mini|Mittelschule der Basler Mission in Akropong, Ghana; zwischen 1888 und 1895 Die Schweizer Entwicklungszusammenarbeit ist die früher als Entwicklungshilfe bezeichnete staatliche Anstrengung der Schweiz, die Entwicklungspolitik in die Tat umzusetzen. Sie bezweckt in Zusammenarbeit mit ausländischen Partnern, die Armut zu reduzieren, die Sicherheit zu fördern bzw. Sicherheitsrisiken zu minimieren und die Globalisierung so zu unterstützen, dass sie nachhaltig und gerecht ist. Dabei konzentriert sich die Schweizer Entwicklungszusammenarbeit auf einzelne Schwerpunktländer und auf Themen, in denen sie kompetitive Vorteile sieht. Als Land, das nie Kolonien besass, geniesst die Schweiz dank ihrer Neutralität in vielen Fällen ein vertieftes Vertrauen anderer Staaten.

Geschichte Entstehung mini|Erste Konferenz der UNCTAD, 1964 in Genf mini|Charikot, Nepal, 1989, Foto von Fritz Berger mini|Helvetas: Trinkwasserbrunnen Mosambik Im Februar 1945 richtete der Bundesrat einen Aufruf an die Schweizer Bevölkerung, sich mit Spenden für den Wiederaufbau der kriegsversehrten Länder Europas zu engagieren. Die Bevölkerung reagierte überwältigend. Innerhalb kürzester Zeit spendeten sie fast 50 Millionen Franken für die Entwicklungshilfe. Der Bund steuerte seinerseits weitere 100 Millionen Franken bei. Die «Schweizer Spende» oder später auch «Schweizer Europahilfe» — wie die Hilfe für Europa damals hiess — stellt den Anfang des Engagements des Bundes für eine gerechtere und friedlichere Welt mittels finanzieller und technischer Unterstützung dar. Mit dieser Hilfe wurden verschiedene Projekte in Europa unterstützt. Die Hilfe reichte teilweise über Europa hinaus, indem sie beispielsweise Flüchtlingen, die aus Osteuropa nach Österreich geflüchteten waren und teilweise jahrelang in Flüchtlingslagern gelebt hatten, die Möglichkeit boten, mit finanzieller und logistischer Unterstützung nach Brasilien auszuwandern. So entstand dank der «Schweizer Europahilfe» die donauschwäbische Siedlung Entre Rios in Brasilien. Beim donauschwäbischen Kolonisationsprojekt handelte es sich um die grösste derartige Massenauswanderung. Das war für die schweizerische Entwicklungshilfe eine Pionierleistung und blieb bis heute ein Einzelfall.

Auf dem Hintergrund der weltweiten Dekolonisation und der aufkommenden Angst vor dem Kommunismus betrieb die Schweiz in ihrer Aussenpolitik nach dem Zweiten Weltkrieg eine Doppelstrategie. Sie verfolgte zum einen mit der Formel «Neutralität und Solidarität» eine globale Interessenpolitik. Der damalige Aussenminister Bundesrat Max Petitpierre sagte 1956 vor dem Schweizer Nationalrat, die Schweiz könne es sich nicht leisten, abseits zu stehen; es gelte, sich an den Entwicklungsbemühungen anderer Länder zu beteiligen. Zum andern war die Schweiz ins antikommunistische Lager des Westens eingebunden. So wurde die Entwicklungshilfe einerseits verstanden als Fortsetzung der humanitären Tradition (wie zum Beispiel die Aufnahme von 87'000 Angehörigen der Bourbaki-Armee samt ihren 12'000 Pferden oder die Unterstützung des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz, IKRK), andererseits als Mittel, den Kommunismus in den aufstrebenden Entwicklungsländern zurückzudrängen und neue Märkte zu erschliessen. Die schweizerische Entwicklungshilfe erfolgte in diesen Anfangszeiten einerseits auf der multilateralen Ebene. Der Bund gewährte ab 1950 erstmals Kredite an das UNO-Entwicklungsprogramm (UNDP) und für Expertenmissionen. Andrerseits unterstützte sie auf bilateraler Ebene vor allem die privaten schweizerischen Entwicklungsorganisationen. Diese Entwicklungshilfe bestand damals neben Experteneinsätzen aus Stipendien für Studierende aus Entwicklungsländern, aus Sonderaktionen für einzelne Staaten (z. B. Kongo) sowie aus Finanzhilfe, wie sie erstmals 1958 an die Türkei vergeben wurde.

In den fünfziger Jahren begannen in der Schweiz private Hilfswerke, in armen Ländern aktiv zu werden. Dabei konnten sie an die Erfahrungen schweizerischer Missionsgesellschaften (z. B. Basler Mission, Missionsgesellschaft Bethlehem) und Missionare in den Überseegebieten anknüpfen. Säkulare und kirchliche Organisationen wie die Schweizer Auslandshilfe (der Vorläufer von Swissaid) oder das Hilfswerk der evangelischen Kirchen der Schweiz (HEKS) hatten ihre Hilfe bisher auf Europa beschränkt und dehnten ihre Aktivitäten nun auch auf die Entwicklungsländer aus. 1955 wurde das Schweizerische Hilfswerk für aussereuropäische Gebiete (SHAG, heute Helvetas) gegründet. Vier Jahre später entstand die der Privatwirtschaft nahestehende Organisation Swisscontact. Die wichtigsten privaten Hilfswerke erhielten Bundesbeiträge für Projekte, die sie im Auftrag der Regierung durchführten. Inhaltlich konzentrierte man sich auf das, was man kannte: Milchwirtschaft und Viehzucht, Hotellerie und Berufsausbildung gehörten zu den ersten Projekten. Nicht nur die Ziele, sondern auch die Akteure der Entwicklungshilfe waren so verschieden, dass Spannungen und Misstrauen nicht zu vermeiden waren. So spielte die ETH damals eine entscheidende Rolle. Die Professoren sahen in der technischen Hilfe, vor allem in der Forstwirtschaft, aber auch in der Landwirtschaft, im Strassenbau oder im Vermessungswesen eine willkommene Gelegenheit, für sich und ihre Studierenden ein praktisches Betätigungsfeld zu erschliessen. Gleichzeitig förderten die privaten Hilfswerke mit Öffentlichkeitskampagnen die Bewusstseinsbildung der Bevölkerung bezüglich Entwicklungshilfe. Auf diese Weise entstand zwischen Bund und privaten Hilfswerken eine enge Zusammenarbeit und eine Arbeitsteilung. Entwicklungshilfe wurde innert kurzer Zeit zu einer relativ unbestrittenen staatlichen Aufgabe und zu einer akzeptierten Form der Teilhabe der Schweiz an internationalen Bestrebungen. Die Hilfswerke wurden von der Aussenwirtschaftspolitik explizit ferngehalten, was laut P. Hug und B. Mesmer zu ihrem Erfolg beigetragen habe.

Die sechziger Jahre setzten in der schweizerischen Entwicklungspolitik mit einem neuen Kapitel und einem Quantensprung bezüglich der zur Verfügung gestellten Mittel ein. 1960 wurde der Dienst für technische Zusammenarbeit (DftZ) gegründet und ein Jahr später das Amt eines Delegierten des Bundesrates für technische Zusammenarbeit geschaffen und dem Eidgenössischen Politischen Departement (EPD, heute EDA) unterstellt. Dieser Dienst arbeitete mit der Handelsabteilung des Volkswirtschaftsdepartements (EVD) beziehungsweise ab 1968 mit dem Bundesamt für Aussenwirtschaft (heute SECO), zusammen. Ebenfalls 1961 genehmigte das Parlament erstmals einen Dreijahres-Rahmenkredit von 60 Millionen Franken für die Entwicklungszusammenarbeit. 1961 bis 1970 erhöhte sich die jährliche öffentliche Entwicklungshilfe von 40 auf 130 Millionen Franken. Die Länderauswahl in Afrika, Asien und Lateinamerika beruhte zu Beginn der sechziger Jahre zum einen auf den Erfahrungen des Schweizerischen Hilfswerks für aussereuropäische Gebiete (SHAG). Zum anderen wählte man Länder, die man dank der Tätigkeit von Missionen und Hilfswerken relativ gut kannte und die dem damaligen Bild von guten Partnerländern entsprachen. Neben der technischen Hilfe beschritt die Schweiz im Laufe der sechziger Jahre neue Formen der internationalen Zusammenarbeit. 1967 gewährte sie ein Darlehen an die Internationale Entwicklungsorganisation (IDA), eine 1960 gegründete Tochtergesellschaft der Weltbank. Ausserdem leistete sie Entwicklungshilfe mit wirtschafts- und handelspolitischen Massnahmen, um die Entwicklungsländer zu befähigen, sich vermehrt am Welthandel zu beteiligen. Ferner beschloss der Bund Massnahmen im Interesse der schweizerischen Wirtschaft. Damit wurden Aktivitäten gefördert, welche das Wachstum in den Entwicklungsländern begünstigten. 1970 trat die Investitionsrisiko-Garantie in Kraft. Diese wirtschafts- und handelspolitische Massnahme wurde durch das Bundesamt für Wirtschaft (Bawi) koordiniert. Damit etablierte sich bald das Bawi neben der Direktion für Entwicklung und humanitäre Hilfe (DEH) zur zweiten wichtigen Instanz der schweizerischen Entwicklungspolitik. Diese wurde besonders mit dem Beitritt der Schweiz zum OECD-Entwicklungshilfeausschuss zu einem immer bedeutenderen Bestandteil der schweizerischen Aussenpolitik. Die staatliche Entwicklungshilfe bewegte sich schon damals zwischen Wirtschaftsinteressen und Armenfürsorge. Private Leistungen, Exportkredite und Direktinvestitionen — also normale Geschäftsbeziehungen mit bestimmten Konditionen und Gewinnraten — wurden von offizieller Seite ebenso selbstverständlich als Entwicklungshilfe bezeichnet wie die Hilfe an Arme.

Entwicklungspolitik ab den 1970er Jahren mini|Kampagne «Jute statt Plastik», 1980er Jahre, die Tasche als Zeichen von Solidarität und Widerstand Bis in die siebziger Jahre waren in fast allen Entwicklungsländern Fortschritte festzustellen. Die Lebenserwartung, die Ernährung und das Bildungsniveau verbesserten sich. Um 1970 mehrten sich aber die Anzeichen dafür, dass die Kluft zwischen Arm und Reich wuchs. Im Welthandel verschlechterten sich die Austauschverhältnisse für die Entwicklungsländer. 1974 wurde an der Konferenz der Uno-Welthandelsorganisation (Unctad) und der Uno-Entwicklungsorganisation (UNDP) Eigenständigkeit und die Befriedigung der Grundbedürfnisse zum übergeordneten Ziel der Entwicklungspolitik erklärt. An der sechsten Uno-Sondersession über Rohstoffprobleme im gleichen Jahr forderten die Entwicklungsländer eine neue Weltwirtschaftsordnung, in der die beschränkten Reichtümer der Erde gerechter verteilt und genutzt werden sollten. Im gleichen Jahr proklamierte die Generalversammlung der Vereinten Nationen die Errichtung einer Neuen Weltwirtschaftsordnung als Ziel. Diese Proklamation drückte das gestiegene Selbstbewusstsein der sogenannten Dritten Welt gegenüber den Industrieländern aus.