mini|hochkant=1.5|Musicalische Exequien, Titelseite 1636 Die Musikalischen Exequien SWV 279–281 (op. 7) sind ein geistliches musikalisches Werk für Singstimmen und Basso continuo (Orgel und Violone) von Heinrich Schütz. Das Werk entstand als Begräbnismusik zur Beisetzung von Heinrich Posthumus Reuß am und wurde noch im selben Jahr bei Wolff Seyffert in Dresden gedruckt. Das damals geläufige lateinische Wort ex[s]equiae bedeutet „Leichenbegängnis“; es stellt keinen Traditionszusammenhang mit der ebenfalls oft Exsequien genannten katholischen Begräbnisliturgie her.
Geschichte Schütz komponierte die Musikalischen Exequien 1635/36 anlässlich des Todes seines Landesherrn Heinrich Posthumus Reuß. Sie könnten – laut dem Titelblatt der Musikalischen Exequien – erstmals zu dessen Trauergottesdienst und Beisetzung in der alten Johanniskirche in Gera erklungen sein.Sarkophag von Heinrich Posthumus Reuß, auf heinrich-schuetz-haus.de Die Feierlichkeiten fanden, wie von Heinrich Posthumus Reuß noch vor seinem Tod bestimmt, am Tag des Propheten Simeon, am Sonntag nach Darstellung des Herrn, dem statt, dessen Sterbelied, das Canticum B. Simeonis, zentral sowohl für Schütz’ Komposition als auch die Leichenpredigten war. Die Geraer Hofordnungen, die wegen des Dreißigjährigen Krieges, Pest, Kälte und Hunger kurz vor der Feier eine sparsamere Zeremonie als ursprünglich geplant festlegten, geben jedoch keinen Hinweis auf eine Aufführung von Schütz’ Musik.Heike Karg: Das Leichenbegängnis des Heinrich Posthumus Reuß 1636 – Ein Höhepunkt des protestantischen Funus. Kassel 2010. Dass sie tatsächlich aufgeführt wurde, ist eher unwahrscheinlich. Auch die „Textbücher“ zu dem Begräbnis, verschiedene Fassungen des Abdrucks Derer Sprüche Göttlicher Schrifft vnd Christlicher Kirchen Gesänge (Gera 1636),Abdruck Derer Sprüche Göttlicher Schrifft vnd Christlicher Kirchen Gesänge ..., Gera 1636 (Fassung 1; Fassung 2). verweisen nur implizit auf Schütz’ Exequien und spiegeln vermutlich nicht den realen, sondern idealisierten Ablauf wieder. Denn als Teil der herrscherlichen Repräsentation und Erinnerungskultur hatten der Musikdruck und die Funeralschriften über den Sterbetag hinaus gehende wichtige symbolische Bedeutung. Schütz selbst betrachtete die Musikalischen Exequien nicht nur als flüchtiges Gelegenheitswerk, sondern reihte es als Opus 7 unter seine anderen Werksammlungen.Beate Agnes Schmidt: Heinrich Schütz und der Tod von Heinrich Posthumus Reus. Blog der Forschungsbibliothek Gotha, 10. Mai 2024.
Der Fürst hatte noch zu seinen Lebzeiten eine Sammlung von Bibelversen und Liedtexten zusammengestellt, mit denen sein Sarg beschriftet werden sollte. Dieselbe Textsammlung übergab Heinrichs Witwe nach dessen Tod am an Schütz, der sie zur Grundlage des ersten Teils der Exequien – vor der Predigt – machte. Nach der Predigt über den Text „Herr, wenn ich nur dich habe“ schloss Schütz als zweiten Teil der Exequien die Vertonung ebendieses Textes als Motette an. Zur Bestattung des Sarges in der Familiengruft unter der Kirche erklang als abschließende fünfstimmige Motette der Lobgesang des Simeon Herr, nun lässest du deinen Diener in Frieden fahren.
Werkbeschreibung Die Musikalischen Exequien sind für Vokalstimmen und Basso continuo komponiert, wobei die drei Teile unterschiedlich besetzt sind. Der erste Teil ist sechsstimmig ausgeführt (2 Soprane, Alt, 2 Tenöre, Bass, wobei im Altus-Stimmbuch einmal ein zweiter Bass verlangt ist). Im Vorwort zur gedruckten Ausgabe erläutert Schütz, dass an den mit „Capella“ bezeichneten Teil-Sätzen weitere Ripieno-Sänger zu jeder Stimme hinzutreten können. Der zweite Teil verlangt zwei jeweils mit Sopran, Alt, Tenor und Bass besetzte Teilensembles. Im dritten Teil kontrastiert eine 5-stimmige „Capella“ (Sopran, Alt, 2 Tenöre, Bass) mit drei Solostimmen (2 Soprane und Bariton als zwei Seraphim mit der Beata Anima), die als Fernchor aufzustellen sind – bei entsprechenden Möglichkeiten mehrfach an bis zu drei verschiedenen Stellen des Aufführungsraumes.
Satzfolge mini|Motette Herr, wenn ich nur dich habe, gesungen von Cantus Polonicus Teil I: Concert à 6 in form einer teutschen Missa, SWV 279 (Besetzung: Singstimmen SSATTB, Basso continuo) Intonatio (Tenor): Nacket bin ich von Mutterleibe kommen Soli (Tenor, Quintus, Bassus): Nacket werde ich wiederum dahinfahren Capella: Herr Gott, Vater im Himmel Soli (Cantus, Sextus, Tenor): Christus ist mein Leben, Sterben ist mein Gewinn (/) Capella: Jesu Christe, Gottes Sohn Soli (Altus, Bassus): Leben wir, so leben wir dem Herren Capella: Herr Gott, Heiliger Geist Intonatio (Tenor): Also hat Gott die Welt geliebet, daß er seinen eingebornen Sohn gab Soli (Cantus, Sextus, Altus, Tenor): Auf daß alle, die an ihn gläuben, nicht verloren werden Capella: Er sprach zu seinem lieben Sohn (Martin Luther, Nun freut euch, lieben Christen g’mein) Soli (Sextus, Quintus): Das Blut Jesu Christi Capella: Durch ihn ist uns vergeben (Ludwig Helmbold) Soli (Cantus, Bassus, Altus): Unser Wandel ist im Himmel Capella: Es ist allhier ein Jammertal (Johann Leon) Soli (Tenor, Quintus): Wenn eure Sünde gleich blutrot wäre Capella: Sein Wort, sein Tauf, sein Nachtmahl (Ludwig Helmbold) Solo (Altus): Gehe hin mein Volk Soli (Cantus, Sextus, Bassus): Der Gerechten Seelen sind in Gottes Hand Solo (Tenor): Herr, wenn ich nur dich habe Soli (Altus, Tenor, Quintus, Bassus): Wenn mir gleich Leib und Seele verschmacht Capella: Er ist das Heil und selig Licht (Martin Luther, Mit Fried und Freud ich fahr dahin) Soli (Bassus, Bassus-Altus): Unser Leben währet siebenzig Jahr Capella: Ach, wie elend ist unser Zeit (Johannes Gigas) Solo (Tenor): Ich weiß, daß mein Erlöser lebt Capella: Weil du vom Tod erstanden bist (Nikolaus Herman) Soli (Cantus, Altus, Tenor, Bassus, Quintus, Sextus): Herr ich lasse dich nicht du segnest mich denn Capella: Er sprach zu mir (Martin Luther, Nun freut euch, lieben Christen g’mein) Teil II: Motette Herr, wenn ich nur dich habe, SWV 280 (Besetzung: 8 Singstimmen doppelchörig SATB/SATB, Basso continuo ad libitum) Teil III: Canticum B. Simeonis Herr, nun lässest du deinen Diener in Frieden fahren, SWV 281 (Besetzung: Favoritchor SSBar, Kapellchor SATTB, Basso continuo)
Diskographie (Auswahl) Harmonia Mundi France, 1987: La Chapelle Royale, Philippe Herreweghe Coro 2006 / 1998: The Sixteen, Symphony of Harmony and Invention, Harry ChristophersHörproben Ricercar 2010: Vox LuminisHörproben: Heinrich Schütz: Musikalische Exequien SWV 279, auf jpc.de Raumklang 2010: Ensemble AmarcordHörproben: Amarcord Ensemble – Von den letzten Dingen, auf jpc.de Carus 2011: Dresdner Kammerchor, Hans-Christoph RademannHörproben: Heinrich Schütz (1585–1672) Musikalische Exequien, auf dresdner-kammerchor.de cpo 2008/2010: Weser-Renaissance Bremen, Manfred CordesHörproben: Heinrich Schütz: Musikalische Exequien SWV 279-281, auf jpc.de Musikproduktion Dabringhaus & Grimm (MDG) 2012: Stuttgarter Hymnus-Chorknaben, Musica Fiata, Rainer Johannes Homburg, Roland WilsonHörproben: Heinrich Schütz: Musikalische Exequien SWV 279-281, auf jpc.de
Literatur Werner Breig: Heinrich Schütz’ „Musikalische Exequien“: Überlegungen zur Werkgeschichte und zur textlich-musikalischen Konzeption. In: Schütz-Jahrbuch 11, 1989, S. 53–68 Norbert Bolin: ›Sterben ist mein Gewinn‹ (Phil. 1, 21). Ein Beitrag zur evangelischen Funeralkomposition der deutschen Sepulkralkultur des Barock, 1550–1750. Kassel 1989. Renate Steiger, »›Der gerechten Seelen sind in Gottes Hand‹. Der Sarg des Heinrich Posthumus Reuß als Zeugnis lutherischer ars moriendi«, in: Diesseits- und Jenseitsvorstellungen im 17. Jahrhundert, hrsg. von Ingeborg Stein, Jena 1996, S. 189–212. Hans Gebhard (Hrsg.): Harenberg Chormusikführer. Harenberg, Dortmund 1999, ISBN 3-611-00817-6. Werner Oehlmann, Alexander Wagner: Reclams Chormusik- und Oratorienführer. 7. Auflage. Reclam, Stuttgart 1999, ISBN 3-15-010450-5. Werner Breig, »Von der ›Sterbens-Erinnerung‹ zur ›Teutschen Missa‹ und vom ›Wercklein‹ zum Werk. Zu Entstehungs- und Rezeptionsgeschichte von Schütz’ ›Musikalischen Exequien‹«, in: Schütz-Jahrbuch 41, 2019, S. 21–35. Beate Agnes Schmidt: Tod und Unsterblichkeit: Gedanken zu den „Musikalischen Exequien“. In: Schütz-Jahrbuch 45, 2023, S. 48–58.
Werkausgaben Neue Ausgabe sämtlicher Werke (NSA), Bd. 4: Musikalische Exequien, hrsg. von Beate Agnes Schmidt, Kassel: Bärenreiter Verlag 2024, ISMN 9790006575329. Stuttgarter Ausgabe: Musikalische Exequien: op. 7; SWV 279-281, hg. von Günter Graulich, Stuttgart: Carus-Verlag 1992. Heinrich Schütz, Sämmtliche Werke, Bd. 12: Gesammelte Motetten, Concerte, Madrigale und Arien. Erste Abtheilung, Leipzig 1892.
Weblinks
Musikalische Exequien: Text, Entstehung, Analyse etc. bei heinrich-schuetz-haus.de
Einzelnachweise
Kategorie:Werk von Heinrich Schütz Kategorie:Geistliches Chorwerk Kategorie:Trauermusik Kategorie:Musik 1636 Kategorie:Chorwerk aus dem 17. Jahrhundert