mini|Orden wider den tierischen Ernst im Deutschen Fastnachtmuseum

Der Orden wider den tierischen Ernst ist ein jährlich gegen Ende der Karnevalszeit vom 1859 gegründeten Aachener Karnevalsverein (AKV) an Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens vergebener Orden und Kulturpreis. Der Orden wurde von Jacques Königstein 1952 mit initiiert.

Zielsetzung

Der Orden wider den tierischen Ernst wird an bekannte nationale und internationale Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens verliehen, „die Individualität, Beliebtheit und Mutterwitz in sich vereinen, vor allem aber Humor und Menschlichkeit im Amt bewiesen haben.“Zum Orden wider den tierischen Ernst auf aachen.de Die bisher Ausgezeichneten sind überwiegend Politiker, Diplomaten oder Juristen. Die Geehrten werden auf Lebenszeit Ordensritter des Ordens wider den tierischen Ernst.

Geschichte

Der britische Militärstaatsanwalt James Arthur Dugdale, Staatsanwalt in der zum britischen Besatzungsgebiet gehörenden Stadt Aachen, ordnete Anfang Februar 1950 die vorzeitige Entlassung eines Delinquenten, der einen belgischen Besatzungssoldaten verprügelt hatte, an. Anstatt am 20. Februar 1950 wurde er am 18. Februar entlassen. Dugdales Begründung lautete: der aus sowjetischer Kriegsgefangenschaft Heimgekehrte solle die höchsten Feiertage im Rheinland nicht hinter Gittern verbringen. Helmut A. Crous, Chefredakteur und AKV-Archivar, informierte den Elferrat über dieses bedeutende Ereignis. Der Elferrat beschloss James Arthur Dugdale in Anerkennung des (…) bewiesenen Verständnisses für den Aachener Karneval (…) den diesjährigen Orden zu verleihen. Die Menschlichkeit von Dugdale wurde vom AKV im gleichen Jahr geehrt, in dem auch zum ersten Mal der Karlspreis verliehen wurde.

Im Jahre 1952 war es ein Ereignis in Mölln, das den AKV aufhorchen ließ. Die Finanzminister aller Bundesländer trafen sich. Jedoch ließ jemand ihre festlich gedeckte Tafel abräumen mit der Begründung, Schleswig-Holstein sei ein armes Land, und servierte Erbsensuppe. Königstein fand den Betreffenden heraus und Jules von Jouanne, Kieler Regierungsrat, erhielt den AKV-Orden 1952. Die Ordensidee war gegründet, von nun an wurde gezielt nach einer speziellen Persönlichkeit gefahndet, „die mit Menschlichkeit und Humor im Amt den Kampf gegen die seelenlose Bürokratie und das Wiehern des Amtsschimmels aufnahm.“Töller, S. 156. 1954 wurde der erste Orden wider den tierischen Ernst aber noch als Jahresorden verliehen, eine Zeitungsüberschrift Gegen den tierischen Ernst hatte Königstein auf die Namensidee gebracht.Zu diesem Plagiat s. Töller, S. 158 f.

Im folgenden Jahr nahmen der Orden und das Rittertum ihre unverwechselbare Gestalt an. Der Graphiker Manö Paulsen entwarf den Orden und Juwelier Heinrich Jaspers übernahm die Anfertigung. „Der blaue Emailschild zeigt einen Tschako im goldenen, mit Paragraphen bewehrten Vogelkäfig, auf dessen Spitze ein Vogel in Freiheit sein Liedchen pfeift. Als ursprünglich militärische, von Teilen der deutschen Polizei noch bis Anfang der 1970er-Jahre getragene Kopfbedeckung symbolisiert der Tschako den tierischen Ernst, der anstelle des mit einer Narrenkappe gekrönten Vogels im Paragraphenkäfig gefangen ist.“Töller, S. 160. Bei der als Fremdensitzung bezeichneten Ordensverleihung wurde im Protokollbuch 1955 erstmals vom Ritter des Ordens geschrieben. Die Verleihung entwickelte sich zu einem närrischen Ritterschlag. „Die Idee, Beispiele einer humorig-menschlichen Amtsführung auszuzeichnen und diese hintergründig-verschmitzt mit einer kabarettistisch geschliffenen Feder zu loben, entwickelte sich zum Aushängeschild des von Königstein favorisierten geistreichen Karnevals.“Töller, S. 161. Der Käfig für die Ritterrede kam 1964 hinzu. Zu dem Verleihungsritual gehört die obligatorische Laudatio des letzten Ritters. Der designierte Ritter erhält als Ritterinsignien: den Orden Wider den tierischen Ernst, die Rittermütze und die Ordensregelrolle in bestem Küchenlatein.

Im Jahr 1955 wurde der Orden vorübergehend in Klassen eingeteilt. Die Normalklasse des Ordens für unspektakuläre, aber originelle Ereignisse und die Sonderklasse des Ordens. Die Normalklasse wurde drei Mal verliehen. Der AKV ging dazu über, bekannte internationale Persönlichkeiten auszuzeichnen. Daraufhin hatte Ordensritter Carlo Schmid in seiner Rede 1958 gewarnt: daß wir nicht aus lauter Angst vor dem tierischen Ernst in den tierischen Humor verfallen. Zu dem 100-jährigen Bestehen des AKV wurde Konrad Adenauer 1959 zum Ritter geschlagen. Das Ansehen und die Popularität des AKV stiegen.

mini|Edmund Stoiber während der Ordensverleihung 2000

Erstmals wurden Bilder der Ordensverleihung 1957 in der ARD Tagesschau gesendet und 1960 eine 45-minütige Live-Übertragung der Ordensverleihung ausgestrahlt. Folglich wurde der Ritterblock zum närrischen Staatsakt. Die Fernsehübertragungen brachten dem AKV sowohl mit dem Fernsehhonorar einen finanziellen Aufschwung als auch den Erfolgsdruck, einen das Publikum begeisternden Ordensritter und entertainerfähigen Sitzungspräsidenten zu präsentieren. Die Sendung wurde im Deutschen Fernsehen bis 1982 mit einer Ausnahme (1971) live übertragen. Von 1983 an wurde der Sendeplatz auf das dritte Programm mit Gesamtübertragung verlagert, 1991 schloss der AKV einen Fünfjahresvertrag mit dem Sender RTL mit dreistündiger Liveübertragung, vorzeitig wechselte der Verein zum WDR und es erfolgte die aufgezeichnete Ausstrahlung in der ARD seit 1995. Die Vorstellung avancierte zur Karnevalsshow mit nicht permanent auf der Bühne präsentem Elferrat. Der Orden wurde besonders durch die Fernsehübertragungen der ordensverleihenden Sitzungen bundesweit bekannt. Internationale Aufmerksamkeit entstand durch die Vergabe des ungewöhnlichen Ordens auch an international bekannte Persönlichkeiten.

Nach der Schließung des Neuen Kurhauses 1975 und der Nutzung durch die Spielbank Aachen seit 2. Juli 1976 erfolgte die Verleihung im Krönungssaal des Aachener RathausesFür die WDR-Übertragung wurde Literatur über die Akustik in gotischen Gewölben studiert. Töller, S. 182. und seit 1979 im Europa-Saal des Eurogress.

Mit Gertrud Höhler wurde 1988 erstmals eine Ritterin geschlagen. Als erster Aachener erhielt 2020 Armin Laschet die Ritterwürde.

Infolge der COVID-19-Pandemie fand 2021 keine Ordensverleihung statt. Stattdessen wurde der für dieses Jahr vorgesehenen Preisträgerin Iris Berben der Orden für 2022 verliehen. Da die Pandemie 2022 fortbestand, konnte dieser Orden nicht im Rahmen einer Festsitzung verliehen werden, sondern nur in einer TV-Sendung, die über drei Tage vor 80 Zuschauern aufgezeichnet und am 14. Februar 2022 ausgestrahlt wurde.

Kritik

Am 3. Februar 2007 erhielt Joachim Hunold, Chef der Fluggesellschaft Air Berlin, die Auszeichnung als Anerkennung dafür, „dass es auch heute noch Männer gibt, die den Mut haben, ein Typ zu sein“. Die Verleihung blieb nicht ohne Konflikte, da der Vorwurf der Schleichwerbung im Raume stand. Hunold und andere hatten mehrfach den Namen des Unternehmens genannt und dessen Leistungen propagiert. Da auch die Reden anderer Politiker, besonders Rainer Brüderles, als langweilig empfunden wurden, überlegte der WDR, die Sitzung künftig nur noch im WDR Fernsehen auszustrahlen. Der Hauptsponsor Zentis zog daraufhin seine Unterstützung vorübergehend für das Jahr 2007 zurück.

Schließlich einigte sich der WDR mit dem AKV, dass im ersten Programm eine gekürzte Aufzeichnung und bei der Wiederholung im Dritten Programm eine längere, wenn auch gekürzte Fassung gezeigt wird.beispielsweise für 2012: Entgegen dem Artikel wurden die Beiträge sowohl von Margie Kinsky wie auch Schlabber und Latz doch gesendet. Siehe auch Einschaltquote in diesem Jahr:

Liste der Ordensritter

Seit 1950 wurden folgende Personen zu „Ordensrittern“ mit folgenden Begründungen geschlagen:, wdr.de Legende: † Verleihung an Ordensträger erfolgte postum Jahr Preisträger Beruf Bemerkung 1950 J. A. Dugdale Staatsanwalt Gewährte einem Delinquenten während der Karnevalszeit Urlaub, weil er ihm es nicht zumuten wollte, „die höchsten Feiertage im Rheinland“ hinter Gittern zu verbringen. 1951 – – Die Ordenvergabe an J. A. Dugdale 1950 war der erste AKV-Jahresorden an einen Engländer und ursprünglich als einmalige Aktion gedacht gewesen. 1952 Jules von Jouanne Regierungsrat Ließ vor versammelten Gästen in Mölln anstelle eines Festmahls einfachen Eintopf auftischen: „Schleswig-Holstein ist arm.“