mini|250px|Sprachenkarte Frankreichs

Vogesisch ist eine romanische Sprache.

Verbreitung Ihr Verbreitungsgebiet erstreckt sich auf den Osten des Départements Vosges, auf Teile der benachbarten Departements Moselle und Meurthe-et-Moselle sowie auf einige elsässische Täler jenseits der vogesischen Kammlinie, wo es „Welsch“ genannt wird. Auch im Breusch-Tal bei Schirmeck-Saales im niederrheinischen Departement, das vor der deutschen Annexion 1870 zum Departement Vosges gehörte, wird Vogesisch gesprochen. Die äußersten Grenzen der vogesischen Variante des Lothringischen entsprechen im Großen und Ganzen natürlichen, reliefbedingten Trennlinien: im Osten die hohen Gipfel der Vogesen und im Westen stark bewaldete, meist unfruchtbare Gegenden um 500 m Höhe. Das Vogesenmassiv ist bikulturell, bildet in seinem größten Verlauf die Sprachgrenze zwischen dem romanischen und dem deutschen Sprachraum. Der Einfluss der deutsch-elsässischen Dialekte auf das Romanische ist unverkennbar.

Es handelt sich um eine Untergruppe der gallo-romanischen Sprachen der Region Lothringen, die üblicherweise Lothringisch genannt wird. Zahlreiche Personen, einschließlich in Elsass-Lothringen, verwechseln die Bezeichnung « Lothringisch » mit dem heute staatlich offiziell anerkannten Begriff « Fränkisch » (Francique), einer deutschen Mundart, die in unterschiedlichen Formen entlang der deutschen und luxemburgischen Grenze im Departement Moselle gesprochen wird.

Geschichte Das sogenannte herzogliche Lothringen stand vor der Abtretung an Frankreich im 18. Jahrhundert (Reunionspolitik von Ludwig XIV.) wegen seiner romanisch-deutschen Diglossie im Widerspruch zum zentralistischen französischen Königreich. Der deutschsprachige Teil des unabhängigen Herzogtums hieß damals noch „bailliage d’Allemagne“ (Landvogtei von Deutschland). Die fränkischen Dialekte dieser Gegend wurden von den romanischen Mitbürgern als „allemand“ bezeichnet, sprich „deutsch“ im mittelalterlichen Sinne des Wortes: alles, was nicht gallo-romanisch war. Dabei spielte es für die romanisch-lothringischen Mitbürger keine Rolle, ob dieses Deutsch Fränkisch, Elsässisch oder sonst noch Hochdeutsch war. In den drei anderen Landvogteien des Herzogtums wurden romanische Mundarten gesprochen, die sich mehr oder weniger von dem Hochfranzösisch differenzierten. Ab der Revolution 1789 wurden auf nationaler Ebene alle Regionalsprachen als republikfeindlich abgewertet und bekämpft. Deshalb sind die meisten Dialekte der Oïl-Gruppe entweder ausgestorben oder vom Aussterben bedroht. Eine dieser dialektalen Verkehrssprachen ist das Vogesische.

Rechtschreibung Es gibt keine vogesische Orthographie. Da sich die meisten nordfranzösischen Dialekte auf den familiären und mikroregionalen Bereich beschränkt haben, sind sie bis auf einige, episodische Texte in lokaler Sprache fast nur mündliche Umgangssprachen geblieben. Jeder Verfasser von Schriften oder Werken in vogesischer Sprache hat seine eigene oft phonetisch, dem Französischen nahe Rechtschreibung benutzt, so dass keine einheitliche Graphie zustande gekommen ist. Das lateinische Alphabet wird deswegen angewandt und den besonderen vogesischen Lauten angepasst. Im Laufe der Zeit hat sich die Graphie des im Vogesischen vorhandenen Ach-Lautes in der Form „HH“ durchgesetzt. Das „H“ wird wie im Deutschen behaucht. Das nasalierte „i“ wird „ïn“ geschrieben.

Alphabetische Ordnung und Wert der Grapheme

+A À B C Ç CH D É È EU F G GN H HH I Ï J K L M N O OU P QU R S T U V W X Y Za à b c ç ch d é è eu f g gn h hh i ï j k l m n o ou p qu r s t u v w x y z []

Phonologie Konsonanten Aufgrund der phonetischen Vielfalt der Mundarten in den Vogesen zeigt die Tabelle alle Konsonanten und Vokale, die vorkommen können. Das bedeutet nicht unbedingt, dass sie in jeder einzelnen Mundart auftauchen.

Die Konsonanten mit Farbe im Hintergrund sind diejenigen, die in Hochfranzösisch nicht existieren.

  bilabial labio-dental alveolar post-alveolar labio-palatal palatal labio-velar velar uvular glottal stl. sth. stl. sth. stl. sth. stl. sth. stl. sth. stl. sth. stl. sth. stl. sth. stl. sth. stl. sth. Plosive                             Nasale                                 Vibranten         |                             Frikative                       Approximanten                                   Lateral                                       

Digraphen Außer den im Französischen üblichen Digraphen „CH“, „GU“ oder „QU“ können je nach Mundart die folgenden Affrikaten auftreten: tch [tʃ] tchampa (chance) dj [dʒ] mindji (manger)

Sie kommen hauptsächlich im äußerst südlichen Teil der Vogesen vor, einem Übergangsgebiet zu dem Sprachraum der Freigrafschaft Burgund (Ober-Moseltal, Chajoux-Tal, auch bei Fraize im Ober-Meurthetal).

Die Buchstaben H und HH Im vogesischen « Patois » wird der Buchstabe « h » mit Behauchung ausgesprochen wie in den germanischen Sprachen „house“ oder „Haus“. Auch im regionalen Französisch hört man es manchmal noch: les hauts [le ho:], la hache [la haʃ]. Es ist zwar ungewöhnlich für eine romanische Sprache das „H“ zu behauchen, aber das Phänomen wiederholt sich ebenfalls in Wallonien in den Mundarten von Lüttich. Dagegen soll die Graphie « hh » nicht wie zwei « h » interpretiert werden. Es handelt sich um einen stimmlosen velaren Reibelaut wie der deutsche « Ach-Laut », der niederländische « g » oder „ch“ oder noch die spanische Jota « j ». Dabei muss sich besonders der Deutsche daran erinnern, dass dieser Laut HH nie zu der entsprechenden palatalen Form (Ich-Laut) vor bestimmten Vokalen werden kann. „HH“ bleibt stimmlos und velar am Wortanfang oder -ende sowie in der Mitte. Es gibt sonst kombinatorische Varianten im Vogesischen für das Paar G – CH (oder J – CH), wo der stimmhafte alveolare Reibelaut [ʒ] im Auslaut lieber stimmlos [ʃ] ausgesprochen wird. fromège (Käse) hört sich eher wie [fromɛʃ] an. Der Ach-Laut HH ist sehr häufig in den vogesischen Dialekten. Wenn man stark vereinfacht, kommt dieser Laut da vor, wo man in Hochfranzösisch « ss », « rs », « xc », « sc », « rc », « x » findet. Er ist etwas stimmhafter in der Mitte eines Wortes als im Auslaut.

Dieser Laut ermöglicht eine Einteilung des lothringischen Sprachraums in drei Zonen, wobei die HH-Zone allgemein und auch ein bisschen übertriebenermaßen als „echtes“ Lothringisch gilt.

Die verschiedenen Dialekte der Lorraine unter besonderer Berücksichtigung des HH

Die westliche Zone zeichnet sich dadurch aus, dass die Wörter eher an die hochfranzösische Form „poisson“ erinnern. Die zentrale Zone mit dem Laut „CH“ (zu Deutsch „SCH“) steht in einem sprachlichen Kontinuum mit den dialekten in Wallonien und der Franche-Comté (Freigrafschaft Burgund). Die östliche Zone ist ein Unikum im romanischen Raum mit dem Ach-Laut, den Wallonier aus Lüttich allerdings auch besitzen, obwohl beide Zonen geographisch von deutsch- und romanischsprachigen Dialekten getrennt sind.

Die Nasale mit leichter Velarisierung Im Auslaut hört man bei nasalen Vokalen (in, ïn, on, an, en) ein nasalisiertes N wie im Deutschen NG [ŋ] im Adjektiv „lang“, aber mit dem großen Unterschied, dass das deutsche „A“ nicht nasalisiert ist. Deutsch: laŋ / Hypothetische vogesische Form wäre: lãŋ Andere Beispiele: Haus: mohon [mɔhõŋ] Hand: main [mẽŋ]

Vokale Der Nasal „ïn“ existiert auf Französisch nicht; es handelt sich um ein nasalisiertes „i“. Dabei wird ein „i“ ausgesprochen und ein Teil der Luft entweicht durch die Nase. Der Nasal „un“ ist im Dialekt noch erkennbar und deutlich von dem Nasal „in“ zu unterscheiden (brun und brin hören sich nicht ganz gleich an). Dies sei normalerweise auch der Fall in Französisch, aber dieser Nasal tendiert in der Hochsprache zu verschwinden, weil ein großer Teil der französischen Bevölkerung ihn nicht mehr aussprechen kann. Man hört stellenweise ein velares A wie in den romanischen Dialekten ch’timi oder breton gallo, wobei ein Deutscher oder ein nicht dialektkundiger Franzose vielmehr ein „O“ wahrnimmt als ein „A“. Das gilt allerdings nicht für die Deutschen, die dieses « A » in ihrer Mundart besitzen wie in Süddeutschland (e Mànn, e Màà = ein Mann). Dieses „A“ [å] liegt im Vokalinventar des Vogesischen zwischen dem „O“ und dem vorderen „A“.

Graphie IPA Artikulationsart a palatal kurz[] a lang [] a velar kurz / lang [] ä offen kurz / lang [] e geschlossen kurz / lang e unbetont, Schwa[ [] ö offen kurz / lang] [] ö geschlossen kurz / lang [] o geschlossen kurz / lang [] o offen kurz / lang [] ü geschlossen kurz / lang [] u geschlossen kurz / lang [] i geschlossen kurz / lang [] a nasalisiert kurz / lang (en, an, em) [] o nasalisiert kurz / lang (on) ä nasalisiert kurz / lang (in, ain) i nasalisiert (ïn)[] œ nasalisiert (un)

Diphthonge Es gibt keine richtigen Diphthonge in den vogesischen Mundarten. Es handelt sich vielmehr um ein Paar Vokal/Halbkonsonant oder Halbkonsonant / Vokal.

Das häufigste Paar ist mit dem Halbkonsonanten [j], der aber „y“ geschrieben wird wie im Wort „kurèye“ (curé). Hier unten eine Zusammenfassung der üblichen Diphthonge:

IPA Graphie Beispiel*[] -èy, -èye, -eil, -eille lo m’tèye = le métier(Beruf)[] -éy, -éye lè guéye = la quille (Kegel)[] -aye, -ail, -aille l’onaye = l’année (Jahr)[] -aye, -ail, -aille wie [aj] landschaftlich[] -aye, -àye, -åye wie [aj], landschaftlich[] -oye, -oil, -oille lo stoye, stoille = l’étable (Stall)[] -oye, -oil, -oille froyi = frayer (laichen)[] -euye, -euil, -euille lo beuystiou, beuillestiou = boîteux (hinkend)[] -euye, -euil, -euille i breuseuille = je bricole (ich bastle)

Für Halbkonsonanten mit Vokal:

Son Graphie Beispiel[] -oué, -wé lo fwé = le fer (Eisen)[] -ouè, -ouais, -wè, … lo pwèvre = le poivre (Pfeffer)[] -oua, -ois, -wa, … èbwayé = aboyer (bellen)[] -ouo, -ouau, -wo, … lo pwo = porc (Schwein)[] -ouo, -wo lè bouòtte = moustique (Schnake)[] -oui l’ègrèouisse = l’écrevisse (Flusskrebs)

Der Laut geschrieben -ouà, -ouå, -ouo, -wà, -wå ist eine rein fakultative phonetische Variante von [wa].

(Die Beispiele stammen nicht von einer einzigen Mundart, weil manche Laute je nach Standort nicht existieren oder sehr selten vorkommen)

Apokope und Synkope Die Wörter mit einem unbetonten Vokal werden ebenfalls oft synkopiert ausgesprochen wie im mündlichen Französisch bei „petit“, das „p’tit“ ausgesprochen wird. Dieses Phänomen wird oft mit einem Apostroph markiert.

lè m’naye (monnaie-Münze) – d’mourè (demeurer-verbleiben) – lo lanç’mot / lançemot (lancement-Einweihung) – lo s’moyou (somnoleur-Dösender) – l’embaul’rosse / embaulerosse(emballeuse – Verpackerin)

Die meisten vogesischen Mundarten führen eine Apokope der nicht betonten Vokale im Auslaut durch. Im Wort „fromège“ (Käse) wird das „e“ zwar geschrieben, wie im Französischen, aber nicht ausgesprochen.

In der Regel geht es um ein unbetontes „e“ im Auslaut wie in Hochfranzösisch „une femme“ [fam]. In der Mundart, wo es bisher keine graphischen Regeln gibt, kann man dieses « e » nicht schreiben, doch beim Lesen kann es zu Zweifelsfällen kommen:

lè pare ou lè par (Misthaufen). Für einen fremdsprachigen Leser lässt sich das erstere Wort besser lesen, da das „A“ hier eher lang als kurz ausgesprochen werden muss. tyèhhe / tièhh (klar) – lè sèlle (Stuhl)

Apokope und Synkope sind besonders bei den kleinen grammatikalischen Wörtern wie den Personalpronomen, der Verneinungsform oder der Präposition « de » feststellen. Dies gilt allerdings auch für die mündliche Umgangssprache in Hochfranzösisch: „j’lui dis“ oder „tu l’veux?“

ous kè t’vè? = Où vas-tu? Où est-ce que tu vas? j’vâ = je vais t’s’rè = tu seras (Hier eine Apokope bei „tè“ und eine Synkope bei „serè“)

Natürlich gilt die Regel auch für das Demonstrativpronomen (cé, ço) in Verbindung mit dem Hilfsverb „sein“, wie im Französischen „c’est“: ço, ç’o.

Morphologie Genres Es gibt zwei Genera: Maskulinum und Femininum.

lo fon (das Heu) – lè chorotte (die Karre)