mini|hochkant=0.9|Pierre Vogel während einer Kundgebung in Freiburg 2014
Pierre Vogel (Pseudonym Abu Hamza, ;Hamza ist Pierre Vogels erster Sohn. Siehe Claudia Dantschke: »Lasst Euch nicht radikalisieren!« – Salafismus in Deutschland. In: Thorsten Gerald Schneiders (Hrsg.): Salafismus in Deutschland. Ursprünge und Gefahren einer islamisch-fundamentalistischen Bewegung. Transcript, Bielefeld 2014, ISBN 978-3-8376-2711-4, S. 171–186, hier S. 181. * 20. Juli 1978 in Frechen) ist ein deutscher islamistischer Prediger und ehemaliger Boxer, der als einflussreich in der deutschen Salafismusszene gilt. Staatliche Ermittlungs- und Verfolgungsbehörden halten Vogel, der vom evangelischen Christentum zum sunnitischen Islam konvertiert ist, für eine der einflussreichsten Figuren der deutschen Konvertitenszene.
Leben Pierre Vogel wurde evangelisch getauft und konfirmiert. Er besuchte nach eigenen Angaben das Norbert-Gymnasium in Dormagen, eine römisch-katholische Bekenntnisschule.Nina Wiedl, Carmen Becker: Populäre Prediger im deutschen Salafismus – Pierre Vogel: Starprediger von deutschem Boden. In: Thorsten Gerald Schneiders (Hrsg.): Salafismus in Deutschland. Ursprünge und Gefahren einer islamisch-fundamentalistischen Bewegung. Transcript, Bielefeld 2014, ISBN 978-3-8376-2711-4, S. 192.
Vogel begann 1993 mit dem Boxsport und trainierte beim Berliner TSC. 1996 wurde er deutscher Jugendmeister (U 19) im Mittelgewicht und war im selben Jahr neben Felix Sturm auch Teilnehmer des internationalen Brandenburg-Cup in Frankfurt (Oder), wo er die Silbermedaille im Mittelgewicht gewann. Mit 16 Jahren wechselte er auf ein Berliner Sportinternat im Sportforum Hohenschönhausen und erwarb dort 1999 sein Abitur. Anschließend leistete er Zivildienst. Im Jahr 2000 begann er eine Karriere als Profiboxer beim Boxstall Sauerland Event und blieb in sieben Kämpfen bei einem Unentschieden ungeschlagen. Er trat bei WM- und EM-Vorkämpfen von Sven Ottke, Danilo Häußler, Vitali Klitschko und Artur Grigorian auf.Ulrich Kraetzer: Salafismus als Jugendkultur: Der Provokateur Pierre Vogel. In: Ders.: Salafisten: Bedrohung für Deutschland? Gütersloher Verlags-Haus, Gütersloh 2014, ISBN 978-3-579-07064-3, S. 133–162.
Am 11. Mai 2001 fuhr Vogel mit einem US-amerikanischen Trainingspartner in eine Moschee nach Frechen, wo er das muslimische Glaubensbekenntnis aussprach und dadurch den Islam offiziell annahm. Dem sei eine ausführliche Beschäftigung mit allen Religionen vorausgegangen. Keine andere habe ihn überzeugen können, auch nicht das Christentum. Im Juni 2002 gab er den Boxsport auf, da er ihn nicht mehr mit seinem Glauben vereinbaren konnte.
Ein an der Universität zu Köln aufgenommenes Lehramtsstudium für Grund- und Hauptschulen brach Vogel nach dem ersten Semester ab, im Anschluss begann er in Bonn eine Sprachausbildung in Arabisch, die er ebenfalls abbrach. 2003 heiratete Vogel eine Marokkanerin und ging 2004 mit einem Stipendium für drei Semester an das Arabische Institut für Ausländer an der Umm-Al-Qura-Universität in Mekka.
In einer Talkshow gab Vogel 2010 an, er habe einen der späteren Terroristen der Sauerland-Gruppe im Jahr 2005 oder 2006 in Mekka getroffen und ihm von Anschlägen in Deutschland abgeraten.Markus Decker: Salafist Pierre Vogel verhöhnt Jesiden. In: Berliner Zeitung, 22. August 2014, abgerufen am 3. Oktober 2025.Sabatina James: Scharia in Deutschland. Wenn die Gesetze des Islam das Recht brechen. Knaur eBook, München 2015, ISBN 978-3-426-42456-8. 2006 kehrte Vogel nach Deutschland zurück, nachdem seine Tochter mit einem Herzfehler in Bonn auf die Welt gekommen war; Tochter und Ehefrau konnten daraufhin nicht wie geplant nach Mekka nachkommen.
Bis zur Selbstauflösung des salafistischen Vereins Einladung zum Paradies (kurz EZP) im Jahr 2011 war Vogel dort Mitglied und galt zwischenzeitlich als dessen Aushängeschild.Peter Wichmann: „Die Wahre Religion“ und „Einladung zum Paradies“. In: Konrad-Adenauer-Stiftung: Islamismus, abgerufen am 3. Oktober 2025. Der Verein galt beim Bundesamt für Verfassungsschutz als einflussreiche Propagandaplattform salafistischer Ideologie.Bundesamt für Verfassungsschutz (Hrsg.): Islamismus: Entstehung und Erscheinungsformen. Stand September 2013, S. 26 (PDF; 3,9 MB).
Nachdem Vogel im Sommer 2014 kurzfristig versucht hatte, in der Hamburger Salafistenszene Fuß zu fassenPierre Vogel. In: Verfassungsschutz Nordrhein-Westfalen: Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen über das Jahr 2014. 2. Auflage. Hrsg. vom Ministerium für Inneres und Kommunales des Landes Nordrhein-Westfalen, Juli 2015, S. 138 (PDF). und kurz in Hamburg-Wilhelmsburg gewohnt hatte, zog er im selben Jahr nach Bergheim bei Köln. Das Landesamt für Verfassungsschutz Hamburg war alarmiert und warnte öffentlich im Vorfeld seines Umzugs.Christian Unger: Warum Pierre Vogel in Hamburg scheiterte. In: Hamburger Abendblatt, 9. September 2014, abgerufen am 29. November 2018.Marco Haase: Umstrittener Salafist Pierre Vogel versucht sich an neuer Wirkungsstätte in Hamburg. Landesamt für Verfassungsschutz der Freien und Hansestadt Hamburg, 17. Juli 2014, abgerufen am 3. Oktober 2025.
Im Dezember 2015 wurde aufgrund einer Mitteilung der Staatsanwaltschaft Koblenz bekannt, dass sein Vater Walter Vogel Mitglied bei den Hells Angels ist.
Im September 2024 berichtete der Kölner Stadt-Anzeiger, Vogel sei in Bergheim „offenbar Boxtrainer für Kinder“ (u. a. in einem örtlichen Verein); der Verein habe auf Anfragen der Zeitung nicht reagiert.
2025 lebte Pierre Vogel vom Jobcenter und der Organisation von Pilgerreisen.
Predigertätigkeit mini|Bilal Philips und Pierre Vogel, 2011 mini|hochkant|Sven Lau (links) zusammen mit Pierre Vogel bei einer Kundgebung in Freiburg, Juni 2014
Ab 2006 folgte die Tätigkeit als islamistischer Prediger. Vogel ist überwiegend durch seine zahlreichen Vorträge über den Islam (z. B. die Glaubenslehre) wie auch über Einzelthemen (z. B. die Stellung der Frau im Islam) bekannt. Im Internet finden sich zahlreiche Videos von Vogel, darunter neben Vorträgen auch von Vogel geleitete Konversionen von Deutschen zum Islam. Öffentlich inszenierte Konversionen sind auch bei seinen Kundgebungen üblich.Salafistische Propaganda in Deutschland: Mission Konversion qantara.de, 21. Juni 2012.
Am 20. April 2011 hielt Vogel zusammen mit Bilal Philips vor etwa 1500 Anhängern eine Kundgebung in der Frankfurter Innenstadt ab, die erst nach juristischen Auseinandersetzungen und unter Auflagen bezüglich der vertretenen Positionen stattfinden konnte. Ein für den 7. Mai 2011 geplantes öffentliches Totengebet für den fünf Tage zuvor getöteten Terroristen Osama bin Laden wurde von der Stadt Frankfurt am Main untersagt. Nach einer gerichtlichen Entscheidung wurde eine andere Kundgebung durchgeführt.Erfolg vor Gericht: Islamisten dürfen in Frankfurt sprechen. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 6. Mai 2011.
Vogel trat am 9. Juni 2012 auf dem 1. Islamischen Friedenskongress in Köln auf, einer von ihm initiierten Kundgebung, die für breite Aufmerksamkeit in den Medien sorgte, weil sie im zeitlichen Kontext der salafistischen Ausschreitungen in Bonn im Mai 2012 und der dadurch verschärften öffentlichen Debatte über ein Verbot des Salafismus in Deutschland sowie der laufenden Kampagne zur Verteilung von Koran-Übersetzungen in mehreren deutschen Großstädten stattfand.Jörg Diehl: Pierre Vogel: Islamisten-Prediger kreuzbrav. In: Spiegel Online, 9. Juni 2012.
Im Januar 2014 startete Vogel eine Deutschlandtour, die ihn seiner Ankündigung zufolge durch 33 deutsche Städte führen sollte. Seine Kundgebungen wurden im Internet beworben und von Angehörigen der jeweiligen örtlichen Salafisten-Szene angemeldet. Die Zahl der Versammlungsteilnehmer blieb laut nordrhein-westfälischem Verfassungsschutzbericht für das Jahr 2014 durchgängig deutlich hinter den angemeldeten Teilnehmerzahlen zurück, so dass die Deutschlandtour nicht im ursprünglich angekündigten Umfang durchgeführt wurde.
Ende Mai 2014 untersagte die Stadt Bremen eine für den 1. Juni angemeldete Kundgebung mit Vogel und Sven Lau vor dem Bremer Hauptbahnhof, weil die salafistische Ideologie „elementar der freiheitlich-demokratischen Grundordnung“ widerspreche und „den Weg für Gewalt und Terrorismus“ ebne. Doch sowohl das Verwaltungs- als auch das Oberverwaltungsgericht Bremen gestatteten sogar verfassungsfeindliche Äußerungen, solange sie nicht strafbar seien. Die Stadt habe keine strafbaren Äußerungen vorlegen können, die das Verbot gerechtfertigt hätten. Auf der Kundgebung nannte Vogel islamistische Kämpfer in Syrien „Freiheitskämpfer“, aber er bezeichnete es als „Schwachsinn“, zu behaupten, er fordere in Deutschland dazu auf, sich ihnen anzuschließen. An seine Zuhörer appellierte er, sich als Repräsentanten des Islam „auf beste Art und Weise zu den Mitmenschen zu verhalten“.Salafisten-Auftritt in Bremen verläuft friedlich. In: Neue Osnabrücker Zeitung (online), 2. Juni 2014.
Vogel wird zusammen mit Bilal Gümüs als Organisator der als Nachfolgeprojekt der im Herbst 2016 verbotenen Koranverteilungskampagne Lies! konzipierten Kampagne We love Muhammad betrachtet, mit der er massiv zu missionieren versuche. Die salafistische Straßenmission war seither verschiedentlich in DeutschlandBeispielhaft: Thomas Schmoll: „We love Muhammad“ – Salafisten missionieren wieder auf deutschen Straßen. In: Die Welt, 6. Juni 2017. Abdel-Hakim Ourghi: Salafismus – Neue Koranverteiler. In: Die Zeit, Nr. 49/2016, 24. November 2016 (Gastbeitrag; online erschienen am 14. Dezember 2016). Abgerufen am 3. Oktober 2025. und der SchweizDaniel Glaus: «We Love Muhammad» – Wegweisung gegen neue islamische Kampagne. In: Schweizer Radio und Fernsehen: 10vor10, 1. Dezember 2017, abgerufen am 3. Dezember 2018. aktiv.
Der nordrhein-westfälische Verfassungsschutzbericht 2022 beschrieb eine von Vogel initiierte Plakataktion (Januar 2022), bei der bundesweit zum Anbringen gut sichtbarer Plakate aufgerufen worden sei; die Aktion sei anschließend über Vogels Instagram-Kanal durch die Veröffentlichung von Fotos dokumentiert worden.
Standpunkte und Rhetorik mini|hochkant|Pierre Vogel während einer Kundgebung in Koblenz 2011
Vogel verbreitet seine Thesen besonders bei einem jüngeren Publikum. In seinen – als islamistische Hasspredigten bezeichneten – Darstellungen wird oft der Einfluss der Salafiyya deutlich.Nora Gantenbrink: Hassprediger, hahaha. In: Spiegel Online, 10. Juli 2011. Vogel spricht sich für das Tragen von Kopftüchern bei Muslimas aus. Er vergleicht es mit der Kleiderordnung auf der Arbeit, man habe einen Vertrag unterschrieben, sich an die Anordnungen des Chefs bzw. des Propheten zu halten und bekomme dafür Lohn. Wenn man sich nicht daran halte, bekomme man eben weniger oder keinen Lohn. Vogel positioniert sich gegen Zwangsheiraten, da diese ausdrücklich vom Propheten Mohammed verboten worden seien. Gewalt gegen Unschuldige, Terroranschläge sowie Ehrenmorde hält Vogel für unvereinbar mit dem Islam. Vogel lehnt die Evolutionstheorie und den Darwinismus ab, der in den Schulen gelehrt wird.
Vogel hat mit seinem jovialen und an die Jugendsprache angenäherten Predigt-Stil großen Erfolg insbesondere bei jüngeren Deutschen und sowohl muslimischen als auch nicht-muslimischen Migranten der zweiten und dritten Generation.Annabel Wahba: Totengebete verboten In: Die Zeit, 14. Mai 2011 (Interview).