mini|Paul Fürbringer. Foto von 1901. Paul Walther Fürbringer (* 7. August 1849 in Delitzsch; † 21. Juli 1930 in Berlin) war ein deutscher Arzt. Er verwendete 1888 die Händedesinfektion mit Alkohol und Sublimat vor Operationen und empfahl ab 1904 die Zyklotherapie.
Leben Fürbringer war Sohn eines höheren richterlichen Beamten in Delitzsch und verbrachte seine Schulzeit in Oberschlesien. Er war der Bruder des Anatomen und Ornithologen Max Fürbringer (1846–1920). Paul Fürbringer studierte in Berlin und Jena und machte als Hilfsarzt den Feldzug 1870/71 mit. 1872 bis 1874 arbeitete er am pathologischen Institut in Jena. In Jena wurde er 1874 mit einer Arbeit über das Kopfskelett von Myxine glutinosaMyxine glutinosa ist der wissenschaftliche Name des Atlantischen Schleimaals oder Gewöhnlichen Schleimaals, einer Art aus der Gruppe der Schleimaale (Myxinidae). zum Doktor der Medizin promoviert. Er war Assistent in Jena und in Heidelberg bei Nicolaus Friedreich, wo er über die Lungenmykosen des Menschen und Quecksilberwirkung arbeitete.
1879 wurde er Professor für Haut- und Kinderkrankheiten an der Universität Jena und übernahm die medizinische Distriktspoliklinik in Jena. 1886 wurde er als Direktor der inneren Abteilung des Krankenhauses Friedrichshain zu Berlin und 1890 zugleich zum Geheimen Medizinalrat und Mitglied des Königlichen Medizinalkollegiums für Berlin und die Mark Brandenburg ernannt. 1903 legte er seine Krankenhausstellung nieder, blieb aber bis zu seinem Tod als ärztlicher Konsiliarius und Gutachter tätig.
Händedesinfektion Fürbringer führte 1888 (vierzig Jahre nach Ignaz Semmelweis) ein spezielles Verfahren der präoperativen Hände- und Unterarmdesinfektion (Fürbringer-Methode; mit Alkohol und Sublimat) ein.Paul Fürbringer: Untersuchungen und Vorschriften über die Desinfection der Hände des Arztes. Nebst Bemerkungen über den bacteriologischen Charakter des Nagelschmutzes. J. F. Bergmann, Wiesbaden 1888.Günter Thiele, Heinz Walter (Hrsg.): Reallexikon der Medizin und ihrer Grenzgebiete. Verlag Urban & Schwarzenberg, Loseblattsammlung, München / Berlin / Wien 1969, 3. Ordner (F–Hyperl), ISBN 3-541-84000-5, S. F 214. „Diese historische Methode der chirurgischen Händedesinfektion [war] durch einen hohen Zeitaufwand und starke Hautbeanspruchung gekennzeichnet.“ „Fürbringer-Methode: heute aus hygienischen Gründen nicht mehr übliche Methode der Desinfektion der Hände und Unterarme vor operativen Eingriffen: 10 Minuten Bürsten mit Seife unter heißem Fließwasser, Nägelreinigen, 3 bis 5 Minuten Abreiben mit 70 %igem Alkohol unter Verwendung sterilen Mulls; eventuell 3 Minuten Abspülen in 1 Promille-Sublimat-Lösung oder anderem Desinfektionsmittel.“Linus Geisler (Hrsg.): Lexikon Medizin. 4. Auflage, Elsevier Verlag, München 2005, ISBN 3-625-10768-6, S. 586.Roche Lexikon Medizin. 5. Auflage, Verlag Urban & Fischer, München / Jena 2003, ISBN 3-437-15156-8, S. 652. „Fürbringersche Desinfektion: Händereinigung mit heißem Wasser und Seife, Alkohol, Lysol.“ „Fürbringersche Händedesinfektion: Bürsten der Hände und Vorderarme mit Seife und warmem Wasser 3 Minuten; dasselbe nach Nägelreinigung wiederholen; Abreiben mit 70 % Alkohol 2 Minuten; Abbürsten mit 2 % Lysollösung 2 Minuten.“Herbert Volkmann (Hrsg.), Walter Guttmann (alias Walter Marle, Walter Guttmann-Marle): Medizinische Terminologie. 35. Auflage. Urban & Schwarzenberg, München / Berlin 1951, Spalte 350.
Zyklotherapie Paul Fürbringer war 1904 im Rahmen der Sporttherapie auch der Erstbeschreiber der Zyklotherapie. Man verstand früher unter einer „Cyklotherapie [nach] Fürbringer, ϑεραπεία Behandlung, Radfahren als Behandlungsmittel“Otto Dornblüth: Klinisches Wörterbuch, 3. Auflage, Verlag von Veit & Comp., Leipzig 1907, S. 49. oder später unter der Zyklotherapie einfach „Radfahren als Kurmittel“Otto Dornblüth: Klinisches Wörterbuch, 11. Auflage, Verlag Walter de Gruyter, Berlin / Leipzig 1922, S. 457. beziehungsweise Radfahren als Behandlungsverfahren.Paul Fürbringer: Medicinische Winke fürs Radfahren. Carl Marhold Verlag, Halle an der Saale 1904.Meyers Großes Konversations-Lexikon, Band 20, Leipzig 1909, S. 1052. . Otto Dornblüth erwähnte die Zyklotherapie in seinem Klinischen Wörterbuch letztmalig 1926 in der zwölften Auflage.
Forschung Außerdem entwickelte er einen Eiweißnachweis im Harn (Fürbringer-Reaktion)Günter Thiele, Heinz Walter (Hrsg.): Reallexikon der Medizin und ihrer Grenzgebiete. Verlag Urban & Schwarzenberg, Loseblattsammlung, München / Berlin / Wien 1969, 3. Ordner (F–Hyperl), ISBN 3-541-84000-5, S. F 214. sowie chirurgische Instrumente (z. B. Fürbringer-TrokarGünter Thiele, Heinz Walter (Hrsg.): Reallexikon der Medizin und ihrer Grenzgebiete. Verlag Urban & Schwarzenberg, Loseblattsammlung, München / Berlin / Wien 1969, 3. Ordner (F–Hyperl), ISBN 3-541-84000-5, S. F 214.). Das Fürbringersche Zeichen beschrieb die „atemsynchrom[gemeint:n]e Bewegung der Punktionsnadel als Zeichen ihrer transdiaphragmalen Lage in einem subphrenischen Abszeß.“Günter Thiele, Heinz Walter (Hrsg.): Reallexikon der Medizin und ihrer Grenzgebiete. Verlag Urban & Schwarzenberg, Loseblattsammlung, München / Berlin / Wien 1969, 3. Ordner (F–Hyperl), ISBN 3-541-84000-5, S. F 214.Paul Fürbringer: Ueber die Punktionstherapie der serösen Pleuritis und ihre Indication. In der Reihe: Fischer’s Medicinische Buchhandlung, Berlin 1890 (Berliner Klinik, Heft 22).
Weitere Arbeitsgebiete waren Krankheiten des Urogenitalsystems, Quecksilberwirkungen, akute Infektionskrankheiten, Leberkrankheiten, Lumbalpunktionen mit anschließender Liquordiagnostik (mit ersten systematischen Untersuchungsergebnissen 1895Wolfgang Seeger, Carl Ludwig Geletneky: Chirurgie des Nervensystems. In: Franz Xaver Sailer, Friedrich Wilhelm Gierhake (Hrsg.): Chirurgie historisch gesehen. Anfang – Entwicklung – Differenzierung. Dustri-Verlag, Deisenhofen bei München 1973, ISBN 3-87185-021-7, S. 229–262, hier: S. 232.), Klimatotherapie (Reiseberichte aus den Mittelmeerländern), Ernährungstherapie und Pharmakologie.
1925 wurde er Ehrenmitglied der Leopoldina, in die er 1883 aufgenommen worden war.
Paul Fürbringer starb, kurz vor seinem 81. Geburtstag, im Juli 1930 in Berlin und wurde auf dem Alten Zwölf-Apostel-Kirchhof in Schöneberg beigesetzt. Das Grab ist nicht erhalten.Hans-Jürgen Mende: Lexikon Berliner Begräbnisstätten. Pharus-Plan, Berlin 2018, ISBN 978-3-86514-206-1, S. 751.
Schriften Die Muskeln des Kopfskelets der Myxine glutinosa unter specieller Würdigung der Kaufunction. Inaugural-Dissertation, Jena: Mauke, 1874. Untersuchungen zur vergleichenden Anatomie der Muskulatur des Kopfskelets der Cyclostomen, Jena: Dufft 1875. Ueber Spermatorrhöe und Prostatorrhöe, Leipzig: Breitkopf und Härtel, 1881. Untersuchungen und Vorschriften über die Desinfection der Hände des Arztes. Nebst Bemerkungen über den bacteriologischen Charakter des Nagelschmutzes. J. F. Bergmann, Wiesbaden 1888, 68 Seiten. Die inneren Krankheiten der Harn- und Geschlechtsorgane. In: Klinisches Handbuch der Harn- und Sexualorgane. Verlag Friedrich Wreden, Braunschweig 1884; 2. Auflage 1890. Ueber die Punktionstherapie der serösen Pleuritis und ihre Indication. Fischer’s Medicinische Buchhandlung, Reihe Berliner Klinik, Heft 22, Berlin 1890, 15 Seiten. Die Störungen der Geschlechtsfunctionen des Mannes. In: Hermann Nothnagel (Hrsg.): Specielle Pathologie und Therapie. Band XIX, Teil 3, Alfred Hölder, Wien 1895; 2. Auflage, Wien 1901. Sterilität des Mannes. In: Albert Eulenburg (Hrsg.): Real-Encyclopädie der gesammten Heilkunde, 2. Auflage, 19. Band, Urban & Schwarzenberg, Wien / Leipzig 1889, S. 57–65. (Digitalisat). Medicinische Winke fürs Radfahren. Carl Marhold Verlag, Halle an der Saale 1904.
Literatur
Lexikon der Naturwissenschaftler. Berlin 2004.
Weblinks
Einzelnachweise
Kategorie:Mediziner (19. Jahrhundert) Kategorie:Mediziner (20. Jahrhundert) Kategorie:Mitglied der Leopoldina (19. Jahrhundert) Kategorie:Ehrenmitglied der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina Kategorie:Person (Berlin) Kategorie:Deutscher Kategorie:Geboren 1849 Kategorie:Gestorben 1930 Kategorie:Mann