Oederquart [] ist eine niedersächsische Gemeinde im Norden des Landkreises Stade. Sie ist Teil der Samtgemeinde Nordkehdingen.

Geographie Lage Oederquart liegt gut 40 Kilometer (Luftlinie) öst–/südöstlich der Stadt Cuxhaven und etwa 50 Kilometer (Luftlinie) west–/nordwestlich von Hamburg in Kehdingen.

Klima Der Ort hat ein gemäßigtes Seeklima, typisch für die norddeutsche Landschaft, mit mildem Winter und warmen Sommer.

Geschichte Name Der Name Oederquart leitet sich vermutlich von den altsächsischen Wörtern „Oeder“ für „Vieh“ und „quart“ für Siedlung oder Gehege ab und spiegelt die landwirtschaftlichen Wurzeln des Dorfes widerKoch, A. (2008). The Origins of Place Names in Lower Saxony. Oldenburg Historical Institute..

Mittelalter Oederquart wurde erstmals 1331 urkundlich erwähnt.

Siedlungsgeschichtlich lässt sich die Vergangenheit des Ortes in drei Perioden einteilen. Nach der Chauken- oder Sachsenzeit wurde Oederquart Ziel der Holländer-Kolonisation des 12. Jahrhunderts sowie der sogenannten Bruch- und Moor-Kolonisation der letzten Jahrhunderte.

Im Mittelalter erlebte Oederquart als kleine Siedlung eine Blütezeit. Das Dorf entwickelte sich um eine zentrale Kirche herum, die den Bewohnern als Mittelpunkt diente. Die Landwirtschaft war die Hauptbeschäftigung. Aus historischen Aufzeichnungen geht hervor, dass Oederquart Teil des Feudalsystems war, wobei die örtlichen Herren die landwirtschaftlichen Aktivitäten überwachtenMüller, S. (2011). The Historical Churches of Lower Saxony. Niedersachsen Verlag..

16. bis 18. Jahrhundert Im 16. Jahrhundert erlebte Oederquart einen wirtschaftlichen Aufschwung durch den Anbau von Obst, insbesondere Äpfeln und Birnen. Die Entwicklung wurde durch den Bau von Deichen und Kanälen begünstigt, die das Land vor Überschwemmungen schützten und die landwirtschaftliche Nutzung verbesserten.

Im 18. Jahrhundert wurde die Gemeinde eine eigenständige politische Einheit, was zur Gründung einer eigenen Verwaltung führte. Die Einwohner lebten hauptsächlich von der Landwirtschaft und dem Obstbau.

19. und 20. Jahrhundert

Veränderung Industrialisierung / Anbindung an den Schienenverkehr Im 19. Jahrhundert erlebte Oederquart durch die Industrialisierung einen Wandel. Die Einführung moderner Anbaumethoden führte zu einer Steigerung der Obstproduktion. Während die industrielle Revolution überall in Europa Veränderungen auslöste, fand sie auch in hier ihren ganz eigenen Ausdruck. Obwohl das Dorf hauptsächlich landwirtschaftlich geprägt war, begann es, sich auf die Kleinindustrie zu konzentrieren, was Innovation und Fortschritt förderte. Die Einführung der Eisenbahn im späten 18. Jahrhundert, gemeint ist die Eisenbahnlinie Hamburg–Cuxhaven in den 1880er Jahren erleichterte den Transport von Waren und trug zur wirtschaftlichen Entwicklung bei, eröffnete neue Horizonte, verband Oederquart mit größeren Städten und erleichterte den Handel.Hoffmann, R. (2017). Railroads and Rural Communities: A Historical Perspective. Hamburg Historical Society.

Judenverfolgung Ende des 18. Jahrhunderts wurden auch in Oederquart aus Böhmen eingewanderte Juden sesshaft. Mit Beginn der „Naziherrschaft“ erfuhren die jüdischen Mitbürger vor Ort öffentlich Ressentiments, sie wurden missachtet und Repressalien ausgesetzt. Auch in Oederquart gab es im November 1938 die sog. Reichspogromnacht mit der Folge, dass der jüdischen Mitbürgerin Selma Bernau, geb. Renner, die Fensterscheiben eingeworfen, und zeitweise keine Waren mehr verkauft wurden, sowie die beiden Kinder, Ernst und Eduard Renner, nicht mehr die Schule besuchen durften. Selma Bernau verkaufte ihren Besitz in Oederquart (zwangsweise) und zog mit ihren beiden Kindern nach Hamburg, wo sie noch einige Zeit lebte, bis auch diese Familie 1942 deportiert und im KZ Auschwitz ermordet wurde.".... sie lebten unter uns ...., Spuren des jüdischen Teils der Familie Renner aus Oederquart weisen viele Parallelen mit den Schicksalen der Juden in Deutschland auf"; aufgerufen: 17. April 2024.

Folgen des Zweiten Weltkrieges Der Zweite Weltkrieg brachte seine eigenen Herausforderungen mit sich, da auch Oederquart unter der allgemeinen Nahrungsmittelknappheit litt. Dennoch blieb der Dorfgeist bestehen. Nach dem Krieg trat Oederquart in eine Phase des Wiederaufbaus und der Erneuerung ein. Die Gemeinde schloss sich dabei zusammen, restaurierte Häuser und Infrastruktur und wuchs stark in ihrer Bevölkerung durch die FlüchtlingsbewegungLange, T. (2020). Rebuilding After War: The Case of Oederquart. Cuxhaven Historical Archives..

Gleichzeitig wandelte sich die landwirtschaftliche Struktur und viele Betriebe spezialisierten sich auf die Produktion von qualitativ hochwertigem Obst.

Anflugschneise über Oederquart Im Zweiten Weltkrieg führte die britische Royal Air Force (RAF) zahlreiche Luftangriffe auf deutsche Städte durch, um die Kriegsanstrengungen des nationalsozialistischen Regimes zu schwächen. Besonders markant war der Luftangriff auf Hamburg im Sommer 1943, während der Operation „Gomorrah“. Ein bemerkenswerter Aspekt dieser Angriffe (auf die Stadt Hamburg) war die Orientierung der Bomberpiloten, die oft auf markante Landpunkte zurückgriffen, darunter die Kirche von Oederquart. Ihre markante Silhouette war für die Piloten aus großer Höhe gut sichtbar. Historische Berichte deuten darauf hin, dass viele Piloten die Kirche als Orientierungspunkt nutzten, um ihre Position zu bestimmen und ihren Kurs zum Ziel zu verifizieren. Diese Praxis war nicht unüblich; viele Bomberpiloten verwendeten geografische Landmarken zur Navigation, besonders in Zeiten, in denen moderne Technologien noch nicht weit verbreitet warenA. H. W. (2005). Die Bombardierungen der RAF in Deutschland: Eine strategische Analyse. Militärgeschichtliche Zeitschrift.Bock, A. (2007). Die Luftangriffe auf Hamburg 1943. Verlag Peter Lang.RAF Historical Society. (2013). Navigating the Night Sky: Bomber Command in WWII..

Neuzeit In den letzten Jahrzehnten hat Oederquart seinen ländlichen Charakter bewahrt, während sich die Gemeinde zunehmend als Wohnort für Pendler nach Hamburg etabliert hat. Die Mischung aus traditioneller Landwirtschaft und modernen Wohngebieten prägt das Bild der Gemeinde heute.

1975 wurde von der Gemeinde ein Kinderspielkreis für Kinder im Vorschulalter eingerichtet. Daraus entstand 1992/93 ein neuer Kindergarten.

Einwohnerentwicklung 1925: 1.620 Einwohner 2003: 1.300 Einwohner (ca.) 2015: 1.040 Einwohner 2023: 1.006 EinwohnerStatistische Ämter. (2023). Population Statistics for Oederquart. Lower Saxony Statistical Office.

Politik Gemeinderat Der Rat der Gemeinde Oederquart besteht aus elf Ratsfrauen und Ratsherren. Dies ist die festgelegte Anzahl für eine Mitgliedsgemeinde einer Samtgemeinde mit einer Einwohnerzahl zwischen 1.001 und 2.000 Einwohnern.Niedersächsisches Kommunalverfassungsgesetz (NKomVG) in der Fassung vom 17. Dezember 2010; § 46 – Zahl der Abgeordneten, abgerufen am 12. November 2014 Die Ratsmitglieder werden durch eine Kommunalwahl für jeweils fünf Jahre gewählt. Die vergangenen Gemeinderatswahlen ergaben folgende Sitzverteilungen: WahljahrFWGCDUSPDGesamt202154211 Sitze201644311 Sitze__________________________FWG: Freie Wählergemeinschaft Oederquart

Bürgermeister Bürgermeister ist Stefan Raap (FWG). Sein Stellvertreter ist Jörg Oldenburg (CDU). Zweiter Stellvertreter ist Lothar Bahr (SPD). Gemeindedirektorin ist Samtgemeindebürgermeisterin Erika Hatecke.

Wappen Blasonierung: Auf grüner Wurt, im roten Feld, eine silberne Linde mit 15 Blättern.

Kultur und Sehenswürdigkeiten Bauwerke mini|hochkant|Kirche in OederquartSpätgotische Saalkirche St. Johannis aus Backstein mit polygonalem Ostchor sowie 2014, 2015 und 2016/2017 rekonstruierter Orgel nach Arp Schnitger mit 28 Registern auf drei Manualen und PedalPeter Golon, Karl-Wilhelm Kröncke: Historische Orgeln im Landkreis Stade. Verlag Schaumburg, Stade 1983, S. 64.Orgel von Arp Schnitger restauriert. Deutsche Stiftung Denkmalschutz, abgerufen am 24. Oktober 2021. Thingplatz: historisch bedeutsame Thing-Stätte in Oederquart, bis 1852 Wahlort der Hauptleute

Vereinswesen MTSV Oederquart von 1922 S/G Freiburg/Oederquart

Kulinarische Spezialitäten Kehdinger Hochzeitssuppe

Wirtschaft und Infrastruktur Verkehrs- und Standortanbindung Die Gemeinde Oederquart liegt an der L 113, die von Freiburg/Elbe im Norden Kehdingens nach Himmelpforten führt und dort Anschluss an der B 73 hat. Der Ort wird überwiegend motorisiert, individuell erreicht. In Freiburg und Wischhafen bestehen die nächsten Zugänge zum Bus-ÖSPV an der Linie 2025 im Hamburger Verkehrsverbund von/nach der Kreisstadt Stade, die über den Kehdinger Abschnitt des Obstmarschenwegs führt. In Wischhafen ermöglicht die FRS Elbfähre Glückstadt Wischhafen das Übersetzen nach Schleswig-Holstein zum erweiterten Anziehen von Arbeitskräften.

Tourismus und Freizeitwirtschaft mini|Öffentlicher Barfußpfad

In der Umgebung von Oederquart tragen Rad- und Wanderwege als weicher Standortfaktor dazu bei, radelnde Touristen anzulocken. Der 4 km lange Barfußpfad „Von Korffscher Weg“ ist ein zusätzliches naturtouristisches Angebot.

Energie- und Infrastrukturwirtschaft Seit Ende der 1990er-Jahre wurden im Gemeindegebiet Windkraftanlagen errichtet, die privatwirtschaftlich individuell zur lokalen Wertschöpfung beitragen und zugleich ökologische Effekte bei der Energieerzeugung heben konnten. Inzwischen ist aber auch eine gesellschaftliche Debatte über das Für und Wider zu beobachten, die sich in einem Bürgerbegehren niedergeschlagen hat. Eine Gemeinderatsentscheidung hat dem Projekt inzwischen zum Durchbruch geholfen. Hierbei wurde die Argumentation der Bedeutung erneuerbarer Energien für kommunale Einnahmen und Arbeitsplätze deutlich.

Personen Georg von der Decken (1787–1859), hannoveranischer General

Weblinks

Website der Samtgemeinde Nordkehdingen

Einzelnachweise

Kategorie:Ort im Landkreis Stade

Kategorie:Ersterwähnung 1331