mini|In Moskau, vermutlich 1936 Stefan Cohn-Vossen (* 28. Mai 1902 in Breslau; † 25. Juni 1936 in Moskau) war ein deutscher Mathematiker, der sich mit Geometrie beschäftigte.
Leben Stefan Cohn-Vossen wurde als jüngstes von drei Söhnen des Rechtsanwalts und Justizrats Emmanuel Cohn-Vossen (1860–1947) und dessen aus Köln stammenden Ehefrau Hedwig (1863–1949), geb. Vossen, geboren. Er wuchs in Breslau auf, war dort Mitglied einer jüdischen Wandervogelbewegung und begann als Jugendlicher zu komponieren.
Er studierte 1921 Mathematik an der Universität Göttingen (unter anderem bei Richard Courant) und setzte sein Studium an der Universität Breslau fort, wo er 1924 bei Adolf Kneser promoviert wurde (Singuläre Punkte reeller, schlichter Kurvenscharen, deren Differentialgleichung gegeben ist). Im Anschluss ging er zurück nach Göttingen und habilitierte er sich dort bei Richard Courant. Er ließ sich 1930 an die Universität zu Köln umhabilitieren und lehrte dort als Privatdozent.
Bereits am 2. Mai 1933 wurde er durch die Nationalsozialisten aufgrund des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums als Jude beurlaubt und im September dann seines Amtes enthoben. Schon vorher ging er zunächst als Lehrer an ein Gymnasium nach Locarno in der Schweiz. 1934 war er Studienrat in Zürich. Im selben Jahr ging er in die Sowjetunion, wo er 1935 Professor an der Universität Leningrad sowie Mitarbeiter am Steklow-Institut für Mathematik der sowjetischen Akademie der Wissenschaften wurde. Die Anstellung kam durch Vermittlung von Heinz Hopf und Pawel Sergejewitsch Alexandrow zustande. Das Steklow-Institut wurde 1936 nach Moskau verlegt und Cohn-Vossen folgte dem Institut. Erneut wurde er zum Professor ernannt, diesmal an der Universität in Moskau. Im selben Jahr starb er an den Folgen einer Lungenentzündung, die er sich bei einer Zugfahrt zugezogen hatte.
Familie Seine Witwe, die Ärztin Elfriede geb. Ranft, war von 1938 bis zu ihrem Tod 1957 mit Alfred Kurella verheiratet. Cohn-Vossens Sohn ist der Regisseur und Drehbuchautor Richard Cohn-Vossen (* 1934). Der Pädagoge Ludwig Cohn (Pädagoge) war sein Cousin.
Werk Cohn-Vossen befasste sich in Anschluss an Wilhelm Blaschke mit Starrheitseigenschaften von Flächen, später vor allem mit Differentialgeometrie „im Großen“. Unter anderem bewies er den Satz von Cohn-Vossen und den Zerlegungssatz von Cheeger und Gromoll für Flächen. 1932 erschien sein bekanntes, auf allgemeinverständlichem Niveau gehaltenes Buch mit David Hilbert Anschauliche Geometrie. Das Buch basierte auf Vorlesungen, die Cohn-Vossen 1921 in Göttingen bei David Hilbert gehört und im Anschluss gründlich überarbeitet und in Buchform gebracht hatte. Das Buch war schon zu seiner Zeit ein großer Erfolg, machte Cohn-Vossen in Mathematikerkreisen bekannt, wurde in mehreren Sprachen herausgegeben (Russisch und Englisch 1952, Polnisch 1956 und Italienisch 1960) und mehrfach neu aufgelegt (1973 und 1996).
Auszeichnungen und Ehrungen
2014 wurde am Mathematischen Institut der Universität zu Köln ein neu eingerichteter Hörsaal nach ihm benannt und am 7. November mit einem Erinnerungskolloquium in Anwesenheit seines Sohnes Richard eingeweiht.
Schriften Singularitäten konvexer Flächen. Mathematische Annalen Bd. 97, Nr. 1, 1927, S. 377–386. Zwei Sätze über die Starrheit der Eiflächen. Nachrichten von der Gesellschaft der Wissenschaften zu Göttingen, Mathematisch-Physikalische Klasse, 1927, S. 125–134. Die parabolische Kurve. Mathematische Annalen, Bd. 99, Nr. 1, 1928, S. 273–308. Unstarre geschlossene Flächen. Mathematische Annalen Bd. 102, Nr. 1, 1930, S. 10–29. mit David Hilbert: Anschauliche Geometrie. Springer 1932, 1996. Kürzeste Wege und Totalkrümmung auf Flächen. Compositio Mathematica, Bd. 2, 1935, S. 69–133. Der approximative Sinussatz für kleine Dreiecke auf krummen Flächen. Compositio Mathematica, Bd. 3, 1936, S. 52–54. Existenz kürzester Wege. Compositio Mathematica, Bd. 3, 1936, S. 441–452. Totalkrümmung und geodätische Linien auf einfachzusammenhängenden offenen vollständigen Flächenstücken. Rec. Math. Moscou, n. Ser., Bd. 2, 1936. S. 139–164. Die Kollineationen des n-dimensionalen Raumes. Mathematische Annalen, Bd. 115, Nr. 1, 1938, S. 80–86.
Literatur A. Alexandrow: On the Works of S. E. Cohn-Vossen. Uspekhi Matem. Nauk, Bd. 2, 1947, S. 107–141. online in Englischer Übersetzung Renate Tobies: Biographisches Lexikon in Mathematik promovierter Personen an deutschen Universitäten und Technischen Hochschulen WS 1907/08 bis WS1944/45. Augsburg 2006.
Weblinks
Persönliche Notiz zum Eintritt ins NIIMM in Leningrad bei mi.uni-koeln.de Quellen und Bilder zu Cohn-Vossen bei mi.uni-koeln.de Stefan Cohn-Vossen in der Datenbank zbMATH С. Э. Кон-Фоссен (некролог) Nachruf in Uspechi Mat. Nauk (1936) 1, 5 (russisch)
Einzelnachweise
Kategorie:Mathematiker (20. Jahrhundert) Kategorie:Hochschullehrer (Staatliche Universität Sankt Petersburg) Kategorie:Emigrant aus dem Deutschen Reich zur Zeit des Nationalsozialismus Kategorie:Deutscher Kategorie:Geboren 1902 Kategorie:Gestorben 1936 Kategorie:Mann