mini|Bartolomeo Nazari: Pietro Grimani, Öl auf Leinwand, 82 × 66 cm mini|Unter Grimani geprägte Goldmünze mit dem traditionellen Motiv des knienden Dogen vor dem Evangelisten Markus, dem Schutzheiligen Venedigs mini|1751 geprägte Osella Pietro Grimani (* 5. Oktober 1677 in Venedig; † 7. März 1752 ebenda) war, folgt man der staatlich gesteuerten Geschichtsschreibung der Republik Venedig, ihr 115. Doge. Er regierte von seiner Wahl am 30. Juni 1741 bis zu seinem Tod mehr als ein Jahrzehnt lang.
Grimani stieg weniger durch seine zahlreichen Magistraturen, die er in Venedig ab 1703, bzw. 1707 übernahm, als vielmehr durch seine zehnjährige Tätigkeit als Botschafter auf. In diesem Amt verhandelte er von 1710 bis 1714 in London, danach bis 1720 in Wien, wobei er für das politisch neutrale Venedig Vorteile erlangte. So gelang auch die Verteidigung Korfus. Nicht verhindern konnte er jedoch den Verlust der Peloponnes an die Osmanen und den Verlust des Handelsmonopols in der Adria an Österreich, genauer an dessen Freihafen Triest. Ab 1720 saß Grimani fast permanent in den obersten Ratsgremien, führte daneben aber auch zahlreiche Ämter im Rahmen der Republik.
Er war selbst hochgebildet, interessierte sich für eine Reihe von Wissenschaften und die technologischen Entwicklungen seiner Epoche, förderte entsprechend die Lehre an der Universität Padua und auch die Ausbildung und Bildung in Venedig selbst unterstützte er nach Kräften. Dort entstand 1750 die Accademia di disegno, pittura e scultura, aber auch eine Nautikschule. Darüber hinaus förderte er den 1744 einsetzenden und sich bis 1782 hinziehenden Bau der Sicherungsanlagen gegen die Adria, der Murazzi am Ostrand der Lagune von Venedig. Die Republik blieb ihrer Neutralitätspolitik treu, wodurch neue Kunden unter den zerstrittenen Parteien gewonnen werden konnten. Die Auflösung des Patriarchats Aquileia konnte er 1751 nicht verhindern, doch immerhin gelang die Festlegung unklarer Grenzverläufe zum Kirchenstaat.
Familie Die Grimani waren eine der 16 neuen Familien, der case nuove, des Patriziats von Venedig. Sie gehörten zu den angesehensten Familien der Stadt. Mehrere Mitglieder der Familie waren in Staatsämtern tätig oder bekleideten hohe Ämter in der katholischen Kirche. Die Familie stellte insgesamt drei Dogen, außer Pietro die Dogen Marino Grimani (1595–1605) und Antonio Grimani (1434–1523). Der Name Grimani ist in Venedig mit zahlreichen Kunst- und Büchersammlungen sowie Stiftungen verbunden.
Pietro Grimani war der zweite von fünf Söhnen des Pietro di Marcantonio, der der einzige Sohn und somit Alleinerbe des Vermögens der Grimani-Familie war, und dessen Frau Caterina Morosini di Domenico di Giovanni. Sie entstammte dem Familienzweig (ramo) der Morosini von Santa Maria Zobenigo (auch del Giglio). Die Familie war so vermögend, dass sie den Beinamen dall’albero d’oro erhielt, vom goldenen Baum.
Der älteste Sohn, Marcantonio, wurde für die Heiratspolitik der Familie eingesetzt, während Pietro Grimani zum Studium an das Jesuitenkolleg S. Francesco Saverio in Bologna zur Ausbildung geschickt wurde. Er war für eine Ämterlaufbahn vorgesehen, heiratete nie.
Leben Pietro Grimani erhielt eine gründliche humanistische Ausbildung, interessierte sich für Naturwissenschaften, besonders für Astronomie. Er betätigte sich als Poet und als Prosaautor und stand in regem Briefkontakt mit Literaten und Wissenschaftlern seiner Zeit. In seinem Palast trug er eine umfangreiche Bibliothek zusammen, die jedoch nach seinem Tod zerstreut wurde.
Ämterlaufbahn (ab 1703, 1707) Wie gewöhnlich im Alter von etwa 25 Jahren begann sein cursus honorum. Am 21. Januar 1703 wurde er zum Savio agli Ordini gewählt. Diese Funktion übte er bis März aus, dann erneut im üblichen Halbjahr, also von September 1704 bis März 1705. Allerdings behinderten die Gesetze Venedigs seinen schnellen Aufstieg, denn diese untersagten die gleichzeitige Anwesenheit mehrerer Angehöriger einer und derselben Familie in einem der bedeutenden Ratsgremien. Dies betraf Pietro Grimani deshalb, weil mit seinem Vater und einem Francesco di Antonio, aus dem ramo, dem Familienzweig San Boldo, der in dieser Zeit häufig in den Gremien des Rates saß, diese Plätze bereits besetzt waren. Sein weiterer Weg ist unklar, was damit zusammenhängt, dass in den Quellen durch die Häufung bestimmter Vornamen in den jeweiligen Familien eine hohe Verwechslungsgefahr besteht. Als Savio di Terraferma erscheint Pietro Grimani jedenfalls im zweiten Amtshalbjahr der Jahre 1707 und 1708, er war also für die oberitalienischen Gebiete zuständig, die Venedig kontrollierte.
Botschafter in London (1710–1714), Royal Society, Anwerbung von Nautikern Am 23. Januar 1710 erschien er plötzlich auf dem internationalen diplomatischen Parkett, nämlich als Botschafter am englischen Hof. Im Spanischen Erbfolgekrieg, der Europa bereits seit fast einem Jahrzehnt in Atem hielt, war Venedig neutral. Außerdem hatten in Holland bereits seit Monaten Friedensverhandlungen begonnen. Da England die Politik des internationalen Gleichgewichts vertrat, die Venedig seit langem zur Grundlage seines politischen Handelns erhoben hatte, bestand eine gewisse Übereinstimmung der Interessen, zumal eine gemeinsame Tradition von Handels- und Seeinteressen existierte. Grimani brach im Juli 1710 in Begleitung seines Bruders Lorenzo auf, am 8. Oktober kamen die Brüder in London an. In seinen dispacci, seinen Depeschen, erweist er seine Bewunderung für die Politik Londons, die darauf abzielte, den Krieg zu nutzen, um die Handelsinteressen seiner bürgerlichen Gruppen zu fördern. Grimani, der wissensdurstig und aufgeschlossen war, nahm Kontakt zu Männern mit technologischen und agrarwissenschaftlichen Kenntnissen und Fertigkeiten auf.
Schon sein Vater, der im Gebiet von Vicenza Bergbauinteressen verfolgte, hatte sich zuvor – als Riformatore dello Studio di Padova, also als Verantwortlicher für die Universität Padua – für Michelangelo Fardella ausgesprochen, der den Lehrstuhl für Astronomie und Meteorologie innehatte, und er hatte durch seinen wohlwollenden Bericht dazu beigetragen, Nikolaus I Bernoulli die Mathematik zu übertragen.André Robinet, unter Mitarbeit von Maria Vittoria Predaval Magrini, Nelly Bruyère: L’empire leibnizien. La conquête de la chaire de mathématiques de l’Université de Padoue. Jakob Hermann et Nicolas Bernoulli (1707–1719), Lint, Triest 1991, S. 15. Diese Wissenschaften, insbesondere Chemie, Physik und Astronomie, gehörten also auch zu Pietro Grimanis Interessen, und 1712 wurde er auf Anregung von Isaac Newton als Fellow in die Royal Society aufgenommen.Vielleicht geschah dies auch auf Vorschlag von John Keill (Record, The Royal Society, archive.org, 11. Oktober 2022).
Pietro Grimani besuchte Werkstätten und Werften und nutzte den Auftrag des Senats vom 8. Januar 1711, um Techniker und Navigationsexperten zu finden, die bereit waren, für die geplante Gründung einer Schule für Nautik nach Venedig zu ziehen. Zwar blieb Venedig nur Zuschauer bei den internationalen Konflikten, doch hatte Grimani inzwischen ein so dichtes Netz von Kontakten aufgebaut, dass es ihm gelang, Venedig in den englisch-französischen Handelsvertrag aufnehmen zu lassen. Am 9. März 1713 wurde Grimani zum Botschafter in Wien gewählt, am sehr viel konservativeren Hof Karls VI., an dem eher Prestige und Ehre im Vordergrund standen, als im pragmatischen und aufgeklärteren London, das er am 23. Juni 1714 verließ. Sein Nachfolger in London, Nicolò Tron, brachte von dort eine Dampfmaschine mit, eine Newcomen-Savery, benannt nach Thomas Newcomen und Thomas Savery.
Botschafter in Wien (1714–1720), Schwerin: Krieg um Morea, Konkurrenz von Triest Über Holland und Deutschland sowie Trient, wo sein Bruder Lorenzo zu ihm stieß, und von wo er seine erste Botschaft an die österreichische Gesandtschaft abschickte, erreichte er Wien. Dort blieb er bis 1720. Ende September 1714 befand er sich am kaiserlichen Hof in Schwerin, um die Nachfolge seines erkrankten Amtsvorgängers Vettor Zane anzutreten. Von dort verwendete er sich, unter Hinweis auf die hohen Kosten, die ihm seine mehrjährige Tätigkeit als Botschafter verursachte, für seinen Bruder Giorgio, der in der Flotte Dienst tat. Im Dezember 1714 stand Venedig wieder im Krieg mit den Osmanen, denen die Eroberung der Morea (Peloponnes) gelang. Grimani versuchte die Habsburger dazu zu veranlassen, gleichfalls gegen Konstantinopel zu den Waffen zu greifen, wie es ja schon im Bündnis von 1684 geschehen war. Um eine Neuauflage dieser Liga zu erreichen, reisten im März 1715 zwei Sondergesandte an, nämlich Michele Morosini und Vettor Zane, doch letzterer, bereits todkrank, wurde am 13. April 1716 durch Grimani ersetzt. Diesem gelang es nicht nur, einen entsprechenden Vertragsabschluss zu erreichen, sondern auch Matthias Johann von der Schulenburg für die venezianische Sache zu gewinnen. Diesem wiederum gelang es im August 1716, die Eroberung Korfus durch die Osmanen zu verhindern. Am 25. Mai 1715 wurde Grimani von den Staatsinquisitoren für seine Erfolge öffentlich belobigt.
Doch kaum waren die Osmanen aus der Adria verdrängt, da begann der Kaiser eine eigene Handelspolitik in dem von Venedig beanspruchten Handelsraum. So wurde 1719 Triest, die österreichische Stadt an der Adria, zum Freihafen, der sich schnell zu einer bedrohlichen Konkurrenz für Venedig entwickelte. So musste Grimani die Dauer seiner Anwesenheit in Wien verlängern. Es folgten komplizierte Verhandlungen, in denen er vom venezianischen Bevollmächtigten in Passarowitz, Carlo Ruzzini, unterstützt wurde. Auf der österreichischen Seite standen Graf Rocco Stella und Kanzler Sinzendorf. Grimanis letzte Depesche aus Wien datiert vom 3. Februar 1720.
Im inneren Kreis: Prokurator von San Marco (ab 1719), Savio del Consiglio (1720–1741), Magistraturen Bereits am 26. November war er zum Botschafter in Rom gewählt worden, doch wäre dies eine Überforderung gewesen. Stattdessen wurde er am 29. August 1719 zum Prokurator von San Marco de supra erhoben, dem zweiten Staatsamt nach dem Dogen, und von allen auswärtigen Verpflichtungen auf Dauer befreit.
Grimani war nunmehr ständig einer der Savi del Consiglio, jeweils für das Halbjahr April–September. In diesem Amt saß er fortan ununterbrochen, und zwar bis zu seiner Wahl zum Dogen im Jahr 1741. Daneben übernahm er eine große Zahl an Magistraturen in den Zeiten, in denen er nicht im Collegio saß. So wurde er einer der Deputati al commercio am 12. Oktober 1720, dann 6. November 1721, am 4. Januar 1727, erneut am 15. Januar 1729. Daneben agierte er als Savio alla Mercanzia (oder wurde diesen Savi beigeordnet), nämlich jeweils im Dezember, genauer am 14. der Jahre 1726, am 11. des Jahres 1728 und wieder am 12. Dezember 1739. Ähnliches galt für seine Stellung an der Provvision del danaro, in die er am 8. Oktober 1722, dann am 7. Oktober 1724, und danach immer wieder in den Jahren 1727 bis 1739 gewählt wurde. Da ihm ständig neue Aufgaben übertragen wurden, hatte er selten Gelegenheit, das jeweils zuvor übertragene Amt bis zum Ende der vorgesehenen Amtszeit auszufüllen. So wurde er den Provveditori alla Sanità am 5. Oktober 1720 zugeordnet, dann am 7. Oktober 1723 selbst zum Provveditore in diesem Sektor gewählt. Am 15. November 1725 wurde er Provveditore sopra Monasteri, beaufsichtigte also in der Hauptsache die Frauenklöster Venedigs, am 7. Januar 1736 wurde er zum Sopraintendente alla compilazione dei sommari delle Leggi gewählt – der Versuch, die gewaltige Gesetzgebung der Vergangenheit übersichtlich zu gestalten –, am 1. Februar 1737 Savio all’Eresia (Bekämpfung der Häresien), Correttore della promissione ducale am 24. Juni 1741. Das letztere Amt, die Überarbeitung des dogalen Amtseides, war in der Vergangenheit immer wieder die Voraussetzung gewesen, das höchste Amt der Republik zu erklimmen.
Rolle in der Kultur- und Wissenschaftspolitik, Verantwortlicher für die Universität Padua (ab 1720)