorsitzenden Hašek erfolgte die Gründung der Partei im Jahr 1904 in der im Prager Viertel Königliche Weinberge (Vinohrady) gelegenen Gastwirtschaft „Zum goldenen Liter“ („Zlatý litr“).Jaroslav Hašek: Das Gründungsprogramm der Partei des maßvollen Fortschritts in den Grenzen der Gesetze. In: Ders.: Die Partei des maßvollen Fortschritts in den Grenzen der Gesetze. Frankfurt a. M. 1971, S. 9–13. Beteiligt waren daran außer ihm noch der Schriftsteller František Langer und der Beamte am Prager Technikum Eduard Drobílek, der die Idee lieferte und die Funktion des Parteikassierers übernahm. Der Parteiname nimmt direkten Bezug auf das umstrittene Kaiserliche Reskript vom 12. September 1871, in dem der böhmische Landtag als Vertretungsorgan der tschechischen politischen Kräfte aufgefordert wurde, „im Geiste der Mässigung und Versöhnung die zeitgemässe Ordnung der staatsrechtlichen Verhältnisse“ mitzutragen.Entwurf des endgültigen kaiserlichen Reskripts an den böhmischen Landtag (vom 12. September 1871); siehe auch Jaroslav Hašek: Die Staatspolizeischule. In: Ders.: Die Beichte des Hochverräters. Frankfurt/M., Berlin: Ullstein 1990, S. 242–252.
Unmittelbarer Anlass zur Parteigründung war wahrscheinlich das übermäßig angepasste politische Verhalten der Tschechischen Sozialdemokratischen Partei („Evolution statt Revolution“), deren Prager Vertreter im „Zlatý litr“ Parteiveranstaltungen abhielten. Schlachtruf der Partei wurde das Kürzel „SRK“, was offiziell für „Solidarität, Recht und Kameradschaft“ stand, in der Parteipraxis aber Sliwowitz, Rum und Kontuschowka bedeutete.Jaroslav Hašek: Die Organisationszentren der Partei. In: Ders.: Die Partei des maßvollen Fortschritts in den Grenzen der Gesetze. Frankfurt a. M. 1971, S. 46–50.
Die Partei wuchs nur langsam. Nach eigenen Angaben bestand sie am 14. Dezember 1904 aus nur acht Personen.Jaroslav Hašek: Der makedonische Woiwode Klimeš. In: Ders.: Die Partei des maßvollen Fortschritts in den Grenzen der Gesetze. Frankfurt a. M. 1971, S. 17–28. Zu den Mitgliedern zählten im Laufe der Zeit aber neben einigen Juristen und Medizinern zahlreiche Köpfe der Prager Kulturszene, unter anderem der anarchistische Journalist und Kleinverleger Antonín Bouček, zeitweilig Protokollant der Partei, der Satiriker, Maler und Anarchist František Gellner, die Schriftsteller und Satiriker Karel Toman, Josef Mach, Gustav R. Opočenský, Louis Křikava und Josef Skružný, der anarchistische Dichter Josef Rosenzweig-Moir, die Journalisten Karel Pelant und Karel V. Rypáček, der Illustrator Josef Lada, der Balletttänzer Franz Wagner, der angebliche „Held des makedonischen Aufstands“ und selbsternannte Woiwode Jan KlimešJan Klimeš war ab 1904 einige Jahre lang Bestandteil der Prager Bohème. 1906 erschien sein Buch „Das Leben unter den makedonischen Aufständischen“. sowie Polizeikommissar Slabý, der in den Parteiversammlungen als „Ordnungsmacht“ auftrat.
In Prag entwickelte die Partei bis 1911 anscheinend keine nachweisbaren öffentlichen Aktivitäten. Aus dem Jahr 1904 ist lediglich ein Politkabarettprogramm Hašeks mit dem Titel „Ich bin Mitglied einer Abordnung vom Land“ bekannt, das möglicherweise eine Frühform der Parteiarbeit darstellt. Zahlreiche Wissenschaftler setzen aber die Gründung der Partei erst mit den Wahlkampfaktivitäten von 1911 an. Dagegen gibt es zahlreiche Texte, die Propagandafahrten von Parteimitgliedern in verschiedene Regionen der K.u.k.-Monarchie beschreiben, die vor 1911 stattfanden.
Die vom Parteivorsitzenden im übertragenen Sinne als „apostolische Mission“ beschriebenen Reisen führten durch Mähren, Niederösterreich, Ungarn, Kroatien, die Krain, Steiermark, Oberösterreich, Böhmen sowie nach Wien.Jaroslav Hašek: Die Partei des maßvollen Fortschritts in den Grenzen der Gesetze. Frankfurt a. M. 1971, S. 69–114, 120–123. Da diese Propagandafahrten starke Ähnlichkeiten mit den von Hašek seit 1900 regelmäßig unternommenen „Vagabunden-Wanderungen“ („Čundr“) aufweisen, handelt es sich bei der Einbindung in die Parteigeschichte möglicherweise um eine nachträgliche Zuordnung und Mystifizierung durch den Autor.
Nachweisbar ist dagegen, dass Hašek in diesem Zeitraum für anarchistische Zeitungen und als anarcho-syndikalistischer Agitator tätig war. So störte er beispielsweise 1907 als Provokateur eine Wahlveranstaltung der Klerikalen Partei und wurde im selben Jahr wegen „Zusammenrottung“ und „Anstiftung zur Körperverletzung“ zu einem Monat Haft verurteilt.vgl. Radko Pytlik: Jaroslav Hašek in Briefen, Bildern und Erinnerungen. Berlin (Ost)/Weimar 1983. Daher gilt einigen Wissenschaftlern die PFGFIDSDG als „anarchistische Tarnorganisation“.Chris Bezzel: Kafka-Chronik. Daten zu Leben und Werk. München 1975, S. 70.
Wahlkampf 1911 mini|Parteizentrale: Gasthaus Kravín
Am 8. April 1911 hatte der österreichische Minister des Inneren nach Auflösung des alten Reichsrates den Termin der allgemeinen Wahl der Abgeordneten für die Mitte Juli beginnende 21. Session des österreichischen Abgeordnetenhauses auf den 13. Juni 1911 festgelegt.s. Reichsgesetzblatt 1911, S. 165; Stenographisches Protokoll.
Wenige Tage später gab in der neuen Parteizentrale, der Gaststätte „Kuhstall“ („Kravín“) in den „Königlichen Weinbergen“, ein Exekutivausschuss der reorganisierten Partei für gemäßigten Fortschritt in den Schranken der Gesetze bekannt, man wolle sich mit einem eigenen Kandidaten am Wahlkampf beteiligen.
Gleichzeitig veröffentlichte man ein Manifest an das tschechische Volk, in dem diesem das Parteidogma des „gemäßigten Fortschritts“ nahegebracht werden sollte: „Auch die Svatopluk-Čech-Brücke ist nicht über Nacht gebaut worden. Zuerst musste Svatopluk Čech geboren werden, ein berühmter Dichter werden, sterben, dann musste eine Sanierung durchgeführt werden, und dann erst baute man die Svatopluk-Čech-Brücke.“Manifest der Partei des maßvollen Fortschritts in den Grenzen der Gesetze. In: Jaroslav Hašek: Die Partei des maßvollen Fortschritts in den Grenzen der Gesetze. Frankfurt a. M. 1971, Anhang, S. 137–139.
Unterzeichnet war dieses Manifest sogar von den führenden tschechischen Sozialdemokraten Emanuel Škatula und Bohumír Šmeral, später Mitbegründer der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei. Es ist allerdings äußerst zweifelhaft, ob die beiden Politiker, die selbst im Wahlkampf standen, von ihren Unterschriften vorab wussten.
Das Wahlprogramm des Kandidaten für den Wahlbezirk Weinberge, Jaroslav Hašek, umfasste sieben Punkte:Jan Berwid-Buquoy: Partei für gemäßigten Fortschritt in den Schranken der Gesetze (PFGFIDSDG). In: Ders.: Die Abenteuer des gar nicht so braven Humoristen Jaroslav Hašek. Berlin 1989, S. 175–185. Die Wiedereinführung der Sklaverei. Verstaatlichung der Hausmeister („auf die gleiche Weise wie in Rußland […], wo jeder Hausmeister gleichzeitig ein Polizeispitzel ist“). Die Rehabilitierung der Tiere. Die Einrichtung von staatlichen Anstalten für schwachsinnige Abgeordnete. Die Wiedereinführung der Inquisition. Die Unantastbarkeit der Geistlichen und der Kirche („Falls ein Schulmädchen von einem Geistlichen defloriert wird“). Die obligatorische Einführung des Alkoholismus.
Die Partei veranstaltete zahlreiche Rednerabende, bei denen auch Max Brod und Franz Kafka unter den Zuschauern waren.Ritchie Robertson: Kafka: Judentum, Gesellschaft, Literatur. Stuttgart: Metzler 1988, S. 189; Zur Tradition der deutschen sozialistischen Literatur. Ein Auswahl von Dokumenten 1926–1949. Berlin/Weimar: Aufbau-Verlag 1979, S. 312; Ekkehart Krippendorff: Politische Interpretationen. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1990, S. 105. Kandidat Hašek hielt dort mehrstündige Wahlreden „mit einer Menge Versprechungen und Reformen, [er] schmähte die anderen Parteien, denunzierte die Gegenkandidaten, alles wie es sich für einen anständigen Bewerber für eine solche Würde gehört“, so der Teilnehmer František Langer.zit. n. Walter Klier: Zwangseinführung des Alkoholismus. In: Wiener Zeitung v. 9. Dezember 2006. Der Lyriker Josef Mach schrieb extra für den Wahlkampf eine Parteihymne: „Milión kandidátů vstalo, / by oklamán byl bodrý lid, by voličstvo jim hlasy dalo / prý ochotně je chtějí vzít. Ať prudký pokrok chtějí jiní, / násilím zvracet světa řád, my pokrok mírný chceme nyní, / pan Hašek je náš kandidát!“zit. n. Petr Hora: Lidi, nedejte se, držím vám palce!. In: Obrys-Kmen Nr. 23/08 v. 7. Juni 2008.
Deutsche Nachdichtung: „Es treten an Millionen Kandidaten, / die arglosen Menschen Falsches raten. Ihre Stimmen wollen sie bekommen, / jeder Wähler wird genommen. Stürmischen Fortschritt wollen sie, / gewaltsam verändern der Welten Lauf, aber wir stellen für den gemäßigten Fortschritt / als Kandidaten Herrn Hašek auf!“deutsche Nachdichtung von Benutzer:Svickova und Benutzer:Tvwatch; eine freiere Übersetzung findet sich in: Karl-Heinz Jähn (Hrsg.): Das Prager Kaffeehaus. Literarische Tischgesellschaften. Berlin (Ost) 1988, S. 36: „Nun treten die Parteien an, Verbreiten ihre Lügen, Sie wollen, jede, wie sie kann, Das gute Volk betrügen. Wir treten für den Fortschritt ein, Jedoch ganz moderat. Gemäßigt muß der Fortschritt sein Und Hasek Kandidat.“
Außerdem wurde mit Handzetteln und Plakaten für den eigenen Kandidaten geworben: „Wähler, was Ihr von Wien erhofft, bekommt Ihr auch von mir!“ – „Wähler, protestiert mit Euren Stimmzetteln gegen das Erdbeben in Mexico!“ – „Jeder unserer Wähler bekommt ein kleines Taschenaquarium.“Der Tag der Wahlen. In: Jaroslav Hašek: Die Partei des maßvollen Fortschritts in den Grenzen der Gesetze. Frankfurt a. M. 1971, Anhang, S. 141–143.Radko Pytlik: Jaroslav Hašek in Briefen, Bildern und Erinnerungen. Berlin (Ost)/Weimar 1983, S. 215. Und noch am Wahltag versuchte die Parteiführung per Aushang ihr Wahlkampfteam zu erweitern: „Hier wird ein ehrbarer Mann zur Verleumdung von Gegenkandidaten eingestellt.“ Vergebens – nach Auszählung der im Wahlbezirk Weinberge abgegebenen etwa 3.000 Stimmen entfielen auf die PFGFIDSDG gerade einmal 38, einer zeitgenössischen Zeitschriftenveröffentlichung nach sogar nur 16 Stimmen.Radko Pytlik: Jaroslav Hašek in Briefen, Bildern und Erinnerungen. Berlin (Ost)/Weimar 1983, S. 213f.