Die Ratinger Straße in der Düsseldorfer Altstadt ist eine der ältesten Straßen der Stadt und stammt aus dem 14. Jahrhundert. Die Straße spielte in der Düsseldorfer Stadtgeschichte eine bedeutende Rolle. Seit ihrer Entstehung ist die Ratinger Straße ein Treffpunkt unterschiedlicher Institutionen und Milieus. In der Nähe zur Stiftskirche St. Lambertus entstand hier das erste Hospital der jungen Stadt. Zwischen 1470 und 1544 lag das Rathaus auf der Ratinger Straße. Die Kreuzherren und Coelestinerinnen errichteten Klöster und Kirchen. Einige der zahlreichen Gaststätten sind Treffpunkt der Lehrer und Studenten der nahe gelegenen Kunstakademie. Der Ratinger Hof war einer der Entstehungsorte des frühen Punk in Deutschland. Die Straße ist heute, neben der Bolkerstraße, eine der beliebten Vergnügungsmeilen der Düsseldorfer Altstadt. Auf Düsseldorfer Platt heißt die Straße „De Retematäng“. Die zahlreichen Besucher nennen sie oft einfach nur „Die Ratinger“.
Verlauf Die nur 300 Meter lange Straße verläuft in Verlängerung der Altestadt von Nordwesten nach Südosten von der Ecke Ursulinengasse bzw. Liefergasse in Richtung Heinrich-Heine-Allee.
Geschichte mini|links|hochkant|Liebfrauentor, Kapelle und Hospital mini|hochkant|Ratinger Straße, Häuser Nr. 6 und 8 sowie Kreuzherrenkirche Zur Zeit der Stadtgründung im Jahr 1288 war Düsseldorf kaum mehr als ein umwalltes Dorf. Im Laufe der Zeit wuchs die bescheidene Siedlung über ihre erste Stadtmauer hinaus. Im Osten bildete sich hinter dem „Liebfrauentor“, das im Schnittpunkt der Liefergasse (vormals Lewen Gasse) und Ursulinengasse lag, eine kleine Vorstadt einschließlich einer Durchgangsstraße. Diese zunächst außerhalb der Stadtmauern gelegene Straße „achter [hinter] der Mauer am Pulverthurm“ wurde im Rahmen der ersten Stadterweiterung 1384 in den erweiterten Verteidigungswall einbezogen. Die nach Osten um etwa 300 Meter verlängerte Straße endete am ersten Ratinger Tor. Dieses Tor war in der Stadtmauer im Bereich zwischen Mühlengasse und Ratinger Mauer angeordnet. Allerdings wurde mindestens bis 1663 auch dieser Teil der Straße noch Altestadt genannt.H. Ferber: In: Historische Wanderung durch die alte Stadt Düsseldorf. Herausgegeben vom Düsseldorfer Geschichtsverein. Verlag C. Kraus, Lieferung I, 1889, S. 12. Sie war der östliche Abschluss des innerstädtischen Teils der Verbindungs- und Handelsstraße, die vom Rhein nach Ratingen führte. Von dieser Handelsstraße leitet sich der Name der Ratinger Straße ab. Später endete die Altestadt wieder im Bereich der Kreuzung Ursulinengasse/Liefergasse und wurde ab dort Ratinger Straße genannt. 1738 wurde nachweislich bereits ab Kreuzherrenkirche dieser neue Namen verwendet.
Am Ausgang des 19. Jahrhunderts gehörte die Ratinger Straße nicht zu den Straßen, in denen die besseren Leute wohnten oder auch nur verkehrten. Über die schon im 16. Jahrhundert errichtete Neue Stadtbrücke, die die damals noch nicht unterirdisch verlaufende Düssel überquerte, war die sogenannte Neustadt erschlossen worden. Seitdem waren die höheren Stände aus den engen Gassen der Altstadt in Richtung Carlsplatz, Citadell- und Flinger Straße abgewandert. Das gesellschaftliche Leben spielte sich wahrlich nicht in den Kneipen auf der Ratinger Straße ab. Diese waren den Rheinkadetten, den Tagelöhnern und den mehr oder weniger obdachlosen Herumtreibern überlassen und es wurde Bier und Schabau getrunken.
Bebauung mini|links Bereits um 950 soll am Standort der heutigen Kreuzherrenkirche eine Marienkapelle gestanden haben. Für die Pilger, die die Kapelle besuchten, wurde im 12. Jahrhundert eine Herberge, das St. Anna-Hospital, errichtet, in dem auch kranke Pilger betreut wurden. In einer Urkunde von 1355 wird diese Gasthofvikarie angeführt.Joseph Bücheler, in: Das Gasthaus der Stadt Düsseldorf oder das St. Hubertus-Hospital. 1849, S. 6. (Online Fassung) Die Kapelle wurde 1399 renoviert. Den 1438 herbeigerufenen Kreuzherren auch Kreuzbrüder genannt, wurde die Betreuung von Kapelle und Herberge übertragen. Von 1440 bis etwa 1480 wurden Kreuzherrenkirche und die Klostergebäude errichtet.Alfons Houben: Düsseldorf. Wie es damals war – wie es heute ist. WI-Verlag, Düsseldorf 1983, ISBN 3-88785-006-8, S. 182.
1642 kauften die von der herzoglichen Familie aus Köln gerufenen Nonnen der Cölestinerinnen die Häuser Nr. 9, 11 und 13. Aber erst von 1688 bis 1691 wurden dort die Klostergebäude errichtet.H. Ferber: In: Historische Wanderung durch die alte Stadt Düsseldorf. Herausgegeben vom Düsseldorfer Geschichtsverein. Verlag C. Kraus, Lieferung I, 1889, S. 29. 1696 wurde auf dem Grundstück Nr. 15 der Grundstein zur Klosterkirche gelegt und am 27. Dezember 1701 diese Kirche eingeweiht.H. Ferber: In: Historische Wanderung durch die alte Stadt Düsseldorf. Herausgegeben vom Düsseldorfer Geschichtsverein. Verlag C. Kraus, Lieferung I, 1889, S. 31. Am 7. Oktober 1794 wurde sowohl das Kloster wie auch die zugehörige Kirche durch einen Großbrand nach Kanonenbeschuss stark beschädigt. Die Grundstücke mit den Ruinen, 1803 säkularisiert, wurden Anfang des 19. Jahrhunderts versteigert, und erst danach wurden die Gebäude erneuert oder neu errichtet und dienten im 19. Jahrhundert als städtisches Pflegehaus (Armen-Versorgungsanstalt).H. Ferber: In: Historische Wanderung durch die alte Stadt Düsseldorf. Herausgegeben vom Düsseldorfer Geschichtsverein. Verlag C. Kraus, Lieferung I, 1889, S. 30.Ulrich Brzosa: Die Geschichte der katholischen Kirche in Düsseldorf: von den Anfängen bis zur Säkularisation, Böhlau Verlag, ISBN 3-412-11900-8, S. 311ff.Paul Clemen: Die Kunstdenkmäler der Stadt und des Kreises Düsseldorf. Im Auftrage des Provinzialverbandes der Rheinprovinz. Düsseldorf, 1894, S. 54 Digitale Ausgabe Durch die Säkularisation 1803 wurden die Liegenschaften der Kreuzbrüder enteignet und die Kirche danach längere Zeit als Magazingebäude verwendet.
Bis ins 17. Jahrhundert lässt sich zurückverfolgen, dass eine Reihe von Häusern der Ratinger Straße Namen tragen,H. Ferber: In: Historische Wanderung durch die alte Stadt Düsseldorf. Herausgegeben vom Düsseldorfer Geschichtsverein. Verlag C. Kraus, Lieferung I, 1889, S. 25–45. die sich zum Teil bis heute erhalten haben.
mini|hochkant|Erhaltene Fassade des Palais Spinrath Unter der Bezeichnung Der Waldecksche Hof war im 18. Jahrhundert das Haus Nr. 1 zeitweise ein Gasthof.H. Ferber: In: Historische Wanderung durch die alte Stadt Düsseldorf. Herausgegeben vom Düsseldorfer Geschichtsverein. Verlag C. Kraus, Lieferung I, 1889, S. 26.
mini|hochkant|links|Wappen der Nachkommen von Weichs zur Wenne, Liefergasse (2018) Das ehemalige Haus Nr. 3 von 1632, welches mit dem Bouverot’schen Haus Liefergasse Nr. 22 eine Einheit bildete, gelangte durch Schenkung Jan Wellems an den Freiherrn von Weichs, dessen Wappen mit zwei Affen sich an der Stelle der dort ehemaligen Toreinfahrt befindet.Erwin Quedenfeldt: Foto Düsseldorf, Wappen am Hause Liefergasse 22 mit 2 Äffchen und Spiegel, 1909, in Einzelbilder vom Niederrhein, auf ULB Die oft genannte Familie von Eugen Bouverot verkaufte das Haus im Jahre 1883 an einen Wirt Meyer.H. Ferber: Historische Wanderung durch die alte Stadt Düsseldorf , 1889, S. 26–27 Von 1852 bis zum Winter 1865/1866 hatten die Mitglieder des Künstlervereins Malkasten hier ihr Winterlokal, bevor sie in das Malkasten-Haus einziehen konnten. Die Gaststätte hatte in der ersten Etage einen großen Raum. Diesen hatten die Malerschüler umgebaut und mit einer Bühne und Wandgemälden versehen.Wilhelm Camphausen: Zum letzten Feste des „Malkasten“ im alten Vereinslokale, Ratingerstraße Nr. 3, Hofdruckerei Voß, Düsseldorf, 1865, Digitale Sammlung, Heinrich-Heine-UniversitätBettina Baumgärtel: Ratinger Straße, Altstadt und Heinrich-Heine-Allee. In: Orte der Düsseldorfer Malerschule. Rheinischer Verein für Denkmalpflege, Köln 2011, ISBN 978-3-86526-069-7, S. 42 Zahlreich überlieferte Theaterstücke aus den Jahren 1852 bis 1865 wurden auf der von Fritz Gerhard gestalteten Bühne aufgeführt.Karl Böcker, Addi Hansen: Die Ratinger Straße, Geschichte und Geschichten der Kunst- und Kultmeile in der Düsseldorfer Altstadt. J.P. Baches, Köln, 2010, ISBN 978-3-7616-2373-2, Textauszug S. 243 In der Mitte des 19. Jahrhunderts waren die Vereinsräume des Künstlervereins Malkasten das Zentrum des gesellschaftlichen Lebens der Düsseldorfer Malerschule, deren Vertreter „aus allen Weltgegenden“ kamen und ein internationales kreatives Milieu bildeten.Sabine Schroyen: „A true brotherhood seems to reign among them.“ Der Künstlerverein Malkasten und seine internationalen Mitglieder. In: Bettina Baumgärtel (Hrsg.): Die Düsseldorfer Malerschule und ihre internationale Ausstrahlung 1819–1918. Michael Imhof Verlag, Petersberg 2011, ISBN 978-3-86568-702-9, Band 1, S. 272 ff. Unter dem Wirt Heinrich Hansen, um 1900 Eigentümer des Gebäudes und ab 1911 eines dortigen Neubaus, wurde die Kneipe zum „Hansens Penn“.Ratingerstraße 3, Hansen, Heinrich, Gastwirth, in Adressbuch der Stadt Düsseldorf für das Jahr 1895, S. 652Ratingerstraße 3, E. Hansen, Heinr., Gastwirt (ab Mai 1911), in Adreßbuch für die Stadtgemeinde Düsseldorf und die Bürgermeistereien Benrath, 1911, S. 292 Zu dem gemischten Publikum, welches die Abende in dem Schankraum verbrachte, kamen immer mehr Tagelöhner und Obdachlose hinzu. Diese durften sogar dort übernachten, aber nur im Stehen, darunter Anfang der 1920er Jahre Max Schmeling.Rüdiger Hoff: Wo Max Schmeling in den Seilen hing, NRZ, vom 10. Mai 2014
Die Häuser Nr. 9, 11 und 13, vormals im Besitz adeliger Hofbeamter, wurden im 17. Jahrhundert Sitz des Annuntiaten-Cölestiner-Klosters (zerstört 1794). Der Besitz der tief hineinliegenden Grundstücke reichte bis zum Reitplatz an der Düssel, neben dem Zeughaus und Tummelhaus Jan Wellems standen.Anmerkung: Tummeln heißt eigentlich Pferde zähmen, zureiten. Daher der Tummelstall der Stall für Reitpferde, etwa auch gleichbedeutend mit Tummelhaus, und das war die Reitschule. Das Tummelhaus war 1636 erbaut worden und lag auf dem Grund des damaligen Präsidialgebäudes, welches an der Mühlenstraße lag.Anmerkung: Das Wiesengebiet zwischen Mühlenweg und Düssel (nördlich der heutigen Mühlenstraße) wurde bald zum größten Gebäudekomplex der Kurfürstlichen Regierung. Wilhelm der Reiche hatte im 16. Jahrhundert mit einem Marstall und einem Komödienhaus begonnen. Daraus entwickelten sich Reitplatz und Tummelhaus (Reitschule), später Oper und Statthalterresidenz. Der Eingang zum Tummelhaus befand sich in der Ratinger Straße und führte durch das Tor der ehemaligen evangelischen Freischule für Mädchen und Jungen der untersten Klassen (Hauptlehrer Julius Baselmann (1810–1872)) im Bürgerhaus Nr. 9.Geschichte der Stadt Düsseldorf, Düsseldorfer Geschichtsverein, Kraus, Düsseldorf, 1888, S. 380 DigitalisatGeschichte der Stadt Düsseldorf, in Geschichte der evangelischen Gemeinde Düsseldorfs, Düsseldorfer Geschichtsverein, Kraus, Düsseldorf, 1888, S. 142 Digitalisat Hier hatte die neu gegründete evangelische Schule für höhere Töchter, die Luisen-Schule, ab 1837 für drei Jahre ihre Schulräume.Victor Uellner. In: Zur Geschichte der Städtischen Luisenschule. 1887, Düsseldorf, Voß, S. 17. Das ehemalige Kloster wurde zum Städtischen Kinder-Pflegehaus umgewandelt. Anfang des 20. Jahrhunderts auch „Anstalt für verlassene und verwahrloste Kinder“ genannt, stand es bis zur Auflösung 1920 unter der ärztlichen Leitung von Arthur Schloßmann.Städtisches Kinder-Pflegehaus, Ratinger Str. 9/13, Anstaltsarzt: Professor Dr. Schloßmann, in Adreßbuch für die Stadtgemeinde Düsseldorf, 1920, S. 46 (uni-duesseldorf.de) Haus Nr. 11 und 13 war von 1862 bis 1883 Sitz der ersten Düsseldorfer Spezialklinik für Augenheilkunde unter der Leitung Albert Moorens gewesen.Städtische Augenklinik (Ratingerstr. 11 und 13): Dr. Mooren, dirigierender Arzt, in Adreßbuch der Oberbürgermeisterei Düsseldorf zusammengestellt am 1. Juli 1863. II. Oeffefntliche Behörden, Privat-Unternehmungen, Vereine., S. 164