mini|Logo Der Estnische Bund der Freiheitskämpfer (estnisch Eesti Vabadussõjalaste Liit – EVL; bis 1933 Zentralverband der estnischen Freiheitskämpfer – EVKL) war eine antikommunistische außerparlamentarische Bewegung im Estland der Zwischenkriegszeit.Andres Adamson, Toomas Karjahärm: Eesti Ajalugu Gümnaasiumile. Argo, Tallinn 2004, ISBN 9949-415-07-1, S. 203.
Der Bund war von 1929 bis Mitte der 1930er Jahre aktiv. Er wandte sich gegen den Parlamentarismus und trat für einen Führerstaat ein. Die charismatischsten Persönlichkeiten waren ihr Vorsitzender General a. D. Andres Larka und der ideologische Vordenker und Hauptredner Artur Sirk. Die Mitglieder des Bundes wurden im Volksmund Vapsid bzw. Vabsid genannt.
Vorgeschichte Die Republik Estland erklärte am 24. Februar 1918 ihre Unabhängigkeit von Russland. Im folgenden Estnischen Freiheitskrieg (1918–1920) konnte sie ihre Unabhängigkeit und den demokratischen Rechtsstaat gegen Sowjetrussland und die Bolschewiki erfolgreich militärisch verteidigen.
Kurz nach Ende des Freiheitskriegs gründete sich 1921 der „Verband der demobilisierten Soldaten Estlands“ (Eesti Demobiliseeritud Sõjaväelaste Liit). Er war eine weitgehend unpolitische Interessenorganisation, die sich um die wirtschaftlichen und politischen Belange der Kriegsveteranen kümmerte und Kriegsmemoiren aufzeichnete. Daneben sollte der patriotische „Geist des Freiheitskrieges“ an die estnische Jugend weitergegeben werden. Mitte der 1920er Jahre löste sich der Gesamtverband auf, agierte aber auf lokaler Ebene weiter.
Zentralverband der Estnischen Freiheitskämpfer (EVKL) mini|Artur Sirk. Aufnahme von 1933 Auf der Grundlage der Ortsvereine der Veteranen von Tallinn, Haapsalu und Tapa wurde am 2. Juni 1929 der „Zentralverband der Estnischen Freiheitskämpfer“ (Eesti Vabadussõjalaste Keskliit – EVKL) aus der Taufe gehoben. Einer der Hauptaktivisten war der junge Tallinner Rechtsanwalt Artur Sirk (1900–1937), der als Jugendlicher am Freiheitskrieg teilgenommen hatte. Sirk stieg durch seine rhetorischen Fähigkeiten schnell zur unumstrittenen Führungsfigur des EVKL auf.
I. Kongress (1930) mini|Artur Sirk spricht in Pärnu zu Anhängern Der Verband war zwar politisch rechtsgerichtet, blieb anfangs aber ohne klare politische Konturen. Sein Ziel war vor allem die Interessenvertretung der Kriegsveteranen und eine nationale Erziehungsarbeit gegenüber der Jugend, die auf „Pflichtgefühl“ und „nationaler Verantwortung“ aufbauen sollte. Den Marxismus oder sozialistische Ideen lehnte der EVKL strikt ab.
Auf dem I. Kongress des EVKL am 26. Januar 1930 in Tallinn wurden neben Sirk populäre Helden des Freiheitskrieges wie die (pensionierten) Generäle Andres Larka (1879–1942) und Ernst Põdder (1879–1932) als Vorstandsmitglieder gewählt.
II. Kongress (1931) mini|Andres Larka (1920) mini|Ernst Põdder (vor 1932) Auf dem II. Kongress des EVKL am 22. März 1931 in Tallinn traten wirtschaftliche und politische Fragen in den Vordergrund. Vor allem die Folgen der Weltwirtschaftskrise, die Estland hart getroffen hatte, sowie die Zersplitterung des estnischen Parteiensystems mit instabilen und häufig wechselnden Regierungen wurden von den Rednern kritisiert. Die Krise des estnischen Parlamentarismus und Maßnahmen zu ihrer Überwindung wurden zu einem Hauptthema.
mini|Johan Pitka Der EVKL politisierte sich rasch am rechten, außerparlamentarischen Rand. Starken Einfluss auf den Verband gewannen neben Sirk und Larka auch der Oberst Aleksander Seiman (1886–1941) und der deutschbaltische Baron Peter Eugen Arthur von Buxhoeveden (1882–1964). Hinzu kam der rechtsgerichtete ehemalige Innenminister Theodor Rõuk, der lange Zeit Sirks Mentor gewesen war. Rõuk befürwortete eine Änderung der estnischen Verfassung weg von einem parlamentarischen hin zu einem präsidentiellen Regierungssystem. Der Ruf nach einem „starken Mann im Staat“ anstellte zerstrittener und angeblich korrupter politischer Parteien wurde innerhalb des EVKL immer lauter.
Zur Führungsriege gehörte kurzzeitig der eigensinnige aber populäre Admiral Johan Pitka (1872–1944), der Mitte der 20er Jahre in seiner kurzlebigen National-Freisinnigen Partei (Rahvuslik-Vabameelne Partei) Schiffbruch erlitten hatte. Er wurde 1931 zum stellvertretenden Vorsitzenden des EVKL gewählt wurde. Ein Jahr später trat er nach heftigen Streitigkeiten mit Larka und Sirk wieder aus der Bewegung aus.
mini|Võitlus („Der Kampf“), das Zentralorgan der EVKL Võitlus („Der Kampf“), das offizielle Presseorgan des EVKL, verschärfte nun den innenpolitischen Ton gegen die estnischen Parteien und die parlamentarische Demokratie. Der EVKL fand als außerparlamentarische Opposition immer mehr ideelle Unterstützer, die des Parteienzwists und der Defizite des Parlamentarismus überdrüssig waren. Vor allem Angehörige der unteren Mittelschicht in den Städten schloss sich immer mehr den Ideen des EVKL an. Daneben betrieb der Verband erfolgreiche Lobbyarbeit in einflussreichen Wirtschafts- und Gesellschaftskreisen gegen das bestehende politische System.
III. Kongress (1932) Der III. Kongress des EVKL am 20. März 1932 in Tallinn brachte eine weitere politische Radikalisierung mit sich. Der EVKL öffnete sich nunmehr auch männlichen und weiblichen Mitgliedern, die nicht am Estnischen Freiheitskrieg teilgenommen hatten. Er wurde so zu einem außerparlamentarischen Auffangbecken für zahlreiche Unzufriedene des politischen Systems, vor allem Verlierer der Weltwirtschaftskrise und Enttäuschte der demokratischen Entwicklung seit 1920.
Insbesondere neue, jüngere Mitglieder trugen zu einer Radikalisierung der Positionen bei, die Sirk geschickt aufgriff. Hinzu kam die Weisung der estnischen Regierung, dass aktive Militärs sich aus den Führungspositionen des EVKL und seiner lokalen Organisationen zurückziehen müssen; so wurden moderatere Stimmen aus estnischen Militärkreisen beiseite gedrängt.
1932 verstärkte der EVKL seine Öffentlichkeitsarbeit und Agitation. Er organisierte dutzende Demonstrationen und öffentliche Zusammenkünfte. Als populär erwiesen sich die überall im Land organisierten „Tage der Freiheitskämpfer“, bei denen unter einem vorgeblich unpolitischen Mantel einer „patriotischen Erinnerungskultur“ die Botschaften des EVKL verbreitet wurden. Mit Orchestermusik und Paraden konnte der EVKL hohe Aufmerksamkeit erzielen.
Bei einer der größten Veranstaltungen am 17. Juli 1932 in der Stadt Tapa mit über 3.000 Teilnehmern kam es zu gewaltsamen Ausschreitungen zwischen dem Ordnungsdienst der Freiheitskämpfer und sozialistischen „Schutztruppen“. Auch die anderen estnischen Parteien gründeten jetzt gewaltbereite Ordnertruppen. In der Presse wurden Befürchtungen laut, in Estland könnten nach dem Vorbild der Weimarer Republik Straßenkämpfe zwischen verschiedenen Schutzkorps drohen.
Programmatik mini|Vapsid mit „Römischem Gruß“ Die Sehnsucht nach einem „starken Mann im Staat“ und dem Führerprinzip in der Zeit der Weltwirtschaftskrise ließ den EVKL 1932/33 zu einer Massenbewegung werden. Besonders in den Städten und unter der jungen Generation fand der EVKL immer mehr Anhänger. Vorbild waren unter anderem die Lapua-Bewegung in Finnland.
Eine feste ideologische Basis fehlte dem EVKL, der sich als „Anti-Partei“ und Volksbewegung verstand. Er zeigte aber starke faschistoide Tendenzen. Mit seiner Generalkritik am bestehenden politischen System, der zersplitterten Parteienlandschaft sowie Anprangerung angeblicher Korruption und Vetternwirtschaft der demokratischen Parteien und dem ständigen „Kuhhandel“ in der Politik fand er die richtigen politischen Schlagworte für zahlreiche Enttäuschte der estnischen Demokratie.
Der EVKL war stramm gegen linke Gruppen orientiert und forderte ein Verbot der sozialistischen Parteien und Organisationen. Er stellte generell das Grundprinzip des Parlamentarismus der Zwischenkriegszeit in Frage. Ihm schwebte ein Modell des Ständestaats vor, bei dem – im Gegensatz zu politischen Parteien – festgelegten Berufs- und Interessengruppen eine führende Stellung im politischen Leben zukommt. Im Zentrum des politischen Systems sollte ein autoritärer Führer stehen, der innenpolitischen Frieden und die Einheit der Nation sicherstellt.
Der EVKL lehnte allerdings eine Kopie ausländischer Bewegungen wie dem italienischen Faschismus oder dem deutschen Nationalsozialismus ab. Dennoch führte die Organisation den Römischen Gruß und die schwarz-weiße Fahne ein. Sie trug schwarze Barette als gemeinsames Erkennungsmerkmal.
Der EVKL vertrat keinen national-chauvinistischen Ansatz. Der EVKL lehnte territoriale Expansion ebenso ab wie Rassismus. Er sprach sich streng gegen den Antijudaismus der faschistischen Parteien in Europa aus. Die weitgehenden Rechte der Minderheiten in Estland sollten beibehalten werden.
Versuche einer Verfassungsreform Alle politischen Parteien in Estland und die öffentliche Meinung erkannten seit Beginn der 1930er Jahre die Notwendigkeit einer grundlegenden Reform des Staatsorganisationsrechts an. Die mit drei Jahren kurze Legislaturperiode des Parlaments, das Fehlen eines ausgleichenden Amts des Staatspräsidenten und die ständige Abhängigkeit der Regierung vom Vertrauen des zersplitterten Parlaments wurden als wesentliche Hindernisse auf dem Weg zu mehr innenpolitischer Stabilität ausgemacht.
Erstes Referendum (1932) 1932 legten die im Parlament vertretenen Parteien mit Ausnahme der Linkssozialisten einen neuen Verfassungsentwurf vor. Er sollte das Grundprinzip des Parlamentarismus beibehalten, zugleich aber ein neues Gleichgewicht zur Regierung und zum neugeschaffenen Amt eines Staatspräsidenten finden.
Bei der Volksabstimmung, die vom 13. bis 15. August 1932 stattfand, scheiterte der Entwurf knapp mit nur wenigen hundert Stimmen Unterschied. Entscheidend für die Niederlage der demokratischen Parteien war vor allem der Widerstand, der von Seiten des rechtsgerichteten EVKL und den Linkssozialisten und Kommunisten kam.
Zweites Referendum (Juni 1933) Im November 1932 legte der EVKL einen eigenen Verfassungsentwurf vor, der allerdings vom Parlament abgelehnt wurde. Dies vertiefte die Gräben zwischen den im Parlament vertretenen Parteien und dem EVKL weiter. Die innenpolitische Spannung wuchs.
Das Parlament erarbeitete 1933 einen neuen Verfassungsentwurf, ohne dass die Vorschläge der Vapsid Berücksichtigung fanden. Er wurde in einer Volksabstimmung, die vom 10. bis 12. Juni 1933 stattfand, nunmehr mit einer deutlichen Mehrheit von 67 % abgelehnt. Die rechtsgerichtete außerparlamentarische Agitation von links und rechts gegen Parlament, Regierung und Parteiendemokratie erreichte ihren Höhepunkt.
Ausnahmezustand Mit den zunehmenden innenpolitischen Spannungen und der Bildung gewaltbereiter Ordnertruppen schien der innere Frieden in Estland bedroht. Am 11. August 1933 erklärte die Koalitionsregierung unter Staats- und Regierungschef Jaan Tõnisson den Ausnahmezustand über das ganze Land, der seit Juni bereits für die Stadt und den Landkreis Tartu galt. Sie schränkte zahlreiche bürgerliche Rechte ein, führte die Vorzensur ein und erließ ein Verbot bestimmter Gruppierungen, das auch den EVKL betraf. Am 11. August 1933 wurde der EVKL aufgelöst.
Die Regierung konnte so zwar die Ruhe einigermaßen gewährleisten, wurde aber in der Bevölkerung immer unbeliebter. Hinzu kamen Korruptionsskandale und eine umstrittene Wirtschaftspolitik. Gegen starken innenpolitischen Widerstand wertete die Regierung am 27. Juni 1933 die Estnische Krone um 35 % ab. Dies führte zwar mittelfristig zu einer kräftigen Erholung der estnischen (Export-)Wirtschaft nach der Weltwirtschaftskrise, wurde allerdings von Bevölkerung und Opposition Mitte 1933 scharf kritisiert.