Merisa (sudanesisch-arabisch; auch (مريسة) Marisa, Marissa, Merissa, englische Schreibung Mareesa; nubisch Dakai, früher auch Bilbil) sind Biersorten im Südsudan und im Sudan, die traditionell durch Fermentieren von Sorghum und anderen Hirsearten oder seltener von Sesam hergestellt werden. Das leicht alkoholische Getränk dient auch als Nahrungsmittel und hat auf vielfache Art kulturelle Bedeutung.

Geschichte und Verbreitung In einem Grab aus meroitischer Zeit am zweiten Katarakt des Nil wurden Gefäße mit Hirsebier gefunden. Reliefs an altägyptischen Gräbern lassen die Techniken zur alkoholischen Gärung von Hirse erkennen. Hirsearten wie Sorghum und Fingerhirse sind heimische Nutzpflanzen aus dem subtropischen Afrika und afrikanische Grundnahrungsmittel, die seit mindestens 3000 v. Chr. auch am Nil angebaut werden. Sorghumhirse (Dhurra) ist die noch heute wichtigste Sorghum-Art.

In der frühchristlichen Kathedrale von Qasr Ibrim wenig nördlich des zweiten Katarakts wurde die gefundene Sorghumhirse auf das 5.–6. Jahrhundert datiert. Für die christlichen nubischen Reiche war Hirsebier (Mizr) ein wichtiger Nahrungsbestandteil. Da es nicht gekocht wurde, behielt es einen hohen Anteil an Eiweiß und den Vitaminen B und C. Wie der arabische Gouverneur von Suakin el-Umari Anfang des 14. Jahrhunderts schrieb, sollen die Einwohner der makurischen Hauptstadt Old Dongola häufig von Hirsebier betrunken gewesen sein.Giovanni Vantini: Oriental Sources concerning Nubia. Heidelberg und Warschau 1975, S. 511. Erwähnt in: Derek A. Welsby: The Medieval Kingdoms of Nubia. The British Museum Press, London 2002, S. 186. Für die Hauptstadt Soba des weiter südlich gelegenen christlichen Reiches Alwa sind ebenfalls Zeugnisse von Besuchern überliefert. Der arabische Geograf Ibn Selim al-Aswani verfasste 975–996 Berichte über die Stadt. Ihm fiel die Merkwürdigkeit auf, dass die Bewohner bei der Aussaat nur etwas Korn in die vier Ecken der Felder streuten und das übrige Korn zusammen mit einem Gefäß mit Mizr in der Mitte zurückließen. Am nächsten Morgen sei die Aussaat von gewiss übernatürlichen Wesen vollbracht und das Mizr-Gefäß geleert gewesen. Zur Erntezeit hätte man nur einen kleinen Teil abgeerntet, Hirsebier zurückgelassen und das Werk anderntags vollendet vorgefunden. Genau dieselbe Erfahrung machte Ende des 12. oder Anfang des 13. Jahrhunderts der armenische Reisende Salih al-Armani.Mohi El-Din Abdalla Zarroung: The Kingdom of Alwa. African Occasional Papers No. 5, The University of Calgary Press 1991, S. 21, 23.

Die Herstellungsmethoden sind unterschiedlich und können je nach Region sehr aufwendig sein; im Ergebnis entsteht ein trübes Getränk als Flüssigkeitsvorrat und, wenn es in dicklich-breiiger Form angesetzt wird, ein stärkehaltiges Nahrungsmittel, das in fermentiertem Zustand länger haltbar ist als einfach gekochter Brei und in Tontöpfen aufbewahrt werden kann. In Ghana und Nigeria heißt ein Hirsebier mit etwa 3 Prozent Alkoholgehalt Pito, in Nigeria gibt es das Sorghumbier Burukutu, in Ostafrika Pombe, in Burkina Faso Dolo und Kasikisi im Kongo. In Äthiopien und Eritrea wird Tella überwiegend aus den Hirsearten Teff und Sorghum hergestellt.

In Reisebeschreibungen des 19. Jahrhunderts wird das Hirsebier unter der Bezeichnung Bilbil zumeist lobend erwähnt. Pierer’s Universallexikon bezeichnet Bilbil als geklärte Form des Merisa. Fürst von Pückler-Muskau fand um 1840 dieses Getränk ab Dongola nilaufwärts, mochte es allerdings nur, wenn es noch frisch, leicht säuerlich und noch nicht vergoren war. (Dem alkoholhaltigen Bier zog er seinen mitgebrachten Moselwein vor.)Hermann Fürst von Pückler-Muskau: Aus Mehmed Alis Reich. Ägypten und der Sudan um 1840. 1844. Neuausgabe: Manesse Verlag, Zürich 1985, S. 498. Der Tierforscher Alfred Brehm beobachtete um 1880 Merisa trinkende PavianeAlfred Brehm: Brehms Thierleben. Zweite Auflage, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig 1883–1887, Artikel: Tschakma (Cynocephalus porcarius). Zeno.org und ein Festmahl, bei dem reichlich Merisa floss und bei dem das Fleisch von Krokodilen, die es zu seiner Zeit noch im Nil gab, verspeist wurde.Alfred Brehm: Artikel Siamkrokodil (Crocodilus siamensis). Zeno.org

Zumindest bis in die jüngste Vergangenheit war Merisa, zusammen mit Aragi,Booze blues for Sudan women under sharia. Sudan Tribune, 4. August 2008 Herstellung von Aragi (Dattelschnaps) und die Folgen für die Frauen bei Verhaftung einem hochprozentigen Hirse- oder Dattelschnaps, im ganzen Sudan verbreitet und wurde von Christen und Moslems getrunken. 1980 war der traditionelle Alkohol bereits offiziell verboten, importierte Alkoholika wurden mit hohen Steuern belegt. Seit Einführung der Schari'a 1985 ist Alkohol grundsätzlich untersagt und Verstöße werden geahndet. Zentren der Hirsebierherstellung waren und sind Darfur im Westen und das Gebiet der Masalit im angrenzenden östlichen Teil des Tschads mit den besten Anbaubedingungen für Hirse um den Jebel Marra. Dort ist das Siedlungszentrum der Fur, das durch die Lage an der alten Karawanenroute zwischen Tschad und dem Nil auf Märkten den Austausch von Waren gegen Geld betrieb und wo zugleich auf den Dörfern Dienstleistungen mit Merisa abgegolten wurden.

Im ab Ende des 18. Jahrhunderts bestehenden Fur-Sultanat mit der Hauptstadt al-Faschir versuchte Sultan Abd al Rahman (1785–1799) ebenso vergeblich wie seine Vorläufer, seinen strengen Islam mit einem Alkoholverbot durchzusetzen. Der erste islamische Herrscher des Fur-Reiches war Suleiman (1596–1637), der wegen seiner arabischen Mutter den Titel Solong (bezeichnet arabischen Ursprung) annahm. Das schwarzafrikanische Kulturelement wollten er und seine Nachfolger ignorieren. So wurden Söhne, die Merisa tranken, von der Thronfolge ausgeschlossen. Auf die Kultur der Bevölkerungsbasis hatten die Arabisierungsbemühungen wenig Einfluss. Merisa galt nicht als Alkohol. Auch nicht, als unter Ahmed Bakr (1682–1722) der Islam Staatsreligion im Fur-Sultanat wurde. Rudolf Slatin, der ab 1881 Gouverneur der anglo-ägyptischen Darfur-Provinz war, beschreibt mehrfach, wie von der Bevölkerung aus großen Tonschalen kräftig Merisa getrunken wurde und er seine ägyptischen Soldaten wegen ihrer Kneipenbesuche zu tadeln hatte.Rudolf Slatin, Francis Reginald Wingate: Fire and Sword in the Sudan. A Personal narrativa of Fighting and Serving the Dervishes. London 1896. Reprint 2003, S. 42, 210–212. In der deutschen Ausgabe: Feuer und Schwert im Sudan. Horst Erdmann Verlag, Stuttgart 1997, fehlen diese Kapitel. Von einem Scheich der Masalit ließ er sich aber erklären, Hirsebier mache tapfer zum Kämpfen; um es hinterherzutragen, gingen daher Frauen und Kinder mit zur Schlacht.Rudolf Slatin, S. 111. Slatins Gegenspieler Muhammad Ahmad, genannt der Mahdi, verbot Merisa und ließ Zuwiderhandlungen hart bestrafen.

Bei der islamischen Bevölkerungsgruppe der Berti in Norddarfur heißt das Hirsegetränk Baghu und der Tontopf, in dem es aufbewahrt wird, Dulan. Das in den Dörfern Darfurs hergestellte Merisa wird teilweise auch von nomadisierenden Bevölkerungsgruppen getrunken. Ein weiteres Siedlungsgebiet mit einer traditionell Hirsebier trinkenden islamischen Bevölkerung sind die Nuba-Berge im Süden der Stadt El Obeid. Weit entfernt und von der islamistischen Gesetzgebung ungestört, kann Merisa von der christlichen und animistischen Bevölkerung Südsudans getrunken werden.

Hirsebier wird ausschließlich von Frauen hergestellt, Konsumenten sind meist Männer. Frauen, die während des Bürgerkriegs ihre Angehörigen verloren haben und aus dem Süden nach Khartum oder andere Städte des Nordens geflohen sind, haben häufig keine andere Erwerbsmöglichkeit, als illegal Merisa zu verkaufen. Das Gleiche gilt für Frauen aus der umkämpften Darfurregion. Nach einem Strafgesetz von 1991 drohen ihnen dafür Gefängnisstrafen. Es werden Razzien durchgeführt, die Frauengefängnisse sind überfüllt. Sudan Update

Die wirtschaftliche Situation dieser Frauen ähnelt dabei der von freigelassenen Sklavinnen, wie sie auch aus früheren Zeiten berichtet wird. Aus einer Beschreibung der gesellschaftlichen Zustände Anfang des 19. Jahrhunderts in der Hafenstadt Suakin geht hervor, dass recht häufig Sklavinnen von ihren Herren zur Prostitution vermietet wurden und freigelassene Sklavinnen als Alternative die Möglichkeit hatten, Alkohol zu brauen und zu verkaufen, wobei auch hier ihre früheren Herren mitkassierten.Albrecht Hofheinz: Der Scheich im Über-Ich oder Haben Muslime ein Gewissen? In: Sigrid Faath und Hanspeter Mattes: Wuquf 7–8. Beiträge zur Entwicklung von Staat und Gesellschaft in Nordafrika. Hamburg 1993, S. 467, 477.

Im Südsudan gehört die Prostitution zum Umfeld der Indaya (Plural Anadi) genannten Bars, in denen neben Merissa auch der gebrannter Alkohol (Siko) angeboten wird.Cathy Groenendijk, Jolien Veldwijk: Behind the Papyrus and Mabaati’ Sexual Exploitation and Abuse in Juba, South Sudan. Confident Children out of Conflict, August 2011. Bereits Mitte des 19. Jahrhunderts hatte sich mit dem Indaya ein Ort etabliert, an dem ältere Frauen Merissa herstellten, während jüngere Frauen Merissa ausschenkten und sich in Hinterzimmern um die männliche Kundschaft kümmerten. Die Inhaber der Einrichtungen gehörten zur Mittelklasse.Jay Spaulding, Stephanie Beswick: Sex, Bondage, and the Market: The Emergence of Prostitution in Northern Sudan, 1750–1950. In: Journal of the History of Sexuality. Vol. 5, No. 4, April 1995, S. 512–534, hier S. 522.

Herstellung Eduard Rüppell gibt eine Beschreibung zur Herstellung von Bilbil vom Anfang des 19. Jahrhunderts: Feuchtes Dhurra ließ man keimen und in der Sonne trocknen. Die Körner wurden dann zu Mehl zerrieben, aus denen man dünne Brotkuchen backte. Diese wurden in ein Gefäß gebrockt und mit Wasser übergossen. Nach zweitägiger Gärung war ein dicker Brei entstanden, der mit Wasser aufgegossen und durch ein trichterförmiges Strohsieb filtriert wurde. Je nach zugefügter Menge Wasser oder Zeitdauer der Gärung wurde das Getränk mehr oder weniger dicklich oder säuerlich.Eduard Rüppell: Reisen in Nubien, Kordofan und dem peträischen Arabien vorzüglich in geographisch-statistischer Hinsicht. Frankfurt am Main 1829, S. 136 Ähnlich wird Bilbil bei den Mundang im Tschad noch heute hergestellt.

Der Herstellungsprozess in Darfur ist sehr aufwendig: Gestampfte Hirsekörner werden in einem Tongefäß zwei Tage in Wasser eingeweicht und dann zu dünnen weißen und weichen Fladen (Kisra) gebacken. Etwa dieselbe Menge Hirse lässt man in Wasser Sprossen austreiben. Diese werden auf dem Boden ausgebreitet und in der Sonne getrocknet. Derart gekeimte und getrocknete Hirse ist haltbar. Sie wird jetzt zerstampft und zu Mehl (Zura) vermahlen. Fladen und Mehl werden vermengt und unter Wasserzugabe zu einem Teig geknetet. Dieser wird mit Wasser zu einem Brei aufgekocht, den man auf einer Matte ausgebreitet erkalten lässt. Schließlich wird der getrocknete Brei mit etwas Zura-Mehl zusammengeknetet, in einem Tontopf mit Wasser übergossen und zur Fermentierung einige Zeit ruhen gelassen. Das Resultat muss gekocht werden, dann wird die Flüssigkeit abgeschöpft und durch ein Tuch in ein anderes Gefäß gesiebt und ergibt nach der nun einsetzenden Gärung Dugga-Bier. Ein weiterer Aufguss des Breis mit Wasser lässt das schwächere Selkoto entstehen.Bernhard Streck: Sudan. Steinerne Gräber und lebendige Kulturen am Nil. DuMont, Köln 1982, S. 183f