Gertie the Dinosaur [], auch bekannt als Gertie the Trained Dinosaur, ist ein US-amerikanischer Kurzfilm des Karikaturisten und Comiczeichners Winsor McCay aus dem Jahr 1914.Einige Autoren nennen das Jahr 1909 als Erscheinungsjahr. McCay selbst gab in einer Veröffentlichung von 1919 das Erscheinungsjahr 1914 an, vgl. Karl F. Cohen: in Animation World Magazine, 28. Oktober 2002 (aufgerufen am 27. August 2008). Der Hauptteil des Films besteht aus von McCay handgezeichneten Sequenzen, in denen er die Dinosaurierdame Gertie präsentiert und einige Kunststücke vorführen lässt.
Ursprünglich wurde dieser Zeichentrickfilm für McCays Bühnenauftritte erstellt; für Kinoaufführungen wurde nachträglich eine Rahmenhandlung gefilmt, in der seine Arbeit an der Erstellung des Zeichentrickfilms gezeigt wurde. Gertie the Dinosaur zählt zu den bekanntesten und innovativsten Animationsfilmen der frühen Filmgeschichte, Gertie selbst wird von vielen Filmhistorikern als die erste echte Zeichentrickfigur gesehen, die dem neuen Genre des Zeichentrickfilms den kommerziellen und künstlerischen Durchbruch brachte.Leonard Maltin: Of Mice and Magic, S. 5.
Handlung mini|McCay mit Gertie auf der Dinner-Party mini|Gertie trägt Winsor McCay Der eigentliche Trickfilm ist eingebettet in eine Rahmenhandlung im Slapstick-Stil. Dabei befinden sich die Comiczeichner Winsor McCay und George McManus mit Freunden auf einem Ausflug mit dem Auto, als dieses eine Reifenpanne hat. Bis der Fahrer den Reifen geflickt hat, besucht die Herrengesellschaft das Naturkundemuseum, vor dem der Wagen zum Stehen gekommen ist. Hier bestaunen die Freunde ein riesiges Brontosaurierskelett. McCay wettet mit McManus um ein Abendessen, dass er den Dinosaurier mit einer Reihe handgezeichneter Cartoons zum Leben erwecken kann. In sechsmonatiger Arbeit zeichnet McCay mehr als zehntausend einzelne Bilder, die anschließend von einer Filmkamera fotografiert werden. Er zeigt George McManus den Fortschritt seiner Arbeit, wobei ein Assistent versehentlich hunderte von Blättern fallen lässt.
Als der Zeichentrickfilm fertiggestellt ist, präsentiert McCay den Film seinen Freunden bei einem gemeinsamen Abendessen. McCay zeichnet zuerst die Umrisse des Dinosauriers, der den Namen Gertie trägt. Danach zeigt er das Bild einer Landschaft mit einem See, einem großen Baum und Felsen im Hintergrund, in dem er nun Gertie als lebendiges Wesen zeigen will.
Es beginnen die animierten Sequenzen, in denen Gertie zunächst etwas scheu aus einer Höhle heraustritt und sich dann dem Bildvordergrund nähert. Sie verschluckt einen großen Stein und verspeist anschließend einen Baum. McCay spricht Gertie an und fordert sie auf, das Publikum zu begrüßen. Sie führt daraufhin Kunststücke vor, hebt abwechselnd ihre Vorderbeine hoch und beginnt zu tanzen. Mitten in ihrer Vorführung lässt sie sich von einer Seeschlange, einer geflügelten Echse und einem Mammut ablenken, das sie übermütig in den See wirft. Als Gertie von McCay für ihr widerspenstiges Verhalten ausgeschimpft wird, fängt sie an zu weinen, lässt sich aber durch einen ihr zugeworfenen Kürbis wieder beruhigen. Später trinkt Gertie durstig den ganzen See aus.
Schließlich betritt Winsor McCay als Zeichentrickfigur persönlich die Leinwand. Er lässt sich als Dompteur mit einer großen Peitsche bewaffnet von Gertie aufnehmen und auf ihrem Rücken absetzen. McCay reitet auf Gertie davon, und der Zeichentrickfilm endet. McCays Freunde sind von dem Film begeistert, und McManus, der die Wette verloren hat, muss die Rechnung für das Dinner begleichen.
Produktionsgeschichte mini|Anfertigung der Einzelbilder für Gertie the Dinosaur (Filmausschnitt)
Winsor McCay, der sich selbst gerne als „Amerikas größten Cartoonisten“ bezeichneteJames Clark: Animated Films. Virgin Books, London 2007, ISBN 978-0-7535-1258-6, S. 12., wurde vor allem durch die Zeitungscomics Little Nemo und Dreams of a Rarebit Fiend bekannt. Daneben begann McCay schon im Jahr 1909, als Schnellzeichner auf den Vaudeville-Bühnen aufzutreten. 1911 produzierte McCay einen rund zweiminütigen Zeichentrickfilm, in dem die Figuren aus Little Nemo auftraten. Um die Zeichentricksequenzen als Einakter mit der üblichen Länge von rund zehn Minuten im Kino zu vertreiben, wurde eine reale Rahmenhandlung hinzugefügt, in der man unter anderem die mühselige Arbeit bei der Erschaffung der Animationssequenzen komödiantisch darstellte.
Der Filmpionier James Stuart Blackton, der fünf Jahre zuvor mit Humorous Phases of Funny Faces einen der ersten Animationsfilme geschaffen hatte, assistierte McCay bei der Erstellung des Films. Zwar hatte der Franzose Émile Cohl mit seinen abstrakten Animationsfilmen die Kunst der Stopptrickaufnahmen weiterentwickelt, doch zählte Little Nemo zu den ersten Filmen mit typischen Comicfiguren. 1912 produzierte McCay einen zweiten Zeichentrickfilm, How a Mosquito Operates, der bereits eine kurze Handlung enthielt. Beide Filme wurden von McCay in seinen Bühnenprogrammen eingesetzt.
Für sein nächstes Projekt wählte McCay mit Gertie ein Thema, das sich nicht mit herkömmlichen filmischen Mitteln umsetzen ließ. McCay hatte im Jahr 1912 Zeichnungen von prähistorischen Tieren im Auftrag der American Historical Association angefertigt, und schon 1905 tauchte ein Brontosaurierskelett in einem Dreams-of-a-Rarebit-Fiend-Comic auf.Donald Crafton: Before Mickey, S. 123. Doch noch nie zuvor waren Dinosaurier in einem Film zu sehen gewesen.Bernhard Kempen und Thomas Deist: Das Dinosaurier Filmbuch. Von „Gertie the Dinosaur“ bis „Jurassic Park“. Thomas Tilsner Verlag, München 1993, ISBN 3-910079-54-7. McCay entschied sich zusätzlich, seine neue Zeichentrickfigur vor einem realistischen Hintergrund auftreten zu lassen. Das erforderte weitaus aufwändigere Zeichnungen als in seinen beiden vorigen Filmen. Fertigte McCay für Little Nemo noch 4000 Zeichnungen an, so erforderte die knapp vier Minuten dauernde Animation von Gertie the Dinosaur nach McCays eigenen Angaben mehr als 10.000 Zeichnungen, für deren Anfertigung er mehr als ein Jahr benötigte (im Film wird von einer Produktionszeit von sechs Monaten gesprochen).Time: McCay Before Disney, 10. Januar 1938 (aufgerufen am 27. August 2008); das von Time angegebene Budget von 50.000 US-Dollar ist allerdings unrealistisch hoch, so hat beispielsweise 1915 der Monumentalfilm Die Geburt einer Nation 112.000 US-Dollar gekostet.
McCay engagierte den Nachbarsjungen John A. Fitzsimmons als Assistenten. Fitzsimmons’ Aufgabe war das Kopieren der Hintergrundzeichnungen, die sich in den einzelnen Szenen nicht veränderten. Da die Cel Animation, bei der transparente Folien bemalt wurden, noch nicht erfunden war, mussten für jedes Einzelbild alle Details auf Reispapier eingezeichnet werden. Die von McCay eingeführte Arbeitsteilung, bei der das Hintergrundbild vorher eingezeichnet wurde, setzte sich nur kurze Zeit später in der Zeichentrickfilmindustrie durch, als John Randolph Bray ein ähnliches Verfahren patentieren ließ. Brays Patent erwies sich als ein Plagiat von McCays Arbeitstechniken, die Bray unter falschem Vorwand intensiv studiert hatte.Michael Barrier: Hollywood Cartoons. American Animation in its Golden Age. Oxford University Press, New York 2003, ISBN 978-0-19-516729-0, S. 12.
Eine weitere Neuerung des Animationsprozesses, die McCay bei Gertie the Dinosaur einführte, war die Aufteilung der Animation in einzelne Phasen, die nur einer Pose oder einem kurzen Bewegungsablauf entsprachen. Dadurch, dass zuerst die Ausgangssituation und das Ende der Phase gezeichnet wurden, konnten die dazwischen liegenden Abschnitte schneller und genauer gezeichnet werden. McCay gelang so nicht nur eine Vereinfachung der Animation, sondern auch eine realistischere Bewegung der Charaktere, die bei rhythmischen Sequenzen wie Gerties Tanzbewegungen durch die wiederholte Verwendung identischer Zeichnungen verstärkt wurde.Lauren Rabinovitz: Gertie the Dinosaur. In: International Dictionary of Film and Filmmakers, Vol. 1, St. James Press, Farmington Hills 2000, ISBN 1-55862-450-3, S. 457. Diese Art der Aufteilung des Animationsprozesses wurde später in den Disney Studios weiterentwickelt, als für die Gestaltung der Zwischenphasen spezielle Zeichner, die sogenannten Inbetweeners, verantwortlich waren.
Anfang 1914 waren alle Zeichnungen fertiggestellt und bereit zur Übertragung auf Film. Die einzelnen Bilder wurden in Blacktons Vitagraph-Studios fotografiert.
Aufführungsgeschichte mini|hochkant=0.8|Filmplakat für Gertie the Dinosaur Winsor McCay präsentierte seinen neuen Animationsfilm erstmals am 8. Februar 1914 im Palace Theater in Chicago im Rahmen seines Bühnenprogramms. McCay stand vor der Projektionsfläche und interagierte mit der Zeichentrickfigur. Die Illusion auf der Bühne wurde perfekt, als McCay Gertie scheinbar einen Apfel zuwarf (im späteren Film war es ein Kürbis, so dass die Größenverhältnisse zwischen Gertie und der Frucht im Film besser übereinstimmtenJohn Canemaker: Winsor McCay: His Life and Art, S. 176) und als er am Ende des Streifens synchron zum Erscheinen seiner animierten Figur im Film hinter die Leinwand trat.
Vor allem die Art, wie McCay Gertie präsentierte, beeindruckte das Publikum. Émile Cohl, der bis März 1914 in New York arbeitete, beschrieb später den Eindruck, den McCays Auftritt im New Yorker Hammerstein Theater auf ihn hinterlassen hatte. Seiner Meinung nach war das Publikum von dem Künstler McCay genauso begeistert wie von dem Kunstwerk, dem dargebotenen Film. Cohl beobachtete, dass McCays Auftritte äußerst lukrativ waren.zitiert nach Étienne Arnaud und Boisyvon: Le Cinéma pour tous. Garnier, Paris 1922, S. 82–83.
Der Erfolg von McCays Bühnenprogramm, der zu ausgedehnten Reisen durch den Osten der Vereinigten Staaten führte, verärgerte aber den Verleger William Randolph Hearst, für dessen Zeitungen McCay exklusiv arbeitete. Hatten die Aufführungen zu Anfang den Sonntagsblättern von Hearst wertvolle Popularität verschafft, bestand der Verleger später darauf, dass McCay sich auf seine Zeitungscomics konzentrierte, und verhängte ein allgemeines Auftrittsverbot für seine angestellten Comiczeichner auf Vaudeville-Bühnen. Daraufhin wurden weitere geplante Auftritte im Terminplan des United Booking Office storniert. Erst ein ausgearbeiteter Kompromiss verhalf McCay bis 1917 zu weiteren Auftritten im Vaudeville, die aber allein auf die Bühnen New Yorks beschränkt waren, was dem Ende seiner Bühnenkarriere gleichkam.vgl. Mark Langer: Winsor McCay: The Master Edition (2004). In: The Moving Image 5.1 (2005), S. 149–153.
Im Herbst 1914 kontaktierte der Filmproduzent William Fox McCay und schlug ihm vor, den Film Gertie the Dinosaur im Verleih zu vertreiben. Fox hatte das wirtschaftliche Potential des Films erkannt, der allein in einem New Yorker Filmtheater innerhalb einer Woche die Summe von 350 Dollar eingespielt hatte. Die landesweite Vermarktung von Gertie the Dinosaur wurde am 14. November 1914 bekanntgegeben.Anzeige in Moving Picture World, 14. November 1914.
Für die Präsentation des Zeichentrickfilms im Kino filmte McCay eine reale Rahmenhandlung und ersetzte den Inhalt des Bühnenprogramms, seine Dialoge mit Gertie, durch Zwischentitel. Die Rahmenhandlung entspricht größtenteils der Geschichte, die McCay schon für Little Nemo entwickelt hatte. Ob diese Szenen, in denen neben George McManus weitere Hearst-Cartoonisten wie Roy McCardell oder Tad Dorgan auftraten, vor oder nach Hearsts Intervention aufgenommen wurde, ist nicht bekannt.Donald Crafton: Before Mickey, S. 112. Zum US-amerikanischen Copyright angemeldet wurde Gertie the Dinosaur allerdings schon am 15. September 1914.
Rezeption Zeitgenössische Rezeption mini|hochkant=0.8|Zeitungsanzeige für Gertie the Dinosaur