Der Damhirsch (Dama dama), in der Jägersprache Damwild genannt, ist ein mittelgroßer Hirsch. Charakteristisch ist das Schaufelgeweih der männlichen Tiere und das häufig gefleckte Sommerfell. Damhirsche sind tag- und nachtaktiv und leben bevorzugt in offenen Landschaften, in denen sich kleine Waldpartien mit landwirtschaftlichen Flächen abwechseln. Damhirsche besetzen häufig feste, über Jahrzehnte bestehende Brunftplätze, auf denen sie sich alljährlich einfinden.
Nach der letzten Kaltzeit war das Vorkommen des Damhirschs wahrscheinlich auf Vorderasien einschließlich Kleinasien beschränkt, bevor er spätestens durch die Römer in viele Regionen Europas eingeführt wurde. Eng verwandte Vorgängerformen waren jedoch häufig Bestandteil pleistozäner europäischer Warmzeitfaunen. Dadurch und durch die frühe Einführung bedingt, kann der Damhirsch als prähistorisch in vielen Regionen Europas heimisch betrachtet werden. Heute ist er in vielen Regionen Europas beheimatet, weil er vor allem während der Zeit des Absolutismus von Landesherren als weiteres jagdbares Hochwild eingeführt wurde. Die größten Bestände an Damhirschen werden in Großbritannien verzeichnet. Nach wie vor wird der Damhirsch in einigen Regionen in großen Gattern gehegt. Der Damhirsch kommt mittlerweile auch außerhalb Eurasiens vor und spielt auch in der Wildtierhaltung zur Fleischerzeugung eine große Rolle.
Der Mesopotamische Damhirsch galt früher als Unterart des Damhirschs. Sowohl in aktuellen SystematikenS. Mattioli: Family Cervidae (Deer). In: Don E. Wilson und Russell A. Mittermeier (Hrsg.): Handbook of the Mammals of the World. Volume 2: Hooved Mammals. Lynx Edicions, Barcelona 2011, ISBN 978-84-96553-77-4, S. 416–417 als auch bei der IUCNIUCN Red List: Persian Fallow Deer wird er aber heute als eigenständige Art anerkannt.
Merkmale mini|Weibchen (auch Kahlwild oder Hirschkuh genannt) im Winterhaarkleid mini|3D-Modell des Skeletts Der Damhirsch ist deutlich größer als das Reh, aber kleiner und vor allem leichter als ein Rothirsch. Die europäische Unterart hat eine Kopf-Rumpf-Länge von 120 bis 140 Zentimetern, einen etwa 20 Zentimeter langen Wedel (Schwanz) und eine Schulterhöhe von 80 bis 100 Zentimetern. Das Gewicht variiert bei den Männchen gewöhnlich zwischen 53 und 90 Kilogramm, sehr schwere Männchen erreichen im Ausnahmefall auch ein Gewicht von 110 Kilogramm.Langbein et al., S. 6 Die Männchen des etwas größeren Mesopotamischen Damhirschs können Kopf-Rumpf-Längen von über zwei Metern erreichen. Die Weibchen wiegen dagegen zwischen 35 und 55 Kilogramm. Das Gewicht der männlichen Tiere schwankt im Jahresverlauf erheblich; sie nehmen während der sogenannten Feist stark zu, verlieren aber in der Brunft bis zu 27 Prozent ihres Körpergewichts.Ueckermann, S. 31. Bei Weibchen sind die jahreszeitlichen Schwankungen weniger ausgeprägt, das Gewicht schwankt im Jahresverlauf etwa um sieben Kilogramm. Es erreicht den Minimalwert zwischen Januar und April und den Maximalwert zwischen September und November.Siefke et al., S. 202.
Weibchen haben einen ebenmäßigen, leichten Körperbau und unterscheiden sich vor allem durch ihre Gangart und ihren langen Schwanz, der ständig in Bewegung ist, auffällig von den ansonsten ähnlich gebauten (Rot)Hirschkühen. Das Männchen ist im Vergleich zum männlichen Rothirsch plumper und gedrungener gebaut. Es hat einen kürzeren Hals, kürzere und weniger starke Beine, deutlichere Tränengruben und ein mit runder Stange und Augsprosse versehenes, oben schaufelförmiges Geweih mit Sprossen am hinteren Rand. Der Kehlkopf ist bei adulten männlichen Damhirschen gut sichtbar, er befindet sich etwa 15 Zentimeter unterhalb des Kiefers.Rue, S. 38. Die Bauchpartie wölbt sich verhältnismäßig stark nach unten. Der sogenannte „Pinsel“ – das Haarbüschel, welches den Penis umgibt – ist bereits bei Jungtieren ab Ende August deutlich erkennbar.Ueckermann, S. 28. Nach der Feistzeit im Spätsommer weisen Damhirsche durch die Speicherung von Vorratsfett häufig am Hals einen starken Fettansatz auf, der sich sogar zu „Speckfalten“ wölben kann.Siefke et al., S. 185. Die Augen sind bernsteingelb bis braungelb. Die Schalen (Hufe) sind schwarz.
Haarkleid mini|links|Winterfell mini|Deutlich erkennbarer Aalstrich bei einem Weibchen im Sommerhaarkleid Die Haarfärbung ist jahreszeitlich und individuell sehr variabel. Bei normal gefärbten Individuen ist das Sommerhaarkleid hell-rostbraun mit auffallend weißen Flecken. Diese Fleckenreihen beginnen fast am Hinterrand der Oberschenkel und ziehen sich über die Seiten des Rumpfes und den Rücken bis zum Halsansatz. Auf der Rückenmitte verläuft ein dunkler Aalstrich, der sich beim europäischen Damhirsch bis zur Spitze des Schwanzes fortsetzt. Beim Mesopotamischen Damhirsch endet er dagegen an der Schwanzwurzel. Der Aalstrich ist auf dem Rücken beiderseits von einer weißen Tupfenlinie begrenzt.Ueckermann, S. 32. Ein auffallender waagerechter, heller Strich läuft auf der Mitte der Körperseite. Die Bauchunterseite sowie die Läufe sind hell und einfarbig, der Hals ist einfarbig hell rostbraun. Der sogenannte Spiegel ist von einem schwarzen Rand begrenzt, so dass mit dem dunklen Schwanz eine lebhafte Zeichnung der hinteren Partie entsteht. Im Winter ist der Damhirsch an Kopf, Hals und Ohren braungrau, auf dem Rücken und an den Seiten schwärzlich, an der Unterseite aschgrau. Die Fleckung ist dann nur noch andeutungsweise sichtbar.Siefke et al., S. 186.
Jungtiere wechseln in Mitteleuropa ab Anfang Mai in das Sommerhaarkleid, bei adulten Tieren beginnt dieser Haarwechsel in der zweiten Maihälfte. Unabhängig von Alter und Geschlecht dauert dieser Haarwechsel etwa vierzig Tage.Siefke et al., S. 187. Bei Tieren, die nach Ende Juni noch das Winterhaarkleid aufweisen, ist das ein Zeichen für Erkrankung oder Nahrungsmangel. Der Wechsel vom Sommerhaarkleid ins Winterhaarkleid beginnt zwischen Anfang und Mitte September. Männliche Tiere benötigen etwas länger für den Haarwechsel, da in die Zeit des Haarwechsels auch die Brunft fällt. Gegen Ende Oktober bis Anfang November ist der Wechsel jedoch auch bei den Männchen abgeschlossen, Weibchen zeigen das voll ausgebildete Winterkleid in der Regel bereits in der zweiten Oktoberhälfte.Ueckermann, S. 35 f.
Farbanomalien mini|Farbanomalie beim Damhirsch mini|Weißer Damhirsch im zweiten Lebensjahr mit dem für diese Altersklasse charakteristischem Spießgeweih mini|Noch nicht gefegtes Geweih mit Aug- und Mittelsprossen sowie Schaufel. Die Sprosse am hinteren Rand der Schaufel wird als Dorn bezeichnet Im Vergleich zu anderen wildlebenden Huftieren kommen beim Damhirsch Farbanomalien verhältnismäßig häufig vor. Dieses häufige Auftreten ist vermutlich auf die jahrhundertelange halbdomestizierte Haltung in Hirschparks zurückzuführen.Langbein et al., S. 4.Chapman, S. 25 In freier Wildbahn weisen heute von zehn Damhirschen einer bis drei eine von der normalen Färbung abweichende Fellfarbe auf.Ueckermann, S. 33. Einige Individuen haben ein Sommerhaarkleid, das in seiner Farbe an die von Rothirschen erinnert und bei denen die Fleckung fast oder ganz fehlt. Sie weisen jedoch noch den dunklen Aalstrich und die dunkle Umrandung des Spiegels auf. Andere haben ein hellbraunes Sommerkleid mit der für Damhirsche typischen weißen Fleckung, ihnen fehlt jedoch der Aalstrich, lediglich die Schwanzoberseite ist dunkel. Bei diesen Tieren sind typischerweise die Körperseiten, die Bauchunterseite sowie die Beine fast weiß.Ueckermann, S. 32 f.
Schwarze Farbmorphen sind die häufigste Varietät des Damhirsches, das Merkmal wird mit großer Sicherheit rezessiv vererbt.Ueckermann, S. 34. Bei diesen Tieren ist die Haardecke bis auf die Bauchunterseite und die Läufe rein schwarz, Beine und Bauchunterseite sind dagegen grauschwarz. Bei nicht allen Tieren mit dieser Färbung ist der Spiegel sichtbar. Weiße Farbmorphen kommen gleichfalls vor. In der Regel haben albinotische Damhirsche eine normale Augenfarbe, Okulokutaner Albinismus Typ 2, der mit roten Augen einhergeht, ist bei Damhirschen sehr selten. Die Hufe sind bei albinotischen Damhirschen mittelbraun. Weiße Damhirsche sind als Kälber isabellfarben mit einer Fleckfärbung, sie werden erst mit den weiteren Haarwechseln immer heller. Bis sie ein weißes Haarkleid aufweisen, können ein bis mehrere Jahre vergehen. Weiße Damhirsche sind vor allem in Tierparks und in Zoos zu sehen, da sie in freier Wildbahn als nicht hegewürdig eingeordnet und gezielt abgeschossen werden. Allerdings gibt es bei Jägern noch immer den Aberglauben, dass dem Abschuss eines weißen Hirsches der eigene Tod innerhalb eines Jahres folgt.Ueckermann, S. 34 f. Daneben gibt es gescheckte Tiere, bei denen einzelne Körperpartien weiß oder schwarz sind.
Geweih Nur männliche Tiere bilden ein Geweih aus. Die wichtigste biologische Funktion dieses Geweihes liegt im Ausfechten und Verteidigen der Rangordnung.Langbein et al., S. 9 Das Geweih besteht aus zwei Stangen, die bei ausgewachsenen und normal entwickelten Männchen gewöhnlich jeweils aus einer Augsprosse, darüber einer Mittelsprosse und einer mehr oder weniger ausgeprägten Verbreiterung, der sogenannten Schaufel, bestehen. Sogenannte Eissprossen, die zwischen Augsprosse und Mittelsprosse liegen, kommen bei Damhirschen verhältnismäßig selten vor. Der vordere Rand der Schaufel ist in der Regel glatt, die übrigen Seiten können ausgebuchtet oder eingeschlitzt sein (z. B. Krebsschere als unerwünschte Form).
Der Abwurf des Geweihs erfolgt bei ausgewachsenen Hirschen in der Regel von Anfang April bis Anfang Mai.Langbein et al., S. 8. Ähnlich wie bei Rothirschen erfolgt der Abwurf umso früher, je älter die Hirsche sind. Das Wachstum des neuen Geweihs setzt kurz nach dem Abwurf ein. Die Geweihstangen sind während des Wachstums von einer schützenden und mit Nährstoffen versorgenden Basthaut überzogen. Die Basthaut stirbt nach Abschluss der Geweihbildung ab und wird vom Hirsch durch Fegen an Sträuchern und Baumästen von der verbleibenden Knochenmasse entfernt. Frisch gefegte Geweihe sind zunächst hell und gelegentlich durch noch anhaftendes Blut leicht gerötet. Die dunkle Farbe entsteht durch die Säfte der Pflanzen, an denen das Geweih gefegt wird.Siefke et al., S. 205 Da das Geweih ein Organ des Körpers ist, spielen bei seiner Entwicklung äußere Faktoren wie die Ernährung neben dem Alter der Hirsche eine Rolle. Bei gut entwickelten Männchen im siebten oder achten Lebensjahr haben die Stangen eine Länge von mindestens 55 Zentimeter, das Geweihgewicht beträgt in der Regel zwei Kilogramm.Ueckermann, S. 50 In Ausnahmefällen erreichen die Geweihstangen eine Länge von bis zu 94 Zentimeter, der Abstand zwischen den beiden Geweihstangen beträgt zwischen 30 und 76 Zentimeter.Rue, S. 37
Bei Jungtieren sind die Stirnbeinfortsätze (Rosenstöcke) bis zum Februar des auf die Geburt folgenden Jahres ausgebildet. Auf diesen entwickeln sich ab Februar oder März im Regelfall unter der Basthaut die noch nicht vereckten Stangen, die sogenannten „Spieße“ ohne Rosen. Sie sind zwischen 5 und 40 Zentimeter lang. Junge Männchen fegen bereits ab Mitte August ihr Geweih und damit etwas früher als adulte Männchen. Ein Damhirsch im dritten Jahr (zweiter Kopf) hat Rosen, Aug- und Mittelsproß sowie eine Gabel am Stangenende. Er wird Knieper oder Sproßler genannt. Ein Damhirsch vom 3. Kopf wird Löffler genannt, da sich am Stangenende eine Schaufel andeutet. Ältere Damhirsche werden als Schaufler bezeichnet.
Lautäußerungen Das Lautrepertoire des Damhirsches ist sehr differenziert. Es wird in der Fachliteratur zwischen Blöken, Miauen, Fiepen, Schrecken, Klagen und dem Brunftruf unterschieden.Ueckermann, S. 68