mini|hochkant=1.6|Gebäude der Jugoslawischen Gesandtschaft in Berlin, Ecke Rauchstraße / Drakestraße, Residenztrakt Das Gebäude der Jugoslawischen Gesandtschaft in Berlin wurde von 1938 bis 1940 für die diplomatische Vertretung des Königreichs Jugoslawien im Deutschen Reich errichtet. Das von Werner March entworfene Gebäude befindet sich in der Rauchstraße 17–18 im Botschaftsviertel des Berliner Stadtteils Tiergarten und steht unter Denkmalschutz.
Auf dem Grundstück befanden sich zwei historische Vorbebauungen. Die Villa Kabrun wurde 1865–1867 vom Architektenbüro Ende & Böckmann im Auftrag des Fabrikanten und Rittergutsbesitzers August Kabrun (1807–1877) und seiner Ehefrau Flora Luise Henriette Nicolovius (1811–1879), einer Großnichte von Johann Wolfgang Goethe, geschaffen. Kabruns Enkel, Ulrich Graf Brockdorff-Rantzau, wurde der erste Außenminister der Weimarer Republik. Die Töchter Kabruns, Cäcilie von Brockdorff und ihre Schwester Cornelia von Stralendorff, verkauften die Villa an den Kaufmann Martin Levy, der dort bis 1911 wohnte. Als Kind wohnte dort ebenfalls der spätere Bankier Arthur Salomonsohn, der über seine Mutter Ernestine Levy, mit Martin Levy verwandt war. Die Erben, darunter der Professor für Nationalökonomie Hermann Levy, traten das Grundstück 1925 an den Chemiker und Industriellen Paul Mendelssohn Bartholdy ab, der darauf die Villa Mendelssohn Bartholdy errichten ließ.
1938 wurde die als jüdisch verfolgte Familie Mendelssohn Bartholdy von den Reichsbehörden per Zwangsverkauf enteignet und musste emigrieren. Auf dem Grundstück wurde ein neues Gebäude für die Königlich Jugoslawische Gesandtschaft errichtet, weil Albert Speers Pläne für eine Welthauptstadt Germania am alten Sitz der Gesandtschaft den Totalabriss zugunsten des neuen Hauptsitzes des Oberkommandos des Heeres (OKH) vorsahen. Die jugoslawische Gesandtschaft bezog das Gebäude im Oktober 1940, nutzte es aber nur für sechs Monate. Mit dem Angriff der Wehrmacht auf Jugoslawien im April 1941 wurde der jugoslawische Staat zerschlagen und für eine diplomatische Vertretung bestand kein Bedarf mehr. Nach einer Zwischennutzung durch Alfred Rosenberg als Reichsminister für die besetzten Ostgebiete begann ab 1942 durch Werner March der Umbau zu einem Gästehaus des Großdeutschen Reiches.
Nach Ende des Zweiten Weltkriegs 1945 nutzte die Volksrepublik Jugoslawien das Gebäude als Sitz ihrer Militärmission. 1953 richtete die Alliierte Kommandantur dort das Oberste Rückerstattungsgericht für Berlin (ORG) ein. Das ORG war letzte Instanz für Klagen auf Restitution von Vermögenswerten an rassisch und politisch Verfolgte. Auch die Familie Mendelssohn Bartholdy klagte auf Rückerstattung ihres Vermögens, darunter das Grundstück des ORG, das so über den rechtmäßigen Eigentümer des selbst benutzten Hauses entscheiden musste, und der Klage stattgab. Das ORG bestand bis zum Ende des Viermächtestatus durch die Wiedervereinigung 1990. Seit 1999 nutzt die Deutsche Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP) das Haus.
Vorgeschichte und Lage Lage des Grundstücks mini|Gebäude (rot) und Grundstück (dunkelgrau) der Jugoslawischen Gesandtschaft Das Gebäude der Jugoslawischen Gesandtschaft befindet sich am westlichen Ende der Rauchstraße auf einem leicht trapezförmigen Eckgrundstück, das im Norden von der Rauchstraße, im Westen von der Drakestraße und im Süden von der Corneliusstraße begrenzt wird. Die Corneliusstraße ist nach dem Historienmaler Peter von Cornelius benannt, die Rauchstraße nach dem Bildhauer Christian Daniel Rauch und die Drakestraße nach dessen Schüler Friedrich Drake. Letzterer schuf die Viktoria-Figur auf der nicht weit vom Grundstück entfernten Siegessäule.
Das Villenviertel im Tiergarten und die Villa Kabrun (1865–1924) Das Gebiet des heutigen Botschaftsviertels liegt außerhalb der einstigen Berliner Zoll- und Akzisemauer und wurde erst 1861 nach Berlin eingemeindet. Seit 1884 trug der neue Bezirk den Namen Tiergarten.Uebersicht der neuen Eintheilung der Stadt Berlin in Stadtteile und Bezirke. Grunert, Berlin 1884. Das Grundstück auf der Nordseite des Landwehrgrabens (ab der Eröffnung des Kanals 1850 der heutige Landwehrkanal) zwischen der heutigen Klingelhöferstraße und Lichtensteinallee trug ab 1835 den Namen Albrechtshof nach der Grundeigentümerin, einer Witwe Albrecht. Die nördliche Uferstraße am Landwehrkanal hieß entsprechend ab 1849 Albrechtshof-Ufer, Stadtplan von 1856 bevor sie 1867 den heute noch gültigen Namen Corneliusstraße bekam.
Nach der Parzellierung des Albrechtshofes erwarb der Rentier August Kabrun 1865 das Grundstück Rauchstraße 17–18 / Ecke Drakestraße vom Geheimen- und Regierungsbaurat Friedrich Hitzig.Grundbuch des Potsdamer Torbezirks. Band 25, Blatt Nr. 729, Erste Abteilung. In: Amtsgericht Tempelhof-Kreuzberg, Berlin. Die Grundstücksgröße war mit 139,85 Quadratruten139,85 Quadratruten entsprechen unter Zugrundelegung der damals in Preußen gültigen rheinischen Rute von 3,766 m einer Grundstücksfläche von 1.983,5 m² angegeben; der Kaufpreis betrug 14.250 Taler.Ein Vereinstaler hatte ein Gewicht von 18,5 gr bei einem Silbergehalt von 900/1000 Feinsilber, damit entsprach der Kaufpreis 237,5 kg Feinsilber, oder 7.635,8 Feinunzen Silber. Bei heute stark schwankenden Silberpreisen zwischen 5 und 20 USD entspricht das einem Geldwert von 40.000 und 150.000 USD. Allerdings ist bei so langen Zeiträumen der Vergleich mit Kaufkraft und Durchschnittseinkommen sinnvoller. 1865–1867 ließ der neue Eigentümer auf dem Grundstück durch das Architekturbüro Ende & Böckmann die Villa Kabrun errichten. Die beiden Büroinhaber, Hermann Ende und Wilhelm Böckmann, errichteten von 1860 an eine Reihe von Villen im Berliner Stadtbezirk Tiergarten, vor allem im Diplomatenviertel.Ende, Hermann Gustav Louis. In: Wolfgang Ribbe, Wolfgang Schäche (Hrsg.): Baumeister, Architekten, Stadtplaner – Biographien zur baulichen Entwicklung Berlins. Stapp, Berlin 1987, S. 612. Die Villa Kabrun war unterkellert, hatte ein Erdgeschoss und ein Obergeschoss.Ende & Böckmann: Villa Kabrun bei Berlin. Baubeschreibung mit 4 Lithographien: 2 Ansichten, Grundrisse, Durchschnitt. Bl. 12: Villa Kabrun bei Berlin. Durchschnitt A B C D. Bl. 15 und 17: Villa Kabrun bei Berlin. Bl. 16: Villa Kabrun bei Berlin. Souterrain. Erdgeschoss. I. Stock. In: Allgemeine Bauzeitung. Wochenschrift für Architekten, Ingenieurs, Dekorateurs, Bauprofessionisten, Oekonomen, Bauunternehmer und […]. Wien, Förster. Jahrgang 32, 1867, S. 137. Online (Abgerufen am 15. September 2008.) 1873 kaufte der Kaufmann Martin Levy die Villa von Kabrun, und bewohnte das Haus von da an selbst.
Villa Mendelssohn Bartholdy (1925–1933) 1925/26 übernahm der 46-jährige Paul Mendelssohn Bartholdy d. J. das Eckgrundstück Rauchstraße 17 von den Erben Levys, Hermann Levy und seiner Schwester Julie Reissert, in Erbpacht.Auszug Grundakte Amtsgericht Tiergarten, das Grundstück wurde dann 1937 gekauft. Er war der Sohn des Chemikers und Agfa-Gründers Paul Mendelssohn Bartholdy d. Ä. sowie der Enkel des Komponisten Felix Mendelssohn Bartholdy.Thomas Lackmann: Das Glück der Mendelssohns. Aufbau-Verlag, Berlin 2005. Paul Mendelssohn Bartholdy d. J. war wie sein Vater promovierter Chemiker und langjähriger Direktor der Agfa. 1925 ging die Agfa durch Fusion in der I.G. Farben auf. Agfa bildete zusammen mit dem Camerawerk München und einer Fabrik für Fotopapier in Leverkusen (beide ehemals Bayer AG) die Sparte III (Fotochemie) der I. G. Farben, die ihre Zentrale in Berlin SO 36 (Kreuzberg) hatte und von Mendelssohn Bartholdy als I. G.-Farben-Direktor geleitet wurde.Arthur Prinz, Avraham Barkai: Juden im deutschen Wirtschaftsleben. Mohr Siebeck, Tübingen 1984, S. 90. Im Berliner Adressbuch von 1926 sind Baustellen in der Rauchstraße 17–18 verzeichnet. Der Abschnitt der Drakestraße zwischen Corneliusstraße und Rauchstraße (die westliche Grenze des Grundstücks der späteren Gesandtschaft) trug noch keine Hausnummer, aber auch dort befand sich 1926 eine Baustelle. 1927 wurde die neuerrichtete Villa Mendelssohn Bartholdy von Paul Mendelssohn Bartholdy d. J. zusammen mit seiner Frau Johanna, einer britischen Staatsbürgerin, bezogen.Neil Rosenstein: The Unbroken Chain, 2. Ausgabe. Computer Center for Jewish Genealogy, New York 1990, S. 210. Das Ehepaar war zu diesem Zeitpunkt noch kinderlos. Unter der Adresse war neben „Dr. P. Mendelssohn Bartholdy“ als Eigentümer und Haushaltsvorstand nur ein Portier namens Zander gemeldet – als weiterer Haushaltsvorstand und somit möglicherweise dort mit seiner Familie wohnhaft.
Enteignung und Emigration (1933–1938) Paul Mendelssohn Bartholdy wurde als prominenter Angehöriger der jüdischstämmigen Familie Mendelssohn und als sogenannter „Geldjude“ von den Nationalsozialisten verfolgt. Seine weit verzweigte Familie konnte als ein Musterbeispiel der erfolgreichen Assimilation gelten. Die meisten Familienzweige waren spätestens Mitte des 19. Jahrhunderts zum evangelischen Glauben konvertiert, hatten Erfolg, erarbeiteten sich Reichtum und eine hohe gesellschaftliche Stellung. So wurde Pauls ältester Bruder Otto 1907 geadelt.Lackmann: Das Glück der Mendelssohns. Aufbau-Verlag, Berlin 2005, S. 416.
Im Oktober 1937 wurde das Grundstück Mendelssohn Bartholdys mit einer Sicherungshypothek in Höhe von 60.000 RM aus „Reichsfluchtsteuer für das Deutsche Reich“ belastet.Grundbuch des Potsdamer Torbezirks. Band 25, Blatt Nr. 729, Dritte Abteilung, lfd. Nr. 34, Eintrag vom 21. Oktober 1937. Der Vertrag datierte auf den 1. Oktober 1937. In: Amtsgericht Tempelhof-Kreuzberg, Berlin. Die Reichsfluchtsteuer betrug 25 % des steuerpflichtigen Vermögens und war bei Aufgabe des inländischen Wohnsitzes fällig.Erlass der Reichsfluchtsteuer im Reichsgesetzblatt 1931, immer wieder verlängert bis 1951. Die Familie wurde 1938 auf Basis des Reichsgesetzes über die Neugestaltung Deutscher StädteReichsgesetz über die Neugestaltung Deutscher Städte vom 4. Oktober 1937. In: Reichsgesetzblatt – Teil I. 1937, S. 1054–1055 zum Verkauf der Villa nebst Grundstück gezwungen. Das rund 1000 m² große Grundstück Rauchstraße Nr. 17 mit dem herrschaftlichen Haus ging für einen Kaufpreis von 170.000 RM an das Deutsche Reich über. Wie bei Zwangsverkäufen im Rahmen der „Arisierung“ üblich, entsprach der Kaufpreis von 170 RM pro Quadratmeter BaulandOhne Ansetzung des Wertes der 12 Jahre alten Villa. in zentraler Lage nur einem Bruchteil des Wertes.Der Quadratmeterpreis von 170 RM entspricht ca. 610 EUR nach Preisen von 2000 nach Umrechnungshinweise (Kaufkraft) laut Hamburger Staatsarchiv und Statistischem Bundesamt bezogen auf das Jahr 2000. In: Fredrik Matthaei: : 1 Reichsmark (1937/38) = 3,58 Euro. (Abgerufen am 3. Januar 2015) Die Sicherungshypothek wurde im August 1938 gegen Verrechnung mit dem Kaufpreis gelöscht. Zudem musste Paul Mendelssohn Bartholdy als Zwangsabgabe die sogenannte Helldorff-Spende entrichten. Die Villa Mendelssohn Bartholdy wurde abgerissen.
Die anderen Teile des Endgrundstücks (Rauchstraße 18 und Drakestraße 4) wurden 1940 enteignet und fielen ebenfalls dem Deutschen Reich zu.
Baugeschichte und Architektur Germania und das Botschaftsviertel mini|hochkant=1.4|Karte der 12 geplanten Gebäude im Botschaftsviertel