mini|Jürgen Petersohn, aufgenommen 2000 von Werner Maleczek Jürgen Petersohn (* 8. April 1935 in Merseburg; † 20. Juli 2017 in Würzburg) war ein deutscher Historiker mit den Schwerpunkten mittelalterliche Geschichte und nordostdeutsche Landesgeschichte.

Petersohn lehrte von 1981 bis 2000 als Professor für mittelalterliche Geschichte an der Philipps-Universität Marburg. Er trat vor allem mit Arbeiten zur politischen Ideengeschichte, zur Geschichte von Papsttum und Kirche, zur Geschichte der Stadt Rom, zur päpstlichen Diplomatie im Quattrocento sowie zur fränkischen und vor allem pommerschen Landesgeschichte hervor. Für die Monumenta Germaniae Historica erwarb er sich bleibende Verdienste als Editor der ältesten Lebensbeschreibung Ottos von Bamberg, der sogenannten „Prüfeninger Vita“.

Leben Der 1935 in Merseburg geborene Petersohn war der Sohn eines höheren Beamten der preußischen Schulverwaltung. Sein Vater wurde 1936 nach Köslin in Pommern versetzt. Dort verbrachte Petersohn seine Kindheit und die ersten Schuljahre. Die Kreisstadt in der Nähe der Ostsee war über mehrere Jahrhunderte Residenzort der Bischöfe von Kammin gewesen und beeinflusste Petersohns Wahrnehmung der Welt nachhaltig.Rudolf Schieffer: Nachruf Jürgen Petersohn. In: Deutsches Archiv für Erforschung des Mittelalters 73 (2017), S. 747–750, hier: S. 747. Nach dem Zweiten Weltkrieg floh die Familie in den Westen. Bei seiner Flucht war Petersohn im vierten Schuljahr. Als einziges Buch nahm er die Geschichte der Stadt Köslin von Fritz Treichel mit.Rudolf Schieffer: Nachruf Petersohn (vorgetragen auf der Reichenau am 10. Oktober 2017). Die Familie lebte ab 1946 im oberfränkischen Coburg, wo sie bei Verwandten Aufnahme gefunden hatte. Petersohn legte 1954 an der Oberrealschule Ernestinum in Coburg das Abitur ab. Von 1954 bis 1960 studierte er Geschichte, Germanistik und Philosophie an den Universitäten Würzburg, Marburg (bei Heinrich Büttner) und Bonn (bei Helmut Beumann). In Würzburg wurde er Mitglied der Landsmannschaft Teutonia Würzburg.Kurt Haase: 125 Jahre Landsmannschaft im CC Teutonia zu Würzburg. Würzburg 1990, ISBN 3-88754-020-4, S. 183. Ab dem Sommersemester 1955 erhielt er ein Stipendium der Studienstiftung des deutschen Volkes. In Bonn wurde er 1959 bei Walther Hubatsch mit einer frühneuzeitlichen Arbeit promoviert: Markgraf Georg Friedrich von Brandenburg-Ansbach und Bayreuth als Herzog in Preußen 1578–1603.Vgl. dazu die Besprechung von Heinz Quirin in: Blätter für deutsche Landesgeschichte 100 (1964), S. 664–667 (online). Die erste Staatsprüfung für das höhere Lehramt in den Fächern Deutsch und Geschichte legte er im Januar 1960 ab.

Von 1961 bis 1964 war Petersohn Stipendiat der Deutschen Forschungsgemeinschaft, von 1964 bis 1970 wissenschaftlicher Assistent am Historischen Seminar der Universität Würzburg. Dabei wurde Otto Meyer als akademischer Lehrer prägend. Unter seinem Einfluss konzentrierte sich Petersohn auch fortan in seinen Forschungen auf das Mittelalter. Im Jahre 1970 habilitierte er sich in Würzburg mit der Studie Sakralstruktur und Kultgeschichte des südlichen Ostseeraums für Mittelalterliche Geschichte und Historische Hilfswissenschaften. Von 1970 bis 1972 war er Oberassistent am Institut für Geschichte der Universität Würzburg. Seine akademische Laufbahn verlief eher schleppend. An der Universität Tübingen nahm er von 1971 bis 1973 eine dreisemestrige Vertretung auf dem von Horst Fuhrmann geräumten Lehrstuhl wahr. In Würzburg lehrte er ab 1975 als außerplanmäßiger und ab 1978 als außerordentlicher Professor. Eine Berufung an die Universität Tübingen kam 1976 nicht zustande, da die Stelle gestrichen wurde.Roderich Schmidt: Laudatio auf Professor Dr. Jürgen Petersohn. In: Pommern. Kunst – Geschichte – Volkstum 26 (1988), S. 1–4, hier: S. 2.

Im Alter von 46 Jahren wurde Petersohn 1981 als Nachfolger von Helmut Beumann Professor für Mittelalterliche Geschichte an der Universität Marburg. Anfang der achtziger Jahre versuchten dort linke studentische Gruppen auf die gesellschaftlichen Themen ihrer Zeit (NATO-Doppelbeschluss, zivile Nutzung der Atomkraft und Bau der Startbahn West) in ihrem Sinne Einfluss zu nehmen. Aus solchen politischen und weltanschaulichen Gründen wurden auf Betreiben einer marxistischen Studentengruppe auch Petersohns Lehrveranstaltungen boykottiert.Matthias Thumser: Jürgen Petersohn (* 8. April 1935, † 20. Juli 2017). In: Blätter für deutsche Landesgeschichte 153 (2017), S. 491–494, hier: S. 491. In Marburg war er 1985/86 und 1993/94 Dekan des Fachbereichs Geschichtswissenschaften. Als akademischer Lehrer betreute er 16 Dissertationen, darunter die von Holger Berwinkel, Otfried Krafft, Jörg Schwarz und Peter Wiegand, sowie die Habilitationen von Matthias Thumser und Irmgard Fees. Er konnte erst in den 1990er Jahren einen nennenswerten Schülerkreis bilden.Rudolf Schieffer: Nachruf Petersohn (vorgetragen auf der Reichenau am 10. Oktober 2017).

Ab 1983 war Petersohn Mitglied und von 1998 bis 2001 Vorsitzender des Konstanzer Arbeitskreises für Mittelalterliche Geschichte. Als Vorsitzender kümmerte er sich um die Vorbereitung des für 2001 vorgesehenen fünfzigjährigen Jubiläums. Zu diesem Anlass gab er die bio-bibliographische Dokumentation der Mitglieder und ihrer Werke sowie den Tagungsband Mediaevalia Augiensia. Forschungen zur Geschichte des Mittelalters heraus. Für den Arbeitskreis initiierte er im Herbst 1990 und im Frühjahr 1991 Tagungen auf der Insel Reichenau zum Thema „Politik und Heiligenverehrung im Hochmittelalter“. Den Sammelband dazu gab er 1994 als 42. Band der Vorträge und Forschungen heraus. Auf Helmut Beumann, der Gründungsmitglied und langjähriger Vorsitzender des Arbeitskreises gewesen war, verfasste er einen ausführlichen Nachruf im 43. Sonderband der vom Konstanzer Arbeitskreis herausgegebenen Reihe Vorträge und Forschungen. Auch die hessische Sektion des Arbeitskreises in Marburg, Gießen und Frankfurt hat er fast zwanzig Jahre koordiniert.

Petersohn war Mitglied der Historischen Kommission für Pommern (1959), der Gesellschaft für fränkische Geschichte (1968), des Johann Gottfried Herder-Forschungsrats (1973) und der Historischen Kommission für Hessen (1985). Er wurde 1991 korrespondierendes und 1998 ordentliches Mitglied der Wissenschaftlichen Gesellschaft an der Universität Frankfurt am Main. Im Jahr 1976 wurde ihm die Ehrengabe zum Georg-Dehio-Kulturpreis und 1988 der Pommersche Kulturpreis verliehen. Zum 65. Geburtstag erhielt er eine Festschrift. Der Sammelband behandelt vor allem Probleme des Kaiser- und Papsttums, die Geschichte Roms, die Literatur des Quattrocento sowie verfassungs- und rechtsgeschichtliche Themen.Matthias Thumser (Hrsg.): Studien zur Geschichte des Mittelalters. Jürgen Petersohn zum 65. Geburtstag. Stuttgart 2000. Vgl. dazu die Besprechung von Stefan Hartmann in: Zeitschrift des Vereins für hessische Geschichte 106 (2001), S. 315–317 (online).

Im Jahr 2000 wurde Petersohn an der Universität Marburg emeritiert. Danach legte er noch sieben selbständige Publikationen vor. Mit Würzburg blieb Petersohn nicht nur durch seine Biographie, sondern auch in seinen Forschungen eng verbunden. Kurz nach seiner Emeritierung kehrte er dorthin zurück. Zum 150-jährigen Bestehen des Würzburger Historischen Seminars sprach er 2007 über Franz Xaver Wegele als Organisator des Würzburger Geschichtsstudiums im 19. Jahrhundert.Jürgen Petersohn: Franz Xaver Wegele als Organisator des Würzburger Geschichtsstudiums im 19. Jahrhundert. In: Helmut Flachenecker, Franz Fuchs (Hrsg.): Anfänge der geschichtlichen Forschung an der Universität Würzburg. 150 Jahre Historisches Institut. Regensburg 2010, S. 82–107. Im folgenden Jahr veröffentlichte er seine grundlegende Darstellung Franken im Mittelalter. Identität und Profil im Spiegel von Bewußtsein und Vorstellung. Sein letzter Aufsatz, der 2016 in den Mitteilungen des Instituts für Österreichische Geschichtsforschung erschien, behandelt Franz Xaver Wegele und die Berufung des Kärntners Matthias Lexer an die Universität Würzburg (1868/1869).Jürgen Petersohn: Geschichtswissenschaft engagiert sich für Germanistik. Franz Xaver Wegele und die Berufung des Kärntners Matthias Lexer an die Universität Würzburg (1868/1869). In: Mitteilungen des Instituts für Österreichische Geschichtsforschung 124 (2016), S. 430–435.

Petersohn war seit Dezember 1964 verheiratet. Aus der Ehe gingen drei Söhne hervor.Roderich Schmidt: Laudatio auf Professor Dr. Jürgen Petersohn. In: Pommern. Kunst – Geschichte – Volkstum 26 (1988), S. 1–4, hier: S. 2. Petersohn starb am 20. Juli 2017 im Alter von 82 Jahren in seinem Zuhause in Würzburg.

Forschungsschwerpunkte mini|Jürgen Petersohn während einer Exkursion der Arbeitsgemeinschaft für pommersche Kirchengeschichte e. V. bei Tallinn in Estland am 9. Juni 2006 Schwerpunkte von Petersohns Forschungen waren die politische Ideengeschichte, Bildungs- und Kirchengeschichte, Rom und das Kaisertum im Hochmittelalter, die Landesgeschichte Frankens und Nordostdeutschlands, der Humanismus, die Missionierung Pommerns, die Geschichte der Heiligsprechungen und ihrer Instrumentalisierung durch die Kaiser und die konziliare Bewegung im 15. Jahrhundert. Seine Arbeiten umspannten ein weites Feld, die Themen erstreckten sich von der northumbrischen Unziale des 8. JahrhundertsJürgen Petersohn: Neue Bedafragmente in northumbrischer Unciale saec. VIII. In: Scriptorium 20 (1966), S. 215–247. bis zur Geschichte des preußischen Ständewesens im 16. und beginnenden 17. Jahrhundert und zur Wissenschaftsgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts. Die Ergebnisse sind in achtzehn Monographien und über einhundert Aufsätzen veröffentlicht. Petersohns wissenschaftliche Anfänge lagen auf dem Gebiet der frühneuzeitlichen Geschichte. In den Jahren 1957 bis 1963 verfasste er etwa ein Dutzend Aufsätze vor allem zur preußischen Geschichte der frühen Neuzeit, von denen die beiden ersten noch zu seiner Studienzeit entstanden.Jürgen Petersohn: Albrecht von Preußen und Ottheinrich von der Pfalz. Ein vergleichender Beitrag zur deutschen Fürstenkultur und Bibliotheksgeschichte der Renaissance. In: Archiv für Kulturgeschichte 39 (1957), S. 323–360; Jürgen Petersohn: Stralsund als schwedische Festung. In: Baltische Studien. N. F. 45 (1958), S. 95–124. Ein halbjähriger Forschungsaufenthalt in Rom 1960/61 führte zu einer zunehmenden Ausrichtung auf mittelalterliche Themen.

Landesgeschichte Nordostdeutsche, insbesondere pommersche Landesgeschichte