right|mini|hochkant=2.0|Kupferstich auf dem Titelblatt der lateinischen Ausgabe des Opticae Thesaurus. Die Darstellung zeigt wie Archimedes von Syrakus römische Schiffe mit Hilfe von Parabolspiegeln in Brand gesetzt haben soll. Schatz der Optik (, lateinisch De aspectibus oder Perspectiva) ist eine von dem arabischen Gelehrten Alhazen (965–1039/1040) verfasste siebenbändige Schrift, in der unter anderem optische, physikalische und meteorologische Themen abgehandelt werden. Teilweise basiert sie auf älteren Schriften und Auffassungen griechischer Philosophen, enthält aber auch zahlreiche revolutionäre neue Theorien von Alhazen selbst. Das Buch wurde Ende des zwölften Jahrhunderts vom Arabischen in Latein übersetzt und damit der westlichen Welt zugänglich. 1572 wurde es von Friedrich Risner gedruckt. Es hatte einen großen Einfluss auf die mittelalterliche WissenschaftA.C. Crombie: The History of Science. Dover, New York 1995. und gilt als ein Startpunkt der Entwicklung der neuzeitlichen Optik. R. L. Verma: Al-Hazen: father of modern optics. Al-Arabi, 8, 1969, S. 12–13.
Zusammenfassung der einzelnen Paragraphen der ersten fünf Kapitel von Buch 1 gemäß der englischen Übersetzung A. I. Sabra: The Optics of Ibn Al Haytham. Books I–III On Direct Vision. The Warburg Institute, University of London, 1989, S. 3–63.
Kapitel 1: Vorwort zum gesamten Buch
1. Über das Sehen herrscht Verwirrung.
2. Das Sehen muss durch Mathematik und Naturwissenschaft beschrieben werden.
3. Naturwissenschaftler dachten bisher, irgendeine Form geht vom Objekt zum Auge. Mathematiker dachten, Strahlen gehen vom Auge zum Objekt.
4. Die Mathematiker haben sich verschiedene Versionen der Extramission ausgedacht.
5. Die Wahrheit muss Extra- oder Intromission sein, oder irgendetwas anderes. Einigkeit ist erreichbar durch gründliche Forschung.
6. Mein Ausgangspunkt ist die Vergewisserung über die Gegebenheiten, das Unveränderliche, die Prämissen und Prinzipien, die durch Induktion zu finden sind. Zur Vertiefung soll Kritik an den Prämissen und Schlüssen geübt werden. Entscheidend ist gerechtes Urteil statt Vorurteil, Wahrheitssuche statt Meinungsbeeinflussung. So kann die herzerfüllende Wahrheit erkannt werden; so können wir Gewissheit erlangen. Gott unterstützt uns beim Vertreiben der Trübung des menschlichen Geistes.
7. Ich habe 7 Bände zur Optik geschrieben.
8. Mein Vorgängerbuch zum Schatz der Optik möge man bitte wegwerfen.
Kapitel 2: Untersuchungen zu den Eigenschaften des Sehsinns
1. Zum Sehen ist ein gewisser Abstand zwischen Auge und Objekt nötig.
2. Das Objekt muss dem Auge gegenüber sein. Gedachte Verbindungslinien zwischen Auge und Objekt dürfen nicht auf ein opakes Hindernis stoßen.
3. Ansonsten ist das Objekt unsichtbar, so lange es sich in derselben Atmosphäre befindet und nicht gespiegelt wird.
4. Nur derjenige Teil ist unsichtbar, dessen Verbindungslinie zum Auge unterbrochen wird vom Hindernis.
5. Sichtbarkeit herrscht, wenn eine ununterbrochene gerade Linie zwischen dem gesehenen Punkt und dem Auge verläuft.
6. Dies lässt sich experimentell mit einer Konstruktion aus Lineal und Röhre prüfen.
7. Betrachte das Objekt durch eine gerade Röhre, mit und ohne Abschirmung der Röhre.
8. Durch die Unsichtbarmachung ist die Geradlinigkeit der Lichtausbreitung gezeigt.
9. Zweifelsfrei schlussfolgern wir: Sichtbares liegt auf einer geraden Linie zwischen Auge und Gesehenem.
10. Ein Objekt ist sichtbar, wenn es selbst Licht enthält oder von einem anderen Objekt empfängt, unabhängig davon, ob das Auge in lichterfüllter Luft ist.
11. Ein Objekt wird unsichtbar, wenn es klein genug ist; abhängig von der Sehkraft.
12. Ein Objekt ist unsichtbar, wenn es transparent ist.
13. Ein Objekt wird ab einem gewissen Abstand unsichtbar, abhängig von der Objektgröße.
14. und von der Helligkeit des Objekts (z. B. Feuer).
15. Wir schlussfolgern: Der Abstand der Sichtbarkeit hängt ab vom Licht im Objekt
16. und von dessen Farbe (z. B. beim Schiff).
17. Weiß wird vor grellen Farben sichtbar, diese wiederum vor trüben Farben.
18. Wir schlussfolgern: Der Abstand der Sichtbarkeit ist abhängig von der Farbe des Objekts
19. und von der Sehkraft.
20. Sichtbarkeit hängt also ab vom Zustand des Objekts und der Augen.
21. Das Auge sieht kein Objekt, es sei denn, das Objekt erfüllt die genannten Bedingungen und das Auge ist unbeschadet.
22. Details werden schon bei kleineren Abständen unsichtbar.
23. Ein Objekt wird als kleiner werdend empfunden, wenn es sich wegbewegt.
24. Nah am Auge verschwimmt und verschwindet das Objekt scheinbar.
25. Wir halten fest: Für das Sehen ist ein gemäßigter Abstand nötig.
26. Als nächstes werden wir Licht und Strahlung untersuchen, dann das Auge, um dann den Sehvorgang zu diskutieren.
Kapitel 3: Untersuchungen zu den Eigenschaften des Lichts und zu den Arten der Lichtstrahlung
1. Selbstleuchtende Körper strahlen in alle Richtungen und erhellen alle zugewandten Flächen, so lange diese nicht abgeschirmt oder zu weit weg sind.
2. Die Strahlung ist geradlinig, wenn die Luft oder der transparente Körper zwischen leuchtendem und beleuchtetem Körper durchgängig gleichartig ist.
3. Diese Geradlinigkeit ist eine unveränderliche Gegebenheit. Wir sehen sie zum Beispiel, wenn Licht durch Löcher, Spalte oder Türen in ein staubiges Zimmer eintritt. In einem staubfreien Zimmer können wir die Geradlinigkeit an einem opaken Gegenstand mit Hilfe einer geraden Stange nachvollziehen. Wir finden kein Licht auf krummen Bahnen.
4. Ebenso bei Mond- und Sternenlicht, das durch ein Loch in die Dunkelkammer tritt. Blickt das Auge vom Lichtfleck zum Loch, sieht es den Stern.
5. Licht kann ebenso mit einem opaken Körper bei geradlinigem Abstand abgefangen werden.
6. Das funktioniert auch mit Feuer, und lässt sich mit einer durchs Loch geschobenen geraden Stange überprüfen.
7. Die Geradlinigkeit ist auch an Schatten nachvollziehbar, denn hier ist die geradlinige Verbindung zum luminösen Körper unterbrochen.
8. Wir schlussfolgern: Strahlung von selbstleuchtenden Körpern verläuft geradlinig.
9. Die Gesamtheit des selbstleuchtenden Körper besitzt mehr Licht als dessen Teile, wie wir zum Beispiel beim Sonnenauf- und Untergang merken.
10. Licht strahlt von jenem Teil der Sonne auf ein Objekt, der dem Objekt zugewandt ist.
11. Dasselbe gilt bei Sonnenfinsternis; jeder Teil der Sonne strahlt.
12. Licht kommt geradlinig von jedem Teil der Sonne, siehe Sonnenfinsternis.
13. Das wird auch daran deutlich, dass die Strahlen vom Loch in der Dunkelkammer auseinanderlaufen.
14. Die Strahlung geht geradlinig von jedem Teil der Sonne zu jeder gegenüberliegenden Fläche.
15. Dies gilt ebenso für den zunehmenden und abnehmenden, aufgehenden und untergehenden, sowie für den verfinsterten Mond.
16. Ebenso für Feuer, wie wir mit einem Rohr in einer Kupferplatte experimentell prüfen können.
17. Verschiedene Varianten unseres Experiments bestätigen, dass Licht vom gesamten Feuer stärker ist als von einem Teil davon.
18. Wenn wir das Rohr unterschiedlich neigen, sehen wir, dass von jedem Teil der Flamme in alle Richtungen Licht strahlt.
19. Wir schlussfolgern: Licht geht entlang jeder geraden Linie von jedem Teil jedes selbstleuchtenden Körpers aus.
20. Ausgedehnte selbstleuchtende Körper sind kontinuierlich, insofern die kleinen Teile die Form des Feuers bewahren (z. B. in der Sonne, im Mond, und in den anderen Himmelskörpern), jeder noch so kleine Teil strahlt.
21. Wir definieren das Licht von selbstleuchtenden Körpern als Primärlicht.
22. Wenn das Tageslicht von der Sonne kommt, wieso sind dann selbst Schatten in Innenhöfen erhellt?
23. Selbst vor und nach Sonnenaufgang sind die Atmosphäre und die Erde lichterfüllt.
24. Beleuchtete Flächen erhellen gegenüberliegende Flächen.
25. Dies können wir experimentell prüfen anhand einer Tür vor sonnenbeschienener Wand.
26. Den Versuch können wir steigern mit einer Kammer in einer Kammer mit weißen Wänden. Das ist ebenso machbar bei Mond- und Tageslicht.
27. Die Experimente zeigen, dass von dem Licht, welches auf einen Körper scheint, Licht in jede entgegengesetzte Richtung strahlt. So beleuchtet die Sonne die Atmosphäre, die Atmosphäre wiederum die Erde.
28. Dies erklärt die hellen Schatten.
29. Diese zufälligen Lichter können anhand von Gewissheit bringenden Experimenten untersucht werden; z. B. in einer Kammer in einer Kammer mit Löchern von Ost nach West.
30. Wir spannen Fäden durch die Löcher und markieren die Schnittpunkte mit den Wänden.
31. Bei Nacht ohne helle Sterne wird die Wand an den markierten Stellen dunkel sein.
32. Bei erhellter Atmosphäre ergeben sich an den markierten Stellen Lichtflecken, die einzeln abgeschattet werden können.
33. Wir können das Licht mit einem opaken Körper auffangen und auch zusätzliche Löcher in die Wände bohren.
34. Wir schlussfolgern: Licht strahlt geradlinig von der Atmosphäre ab.
35. Auf krummen Bahnen zwischen den Löchern und Wänden ist kein Licht.
36. Ein Hindernis unterbricht nicht die Kontinuität der Luft.
37. Licht strahlt geradlinig von jedem Teil der erleuchteten Luft in alle entgegengesetzten Richtungen ab.
38. Tageslicht kommt geradlinig von der erhellten Atmosphäre.
39. Man könnte einwenden, dass abends kein Licht durch die Atmosphäre kommt, obwohl stets die halbe Atmosphäre hell ist.
40. Darauf antworte ich: Licht wird mit der Entfernung schwächer, also je mehr es in den Schattenkegel der Erde eindringt.
41. Bei Sonnenaufgang grenzt die beleuchtete Atmosphäre direkt an den Schattenkegel an, ist also dem Betrachter nah und erscheint deshalb hell.
42. Die Helligkeit ist abstandsabhängig; so entsteht eine Lichtsäule bei Dämmerung, Dunkelheit bei Nacht – dies ist geometrisch begründbar.
43. Das Licht ist nicht der Luft innewohnend, sondern wird wie von einer Wand zurückgeworfen.
44. Die Lichtmenge ist volumenabhängig.
45. Morgen- und Abendlicht rühren vom großen Luftvolumen her, das durchblickt wird.
46. Entlang der geraden Linie zum Auge multiplizieren sich die schwachen Lichter der verschiedenen Luftabschnitte, daher wird das Licht sichtbar.
47. So hätten wir dieses Problem geklärt: Morgen- und Abendlicht kommen von der sonnenerhellten Luft.
48. Wir können zufälliges Licht experimentell anhand von Wänden mit Türen und einem speziell markierten Holzblock prüfen.
49. Wir markieren Winkel und Abstände auf dem Würfel.
50. Wir bohren ein horizontales sowie ein schräg durchgehendes Loch ein.
51. Wir setzen den Würfel in eine Wand ein, die einer weißen, beleuchteten Wand gegenübersteht.
52. Wir schieben einen Stab mit Spitze durch das horizontale Loch im Würfel und markieren den Auftreffpunkt auf der weißen Wand.
53. Wir schauen durch das Loch auf den markierten Punkt und kreisen den Kopf so weit, bis der Punkt unsichtbar wird.
54. Den entsprechend anvisierten Kreis markieren wir auf der weißen Wand.
55. Der Kreis muss gegebenenfalls korrigiert werden.
56. Auch durch das schräge Loch wird der Kreis zu sehen sein.
57. Das liegt an den vorher festgestellten Proportionen.
58. Daher schneiden sich die Achsen der Löcher im Kreis auf der Wand.
59. Der Kreismittelpunkt liegt auf der Achse des horizontalen Lochs
60. Ebenso wie auf der Achse des schrägen Lochs.
61. Die Längen der Löcher verhalten sich zueinander wie die Strecken von den Löchern bis zur weißen Wand.
62. Dementsprechend sind die Kreise proportioniert.
63. Dementsprechend verhalten sich die Kreise zu den horizontalen Strecken.
64. Dementsprechend verhalten sich die schrägen Strecken zu den horizontalen Strecken.
65. Dementsprechend verhalten sich die Kreise zu den schrägen Strecken.
66. Daher kann nur der markierte Kreis durch das schräge Loch gesehen werden.
67. Wenn mehr zu sehen ist, muss der Würfel korrigiert werden.
68. An Stelle des Kreises auf der Wand bohren wir nun ein konisches Loch in die weiße Wand und bedecken das Loch mit weißem Tuch.