Chișinău [], deutsch auch Chisinau, Kischinau (, veraltet Kischenau, Kischinew, Kischinev, jiddisch קעשענעוו Keschenew, ),Siehe auch Name der Stadt ist die Hauptstadt der Republik Moldau und mit mehr als 560.000 Einwohnern auch deren bevölkerungsreichste Stadt. Sie ist ein wichtiger Wirtschaftsstandort sowie Universitätsstadt und Kulturzentrum. Chișinău hat eine Fläche von 120 km². Zusammen mit ihrem Umkreis bildet sie das Munizipium Chișinău, das 563,3 km² groß ist und 2024 über 720.000 Menschen beheimatet.
Name der Stadt Chișinău lässt sich nach Ansicht von Historikern etymologisch aus der Kombination des altrumänischen Wortes chișla (Wasserquelle, heute cișmea) und nouă (neu) ableiten und weist so auf eine Grundwasserquelle hin, die in den Ursprüngen der Stadt als wichtige Versorgungsgrundlage diente. Diese Quelle befindet sich an der Kreuzung der Straßen A. Pușkin und Albișoara.
Unter anderen rumänischen Historikern, wie früher Ștefan Ciobanu, wird dieselbe Ableitung wie für Chișineu-Criș vertreten, also vom ungarischen Namen Kis-Jenő (auf Ungarisch: kis „klein“ + Jenő „Eugen“ und zugleich Name eines der sieben altmagyarischen Stämme, bei Konstantin VII. in De Administrando Imperio: Genach). Als das Kumanische Reich im 13. Jahrhundert besiegt worden war, geriet die Region unter ungarische Hegemonie. Die Szekler errichteten in dieser Region Befestigungen, um das Königreich Ungarn gegen weitere Mongoleneinfälle zu schützen. Dazu zählen Miclăușeni (ung. Miklóshely), Orhei (ung. Várhely) und Ciubărciu (Ciobruciu; ung. Csupor) unweit der heutigen Hauptstadt Moldaus. So erscheint ein ungarischer Ursprung plausibel.
Die offizielle Bezeichnung der Stadt lautet Municipiul Chișinău (Munizip Chișinău), wobei auch die umliegenden, zum Munizip gehörenden Gemeinden gemeint sind. Durch die häufigen Veränderungen der Gebietszugehörigkeit hatte die Stadt mehrmals verschiedene Schreibweisen ihres Namens. So nannten sie die Russen Кишинёв Kischinjow, Aussprache [], als sie Hauptstadt von Bessarabien war. Später, als Bessarabien Teil von Rumänien wurde, bekam die Stadt den offiziellen Namen Chișinău [].
Während der kurzzeitigen deutschen Besetzung im Zweiten Weltkrieg wurde die Stadt vermutlich mit der damals gängigen russisch-deutschen Transkription als Kischinew bezeichnet. Mit der sowjetischen Annexion nach dem Zweiten Weltkrieg führte man in der Moldauischen Sowjetrepublik die kyrillische Schrift ein. Chișinău wurde entsprechend Кишинэу geschrieben, parallel dazu ein zweites Mal die russifizierte Variante . Bereits kurz vor der Auflösung der Sowjetunion beschloss die Regierung der Moldauischen SSR am 31. August 1989 die Rückkehr zur lateinischen Schreibweise des Rumänischen – aus Кишинэу wurde wieder Chișinău.
offizieller Name Altkirchenslawisch (1436) Rumänisch Kyrillische Schreibweise Russisch Deutsch Municipiul Chișinău Кешенев Chișinău Кишинэу Кишинёв Munizip Chișinău Kischineu Kischinjow/Kischinew* Kischinau * = alte, fehlerhafte Transkription [] [] []
Geographie mini|links|Stadtbezirke mini|„Stadttor von Chișinău“ (Porțile Chișinăului) im Bezirk Botanica. Sozialistischer Betonkomplex vom Ende der 1970er Jahre am Bulevardul Dacia, der Einfahrt vom Flughafen ins Stadtzentrum.
Die Stadt Chișinău liegt am Bîc auf etwa bei 47° 00' 50" nördlicher Breite und 28° 51' 00" östlicher Länge. Das etwa 120 km² große Stadtgebiet ist in fünf, mit Ausnahme des Centru flächenmäßig etwa gleich große Stadtbezirke (rumänisch Sector) unterteilt:
|20px Centru (Чентру/Центр) |- |20px Rîșcani (Рышкань/Рышкановка) |- |20px Botanica (Ботаника) |- |20px Ciocana (Чокана) |- |20px Buiucani (Буюкань/Боюканы)
Zum Munizip Chișinău (Municipiul Chișinău) mit einer Fläche von 635 km² gehören neben elf kleineren Dörfern die folgenden sechs umliegenden Gemeinden: {| |Codru || Sîngera |- |Cricova || Vadul lui Vodă |- |Durlești || Vatra
Politisch liegt die Stadt mitten im Zentrum der Republik Moldau. Geographisch im Osteuropäischen Flachland gelegen, ist die Stadt umgeben von einer flachhügeligen Landschaft mit sehr fruchtbarem Erdboden aus Schwarzerde, der schon seit Urzeiten die Grundlage für landwirtschaftliche Nutzung bot für den Anbau sowohl von Wein als auch von Obst. Durchzogen von dem Fluss Bîc zeigt die Stadt, besonders im Frühling und im Sommer, ein sehr naturbezogenes Stadtbild mit vielen Bäumen und großen Parkanlagen.
Klima mini|Grafik: Temperatur und Niederschlag
Erste Wetterdaten reichen bis in das Jahr 1884 zurück. Damals beschäftigten sich die Forschungen allerdings eher mit dem idealen Klima für einen optimalen Weinbau. Dabei rechnet man im Verlauf eines Jahres mit etwa 2.215 Stunden Sonnenschein – davon 329 Stunden alleine im Rekordmonat Juli – im Dezember dagegen nur mit 54 Stunden. Regional herrscht ein kontinentales Klima mit einer Jahresdurchschnittstemperatur von 9,6 °C und einer Niederschlagsmenge von 547 mm. Der Sommer beginnt etwa Mitte Mai, er fällt kurz aus, dafür kräftig. Hohe Temperaturen um 25 °C erreicht das Thermometer vor allem in den Monaten Juni, Juli und August. Mit verstärktem Niederschlag ist im Juni und Juli zu rechnen. Wie der Sommer ist auch der Winter sehr kurz. Der Januar erreicht mit durchschnittlich −3,2 °C die tiefsten Temperaturen, der Oktober mit 27 mm die geringste Niederschlagsmenge. Ausgeprägt lang und warm ist der Herbst dank der Lage nahe dem Schwarzen Meer, welches das Klima der Region stark beeinflusst. Meist herrscht jedoch eine mittlere Temperatur um 10 °C mit wenig Niederschlag während des gesamten Jahres.
Parks mini|Parkanlage Ștefan cel Mare și Sfînt mini|Alecsandri-Büste (L. Dubinowschi, 1957), Aleea Classicilor mini|Parkanlage Parcul Catedralei mini|Parkanlage Ștefan cel Mare
Chișinău ist eine ausgesprochen grüne Stadt. Viele Hauptstraßen sind von Bäumen gesäumt. Hinzu kommen großzügige Parkanlagen, die auf dem ganzen Stadtgebiet verteilt liegen und das Stadtbild prägen. Zu den wichtigsten Parks gehören: Grădina Publică Ștefan cel Mare și Sfînt (im Zentrum): Der Park liegt am Bulevardul Ștefan cel Mare și Sfînt. Hier befindet sich neben der Statue von Ștefan cel Mare auch die 1957 eröffnete Aleea Classicilor (Allee der Klassik), eine Allee mit Bronzebüsten berühmter, klassischer Autoren der rumänisch-moldauischen Literatur. von Alexandru Hajdau, George Coșbuc, Mihai Eminescu, Nicolae Milescu-Spataru, Tudor Arghezi, Vasile Alecsandri, Bogdan Petriceicu Hasdeu, Constantin Stamati, Alecu Russo, Lucian Blaga, George Asachi, Constantin Stere, Alexei Matievici, Constantin Negruzzi, Mircea Eliade, Ion Creangă, Alexandru Donici und Dimitrie Cantemir. Ebenfalls im Park zu finden ist ein Denkmal für den russischen Nationaldichter Alexander Puschkin, der sich längere Zeit in der Stadt aufhielt. Parcul Catedralei (im Zentrum): 1836 wurde der neun Hektar große Park zeitgleich zur Einweihung der Catedrala Nașterea Domnului eröffnet. Er liegt am Bulevardul Ștefan cel Mare și Sfînt. Parcul Silvic (im Norden) Parcul La Izvor (im Nordwesten): Der Park zur Quelle wurde 1972 eröffnet, er bietet auf 150 Hektar Fläche zwei große Seen, eine Brücke für Fußgänger und eine Wasserfontäne. Parcul Dendrologic (westlich vom Zentrum) Parcul Valea Morilor: Südwestlich des Zentrums befindet sich die vom Architekten Robert Kurz gestaltete Parkanlage Tal der Mühlen. Der Park wurde 1951 eröffnet und bietet mit einer Fläche von 114 Hektar auch einen großen See. Parcul Valea Trandafirilor: Der Park der Rosen liegt südöstlich im Bezirk Botanica und hat eine Fläche von etwa 145 Hektar. Als Attraktion bietet er ein Riesenrad und weitere Freizeitangebote.
Geschichte Die erste schriftliche Erwähnung von Chișinău geht ins Jahr 1436 zurück, als die Ortschaft Teil des Fürstentums Moldau war. Dieses Fürstentum stand zuerst unter polnischer, später unter osmanischer Oberhoheit. Eine nennenswerte Entwicklung blieb aus, und die Ortschaft blieb bis ins 19. Jahrhundert als Bojaren- und Klostersiedlung praktisch unverändert. 1818 wurde die kleine Stadt als Kischinjow Verwaltungssitz des vom Osmanischen Reich an das Russische Kaiserreich im Frieden von Bukarest 1812 abgetretenen Gouvernements Bessarabien. Kischinjow genoss als Stadt am Rande des Russischen Reichs und als Strafversetzungslager für Unzufriedene und Aufmüpfige keinen guten Ruf. Der junge russische Nationaldichter Alexander Puschkin war vom 21. September 1820 bis 1823 als Übersetzer nach Kischinjow verbannt und schrieb über die Stadt:
„O Kischinjow, o dunkle Stadt!“; „Verfluchte Stadt Kischinjow, die Zunge wird nicht müde, Dich zu beschimpfen.“
Aufschwung im Industriezeitalter mini| Stadtzentrum mit Triumphbogen und der Catedrala Nașterea Domnului
Ab 1834 entstand durch einen großzügigen Stadtentwicklungsplan ein imperiales Stadtbild mit breiten und langen Straßen. Dieser teilte die Stadt grob in zwei Bereiche: die Altstadt mit ihren verwinkelt gebauten Straßen und unregelmäßigen Gebäudestrukturen sowie die Innenstadt mit dem im Voraus geplanten Konzept des Straßenverlaufs. Zur selben Zeit wurden auch das Stadtzentrum und der im Bezirk Centru liegende Bahnhofsplatz geplant. Zwischen dem 26. Mai 1830 und dem 13. Oktober 1836 errichtete der Architekt Avraam Melnikov die Catedrala Nașterea Domnului mit ihrem prächtigen Glockenturm. 1840 folgte der Bau des im folgenden Jahr fertiggestellten Triumphbogens durch den Architekten Luca Zaușkevici. In unmittelbarer Umgebung wurde mit dem Bau einer Vielzahl weiterer Gebäude und Plätze begonnen. mini|Stadtplan aus dem Jahr 1887 mini|Grafik: Bevölkerungsentwicklung
1858 entstand die von dem Architekten Nicolae Golikov erbaute Catedrala Sfîntul Mare Mucenic Teodor Tiron, die sich mit ihrem blauen Erscheinungsbild vom Rest abhebt. Im weiteren Verlauf des Jahrhunderts wuchs die Stadt kontinuierlich. 1891 leitete der Schweizer Architekt Alexander Bernardazzi den Bau mehrerer Projekte, darunter den der Biserica Sfîntul Pantelemon (Grecească – griechische Kirche), sowie von 1900 bis 1903 des Frauengymnasiums Dadiani und der dortigen Kapelle (1895–1897). Zwischen 1898 und 1901 entstand am Bulevardul Ștefan cel Mare și Sfînt durch Mitrofan Elladi und Alexander Bernardazzi das Rathaus der Stadt, das Fosta Dumă Orășenească.
Stadt Chișinău Jahr Einwohner 1812 7.000 1835 34.000 1861 93.400 1897 108.500 1913 116.500 1930 114.800 1950 134.000 1963 253.500 1980 519.200 1991 676.700 1993 663.400 1996 662.500 2004 589.446 2014 493.6382024567.038
Pogrome zu Beginn des 20. Jahrhunderts mini|Jüdischer Einwohner um 1900 mini|Petition an Zar Nikolaus II. von 1903
Kischinjow war um 1900 ein Zentrum jüdischen Lebens im Russischen Kaiserreich. So bildeten Juden mit einem Anteil von 45,9 % laut einer Zählung aus dem Jahr 1897 die größte Bevölkerungsgruppe in Kischinjow, vor den Russen (27,0 %) und den Rumänen (17,6 %).