+ Menschenin Deutschlandin relativer Armut Jahr Armuts-Gefährdungs-QuoteAnteil der Bevölkerung mit einem Äquivalenz-Einkommen unterhalb 60 % des Medians Quelle202415,5 %2021 15,8 % Relatives Armutsrisiko in Deutschland 2021, zuletzt abgerufen am 8. August 2022.2020 16,1 % Relatives Armutsrisiko in Deutschland 2021, zuletzt abgerufen am 8. August 2022.2018 18,7 % Anteil der von Armut und sozialer Ausgrenzung bedrohten Menschen in Deutschland stabil, zuletzt abgerufen am 8. August 2022.201616,5 %201516,7 % 2014 16,7 % Armutsgefährdung in Deutschland 2016, zuletzt abgerufen am 17. Oktober 2016. 2012 16,1 % 2010 15,6 % 2008 15,2 % 2006 12,7 % Statistisches Bundesamt Deutschland: 2003 13,5 % 2002 12,7 % 1998 12,1 % Der Bericht Lebenslagen in Deutschland – Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung (ARB), oft als Armutsbericht bezeichnet, ist ein wiederholt erscheinender Bericht der deutschen Bundesregierung zur wirtschaftlichen und sozialen Lage der Bürger Deutschlands, mit einem speziellen Fokus auf Armut in Deutschland. Der Bericht enthält Hinweise zu den politischen Maßnahmen, mit der die Bundesregierung die Lebenslage und die Verwirklichungschancen der in der Gesellschaft Benachteiligten verbessern will.
Auftraggeber, Beschluss Erste Grundlagen wurden im August 1963 gelegt, als der Deutsche Bundestag das Gesetz über die Bildung eines Sachverständigenrates zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung beschloss. In dessen periodische Untersuchungen solle auch die „Bildung und die Verteilung von Einkommen und Vermögen“ einbezogen werden. Am 27. Januar 2000 forderte der Bundestag auf Antrag der Fraktionen der SPD und des Bündnisses 90/Die Grünen die Bundesregierung auf, 2001 erstmals einen nationalen Armuts- und Reichtumsbericht vorzulegen. In der Koalitionsvereinbarung vom 11. November 2005 ist festgehalten, dass die Berichterstattung fortgeführt und weiterentwickelt werden soll.
Zielsetzung Der Antrag der beiden Fraktionen führt als Ziel der Berichterstattung an, dass die Situation der „Armut“ in Deutschland dargestellt und politische Handlungsoptionen aufgezeigt werden. Damit soll auch dem Abschlussdokument des Weltsozialgipfels von 1995 in Kopenhagen Rechnung getragen werden, in dem sich die Bundesrepublik zur Erstellung eines solchen Berichtes verpflichtet hatte. Der Bericht soll über die Armut hinaus auch die Verteilung des Reichtums in der Bundesrepublik beschreiben. An der Erstellung des Berichts sind auch Vertreter von Verbänden zu beteiligen, die sich mit dem Problem der Armut befassen.
Im ersten Bericht wird ergänzend dargelegt, dass mit dem Bericht eine Gesamtschau der sozialen Wirklichkeit gegeben werden soll, die es ermöglicht, verschiedene Politikbereiche zu verzahnen. Es sollen Politikinstrumente aufgezeigt werden, mit denen Armut vermieden und beseitigt werden kann, die Eigenverantwortlichkeit gestärkt und die Polarisierung in der Gesellschaft vermindert werden kann. Darüber hinaus soll der Bericht zur Versachlichung der Diskussion beitragen.
Veröffentlichung der Armuts- und Reichtumsberichte Sieben Bundesregierungen haben bisher je einen Armutsbericht vorgelegt. Sie werden vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales vorbereitet. Für die Erstellung der Berichte hat das Ministerium einen ständigen Beraterkreis mit Vertretern der Länder, Kommunen, Verbände, Institutionen und der Betroffenenorganisationen berufen. Darüber hinaus wurde mit Fachwissenschaftlern ein Gutachtergremium gebildet, dessen Mitglieder die Berichterstattung mit themenspezifischen Fachgutachten unterstützt haben.
Einzelberichte der Bundesregierung („Lebenslagen in Deutschland“) Regierung BT-Drucksache Armuts- und Reichtumsbericht Kabinett Schröder I Erster Bericht, Mai 2001 Kabinett Schröder II Zweiter Bericht, März 2005 Kabinett Merkel I Dritter Bericht, Juni 2008 Kabinett Merkel II Vierter Bericht, März 2013 Kabinett Merkel III Fünfter Bericht, April 2017 Kabinett Merkel IV Sechster Bericht, Mai 2021 Kabinett Merz Siebenter Bericht, Dezember 2025
Definition von Armut Die Bundesregierung vertritt die Auffassung, dass die Bezeichnung Armut nicht eindeutig wissenschaftlich erfassbar ist. Armut sei vielmehr pluralistisch als Lebenslage zu beschreiben, um eine Unterversorgung aus verschiedenen Perspektiven zu erfassen. Der Bericht folgt der Definition von Armut durch den Rat der Europäischen Gemeinschaft von 1984, „nach der Personen, Familien und Gruppen als arm gelten, die über so geringe (materielle, kulturelle und soziale) Mittel verfügen, dass sie von der Lebensweise ausgeschlossen sind, die in dem Mitgliedsstaat, in dem sie leben, als Minimum annehmbar ist.“
Armut wird daher in den Berichten unter den Gesichtspunkten relativer Einkommensarmut, kritischer familiärer Lebensereignisse, dem Leben in sozialen Brennpunkten in Großstädten, Obdachlosigkeit und der Überschuldung betrachtet, während Reichtum mit der Einkommensverteilung in Deutschland und der Vermögensverteilung in Deutschland in der Bevölkerung beschrieben wird. Statistisch wird Armut in einer Armutsquote ausgedrückt. Diese beziffert den Anteil der Personen der Bevölkerung, deren Einkommen unterhalb der Armutsgrenze liegt.
Themenbereiche Entsprechend der Zielsetzung, ein pluralistisches Bild der Armut zu erfassen, sind die Berichte in verschiedene Themenbereiche gegliedert. Im Folgenden wird die Struktur des 3. Armuts- und Reichtumsberichtes wiedergegeben, die sich nicht wesentlich von dem 1. und 2. Bericht unterscheidet:
I. Gesamtwirtschaftliche Rahmenbedingungen und gesellschaftliche Entwicklungen II. Einkommen und Vermögen, Mindestsicherung und Verschuldung III. Bildungschancen IV. Erwerbstätigkeit V. Familie und Kinder VI. Gesundheitliche Situation und Pflegebedürftigkeit VII. Wohnen VIII. Politische und gesellschaftliche Partizipation IX. Lebenslagen ausgewählter Gruppen X. Menschen mit Migrationshintergrund XI. Menschen in besonders schwierigen Lebenslagen
Die Berichte enthalten grundsätzlich einen analytischen Teil, in dem die erhobenen Fakten dargestellt werden, sowie einen Teil mit Vorschlägen für politische Maßnahmen, die teilweise die aktuellen Projekte der beteiligten Ministerien wiedergeben, sowie einen entsprechend gegliederten umfangreichen Tabellenanhang mit Übersichten zu den erhobenen Daten.
Einzelergebnisse
Im Folgenden werden die Hauptergebnisse des 3. Armuts- und Reichtumsberichtes (3. ARB) zusammengefasst.
Wirtschaftliche Rahmenbedingungen Im Bericht wird darauf verwiesen, dass viele der erhobenen Daten nur bis zum Jahr 2005 reichen, weil spätere Erhebungen zum Zeitpunkt der Vorlage des Berichts noch nicht ausgewertet waren. Das Jahr 2005 war ein konjunkturell schwaches Jahr, in dem die Arbeitslosigkeit mit 5,29 Millionen Personen den Höhepunkt seit der Wiedervereinigung erreichte. Der Bericht erfasst noch nicht die Verbesserungen der Jahre 2006 bis 2008, die sich auch in gestiegenen Bruttoeinkommen, vor allem aber in einem Rückgang der Arbeitslosigkeit ausgewirkt haben. (3. ARB, 31)
Ergänzend wird auf die sich verschiebenden gesellschaftlichen Strukturen verwiesen, die zum Teil auch Auswirkungen auf die Ergebnisse der Untersuchungen haben und zumindest teilweise die Vergleichbarkeit in der zeitlichen Entwicklung beeinträchtigen. So ist der Anteil der Kinder mit einem allein erziehenden Elternteil von 12 % im Jahr 1996 auf mittlerweile 16 % gestiegen (3. ARB, 32). Der Anteil der Bevölkerung mit Migrationshintergrund liegt bei knapp 20 %. Bei Kindern in der Altersgruppe bis 6 Jahren übersteigt der Anteil bereits 30 % (3. ARB, 32)
Einkommen Die jährlichen Bruttodurchschnittseinkommen sanken im Zeitraum von 2002 bis 2005 von 24.873 Euro auf 23.684 Euro (preisbereinigt nach Wert von 2000). Der Anteil der Niedriglöhne stieg in diesem Zeitraum von 35,5 % auf 36,4 %. Die Nettolöhne entwickelten sich ähnlich von 19.255 Euro auf 18.778 Euro. Die am Arbeitsmarkt erzielten Lohnsteigerungen konnten damit den Werteverlust durch Inflation nicht voll ausgleichen.
Gleichzeitig ist die Einkommensverteilung in diesem Zeitraum noch ungleicher geworden. Der Anteil am Gesamteinkommen, das von den 20 % der Bevölkerung mit dem niedrigsten Nettoäquivalenzeinkommen erreicht wurde, sank von 8,4 % auf 7,7 %. Demgegenüber stieg der Anteil am Gesamteinkommen, das von den oberen 10 % der Einkommensbezieher erreicht wurde, von 23,3 % im Jahr 2002 auf 24,9 % im Jahr 2005. Die Armutsrisikoquote, die nach der Methode und den Daten der europäischen Gemeinschaftsstatistik EU-SILC berechnet wurde, beruht auf dem Konzept der relativen Einkommensarmut und nennt den Anteil der Einkommen, die 60 % des Median-Wertes aller Einkommen nicht erreichen. (3. ARB, 39) Der Bericht nennt für Deutschland eine Armutsrisikoquote von 13 %. Ähnliche Quoten weisen Frankreich, Österreich und Finnland auf, bessere weisen Dänemark, Schweden, Slowenien und die Slowakei (jeweils 12 %) sowie die Tschechische Republik und die Niederlande (jeweils 10 %) auf. (3. ARB, 40)
Im Zeitraum von 2003 bis 2006 ist die Anzahl der Personen, die eine Grundsicherung im Alter und bei Erwerbsminderung erhielten von 439.000 auf 682.000 angestiegen. Die Bundesregierung führt den Anstieg auf mehrere Sondereffekte zurück, darunter die Aufdeckung von verschämter Altersarmut, die neu aufgenommenen Zahlungen an Personen, die bei den Eltern leben, sowie eine gesonderte Informationskampagne. (3. ARB, 50) Im gleichen Zeitraum sank die Zahl der Empfänger nach dem fünften bis neunten Kapitel SGB II (Hilfe in besonderen Lebenslagen) von 1.103.000 auf 846.000 Personen. Im Betrachtungszeitraum wurden die Leistungen der früheren Arbeitslosenhilfe (2004: 2,3 Mio. Personen) und der Sozialhilfe (2004: 2,9 Mio. Personen) zusammengefasst zur Grundsicherung für Arbeitssuchende (2005: 5,3 Mio. Empfänger von Arbeitslosengeld II). Insgesamt bezogen rund 9 % der Bevölkerung Leistungen nach dem SGB II. Dieser Personenkreis definiert die Mindestzahl der Armutsquote nach der Definition der Europäischen Union.
Kennzahlen
Nach dem Bericht gab es 1995 in Deutschland rund 13.000 Einkommensmillionäre, 229 von ihnen lebten im Osten. Das mittlere Nettoeinkommen dieser Personen lag bei 3 Mio. DM. Das durchschnittliche Haushaltsnettoeinkommen erhöhte sich im früheren Bundesgebiet von 23.700 DM im Jahr 1973 auf 61.800 DM im Jahr 1998. In den neuen Ländern betrug es 1998 rund 47.400 DM im Jahr. Das durchschnittliche Privatvermögen belief sich in westdeutschen Haushalten auf etwa 254.000 DM, in den neuen Ländern waren es rund 88.000 DM.
Verteilung der Privatvermögen Zur Verteilung der Privatvermögen in Deutschland liegen für den Berichtszeitraum Daten aus dem Jahr 2008 vor. Danach verfügen die 50 Prozent Haushalte in der unteren Hälfte der Verteilung nur über gut ein Prozent des gesamten Nettovermögens, während die vermögensstärksten zehn Prozent der Haushalte über die Hälfte des gesamten Nettovermögens auf sich vereinen. Der Vermögensanteil des obersten Dezils ist dabei im Zeitverlauf immer weiter angestiegen.Quelle: , S. XII.
Bildung Der Anteil der jungen Menschen (18 – 24 Jahre) ohne Bildungsabschluss ist von 1996 auf 2006 um 0,3 Prozentpunkte auf 2,4 % gestiegen. Als Abschluss wird dabei auch ein Berufsvorbereitungsjahr gezählt. Wichtiger als ein Schulabschluss ist die Anzahl der Personen ohne beruflichen Abschluss. Hier ist der Anteil der Personen von 15 bis 65 Jahren, die weder zur Schule gehen noch studieren, von 15,9 % im Jahr 1996 auf 16,3 % leicht gestiegen. Dabei ist die Quote bei den Frauen von 20,4 % auf 18,6 % gesunken, während sie bei Männern um 2,5 Prozentpunkte auf 14 % anstieg (3. ARB, 61).