Dies ist eine ausführliche Inhaltsangabe mit Interpretation des Romans Die unendliche Geschichte von Michael Ende. Das Werk ist ein zugleich märchenhafter, phantastischer und romantischer Bildungsroman und gehört inzwischen zu den neuen Klassikern der Kinder- und Jugendliteratur.Neue Klassiker der Jugendliteratur

Genre und Subgenre Die Erzählung Die unendliche Geschichte gehört dem Genre des Romans an.

Komplexität und Vielschichtigkeit des Werkes erschweren jedoch seine Zuordnung zu einem bestimmten Subgenre. Rezensionen und literaturwissenschaftliche Arbeiten bezeichnen Endes Erzählung oft als „Märchenroman“.Birgit Otte: Michael Ende. S. 3. In: Heinz Ludwig Arnold (Hrsg.): Kritisches Lexikon zur deutschsprachigen Gegenwartsliteratur (KLG). Band 3. 43. Nlg. (Stand 1. Januar 1993). München 1978 ff. S. 1–12 und A-N.Christian von Wernsdorff: Bilder gegen das Nichts. Zur Wiederkehr der Romantik bei Michael Ende und Peter Handke. Neuss 1983. S. 94. Dies wird vom Autor selbst gestützt, nach dessen Darstellung die inzwischen weit verbreitete Bezeichnung „Märchenroman“ für eine literarische Kategorie ursprünglich seine Idee war.Michael Ende: Michael Endes Zettelkasten. Skizzen und Notizen. Stuttgart 1994, S. 266. Es gibt eine Reihe ganz ähnlicher Bezeichnungen, die Die unendliche Geschichte ebenfalls in die Nähe klassischer Märchen rücken: „Moralisches Märchen“, „Märchen für Erwachsene“, „phantastisches Märchen“, „psychologisches Märchen“Erich Rammerskirch: Ein christliches Märchen? „Die unendliche Geschichte“ von Michael Ende. In: Christ in der Gegenwart, 51, 16. Dezember 1984, S. 421. „Bildungsmärchen“Wilfried Kuckartz: Michael Ende „Die unendliche Geschichte“. Ein Bildungsmärchen. Essen 1984 (= Pädagogik des Vorbilds, Band 1). „modernes Märchen“ oder „Märchenbuch“. Man bescheinigt dem Buch eine Handlung auf Märchenebene, Märchen-Landschaften und eine märchenhafte Sprache. Ende selbst soll eine Affinität des Buches zum Märchen hergestellt haben,Reinhard Tschapke: Wunderbare Welten, unendliche Geschichten. In: Die Welt, 30. August 1995, S. 3.Titus Arnu: Lebendige Geschöpfe der Phantasie. In: Süddeutsche Zeitung, 30. August 1995, S. 13. die eine Märchenrenaissance eingeleitet hat.Heike Nollert: Kommt das Glück aus der Phantasie? Zum andauernden Erfolg des Autors Michael Ende. In: Kölner Stadt-Anzeiger, 23. Dezember 1983, S. 13. Tatsächlich spielen Märchen für Michael Ende eine ebenso wichtige Rolle wie für die deutsche Romantik. Seiner Ansicht nach sind Märchen keineswegs Kinderliteratur. Das, was heute als Kinderliteratur bezeichnet werde, gehe auf die Anfänge des 19. Jahrhunderts zurück. Märchen habe es zu dieser Zeit schon lange gegeben, aber sie seien nicht nur für Kinder bestimmt gewesen, sondern auch für Erwachsene. Laut Ende hatten Märchen damals eine größere Bedeutung als heute. Aber der moderne Intellektualismus habe die traditionelle europäische Spiritualität zu verdrängen begonnen und damit die persönliche Weltsicht mit ihrer aufschäumenden Leidenschaft; stattdessen sei die ganze Welt buchstäblich inhuman geworden. Interpretationen, die Endes Erzählung durchgängig märchenhafte Züge zuweisenKuckartz: Michael Ende „Die unendliche Geschichte“. S. 32. oder sie als ein am Volksmärchen orientiertes Kunstmärchen betrachten, entsprechen aber nicht den tatsächlichen Gegebenheiten. „Die unendliche Geschichte“ folgt weder in stilistischer noch in struktureller Hinsicht konsequent der Märchenform. Märchenelemente werden oft nur oberflächlich nachgeahmt oder nachgestellt. Die Rahmenhandlung erinnert vielmehr an einen Bildungsroman, der mit einer an Märchen im klassischen Sinne erinnernde Binnenhandlung zusammengeführt wird. Auf diese Weise werden Gegensätze wie Fiktion und Realität, das Ich und die Welt, innen und außen zusammengeführt und schließlich auf der Handlungsebene, nicht aber auf der Bewusstseinsebene, miteinander verschmolzen. Die unendliche Geschichte behandelt zudem phantastische (Konfrontation zweier Dimensionen) und romantische (Auflösung der Dimensionen) Themen. Die Märchenelemente dienen lediglich als Katalysator für einen phantastischen Bildungsroman und als Hülle für dessen Weiterführung im romantischen Sinne. Das Werk ist somit ein zugleich märchenhafter, phantastischer und romantischer Bildungsroman.

Inhalt Dualismus Menschenwelt und Phantasien, Handlungsstränge, Verschmelzung Michael Ende verschachtelt in seiner „Unendlichen Geschichte“ verschiedene Handlungsstränge miteinander, die in zwei unterschiedlichen Dimensionen angesiedelt sind. Auf der einen Seite steht die Erde, im Buch als „Äußere Welt“ oder „Welt der Menschenkinder“Kapitel IX. bezeichnet, unsere physische Lebenswirklichkeit. Auf der anderen Seite findet sich das märchenhafte Reich Phantásien, in dem der Mensch mit Hilfe der Phantasie seinen Wünschen Gestalt verleiht; eine andere Form unserer Lebenswirklichkeit, die sich nur im Geiste abspielt, für Ende aber nicht weniger real ist. Der erste Handlungsstrang behandelt die Geschehnisse in der Menschenwelt, der zweite die Ereignisse in Phantásien. Der dritte entsteht durch die Verschmelzung der beiden ersten Handlungsstränge und betrifft beide Welten.

Ende verbindet diese beiden Realitäten vor allem durch den Protagonisten, einen zehn- oder elfjährigen Jungen namens Bastian Balthasar Bux. Dieser bewegt sich innerhalb beider Ebenen und überschreitet mehrfach deren Grenzen. Wechselt der Handlungsverlauf zunächst zwischen den Dimensionen hin und her (Kapitel I. bis XII.), verschmelzen die Handlungsstränge durch Bastians Eintritt in das Reich der Phantasie schließlich miteinander (Kapitel XIII. bis XXVI., erste Hälfte), um sich anlässlich seiner Rückkehr in die Menschenwelt wieder zu trennen (Kapitel XXVI., zweite Hälfte).

Die Kapitel I bis XII (oder „A“ bis „L“) berichten davon, wie der Menschenjunge Bastian Balthasar Bux in einem Buch gespannt die Suche des gleichaltrigen Phantásiers Atréju verfolgt, der ausgeschickt wurde, die Ursache für die Krankheit der Herrscherin Phantásiens, der Kindlichen Kaiserin, zu finden, mit deren Tod auch das Reich der Phantasie vergehen würde. Schließlich begreifen beide, dass nur Bastian selbst die Rettung bringen kann; er muss der Kindlichen Kaiserin einen neuen Namen geben. Atréjus Aufgabe besteht darin, Bastian mit dem Problem vertraut zu machen und ihn auf den Weg nach Phantásien zu führen. Indem er die Unendliche Geschichte liest, begleitet Bastian Atréju gleichsam auf seiner Großen Suche.Kapitel I. bis XII. Der Verlauf der Handlung entspricht hier dem narrativen Prinzip der Heldenreise.

In den Kapiteln XIII. bis XXVI. („M“ bis „Z“) wird Bastian ein Teil Phantásiens. Er stellt fest, dass seine Phantasie ihm unendliche schöpferische Kraft verleiht, eine Macht, die ihm zugleich ein großes Maß an Verantwortung auferlegt, und zwar für seine Werke ebenso wie für sich selbst. Bastian muss seinen wahren Willen erkennen, um letztendlich den Weg nach Hause zu finden.Kapitel XIII. bis XXV.

Im letzten Kapitel (XXVI. bzw. „Z“), dessen zweite Hälfte wieder in der Welt der Menschen spielt, schildert Ende, wie sich Bastian durch seine Erfahrungen in Phantásien verändert hat und welche Lehren er aus seiner Reise zieht.

Struktur des Buches Damit der Leser leichter verfolgen kann, in welcher der Ebenen sich die Handlung zum aktuellen Zeitpunkt abspielt, hat der Autor seinem Roman eine besondere Struktur gegeben. Verschiedene Schriftfarben machen kenntlich, in welcher der beiden Dimensionen der jeweilige Handlungsstrang angesiedelt ist. Außerdem gliedert sich das Buch in 26 Kapitel, die jeweils mit einem bestimmten Buchstaben beginnen (in alphabetischer Reihenfolge von „A“ bis „Z“). Diese Hilfestellung verringert das Problem, dass ein geordneter Zugang zu der Erzählung aufgrund ihrer Vielschichtigkeit selbst in der Forschung als schwierig gilt.Prondczynsky, Andreas von: Die unendliche Sehnsucht nach sich selbst. Auf den Spuren eines neuen Mythos. Versuch über eine „Unendliche Geschichte“. Frankfurt a. M. 1983 (= Jugend und Medien, Band 3). S. 13.

Rote und grüne Schrift Die unendliche Geschichte ist in aller Regel nicht in schwarzer Schrift gedruckt. Die meisten Ausgaben verwenden zwei Schriftfarben. Rote Schrift steht dabei für Handlungsstränge, die in der Menschenwelt angesiedelt sind, blaugrüne bzw. grüne Schrift für die Geschehnisse in Phantásien (die Farben variieren). Nach Klaus Berger wird die Farbe Rot bei vielen Völkern als Farbe des Lebens geschätzt. Grün hingegen habe eine mittlere und vermittelnde Bedeutung, etwa zwischen den Farben Rot und Blau, die einerseits Hölle und andererseits Himmel symbolisierten.So auch zu finden in der Star-Wars-Saga von George Lucas; die bösen Sith tragen dort rote Lichtschwerter, die Jedi blaue oder grüne. In der esoterischen Farbenmystik sei die Bedeutung der Farbe Grün mit dem astralen Wachstum verbunden. Die Idee für die doppelte Farbgebung stammte von der Illustratorin Roswitha Quadflieg, die auch die Initialen an den Kapitelanfängen geschaffen hat.

Ende selbst hat die unterschiedliche Farbgebung in einem Interview wie folgt kommentiert:

Sechsundzwanzig Kapitel Das Buch hat 26 Kapitel, jedes davon beginnt in alphabetischer Reihenfolge von „A“ bis „Z“ mit einer großen, reichhaltig verzierten Initiale. Berger hält dies für eine Anspielung auf die Buchstabenmystik der Kabbala, was Ende auch bestätigt hat. Ende hielt Buchstaben für äußerst wichtig und legte auch in der Unendlichen Geschichte großen Wert darauf, so etwa beim Namen Xayíde, der unbedingt mit einem y geschrieben werden musste. Dabei lehnte er sich an den Gedanken der Kabbala an, dass Buchstaben Zahlenwerte haben und über den reinen Laut hinweg Bedeutungen entfalten. Der Erklärungswert eines Buchstaben umfasst letztlich mehr als nur einen Laut, sondern verweist auf die menschliche Innenwelt.

Die Gesamtgestaltung wurde zusammen mit der Illustratorin Roswitha Quadflieg entwickelt.Michael Ende: Die unendliche Geschichte. Impressum. In der Neuauflage des Buches von 2004 fehlen diese Initialen sowie die grüne Schrift.Michael Ende: Die unendliche Geschichte. K. Thienemanns Verlag, Neuauflage von 2004. Dabei spielen die Buchstaben eine wichtige Rolle für die Dramaturgie des Romans. Bastian tritt genau in der Mitte des Romans, beim Buchstaben M, nach Phantásien über.

Ende hat in seine Erzählungen immer wieder Elemente und Symbole eingeflochten, die eine zyklische anstelle einer linearen Weltauffassung symbolisieren sollen; darunter die Schlange und verschiedenste fernöstliche Bezüge. Die Illustration des letzten Buchstaben, des „Z“, lässt erkennen, dass dort wieder zurück auf das „A“ verwiesen wird. Denn schließlich hat eine unendliche Geschichte kein letztes Kapitel. Dieser Rückverweis findet seine Entsprechung im Alten vom Wandernden Berge, der „Die unendliche Geschichte“ niederschreibt und schließlich auf Bitten der Kindlichen Kaiserin wieder von vorn anfängt, dort nämlich, wo Bastian ins Antiquariat von Karl Konrad Koreander stürmt. Und als seine Erzählung die Stelle erreicht, wo die Kindliche Kaiserin ihn bittet, wieder von vorn zu beginnen, geschieht dies erneut. Alle Beteiligten bleiben so lange in einem ewigen Kreislauf gefangen, bis Bastian sich endlich traut, seinen Platz in der Geschichte einzunehmen, in sie hineintaucht und sie fortschreibt.Federica Malaspina: Michael Ende: L’esperienza del narrare il narrare. Abschlussarbeit (Tesi di laurea) der Università degli studi di Parma. Faccoltà di lettere e filosofia. Anno accademico 1993/1994.