mini|Blick von der Carl-Schurz-Straße
St. Nikolai (von lateinisch [Ecclesia] Sancti Nicolai ‚[Kirche] des heiligen Nikolaus‘) im Berliner Ortsteil Spandau ist eine dreischiffige gotische Hallenkirche. Erbaut wurde sie im 14. Jahrhundert an der Stelle einer um 1240 als „ecclesia forensis“ (Marktkirche) erstmals urkundlich erwähnten Vorgängerkirche.
Die Kirche liegt am Reformationsplatz 1 in der Spandauer Altstadt und ist heute die Pfarrkirche der evangelischen Kirchengemeinde St. Nikolai Berlin-Spandau. Die Gemeinde gehört zum Kirchenkreis Spandau des Sprengels Berlin der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz.
Geschichte mini|links|Inneres der Nikolaikirche (2025)
Mittelalter Die St.-Nikolai-Kirche ist eines der bedeutendsten Bauwerke der Spandauer Altstadt. Sie war die mittelalterliche Pfarrkirche von „Spandow“ mit dem Patrozinium des heiligen Bischofs Nikolaus von Myra, des Schutzpatrons der Seefahrer, reisenden Händler und Kinder. Nikolaus-Patrozinien finden sich im Mittelalter häufig bei Gotteshäusern in Hafenstädten und Kaufmannsvierteln.
Das Kirchenpatronat über St. Nikolai, das Recht zur Besetzung von Pfarrstellen mit einem Priester, war von den askanischen Markgrafen Johann I. von Brandenburg und Otto III. dem Frommen dem 1239 von ihnen gegründeten Benediktinerinnenkloster Spandau übertragen worden. Die Bürgerschaft der Stadt Spandau hatte es 1240 abgelehnt, das Kirchenpatronat über St. Nicolai gegen Zahlung einer Entschädigung selbst zu übernehmen, so dass die Pfarrkirche bis zur Reformation in der Abhängigkeit von den Benediktinerinnen blieb. Die Pfarrer waren somit bis zu dessen Enteignung und Schließung Angestellte des Klosters.Joachim Pohl: Das Benediktinernonnenkloster St. Marien zu Spandau und die kirchlichen Einrichtungen der Stadt Spandau im Mittelalter. Böhlau Verlag, Köln / Weimar / Wien 1996, ISBN 3-412-03496-7, S. 92. Spandau gehörte zum Bistum Brandenburg; das Benediktinerinnenkloster bildete darin mit 82 abhängigen Dörfern ein Unterzentrum (sedes, „Sitz“) im östlichen Teil des Bistums.Felix Escher: Frömmigkeit und kulturelles Leben in Spandau vor der Reformation. In: Wolfgang Ribbe (Hrsg.): Slawenburg – Landesfestung – Industriezentrum. Untersuchungen zur Geschichte von Stadt und Bezirk Spandau. Colloquium Verlag, Berlin 1983, ISBN 3-7678-0593-6, S. 145–154, hier S. 146.
Die möglicherweise aus Feldsteinen und Holz errichtete erste Kirche war im Laufe des 14. Jahrhunderts offenbar zu klein geworden. An derselben Stelle wurde die heutige Kirche errichtet. Für diesen Neubau ging Gunther Jahn 1971 im Kunstdenkmäler-Inventar für Spandau von einem Baubeginn erst in den 1410er-Jahren aus.Gunther Jahn (Bearbeiter): Die Bauwerke und Kunstdenkmäler von Berlin. Stadt und Bezirk Spandau. Gebr. Mann Verlag, Berlin 1971, S. 73–126, hier S. 74–77. Diese Spätdatierung machte die Kirche unter Bauhistorikern zum „vermeintlich baukünstlerischen Leichtgewicht“.Rezension von Leonhard Helten (2004) zu: Ulrike Gentz: Der Hallenumgangschor in der mitteleuropäischen Backsteinarchitektur 1350-1500. Eine kunstgeographisch vergleichende Studie, Berlin: Lukas Verlag 2003. Auf arthistoricum.net, abgerufen am 18. Januar 2025. Allerdings legte die 1992 vom Landesdenkmalamt Berlin durchgeführte dendrochronologische Untersuchung der Bauhölzer im Dach einen Baubeginn schon ein halbes Jahrhundert früher, also bereits Anfang der 1360er-Jahre nahe, denn das auf dem Kirchenrohbau errichtete hölzerne Dachwerk ist auf „um 1365“Eckart Rüsch, Wiltrud Barth, Karl-Uwe Heußner: Das mittelalterliche Dachwerk von St. Nikolai in Berlin-Spandau. Ein Wiederentdecktes technisches Denkmal mit Folgen für die Architektur Geschichte. In: Kunstchronik Jg. 45 (1992), Heft 3, S. 85–87. (Digitalisat) zu datieren, so dass der Chor zu dem Zeitpunkt bereits fertiggestellt gewesen sein muss. – Gentz verweist auf: Wiltrud Barth: Die Nikolaikirche in Berlin-Spandau – ein früher brandenburgischer Hallenumgangschor. In: Ernst Badstübner, Dirk Schumann (Hrsg.): Hallenumgangschöre in Brandenburg. Lukas Verlag, Berlin 2000, S. 157–204. Daher gilt nach aktuellem Forschungsstand die Spandauer St.-Nikolai-Kirche als einer der frühesten märkischen Sakralbauten mit Umgangschoranlage. Als architektonisches Vorbild wird die stark übereinstimmende Grundrissgeometrie des nur wenig älteren, 1361 begonnenen Ostchors der Nürnberger St.-Sebald-Kirche gesehen. Weil der Baubeginn beider Kirchen sehr nahe beieinander liegt, düften Grundrisszeichnungen zwischen den Baustellen kursiert haben. Nach Einschätzung der Kunsthistorikerin Ulrike Gentz hatten die Wittelsbacher und Luxemburger, denen die Mark Brandenburg in dieser Zeit unterstand, Interesse an der wirtschaftlich bedeutenden Stadt Spandau. Es gab Kontakte aus dem florierenden Nürnberg zu den Handelsstädten in der Mark Brandenburg, was offenbar dazu beitrug, süddeutsch-böhmisches Formenrepertoire in der Kirchenarchitektur nach Norddeutschland zu exportieren, wodurch „die Genese des Hallenumgangschores im Backsteingebiet der Mark Brandenburg eingeläutet“ wurde. Hierbei spielte die Spandauer Nikolaikirche eine Schlüsselrolle und wurde zum Vorbild für die Berliner Nikolaikirche und für St. Marien und Andreas in Rathenow. Dies geschah gleichzeitig mit der Marienkirche in Frankfurt (Oder), deren Vorbild in der Heilig-Kreuz-Kirche in Schwäbisch Gmünd zu sehen ist, oder vielleicht sogar etwas früher als diese. mini|rechts|Geschichtstafel neben dem Eingangsportal
Der massive spätgotische Westturm entstand 1467/1468.
Eine Nebenkirche von St. Nikolai war die Moritzkirche, die seelsorglich und organisatorisch von dort mitbetreut wurde. Möglicherweise war sie älter als die erste der beiden Nikolaikirchen (erbaut vielleicht schon im 12. Jahrhundert) und somit die erste Pfarrkirche in Spandow, so der Historiker Joachim Pohl.Joachim Pohl: Das Benediktinernonnenkloster St. Marien zu Spandau und die kirchlichen Einrichtungen der Stadt Spandau im Mittelalter. Köln / Weimar / Wien 1996, S. 87–91.
An St. Nikolai bestand im Mittelalter (Erwähnung: 1313 mit 19 Mitgliedern) eine Kalandsbruderschaft, eine Priestergemeinschaft, der später auch Laien angehören konnten. Sie betreute Reisende, hatte ein Haus in der Breiten Straße und besaß das Patronatsrecht über einen der Altäre in der Nikolaikirche. 1501 wurden Kurfürst Joachim I. und sein Bruder Albrecht in den Spandauer Kaland aufgenommen. Eine zweite Bruderschaft, die St.-Annen-Bruderschaft oder Elendsgilde, wurde 1312 erwähnt. Sie betreute „unglückliche“ Reisende und besaß Gärten nördlich der Stadt und in Stresow, dort auch einen Hof.Franz Kohstall: Geschichte der Katholischen Pfarrgemeinde Sankt Marien zu Spandau. Spandau o. J. (1924); S. 17f.
Kirchfriedhof An der Kirche befand sich wohl von Anfang an ein Kirchfriedhof („Kerkhof“), der 1431 nach den Veränderungen durch den Kirchbau von Bischof Stephan Bodecker von Brandenburg neu geweiht wurde; der Neubau der Nikolaikirche, so der Historiker Jürgen Grothe, muss zu dem Zeitpunkt zumindest im Rohbau vollendet gewesen sein. Bei der Pestepidemie im Jahre 1612 starben in Spandau 927 Menschen, so dass wieder Beerdigungen auf dem Kirchhof der Moritzkirche, zwischen Jüdenstraße und der Stadtmauer, vorgenommen werden mussten, weil der Platz auf dem Nikolaikirchhof nicht ausreichte. Beigesetzt wurde auf dem Nikolai-Friedhof bis 1750.Maritta Tkalec: Womöglich Berlins ältestes Gotteshaus. Funde im Zuge der Altstadtsanierung in Spandau legen eine Neubewertung der Kirche des Heiligen Mauritius nahe. In: Berliner Zeitung, Nr. 220, 21. September 2020, Seite 8. 1752 wurde ein neuer Nikolaifriedhof auf einem 18 Morgen großen Gelände der ehemaligen Kirchenmeierei zwischen der heutigen Schönwalder-, Kirchhofstraße und Straße Am Koeltzepark eröffnet.
16. bis 19. Jahrhundert mini|links|Der Chor von Osten (Lithografie, etwa Mitte des 19. Jahrhunderts)
Von der St.-Nikolai-Kirche in Spandau breitete sich die Reformation in Brandenburg und Berlin aus. Kurfürst Joachim II. vollzog dort am 1. November 1539 seinen Übertritt zum evangelischen Bekenntnis. Seine Mutter Elisabeth gilt jedoch als die eigentliche Reformatorin Brandenburgs. Sie hatte sich bereits 1527 für die evangelische Sache entschieden und war deshalb 1528 außer Landes geflohen und zur Rückkehr erst wieder bereit, wenn sie hier frei nach lutherischer Lehre ihren Glauben leben könne. Als sie 1545 endlich alle Bedingungen erfüllt sah, wählte sie für die letzten zehn Jahre ihres Lebens den Palas der Zitadelle Spandau zum Wohnsitz. mini|Kanonenkugel in der Nord-Fassade
In der Zeit der napoleonischen Eroberungszüge in Europa gab es um die Kirche einige Kämpfe, woran eine 1839 in die Außenmauer des Hauses eingemauerte Kanonenkugel erinnern soll. Bereits 1567 hatte Kurfürst Joachim II. von der Zitadelle aus den Kirchturm, der wegen seiner Höhe Einblick in die Zitadelle bot, während eines von ihm inszenierten „Lustgefechts“ zwischen der Spandauer und der Berliner Bürgerschaft beschießen lassen.Winfried Augustat: St. Nikolai-Kirche Berlin-Spandau. (Kleine Kunstführer 591), Schnell & Steiner, 5. Auflage, Regensburg 1999, ISBN 3-7954-6081-6, S. 6; Berlin. Sakrale Orte, Grebennikov-Verlag Berlin 2010; ISBN 978-3-941784-09-3, S. 11 f. 1839 erfolgte unter Karl Friedrich Schinkel eine grundlegende Restaurierung der Kirche, die zu den Feierlichkeiten anlässlich des 300. Jahrestages der Einführung der Reformation abgeschlossen wurde, an denen König Friedrich Wilhelm III. und seine Familie teilnahmen.Lena Krull: Prozessionen in Preußen. Katholisches Leben in Berlin, Breslau, Essen und Münster im 19. Jahrhundert. (= Religion und Politik Band 5) Ergon Verlag, Würzburg 2013, , ISBN 978-3-89913-991-4 (Darin: 5.4 Berlin: „Ein Glanzstück des jungen Berliner Katholizismus“, S. 216–251), hier S. 219.
Zeit des Nationalsozialismus In der Zeit des Nationalsozialismus war die Nikolaigemeinde Schauplatz erbitterter Gegensätze zwischen der oppositionellen Bekennenden Kirche (BK) und den regimetreuen Deutschen Christen (DC). Der Pfarrer von St. Nikolai und Spandauer Superintendent Martin Albertz war eine Schlüsselfigur in der Bekennenden Kirche und ein entschiedener Gegner des Regimes und seiner Ideologie. Auch die Pfarrer Kurt Draeger und Georg Blenn standen der Bekennenden Kirche nahe, die beiden anderen Pfarrer der Nikolaigemeinde, Berg und Peter Schletz, und die -Mehrheit des Gemeindekirchenrates standen auf der Gegenseite. Der Streit drehte sich um Predigtpläne, Raumvergabe und Zuständigkeiten der Pfarrer für die verschiedenen Teile der Gemeinde. Die BK-Pfarrer wurden mehrfach angezeigt und verhört, sie mussten Disziplinarmaßnahmen sowohl der Kirchenleitung als auch der staatlichen Behörden hinnehmen wie zeitweise Amtsenthebung oder Inhaftierung.
Um Pfarrer Albertz stritten die Evangelischen in Spandau zehn Jahre lang. Von 1934 bis 1936 und von 1938 bis 1945 hatte er Predigtverbot in der Nikolaikirche, sodass er mit der Bekenntnisgemeinde auf „Notquartiere“ ausweichen musste, seines Superintendentenamtes war er durchgehend enthoben. DC-Pfarrer, „Frauenhilfe“ und Gemeindekirchenrat forderten die Versetzung von Albertz statt einer bloßen Beurlaubung, umgekehrt forderten die Bekennenden Christen wiederholt mit Unterschriftslisten und Eingaben seine Wiedereinsetzung. Als er im Frühjahr 1936 vorübergehend wieder als Pfarrer (nicht als Superintendent und auch nicht als geschäftsführender Pfarrer) amtieren durfte, kamen zu seinem ersten Gottesdienst am 5. April 1936 650 bis 700 Gemeindemitglieder.Hans-Rainer Sandvoß: Widerstand in Spandau. (Widerstand in Berlin von 1933 bis 1945. Gedenkstätte Deutscher Widerstand) Berlin 1988, ISSN 0175-3592, S. 102–114.
Bau und Ausstattung mini|hochkant|Südliches Seitenschiff, das sich in den Umgangschor fortsetzt mini|hochkant|links|Grundriss mini|rechts|Apsis
Das Gebäude