miniatur|293px|Das Vinzentinum von Südosten her gesehen

Das Vinzentinum in Brixen (Südtirol) ist eine den öffentlichen Schulen gleichgestellte deutschsprachige Bildungseinrichtung der Diözese Bozen-Brixen. Es wurde 1872 von Fürstbischof Vinzenz Gasser als Kleines Seminar (Bischöfliches Knabenseminar) gegründet und nach dessen Tod 1879 nach ihm benannt. Durch die Aufnahme von Mädchen in das Vollinternat ab dem Schuljahr 2013/2014 verlor das Vinzentinum den Status des Knabenseminars und wurde in Bischöfliches Institut Vinzentinum umbenannt. Das Angebot umfasst ein Klassisches Gymnasium, eine Mittelschule und ein Internat. Im Schuljahr 2026/2027 werden in Schule und Internat insgesamt 273 Schülerinnen und Schüler von 35 Lehrpersonen und zehn Präfekten betreut.

Geschichte miniatur|Porträt des Fürstbischofs Vinzenz Gasser miniatur|Historische Fotografie von Brixen mit dem neu erbauten Vinzentinum im Hintergrund miniatur|Die erste Maturaklasse des Vinzentinums 1880 miniatur|Das Vinzentinum von Südwesten her gesehen miniatur|Das Vinzentinum im Winter

1872–1913: Gründung als „Festung gegen den Zeitgeist“ Der Mitte des 19. Jahrhunderts in Tirol herrschende PriestermangelPaul Rainer: Vorgeschichte und Gründung durch Fürstbischof Gasser. In: Der Schlern. Illustrierte Monatshefte für Heimat- und Volkskunde. 100 Jahre Vinzentinum, 47 (1973), Heft 4–5, S. 201. sowie der aufkeimende Liberalismus bewogen den Brixner Fürstbischof Vinzenz Gasser dazu, die Erbauung eines Kleinen Seminars in die Wege zu leiten. Da die Grundstückssuche und die Errichtung eines eigenen Gebäudes einige Zeit in Anspruch nahmen, wurde das Seminar zunächst auf Schloss Thurneck in Rotholz am Eingang des Zillertales untergebracht.Franz Hettinger: Aus Welt und Kirche. Bilder und Skizzen, Band 2: Deutschland und Frankreich. Herder, Freiburg, vierte Aufl. 1897, S. 104. Im Oktober 1872 startete dort der erste Kurs mit 25 Seminaristen. Im selben Jahr erwarb Bischof Gasser in Zinggen am nördlichen Rand von Brixen für 30.000 Gulden ein Grundstück und beauftragte den Steinacher Architekten Josef von Stadl mit der Planung und Errichtung eines passenden Gebäudes für das Knabenseminar.

Für den Bau waren rund 67.000 Gulden bereitgestellt. Dieses Geld ging allerdings im Zuge des Gründerkrachs 1873 nahezu komplett verloren. Dennoch konnte am 25. Juni 1873 mit den Bauarbeiten begonnen werden. Mittels groß angelegter Spendenaktionen wurde weiteres Kapital lukriert. Woher jedoch die darüber hinaus erforderlichen Gelder kamen, die die aufwändige Bauweise aus Granitstein ermöglichten, ist bis heute unbekannt. In der Brixner Chronik aus dem Jahre 1919 steht lediglich vermerkt: „Das Vinzentinum wurde durch rein private Wohltätigkeit hergestellt und der weitaus größere Teil der Beträge stammte von jenseits des Brenners.“Die Geschichte des Vinzentinums, Ausstellungskatalog (PDF; 4,9 MB).

Während mit bis zu 400 Arbeitern an der Errichtung des Knabenseminars gearbeitet wurde, erfolgte am 26. April 1874 auch die Grundsteinlegung für die direkt an das Seminargebäude anschließende Herz-Jesu-Kirche. Im September 1876 – drei Jahre nach Baubeginn – waren die Arbeiten an Schule und Heim bereits so weit gediehen, dass fünf Kurse mit 123 Seminaristen, die zuvor vornehmlich in Rotholz studierten, nach Brixen übersiedeln konnten. Die Kirche und der darunter liegende Theatersaal wurden im September 1878 fertiggestellt. Im März 1879 erhielt die Schule vom k. k. Unterrichtsministerium in Wien das vorläufige Öffentlichkeitsrecht verliehen, welches dem Vinzentinum dann ab dem Schuljahr 1881/1882 dauerhaft zustand.Paul Rainer: Recht und Gesetz in der Schule. In: Der Schlern. Illustrierte Monatshefte für Heimat- und Volkskunde. 100 Jahre Vinzentinum, 47 (1973), Heft 4–5, S. 229. Das Seminar konnte nach seiner Vollendung 270 Seminaristen, zwölf Professoren und acht Präfekten Platz bieten. Nach dem Tod Fürstbischof Gassers 1879 wurde das Seminar im Gedenken an den Gründer in „Vinzentinum“ umbenannt. In den ersten 20 Jahren seines Bestehens schlossen 341 Studenten das Knabenseminar mit Matura ab. 261 von ihnen nahmen ein Theologiestudium auf. Ob seines wuchtigen Erscheinungsbildes wurde das Vinzentinum vielfach als „katholische Machtdemonstration im öffentlichen Raum“ und als „Festung gegen den Zeitgeist“ wahrgenommen.Florian Huber: „Kulturkämpfer“. Vinzenz Gasser und der Katholizismus in Tirol 1830–1876. In: Der Schlern. Monatszeitschrift für Südtiroler Landeskunde. Fürstbischof Vinzenz Gasser (1857–1879), 84 (2010), Heft 10, S. 52. Im Volksmund wird das Gebäude daher auch Die Kischte (Die Kiste) genannt.

1910 gründete Religionslehrer Gebhard Baldauf im Vinzentinum eine Marianische Kongregation. Als Schülergemeinschaft mit klaren Regeln und Aufgaben sollte sie zur Stärkung der Tugenden beitragen und eine Einheit von Leben und Glauben bewirken. Als sichtbares Zeichen der Kongregation ließ Baldauf eine Kongregationsfahne herstellen. Bruder Willram und Ignaz Mitterer schrieben ein passendes Fahnenlied,Die Geschichte des Vinzentinums, Ausstellungskatalog (PDF; 4,9 MB). das zur Weihe 1912 erstmals gesungen wurde. Fahnenpatin war Erzherzogin Zita von Österreich, vertreten durch die Prinzen von Parma.

1914–1919: k. k. Reservespital im Ersten Weltkrieg Bereits im Vorfeld des Ersten Weltkrieges pflegte das Vinzentinum eine demonstrative Nähe zum österreichischen Kaiserhaus und dessen Militär.Anton Geier, Im Spiegel und Wandel der Zeiten, in: Der Schlern. Illustrierte Monatshefte für Heimat- und Volkskunde. 100 Jahre Vinzentinum, 47 (1973), Heft 4–5, S. 212. Zwei Jahre vor Ausbruch des Krieges bekamen die Schüler der oberen Klassen Schießunterricht erteilt – und zwar von Offizieren der k. k. Armee. Im April 1914 besuchte der Tiroler Statthalter und spätere k. k. Innenminister Graf Friedrich von Toggenburg die Schule. Anlässlich dieses Ereignisses wurde erstmals auch der „Vinzentiner Marsch“ präsentiert.Die Geschichte des Vinzentinums, Ausstellungskatalog (PDF; 4,9 MB)

Nach der allgemeinen Mobilmachung im Juli 1914 wurde das Vinzentinum umgehend in ein k. k. Reservespital („Reservespital Stryj“) umgewandelt. Abgesehen von der achten Klasse, deren Schüler sich größtenteils im Felde befanden, konnte der Lehrbetrieb dennoch weitestgehend aufrechterhalten werden. Untergebracht waren die Seminaristen jedoch in Ausweichquartieren in Brixen und der näheren Umgebung. Um die Verbindung zwischen dem Vinzentinum und seinen an der Front kämpfenden Studenten aufrechtzuerhalten, rief Religionsprofessor und Kongregationspräses Gebhard Baldauf 1915 die „Vinzentiner Feldpostbriefe“ ins Leben. In insgesamt 19 Ausgaben sollten diese „von mancher Heldentat erzählen, Interessantes, Erhebendes, Humorvolles aus den Feldpostkarten im bunten Kolorit festhalten […] und das gegenseitige Interesse und die innige Freundschaft beleben.“Anton Geier, Im Spiegel und Wandel der Zeiten, in: Der Schlern. Illustrierte Monatshefte für Heimat- und Volkskunde. 100 Jahre Vinzentinum, 47 (1973), Heft 4–5, S. 214.

Ein knappes Jahr nach Kriegsende wurde das Lazarett im Juli 1919 geräumt und der reguläre Schulbetrieb wieder aufgenommen.

1920–1938: Verlust des Öffentlichkeitsrechtes und Teilung zur Zeit des Faschismus Auf Grundlage des Vertrages von Saint-Germain wurde Südtirol im Oktober 1920 von Italien annektiert. Besonders nach der Machtergreifung der Faschisten im Oktober 1922 hatte diese Annexion verheerende Auswirkungen auf den Schulbetrieb im Vinzentinum. Mehrere von der faschistischen Regierung in Rom erlassene Dekrete sollten Südtirol italianisieren und die deutsche Sprache aus den Schulen verbannen. Im Oktober 1923 wurde Italienisch als Unterrichtssprache in Südtirol eingeführt, im November desselben Jahres auch der deutschsprachige Religionsunterricht verboten. 1924 musste das Vinzentinum schließlich sein Öffentlichkeitsrecht aufgeben.

Dies hatte zur Folge, dass eine Abschlussprüfung am Vinzentinum in Italien nicht mehr anerkannt wurde und somit nicht zum Studium berechtigte. Bis zum Beginn der 30er Jahre legten die Seminaristen ihre Matura in Hall in Tirol ab, ehe Fürstbischof Johannes Geisler die sogenannte „Bischöfliche Hausmatura“ einführte. Diese wurde von deutschsprachigen Universitäten im Ausland anerkannt und berechtigte überdies zum Studium am Priesterseminar in Brixen. Dennoch war man zusätzlich bemüht, den Studenten auch einen in Italien anerkannten Titel zu ermöglichen. Die Seminaristen wurden ermutigt, die staatliche Abschlussprüfung an einer öffentlichen Schule in italienischer Sprache abzulegen. Um die Studenten darauf vorzubereiten, begann man daher ab dem Schuljahr 1936/1937 neben dem regulären Italienischunterricht einige Fächer auch auf Italienisch zu unterrichten.Paul Rainer: Recht und Gesetz in der Schule. In: Der Schlern. Illustrierte Monatshefte für Heimat- und Volkskunde. 100 Jahre Vinzentinum, 47 (1973), Heft 4–5, S. 230.

Zwar war das Vinzentinum aufgrund der Rückstufung zur reinen Privatschule und der Lateranverträge von 1929 als „Seminarium Tridentinum“ zusammen mit dem Johanneum in Dorf Tirol eine der wenigen Bildungseinrichtungen in Südtirol, in denen auf Deutsch unterrichtet werden durfte, die massiven Einschränkungen bedeuteten aber dennoch beinahe das Aus für das Knabenseminar. 1926 untersagte das faschistische Italien nämlich zudem österreichischen Studenten den Schulbesuch in Südtirol. Traditionellerweise stammten rund zwei Drittel der Seminaristen aus Nord- bzw. Osttirol und Vorarlberg.Johann Kätzler, Teilung im Jahre 1926, in: Der Schlern. Illustrierte Monatshefte für Heimat- und Volkskunde. 100 Jahre Vinzentinum, 47 (1973), Heft 4–5, S. 226. Das Vinzentinum verlor mit einem Schlag einen Großteil seiner Schüler. Als direkte Folge der Einreisebeschränkungen sah sich die Diözese gezwungen, das Knabenseminar zu teilen. In Schwaz in Tirol wurden die Landesschützenkaserne und das Truefergut angekauft und dort das Bischöfliche Gymnasium Paulinum eingerichtet. Lehrkörper, Lehrmittel und Inventar wurden zwischen Vinzentinum und Paulinum aufgeteilt. Josef Mutschlechner, der von 1927 bis 1930 als Apostolischer Administrator die Diözese Brixen leitete, hielt jedoch entschieden am Weiterbestand des Vinzentinums fest und rettete es über schwierige Jahre hinweg. Er gilt daher als „zweiter Gründer“ des Vinzentinums.

1939–1945: Lazarett und Übernahme durch die deutsche Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg Das Hitler-Mussolini-Abkommen im Oktober 1939 und die politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Auswirkungen des Zweiten Weltkrieges brachten eine weitere Zäsur für das Vinzentinum mit sich. Im Zuge der Option verließen viele Schüler das Land um im Deutschen Reich zu studieren. Nach dem Kriegseintritt Italiens wurde das Gebäude von der faschistischen Militärbehörde beschlagnahmt und diente ab 1943 abermals als Lazarett. Wiederum mussten die Schüler in Ausweichquartieren in der Umgebung untergebracht werden.

Doch bereits im September 1943 marschierte die deutsche Wehrmacht in Südtirol ein und übernahm in der Folge auch das Vinzentinum. Die italienischen Soldaten wurden entwaffnet, das Personal entlassen und der Schulbetrieb eingestellt. Noch im Dezember 1943 begann die deutsche Schulbehörde ohne Einwilligung des Bischofs mit Umbauarbeiten am Haus mit dem Ziel eine „Oberschule für Jungen“ in den Räumlichkeiten des Vinzentinums zu eröffnen. Im März 1944 zogen dann die ersten Schüler ein. Im Zuge des Bombardements von Brixen durch die Alliierten wurde das Gebäude aber schon im Dezember 1944 wieder in ein Lazarett umfunktioniert, welches über 1400 Verwundeten Platz bot.