Die Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung bei Erwachsenen oder adulte ADHS ist die bei Erwachsenen fortbestehende Form der Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS). Dabei handelt es sich um eine neurobiologisch bedingte Entwicklungsabweichung der Selbstregulation, die in der Kindheit beginnt. Die Störung zeichnet sich durch Probleme mit Aufmerksamkeit, Impulsivität, den exekutiven Funktionen und manchmal auch Hyperaktivität aus.
Die Diagnosekriterien für ADHS sind für alle Altersgruppen im Wesentlichen gleich. Die Verbreitung von ADHS unter Erwachsenen beträgt nach einer Vielzahl von Studien in mehreren Erdteilen ca. 2,5 %; diese Werte werden aber noch als vorläufig betrachtet.
Geschichte Die adulte Form der Störung wurde erst in den 1990er Jahren verstärkt beachtet. Damals zeigten Langzeitstudien immer deutlicher, dass ADHS – anders als ursprünglich angenommen – häufig nicht im Erwachsenenalter verschwindet. Die daraufhin einsetzende Forschung ergab, dass auch bei Erwachsenen meist noch in so vielen Lebensbereichen Beeinträchtigungen fortbestanden, dass eine Diagnose weiterhin gerechtfertigt erschien.K. W. Lange, S. Reichl, K. M. Lange, L. Tucha, O. Tucha: The history of attention deficit hyperactivity disorder. In: Attention deficit and hyperactivity disorders. Band 2, Nummer 4, Dezember 2010, S. 241–255, doi:10.1007/s12402-010-0045-8. PMID 21258430, . Entdeckt wurde ADHS bei Erwachsenen weitaus früher: Bereits Ende der 1970er Jahre untersuchte der Psychologe Paul H. Wender Erwachsene, deren minimale cerebrale Dysfunktion (MDB) nach der Kindheit weiterbestand. Das führte 1980 zu einer ersten entsprechenden Diagnosekategorie im Diagnostischen und statistischen Manual psychischer Störungen.
Verbreitung Im Gegensatz zur Verbreitung bei Kindern und Jugendlichen gibt es bei Erwachsenen erst vorläufige Abschätzungen (Stand Februar 2016). Nach einer Metaanalyse von 2009 betrug sie 2,5 %,V. Simon, P. Czobor, S. Bálint, A. Mészáros, I. Bitter: Prevalence and correlates of adult attention-deficit hyperactivity disorder: meta-analysis. In: The British journal of psychiatry : the journal of mental science. Band 194, Nummer 3, März 2009, S. 204–211, doi:10.1192/bjp.bp.107.048827. PMID 19252145 (freier Volltext) (Review). nach einer anderen, doppelt so umfangreichen, jedoch mit Daten überwiegend junger Erwachsener unter 25 Jahren, von 2012 dagegen 5 %.E. G. Willcutt: The prevalence of DSM-IV attention-deficit/hyperactivity disorder: a meta-analytic review. In: Neurotherapeutics : the journal of the American Society for Experimental NeuroTherapeutics. Band 9, Nummer 3, Juli 2012, S. 490–499, doi:10.1007/s13311-012-0135-8. PMID 22976615, (Review).
Eine Studie an der Universität Erlangen-Nürnberg von 2012 auf der Grundlage einer repräsentativen Stichprobe von 1.655 Personen im Alter von 18 bis 64 Jahren ergab einen Wert von 4,7 %.M. de Zwaan, B. Gruss, A. Müller, H. Graap, A. Martin, H. Glaesmer, A. Hilbert, A. Philipsen: The estimated prevalence and correlates of adult ADHD in a German community sample. In: European archives of psychiatry and clinical neuroscience. Band 262, Nummer 1, Februar 2012, S. 79–86, doi:10.1007/s00406-011-0211-9. PMID 21499942. Eine gleichfalls repräsentative Erfassung von 2.092 Australiern im Alter von 47–54 Jahren zeigte eine Rate von 6,2 %.D. Das, N. Cherbuin, P. Butterworth, K. J. Anstey, S. Easteal: A population-based study of attention deficit/hyperactivity disorder symptoms and associated impairment in middle-aged adults. In: PloS one. Band 7, Nummer 2, 2012, S. e31500, doi:10.1371/journal.pone.0031500. PMID 22347487, .
Erscheinungsbild ADHS im Erwachsenenalter kann leichte bis extreme Schwierigkeiten zu Hause, in der Ausbildung oder am Arbeitsplatz mit sich bringen. Es besteht ein besonderes Problem, das eigene Leben zu ordnen und einfache, tägliche Aufgaben zu planen. Dies kann zum Verlust von sozialen Kontakten und zu häufigen Jobwechseln führen. Die Probleme entstehen nicht nur aus dem direkten Verhalten, sondern auch durch die vielen Dinge, die ein Betroffener im Alltag vergisst, besonders wenn von einem Menschen in ähnlichem Alter oder mit ähnlicher Erfahrung erwartet wird, dass dies nicht passiert.
Erwachsene mit einer ausgeprägten hyperaktiv-impulsiven Symptomatik von ADHS fühlen sich extrem angetrieben und ruhelos. Um sich selbst zu beruhigen, bleiben sie ständig auf dem Sprung und fangen Tätigkeiten an, aber scheitern gewöhnlich daran, mehrere Dinge gleichzeitig zu tun (Multitasking). Sie wirken auf ihre Umgebung, als würden sie nicht nachdenken, bevor sie handeln oder sprechen. Hier ist das größte Problem, Selbstbeherrschung zu entwickeln. Die mangelnde Selbstregulation ist häufig ein Grund für medikamentöse Behandlung. Fehlende Selbsteinschätzung und Selbstkontrolle im Allgemeinen behindert auch die Einsicht, wann oder wie Aufgaben am besten ausgeführt werden, und ebenso, wie andere Menschen die Ergebnisse auffassen.
Anzeichen von ADHS können sich von Person zu Person stark unterscheiden und auch im Laufe des Lebens erheblich variieren. Am häufigsten sind Störungen der exekutiven Funktionen, also Probleme mit der Planung und Organisation von Handlungen. Diese exekutiven Defizite führen dazu, dass Menschen mit ADHS Probleme damit haben können, effektiv zu handeln und ihre geplanten Vorhaben systematisch und zielgerichtet zu verwirklichen. Daher sehen inzwischen einige Experten ADHS auch vor allem als Störung der Umsetzungskompetenz und Leistungserbringung – und nicht als einen Mangel an Fähigkeiten und Wissen. Ein anderes Anzeichen ist mangelndes Zeitgefühl.Elisabeth Nyberg, Rolf-Dieter Stieglitz, Maria Hofecker Fallahpour: Ratgeber ADHS bei Erwachsenen Informationen für Betroffene und Angehörige. Hogrefe-Verlag, Göttingen 2013, ISBN 978-3-8409-2224-4, S. 9 f.Russell A. Barkley: Das große Handbuch für Erwachsene mit ADHS. Verlag Hans Huber, Bern 2012, ISBN 978-3-456-84979-9, S. 107 f.
Diagnostik
Die Diagnosekriterien für ADHS und die Subtypeneinteilung sind bei Erwachsenen und Kindern gleich. Die Erstellung einer Diagnose kann einfacher als bei Kindern sein, wegen der besseren Beurteilung der eigenen Geschichte, größeren Wissens und mehr Einsicht.
Paul Wender entwickelte folgende Kriterien speziell für ADHS bei Erwachsenen:“. Langfassung (PDF; 1,0 MB). Bundesärztekammer, 2005. Kapitel 7.2 Diagnostik
Aufmerksamkeitsstörung motorische Hyperaktivität Affektlabilität desorganisiertes Verhalten mangelnde Affektkontrolle Impulsivität emotionale Überreagibilität
Es müssen andere medizinische oder psychische Störungen als Ursache der Symptome ausgeschlossen sein. Eine entscheidende Diagnosebedingung ist, dass mehrere Symptome in verschiedenen Situationen (Ausbildung, Arbeit, zu Hause etc.) über einen Zeitraum von mindestens 6 Monaten beobachtet wurden und zu spürbaren Einschränkungen in mehreren Lebensbereichen geführt haben.Elisabeth Nyberg, Rolf-Dieter Stieglitz, Maria Hofecker Fallahpour: Ratgeber ADHS bei Erwachsenen Informationen für Betroffene und Angehörige. Hogrefe-Verlag, Göttingen 2013, ISBN 978-3-8409-2224-4, S. 10–17.
Ergebnisse neuerer epidemiologischer Untersuchungen deuten darauf hin, dass es auch eine Untergruppe von „spät einsetzender ADHS“ (late-onset ADHD) geben könnte, bei denen sich die Symptome erst nach dem Jugendalter entwickelten.E. J. Sonuga-Barke, S. P. Becker, S. Bölte, F. X. Castellanos, B. Franke, J. H. Newcorn, J. T. Nigg, L. A. Rohde, E. Simonoff: Annual Research Review: Perspectives on progress in ADHD science - from characterization to cause. In: Journal of child psychology and psychiatry, and allied disciplines. Band 64, Nummer 4, April 2023, S. 506–532, , PMID 36220605, (Review).
Begleitende und Folgeerkrankungen Eine begleitende Erkrankung (Komorbidität) erfordert immer auch eine Erweiterung der Diagnose, damit sie in der späteren Therapie angemessen mit berücksichtigt werden kann. Zunächst stehen begleitende psychische Abweichungen im Blickpunkt, die ursächlich mit der Grunderkrankung (ADHS) zusammenhängen können oder ohne erkennbaren Zusammenhang nebenher existieren. Bei der ADHS werden insbesondere die Störung des Sozialverhaltens und umschriebene Entwicklungsstörungen als häufigste begleitende Erkrankungen beschrieben. Oft übersehen werden emotionale Störungen.
Substanzmissbrauch Das Verhältnis von ADHS und Substanzmissbrauch ist nicht endgültig geklärt, jedoch liegt bisher zumindest ein statistischer Zusammenhang nahe. In mehreren Studien zeigte sich, dass bei bis zu 40 % der Personen, die aufgrund eines Substanzmissbrauchs ärztliche Hilfe in Anspruch nehmen, auch Diagnose-Kriterien für ADHS erfüllt sind. Andererseits verdoppelt eine ADHS das Risiko eines späteren Substanzmissbrauchs, wobei sich dieses Risiko bei einer verspäteten oder unvollständiger Behandlung zusätzlich erhöht.C. A. Zulauf, S. E. Sprich, S. A. Safren, T. E. Wilens: The complicated relationship between attention deficit/hyperactivity disorder and substance use disorders. In: Current psychiatry reports. Band 16, Nummer 3, März 2014, S. 436, doi:10.1007/s11920-013-0436-6. PMID 24526271, (Review).
In einer schwedischen Untersuchung aus dem Jahre 2016 von 18.167 Zwillingen im Alter von 20 bis 45 Jahren zeigte sich im Fall von ADHS ein erhöhtes Risiko von Nikotinkonsum (Faktor 1,33), Mischkonsum von Drogen (Faktor 2,54) und Alkoholabhängigkeit (Faktor 3,58). Das Risiko war dabei unabhängig vom ADHS-Subtyp, der Substanz oder dem Geschlecht. Die Autoren der Untersuchung verwiesen darauf, dass ein komorbides ADHS daher grundsätzlich vor der Therapie eines Substanzmissbrauchs überprüft werden solle.A. J. Capusan, P. Bendtsen, I. Marteinsdottir, H. Larsson: Comorbidity of Adult ADHD and Its Subtypes With Substance Use Disorder in a Large Population-Based Epidemiological Study. In: Journal of attention disorders. [elektronische Veröffentlichung vor dem Druck] Februar 2016, doi:10.1177/1087054715626511. PMID 26838558.
Stimmungsstörungen Die Affektiven Störungen (Stimmungsstörungen) umfassen eine Gruppe psychischer Erkrankungen, die sich von der Manie über die bipolare Störung bis zur Depression erstreckt. Verbindendes Merkmal ist eine anhaltende Störung der Affekte (also der Grundstimmung).M. A. Katzman, T. S. Bilkey, P. R. Chokka, A. Fallu, L. J. Klassen: Adult ADHD and comorbid disorders: clinical implications of a dimensional approach. In: BMC psychiatry. Band 17, Nummer 1, 08 2017, S. 302, doi:10.1186/s12888-017-1463-3. PMID 28830387, (Review).Elisabeth Nyberg, Rolf-Dieter Stieglitz, Maria Hofecker Fallahpour: Ratgeber ADHS bei Erwachsenen Informationen für Betroffene und Angehörige. Hogrefe-Verlag, Göttingen 2013, ISBN 978-3-8409-2224-4, S. 20.D. W. Goodman, M. E. Thase: Recognizing ADHD in adults with comorbid mood disorders: implications for identification and management. In: Postgraduate medicine. Band 121, Nummer 5, September 2009, S. 20–30, doi:10.3810/pgm.2009.09.2049. PMID 19820271 (Review).
Angststörungen Angststörungen bezeichnen eine Gruppe von psychischen Erkrankungen, in denen eine unangemessene Angst vor einem Objekt oder einer Situation im Vordergrund steht.
Zu den Angststörungen gehören nach der ICD-10: Agoraphobie, Angst vor Plätzen Soziale Phobien Spezifische (isolierte) Phobien wie beispielsweise die Arachnophobie oder Klaustrophobie Sonstige phobische Störungen Phobische Störung, nicht näher bezeichnet Panikstörung Generalisierte Angststörung Angst und depressive Störung, gemischt