Das Berliner Journal für Soziologie ist eine allgemeine soziologische Fachzeitschrift. Sie wird herausgegeben am Max-Weber-Kolleg für kultur- und sozialwissenschaftliche Studien der Universität Erfurt, am Institut für Sozialwissenschaften der Humboldt-Universität zu Berlin sowie an den Instituten für Soziologie der Friedrich-Schiller-Universität Jena und der TU Berlin. Sitz der Redaktion ist das Max-Weber-Kolleg in Erfurt.

Geschichte Obwohl Soziologie in der DDR seit 1964 als wissenschaftliches Fach anerkannt war, existierte keine eigenständige landesweite soziologische Fachzeitschrift. Zentrale Veröffentlichungsorte waren andere Organe, insbesondere die Deutsche Zeitschrift für Philosophie. Gegen Ende des Jahres 1989 trafen sich Soziologen aus der DDR, um die Gründung einer eigenen Fachzeitschrift vorzubereiten – ein Vorhaben, das über mehr als zwei Jahrzehnte immer wieder politisch abgewehrt worden war.

Die Gründung des Berliner Journals für Soziologie fiel in eine Phase, in der die Soziologie in der DDR zwar nicht mehr primär durch politischen Widerstand eingeschränkt wurde, zugleich aber das wissenschaftliche Institutionsgefüge im Zuge der deutschen Einheit rapide zerfiel. Vor diesem Hintergrund erschien eine dauerhafte institutionelle Verankerung einer neuen Fachzeitschrift zunächst unrealistisch, sodass man sich mit der Orientierung auf Berlin als vergleichsweise sicheren Wissenschaftsstandort bewusst gegen eine Bindung an die ungewisse Zukunft der DDR entschied. Auf dem fünften Kongress der DDR‑Soziologie im Februar 1990 wurde das geplante Berliner Journal für Soziologie als wichtiges Projekt der neu gegründeten Gesellschaft für Soziologie in der DDR beziehungsweise in Ostdeutschland vorgestellt. 1991 stufte Friedhelm Neidhardt, Gründungs‑ und Berufungsbeauftragter für das Institut für Sozialwissenschaften an der Humboldt‑Universität zu Berlin, die Zeitschrift als förderungswürdiges Vorhaben ein, sodass sie in den Neuaufbau der ostdeutschen Soziologie eingebunden wurde.

In den folgenden Jahrzehnten etablierte sich die Zeitschrift als wichtiges soziologisches Forum der Berliner Republik. Nachdem sie zunächst vom Akademie-Verlag verlegt worden war, erschien sie ab 1996 bei Leske+Budrich. Nach deren Übernahme durch Springer gehörte die Zeitschrift von 2004 zum Portfolio des VS Verlag für Sozialwissenschaften, seit 2012 erscheint sie unter dem Signum von Springer VS.

Das Institut für Sozialwissenschaften an der Berliner Humboldt-Universität blieb bis 2017 Redaktionssitz, geschäftsführender Herausgeber war bis 2019 Hans-Peter Müller. 2017 wechselte die Redaktion (unter der Leitung von Benjamin Seyd) ans Institut für Soziologie der Friedrich-Schiller-Universität Jena, 2019 ging die Geschäftsführung an den dort ansässigen Klaus Dörre. Seit 2024 ist die Redaktion am Max-Weber-Kolleg der Universität Erfurt beheimatet, Frank Ettrich († 2026) und Hartmut Rosa übernahmen als Editors-in-Chief. Die sukzessive Einbeziehung weiterer Standorte (Jena, Erfurt und TU Berlin) hatte zum Ziel, die Zeitschrift im Einklang mit ihrer ostdeutschen Gründungsgeschichte breiter aufzustellen.

Zielsetzung Der Berliner Journal für Soziologie veröffentlicht Beiträge aus allen Bereichen der Soziologie sowie ihrer Grenzgebiete. Neben wissenschaftlichen Abhandlungen umfasst das Spektrum auch Essays, Forschungsnotizen, Review-Essays sowie Debattenbeiträge. Besondere Aufmerksamkeit widmet das Journal bereits seit den 1990er-Jahren Arbeiten, die große gesellschaftliche Transformationsprozesse in den Blick nehmen. Stand dabei zunächst vor allem die politische Transformation in Ostdeutschland und ‑europa im Vordergrund, erweiterte sich der Blick später auf die ganze Vielfalt politischer, kultureller, technologischer und sozialökologischer Umbrüche der Gegenwart. Jüngere Schwerpunkte befassten sich u. a. mit dem Verhältnis von Wachstum und Demokratie (1–2/2018), Solidarität in modernen Gesellschaften (1/2020), der Corona-Pandemie (2/2020), der Max Weber-Gesamtausgabe (1/2021), Cooling-out bzw. Scheitern (3–4/2021), Klassen ohne Bewusstsein (2/2022), De-Globalisierung (3/2022), der soziologischen Theorie der Digitalisierung (3/2023), Eigentum in der Stadt (4/2024), Refiguration und Transformation (1/2025) und Sorge und Wohnen (3–4/2025). Geplant sind Hefte zu Demokratiekonflikten, zur inneren Bellifizierung mittelbarer Kriegsgesellschaften, zu Künstlicher Intelligenz und qualitativen Methoden sowie zu neuen Verständnissen von Authentizität und Eigentlichkeit. Erklärtes Ziel der Zeitschrift ist es, zentrale soziologische Problemstellungen vor dem Hintergrund aktueller Entwicklungen theoretisch zu durchdringen, empirisch zu kartieren und einer vertieften gesellschaftlichen Diskussion zugänglich zu machen.

Begutachtungsverfahren Die Zeitschrift befolgt ein mehrstufiges Peer-Review-Verfahren. Eingereichte Beiträge werden zunächst von der Redaktion geprüft. Anschließend erfolgt eine doppelblinde, anonymisierte externe Begutachtung. Auf Grundlage der Gutachten wird im Herausgeberkreis über die Annahme und Veröffentlichung der Beiträge entschieden. Die Zeitschrift ist bekannt für ihr aufwändiges wissenschaftliches Lektorat angenommener Beiträge.

Herausgeberschaft & Redaktion Als Herausgeberinnen und Herausgeber fungieren derzeit Kathrin Leuze (Friedrich-Schiller-Universität Jena, seit 2024), Martina Löw (Technische Universität Berlin, seit 2021), Hartmut Rosa (Friedrich-Schiller-Universität Jena und Universität Erfurt, seit 2019) sowie Philipp Staab (Humboldt-Universität zu Berlin, seit 2023). Editor-in-Chief der Zeitschrift ist Hartmut Rosa. Leitender Redakteur ist seit 2017 Benjamin Seyd.

Zu den ehemaligen Herausgeberinnen und Herausgebern zählen der 2026 verstorbene Frank Ettrich, der zugleich Gründungsredakteur der Zeitschrift war, sowie Peter Voigt (1991), Artur Meier (1991–1997), Manfred Lötsch, Hansgünter Meyer und Herbert F. Wolf (alle 1991–1992), Hans Bertram (1992–2007), Hildegard Maria Nickel (1992–2010), Hans-Peter Müller (1992–2019), Klaus Eder (1998–2015), Karin Lohr (2011–2023) und Klaus Dörre (2017–2023). Als Redakteurinnen und Redakteure fungierten bzw. fungieren Frank Ettrich (1991–1994), Steffen Sigmund (1993–2002), Henri Band (1994–1998; 2007–2009; seit 2011), Jürgen Mackert (1999–2007), Jochen Steinbicker (2002–2010), Christian Schmidt-Wellenburg (2004–2009), Anja Röcke (2009–2010), Andreas Häckermann (seit 2023), Janina Puder (seit 2024) und Virginia Kimey Pflücke (seit 2025).

Rezeption und Kennzahlen Für 2024 lag der Journal Impact Factor des Berliner Journal für Soziologie bei 1,3 (2023: 1,2; 2022: 1,1; 2021: 1,55; 2020: 0,567).ISI Web of Knowledge, Journal Citation Reports Social Sciences. 2024 war es die am höchsten eingestufte Allgemeine Soziologische Fachzeitschrift im deutschsprachigen Raum.

Literatur Frank Ettrich: Geschichte des Berliner Journals für Soziologie. In: Stephan Moebius & Andrea Ploder (Hrsg.): Handbuch der Geschichte der deutschsprachigen Soziologie. Bd. 1: Geschichte der Soziologie im deutschsprachigen Raum. Springer VS, Wiesbaden 2018, ISBN 978-3-658-07613-9, S. 989–996.

Weblinks Webseite des Berliner Journals für Soziologie bei Springer VS Artikelarchiv

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