Die Geschichte des Fernsehens umfasst die Entwicklung der Fernsehtechnik und der Technik zur Ausstrahlung der Fernsehprogramme von den Anfängen im 20. Jahrhundert bis zur Gegenwart.
Entwicklung Die Bildzerlegung gerahmt|rechts|Schematische Darstellung einer Nipkow-Scheibe
Auf die Möglichkeit, Bilder punkt- und zeilenweise abzutasten und die Helligkeitswerte elektrisch zu übertragen sowie auf den Nutzen einer derartigen Technik wies Alexander Bain schon 1843 hin. Die erste brauchbare Umsetzung erfand 1883 Paul Nipkow. Sein elektrisches Teleskop zerlegt mit Hilfe einer rotierenden, mit spiralförmig angeordneten Löchern versehenen Scheibe Bilder in Hell-Dunkel-Signale beziehungsweise setzt sie wieder zusammen. Er meldete diese nach ihm benannte Nipkow-Scheibe am 6. Januar 1884 zum Patent an. Nach seinen Ideen gelangen Anfang des 20. Jahrhunderts die ersten Fernsehbildübertragungen. Nipkow wird deshalb als der Erfinder der ersten praktischen Realisierung des Fernsehens bezeichnet.heise.de: Vor 125 Jahren: Das Prinzip "Fern"-Sehen wird patentiert
rechts|mini|Fernsehbild auf einem Fernseher mit Nipkowscheibe (vertikale Zeilenanordnung) mini|Gedenktafel am Haus Rognitzstraße 9 in Berlin-Westend Nipkow selbst hat seine Idee jedoch nie verwirklicht, es gab zur damaligen Zeit noch keine geeignete Verstärkungsmöglichkeit und die damals einzige bekannte lichtempfindliche Zelle, die Selenzelle, war zu träge für Fernsehübertragungen.
Elektronische Bildzerlegung und -wiedergabe 1897 entwickelten Ferdinand Braun und Jonathan Zenneck die Kathodenstrahlröhre, auch „Braunsche Röhre“ genannt. Mittels eines Elektronenstrahls und seiner Steuerung durch elektrostatische Ablenkplatten oder elektromagnetische Spulen ließen sich aufeinanderfolgende Bildpunkte auf eine mit Leuchtstoff beschichtete Glasscheibe projizieren. Die Kathodenstrahlröhre fand ihre ersten Anwendungen in Messapparaturen, beispielsweise bei Oszilloskopen. Bis Anfang der 2000er-Jahre ständig weiterentwickelt, bildete sie lange Zeit die Grundlage zur Darstellung von Fernsehbildern. 1906 benutzte Max Dieckmann eine Braunsche Röhre zur Wiedergabe 20-zeiliger schemenhafter Schattenbilder im Format 3 × 3 cm. 1907 gelang dem Russen Boris Rosing die erste Übertragung eines schemenhaften Fernsehbildes, wofür er in vielen Ländern, darunter auch in Deutschland, ein Patent erhielt. Auch Campbell Swinton verwendete 1911 eine Kathodenstrahlröhre zur Bildwiedergabe.
Wladimir Kosmitsch Sworykins Experimente führten zur Entwicklung des Ikonoskops, der ersten brauchbaren Bildaufnahmeröhre. Damit stand erstmals für das senderseitige Verfahren der Bildzerlegung eine elektronische Lösung zur Verfügung. Sworykin, ein Schüler von Boris Rosing, beantragte 1923 dafür ein Patent.R. W. Burns, „The birth of television“. In: British television:The formative years, Science Museum, London. Seite 15, ISBN 978-08634-1079-6.
In der Literatur wird mehrfach berichtet, dass Dénes von Mihály 1919 einfache Bilder über mehrere Kilometer hinweg übertrug. Ob er dazu bei der Bildzerlegung ein optomechanisches oder ein elektronisches Verfahren anwandte, ist nicht belegt. Bekannt ist nur, dass er Bairds Verfahren der Bildzerlegung als Provisorium betrachtete.Dr. Alfred Gradenwitz, „Mihalys Tele-Cinema“, In: Magazin Television der Royal Television Society, April 1929, Seite 59 August Karolus entwickelte den nach ihm benannten Telefunken-Karolus-Bildtelegraphen. Seine Bildvorführungen, die er mit Hilfe der von ihm verbesserten Kerr-Zelle erzielte, beruhten auf der Ausnutzung des elektrooptischen Kerr-Effekts. Karolus gelang 1925 damit eine Bildübertragung von Berlin nach Leipzig.
Alle diese Versuche hatten mit den in den 1920er-Jahren von John Logie Baird in Großbritannien sowie Herbert E. Ives und Charles Francis Jenkins in den USA unternommenen Vorführungen gemeinsam, dass mechanische Bildzerleger eingesetzt wurden. Baird hatte hierzu Nipkows Erfindung zu einer wirkungsvolleren Scheibe weiterentwickelt. Am 26. Januar 1926 veranstaltete Baird in London die weltweit erste Fernsehvorführung. 1927 übertrug er ein Fernsehsignal zwischen Glasgow und London und am 8. Februar 1928 überbrückte seine Fernsehtechnik mit mechanischer Bildzerlegung bereits den Atlantik.BBC-History John Logie Baird (1888–1946), Veröffentlichungen der BBC Seine Versuchsendungen setzte 1931 die BBC fort.
1926 experimentierte Kenjiro Takayanagi mit Bairds Art der Bildzerlegung, benutzte aber zur Wiedergabe der Bilder eine Elektronenstrahlröhre. Er bildete das zuvor aufgenommene Katakana-Schriftzeichen auf einer Braunschen Röhre ab.Kenjiro Takayanagi: The Father of Japanese Television, Veröffentlichungen der Die erste vollelektronische Übertragung von Bildern mit Elektronenstrahlröhren auf Sender- und Empfangsseite gelang Philo Farnsworth am 7. September 1927.
Der ungarische Erfinder Kálmán Tihanyi verbesserte die Empfindlichkeit der Kathodenstrahlröhre und erfand 1928 das Radioskop, ein vollständig elektronisches Fernseh-System, bestehend aus einer Kamera, einer Bildaufnahmeröhre, die aufnahmeseitig Sworykins Ikonoskop ähnlich war, und einem Fernsehgerät.Virginio Cantoni, Gabriele Falciasecca, Giuseppe Pelosi: Storia delle telecomunicazioni Volume 1. Firenze University Press. Florenz, 2011. S. 446. ISBN 978-88645-3243-1.
mini|Der Erfinder Hugo Gernsback schaut eine Fernsehübertragung. Illustration nach einem Originalfoto auf dem Titel der Radio News vom November 1928. Am 11. Mai 1928 präsentierte der Ungar Dénes von Mihály in Berlin in kleinem Kreis mit seinem Empfangsgerät Telehor die erste Fernsehübertragung in Deutschland. Im selben Jahr stellte auch August Karolus auf der 5. Großen Deutschen Funk-Ausstellung Berlin seine Fernsehanlage vor; das Empfangsbild des Telefunken-Prototyps hatte eine Größe von 8 × 10 cm und eine Auflösung von etwa zehntausend Bildpunkten. V. Mihálys Telehor lieferte mit einer Bildgröße von 4 × 4 cm und nur 900 Bildpunkten eine wesentlich schlechtere Bildqualität, erzielte aber eine größere öffentliche Resonanz. Der Telefunken-Prototyp war unverkäuflich, v. Mihály jedoch versuchte, sein Gerät zu verkaufen. Angesichts von nur stundenweisen Versuchssendungen über einige Sender der Reichspost (DRP), der eher schlechten Bildqualität, den hohen Gerätepreisen und vor allem der 1929 beginnenden Weltwirtschaftskrise war das ein aussichtsloses Unterfangen. Dennoch gilt der 31. August 1928 als Startdatum des Fernsehens in Deutschland.
Ende 1929 veröffentlichten Elektronik-Bastler erste Bauanleitungen für Fernsehempfänger, die teilweise sogar Bild und Ton empfangen konnten; einen praktischen Nutzen hatten diese Basteleien nur bedingt, da der Versuchssender Witzleben erst ab 1934 Fernsehprogramme mit Ton ausstrahlte, die britische BBC schon seit 1931. Die seit 1930 erscheinende britische Zeitschrift "Practical Television" geht in ihrer Ausgabe von März 1934 von rund 3000 Besitzern selbstgebauter Fernseher sowie rund 1000 Besitzern gekaufter Fernseher alleine in Großbritannien aus.
Anfang der 1930er-Jahre gab es praktisch nur mechanisches Fernsehen. Die Kathodenstrahlröhre galt zunächst als zu kompliziert und zu teuer. Man versprach sich jedoch durch ein vollelektronisches Fernsehsystem eine wesentlich höhere Bildauflösung. In Deutschland präsentierte Manfred von Ardenne auf der Deutschen Funkausstellung 1931 erstmals öffentlich ein vollelektronisches Fernsehen mit Kathodenstrahlröhre. Dies gilt als Weltpremiere des elektronischen Fernsehens. Endlich Fernsehen!, Er ist ein junger deutscher Physiker aus Hamburg, der 1930 das Fernsehen aus der Taufe hob - Manfred von Ardenne, DRadio Wissen vom 14. Dezember 2014, abgerufen am 14. Dezember 2014
Auch nach 1937 konkurrierten mechanische Fernsehsysteme noch mit dem elektronischen Fernsehen. Insbesondere die Fernseher mit Spiegelschraube der Firma TeKaDe konnten durch große Helligkeit und Bildschärfe überzeugen. Erst nach Erhöhung der Zeilenzahl auf 441 Zeilen wurde der mechanische Fernseher in der Herstellung unwirtschaftlich. Einzig die britische Firma Scophony baute noch bis zum Beginn des Zweiten Weltkriegs mechanische Fernseher für 405 Zeilen bzw. 441 Zeilen für die USA.
1929 begann der Rundfunksender Witzleben über den Berliner Funkturm mit ersten regelmäßigen Testsendungen. Die ersten Fernsehbilder wurden am 8. März zu Testzwecken in das Fernsehlaboratorium der Post übertragen.Deutschlandfunk: "Wir sahen nicht allzu viel", abgefragt am 8. März 2009 Kurz darauf setzte die Reichspost die erste deutsche Fernseh-Norm fest: Zerlegung des Bildes in 30 Zeilen, was 1200 Bildpunkten entspricht, bei 12,5 Bildwechseln pro Sekunde. Die Norm wurde laufend der technischen Entwicklung angepasst:
Jahr Anzahl Zeilen Bildwechselin Hz 1929 30 12,5 1931 48 25 1932 90 25 1934 180 25 1936 375 25 1937 441 25* * Einführung des Zeilensprungverfahrens, 25 Bildwechsel beziehungsweise 50 Halbbilder von je 220½ Zeilen
Kurz vor Aufnahme der ersten Versuchsendungen in Deutschland begann in Großbritannien John Logie Baird in den Nachtstunden mit einem regelmäßigen Versuchsprogramm auf Sendern der BBC. Die dortige Fernsehnorm betrug bis 1935 30 Zeilen, vertikal in einem Seitenverhältnis 3:7 bei 12,5 Bildern pro Sekunde. 1936 begann auch in Großbritannien das Zeitalter des hochauflösenden Fernsehens. Es wurde zunächst im Versuchsbetrieb im wöchentlichen Wechsel mit dem 240-Zeilen-System Bairds und nach dem System der Marconi Company mit 405 Zeilen gesendet. Bereits im Februar 1937 wurde ein System mit 405 Zeilen und 25 Bildern pro Sekunde bei einem Bildseitenverhältnis von zunächst 5:4 festgelegt. 1950 wurde auf das Seitenverhältnis von 4:3 umgestellt. Als Fernsehnorm A blieb dies bis 1965 der alleinige Standard in Großbritannien, ab 1965 wurde es zunächst durch die europäische CCIR-Norm mit 625 Zeilen ergänzt, ab 1985 komplett abgelöst. Das Fernsehprogramm wurde nach Kriegsausbruch 1939 eingestellt und erst 1946 wieder aufgenommen.
mini|"Fernsehen im Lazarett", März 1942, deutsches Propagandabild mini|links|Spiegelfernseher von 1937 in Betrieb mit Standbild des Fernsehsenders Paul Nipkow Auch in anderen europäischen Staaten gab es Fernsehversuchssendungen. In den Niederlanden gab es auf Privatinitiative hin ab 1934 einen regelmäßigen Fernsehversuchsdienst in der britischen Norm mit 30 Zeilen, der bis zum Beginn des Zweiten Weltkriegs im September 1939 in Betrieb blieb. 1949 wurde dort das Fernsehen nach der CCIR-Norm mit 625 Zeilen eingeführt.
In Frankreich wurde ebenfalls Fernsehversuchsendungen durchgeführt. Um 1937 hatte man ein serienreifes hochauflösendes Fernsehsystem entwickelt, das zunächst mit 437 Zeilen sendete. Nach der Besetzung von Paris durch die Wehrmacht wurde der Sender auf dem Eiffelturm beschlagnahmt und auf die deutsche Norm mit 441 Zeilen umgestellt. Das Programm war mit französischen Empfängern ohne Probleme empfangbar. Ausgestrahlt wurde ein Programm hauptsächlich für verwundete Soldaten in Lazaretten in Paris und Umgebung. Frankreich war das einzige Land Europas, in dem auch während des Krieges ununterbrochen Fernsehen empfangen werden konnte. In Deutschland mussten nach einem Bombenangriff 1944 die Sendungen eingestellt werden. Ab 1948 wurde die Ausstrahlung mit 800 Zeilen vom Eiffelturm fortgeführt.
In der Sowjetunion begannen öffentliche Versuchsendungen in den Städten Leningrad und Moskau ebenfalls bereits in den 1930er Jahren, überwiegend mit in den USA eingekaufter Technik. Die Entwicklung wurde während des Krieges nur verlangsamt, nach Kriegsende wurde wieder gesendet. Bekannt war der Fernseher „Leningrad“, der nach Vorbild des in Deutschland entwickelten „Volksfernsehers“ E1 in der Sowjetischen Besatzungszone bzw. später in der DDR für den sowjetischen Markt gefertigt wurde.