mini|hochkant|Heinz Hauenstein in München, 1934 Karl Guido Oskar Hauenstein, auch Heinz Oskar Hauenstein (* 22. September 1899Otto-Ernst Schüddekopf: Linke Leute von rechts. Die nationalrevolutionären Minderheiten und der Kommunismus in der Weimarer Republik. Kohlhammer, Stuttgart 1960, S. 460. Susanne Meinl: Nationalsozialisten gegen Hitler. Die nationalrevolutionäre Opposition um Friedrich Wilhelm Heinz. Siedler, Berlin 2000, ISBN 3-88680-613-8, S. 378. in DresdenGeburtsregister StA Dresden I, Nr. 3495/1899Manfred Franke: Albert Leo Schlageter. Der erste Soldat des 3. Reiches. Die Entmythologisierung eines Helden. Prometh Verlag, Köln 1980, ISBN 3-922009-38-7, S. 37; ebenfalls Meinl, Nationalsozialisten, S. 378. Nach den Angaben bei Bernhard Sauer: Goebbels „Rabauken“. Zur Geschichte der SA in Berlin-Brandenburg (PDF; 1,7 MB). In: Berlin in Geschichte und Gegenwart. Jahrbuch des Landesarchivs Berlin 2006. Gebr. Mann, Berlin 2007, ISBN 978-3-7861-2537-2, S. 107–164, hier S. 147, ist Hauenstein 1898 in Elberfeld geboren.; † 14. Oktober 1962 in Frankfurt am MainSterberegister StA Frankfurt am Main, Nr. 6134/1962), war ein deutscher Freikorpsführer. Hauenstein führte die nach seinem Vornamen benannte „Organisation Heinz“, die 1921 als Spezialpolizei des Oberschlesischen Selbstschutzes an Fememorden in Oberschlesien und 1923 am aktiven Widerstand während der Ruhrbesetzung beteiligt war.
Leben Hauenstein meldete sich im Ersten Weltkrieg als Kriegsfreiwilliger und war zuletzt Fähnrich. Nach Kriegsende schloss er sich der Marine-Brigade von Loewenfeld an. Überwiegend aus dieser Formation, aber auch aus anderen Freikorps, entstand die von Hauenstein geführte „Organisation Heinz“.
Oberschlesien Die straff organisierte „Organisation Heinz“ kam in Oberschlesien zum Einsatz. Dessen weitere Zugehörigkeit zum Deutschen Reich oder zum neu entstandenen Polen sollte nach den Bestimmungen des Versailler Vertrags im März 1921 durch eine Volksabstimmung unter einer interalliierten Kontrollkommission entschieden werden. Die Organisation fungierte in dem daraus entstehenden bürgerkriegsähnlichen Konflikt als „eine Art illegale Geheimpolizei“, die die polnischen Aufständischen unter Wojciech Korfanty auskundschaftete und gegen deren Agenten vorging.Zwicker, »Märtyrer«, S. 47f. Hauensteins Organisation wurde von der „Organisation Spiecker“, benannt nach dem Zentrumspolitiker Carl Spiecker, unterstützt. Spiecker war Vertreter des Reichskommissars für die Überwachung der öffentlichen Ordnung in Breslau. In Spieckers Auftrag beschaffte die Organisation Heinz Beweismaterial und beteiligte sich an der Befreiung von Gesinnungsgenossen aus Gefängnissen, die der interalliierten Kontrollkommission für Oberschlesien unterstanden.
Nach Hauensteins eigenen Angaben wurde in Oberschlesien keine Rücksichten auf das Völkerrecht oder traditionelle Kriegsgebräuche genommen.Stefan Zwicker: »Nationale Märtyrer«: Albert Leo Schlageter und Julius Fučík. Heldenkult, Propaganda und Erinnerungskultur. Schöningh, Paderborn 2006, ISBN 978-3-506-72936-1, S. 48. Die „Organisation Heinz“ war an Fememorden beteiligt, denen Polen, Franzosen sowie aus Sicht der Freikorps als Verräter geltende Deutsche zum Opfer fielen.Bernhard Sauer: „Verräter waren bei uns in Mengen erschossen worden.“ Die Fememorde in Oberschlesien 1921. (PDF; 108 kB) In: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft, Jg. 54, 2006, , S. 644–662, hier S. 656. Hauenstein berief sich später darauf, dass die Morde im Einvernehmen und im Einverständnis mit Spiecker verübt worden waren und erklärte, seine Befehle von einem Spiecker unterstehenden Leutnant erhalten zu haben:
„Ich habe alle Terrorakte und Abwehrmaßnahmen mit ihm durchgesprochen. […] Er sagte zu mir: ‚Da und dort ist der und der, er hat dies und das gemacht. Wir haben das genau festgestellt. Er ist zu beseitigen!‘ Dann beauftragte ich einen meiner Stoßtrupps mit der Beseitigung dieses Mannes und er wurde unter Anwendung aller Mittel, entweder mit Gift oder Bomben oder Granaten auf irgendeine Weise beseitigt.“Hauenstein im Berliner Tageblatt vom 25. April 1928, zitiert bei Sauer, „Verräter (PDF; 108 kB)“, S. 657.
Spiecker widersprach stets diesen Behauptungen. Hauenstein wurde 1928 im Stettiner Fememordprozess gegen Edmund Heines zur Zahl der von seiner Organisation in Oberschlesien getöteten Menschen befragt: „Die genaue Zahl kann ich nicht angeben. Aber ich habe mir einen kleinen Überschlag gemacht, und bin auf die Zahl 200 gekommen.“zitiert bei Sauer: „Verräter (PDF; 108 kB)“, S. 657. Eine strafrechtliche Verfolgung der in Oberschlesien verübten Fememorde unterblieb infolge einer am 21. Juni 1922 erlassenen Amnestie.
Beim Dritten Oberschlesischen Aufstand im Mai 1921 stellte Hauenstein ein etwa 2500 Mann starkes Sturmbataillon auf, das mit der zweiten Angriffswelle an der Eroberung des Annabergs am 21. Mai beteiligt war. Hauensteins Einheit gehörte zu dem Teil der „Selbstschutzverbände“, der sich weigerte, Befehlen der deutschen Regierung zur Einstellung der Offensive zu folgen.
Organisator der NSDAP Von Oberschlesien ging Hauenstein nach Berlin, wo er im Zusammenhang mit dem Mord an dem deutschen Außenminister Walter Rathenau am 24. Juni 1922 festgenommen wurde. Da ihm eine direkte Tatbeteiligung nicht nachgewiesen werden konnte, wurde er nach sieben Wochen Untersuchungshaft im Polizeigefängnis Berlin-Alexanderplatz freigelassen.Bernhard Sauer: Schwarze Reichswehr und Fememorde. Eine Milieustudie zum Rechtsradikalismus in der Weimarer Republik. Metropol-Verlag, Berlin 2004, ISBN 3-936411-06-9, S. 37; Sauer, »Rabauken« (PDF; 1,7 MB), S. 147.
Im August 1922 traf sich Hauenstein zusammen mit dem Freikorpsführer Gerhard Roßbach und Albert Leo Schlageter in München mit Adolf Hitler. Thema des Gesprächs war die Ausdehnung der NSDAP nach Norddeutschland. In der Folgezeit entstanden dort zahlreiche NSDAP-Ortsgruppen.Sauer, »Rabauken« (PDF; 1,7 MB), S. 147; Martin Schuster: Die SA in der nationalsozialistischen »Machtergreifung« in Berlin und Brandenburg 1926–1934 (PDF; 4 MB). Dissertation, TU Berlin 2005, S. 22. Hauenstein gab 1932 an, er sei von Hitler mit der Organisation der NSDAP in Berlin, Brandenburg und Schlesien beauftragt gewesen.In einem Brief an Hermann Hagen vom Cartellverband der katholischen deutschen Studentenverbindungen (CV) vom 8. November 1932; siehe Zwicker, »Märtyrer«, S. 50f. Die für den 19. November 1922 geplante Gründung einer NSDAP-Ortsgruppe in Berlin kam nicht zustande, da der preußische Innenminister Carl Severing kurz zuvor die NSDAP verboten hatte. Unter Leitung Gerhard Roßbachs wurde stattdessen die Großdeutsche Arbeiterpartei (GAP) gegründet. Hauenstein gehörte zu den 194 Unterzeichnern des Gründungsaufrufes.Sauer: „Rabauken“ (PDF; 1,7 MB), S. 108. Die GAP wurde im Januar 1923 als Ersatzorganisation der NSDAP verboten.
Ruhrbesetzung Wegen der verzögerten Erfüllung deutscher Reparationsverpflichtungen besetzten ab dem 11. Januar 1923 französische und belgische Truppen das Ruhrgebiet. Zwei Tage später rief Reichskanzler Wilhelm Cuno die Bevölkerung zum passiven Widerstand auf. Neben dem passiven gab es einen aktiven Widerstand unter Beteiligung der „Organisation Heinz“, der von Vertretern der Ruhrindustrie und der Reichsregierung, insbesondere dem Reichswehrministerium organisiert wurde. Dabei wurde nach Angaben HauensteinsAussagen Hauensteins in deutscher Haft am 26. Mai 1923; siehe Zwicker, »Märtyrer«, S. 54; Franke, Schlageter, S. 38f. das französische Militär beobachtet und der französische Spionagedienst überwacht. Ferner sollten die französischen Versuche, beschlagnahmte Kohlen abzufahren, durch Sprengstoffanschläge auf Eisenbahnlinien gestört werden. Hauenstein hielt sich weitgehend im unbesetzten Elberfeld auf und legte sich zeitweise den Decknamen Heinz Hochberg zu. Ende Januar 1923 traf er sich nach eigenen Angaben in Berlin mit Offizieren im Reichswehrministerium, die ihm Unterstützung für den aktiven Widerstand im Ruhrgebiet zusicherten.Zwicker, »Märtyrer«, S. 55. Zu den insgesamt drei Sabotagetrupps der „Organisation Heinz“ im Ruhrgebiet gehörten die späteren NSDAP-Gauleiter Karl Kaufmann und Erich Koch sowie Viktor Lutze, Stabschef der SA ab 1934.Sauer, Reichswehr, S. 46, 211.
Nach Hauensteins Angaben war die „Organisation Heinz“ an 18 von insgesamt 180 Sabotageakten während der Ruhrbesetzung beteiligt. Zumindest ein von Hauenstein in Anspruch genommener Anschlag wurde jedoch von Mitgliedern des Freikorps Oberland gemeinsam mit kommunistischen Bergarbeitern verübt.Zwicker, »Märtyrer«, S. 56. Weiterhin seien acht französische Spitzel getötet worden. Ein Agent der Franzosen wurde nachweislich in Essen erschossen. Zur Überwachung des französischen Spionagedienstes wurde eine sieben bis zehn Mann starke Gruppe eingesetzt, die unter der Leitung Albert Leo Schlageters stand. Schlageter, der bereits in Oberschlesien zur „Organisation Heinz“ gehört hatte, wurde am 7. April 1923 von französischen Beamten festgenommen, wegen von ihm verübter Sabotageakte zum Tode verurteilt und am 26. Mai 1923 erschossen. In der Weimarer Republik und vor allem nach der nationalsozialistischen „Machtergreifung“ entwickelte sich Schlageter zu einer Märtyrerfigur.
Ende Mai wurde Hauenstein wegen Waffen- und Sprengstoffbesitzes von der preußischen Polizei in Elberfeld verhaftet. Später behauptete Hauenstein, er sei durch seine Verhaftung an der Befreiung Schlageters aus französischer Haft gehindert worden. Ob tatsächlich eine Befreiung Schlageters geplant war, bleibt ungewiss, der Gefangene selbst soll einen Befreiungsversuch abgelehnt haben. Hauensteins Angaben führten später zu Vorwürfen gegen den preußischen Innenminister Carl Severing, für den Tod Schlageters mitverantwortlich zu sein.Zwicker, »Märtyrer«, S. 54, 67. Für die Verhaftung Schlageters machte Hauenstein Gerhard Roßbach verantwortlich, der versucht habe die „Organisation Heinz“ auseinanderzubringen. Zwei Angehörige von Roßbachs Organisation, die Hauenstein namentlich beschuldigte, verklagten Hauenstein 1928 wegen Verleumdung. Dem Urteil zufolge gab es für Hauensteins Behauptungen keine Beweise, wenn auch bestimmte Verdachtsmomente.Zwicker, »Märtyrer«, S. 58, 60. Gleichzeitig sah es das Gericht als erwiesen an, dass Roßbachs Leute versucht hätten, Hauenstein zu verraten.Franke, Schlageter, S. 117.
Frontbann und SA in Berlin Hauenstein schloss sich dem Frontbann in Berlin an, einer 1924 gegründeten Auffangorganisation der SA, die ebenso wie die NSDAP nach dem Hitlerputsch 1923 verboten worden war. Der Berliner Frontbann war nach Stadtteilen organisiert; Hauenstein führte die am Alexanderplatz beheimatete „Schlageter-Kompagnie“ mit einer Stärke von 30 bis 40 Mann.Sauer, »Rabauken« (PDF; 1,7 MB), S. 110.
Am 22. März 1926 wurde die Berliner SA unter anderem durch Kurt Daluege gegründet. Zahlreiche Frontbann-Mitglieder schlossen sich der SA an, die zur dominierenden Gruppe innerhalb der Berliner NSDAP wurde. Im Widerspruch zu Hitlers Kurs, die Macht auf legalem Wege zu erobern, hing die SA mehrheitlich weiterhin dem Freikorpsgedanken und der damit verbundenen putschistischen Linie an. Hitlers Kurs wurde in Berlin vom Gauleiter Ernst Schlange und den Brüdern Gregor und Otto Strasser vertreten.Sauer, Reichswehr, S. 44; Sauer, »Rabauken« (PDF; 1,7 MB), S. 112.