Grenzkolonisation ist die älteste bekannte, von Siedlungskolonien ausgehende Kolonisationsform. Im Unterschied zu überseeischer Landgewinnung und vom Ausgangsland getrennten Kolonien erfolgt sie im Anschluss an bereits bestehende „höher entwickelte“ Zivilisationsräume.Jürgen Osterhammel: Kolonialismus. Geschichte, Formen, Folgen. 5., aktualisierte Auflage. C. H. Beck, München 2006, S. 10 f. In der Neuzeit sind die Erschließung des australischen Kontinents, die Verdrängung der Indios aus der argentinischen Pampa und dem chilenischen Süden, die Eroberung des westlichen Nordamerikas durch die USA und Sibiriens durch Russland einige Beispiele für Grenzkolonisation oder Grenzkolonialismus, denn historisch ist „Kolonisation ohne Kolonialismus wohl nur selten möglich gewesen!“Wolfgang Reinhard: Kleine Geschichte des Kolonialismus. Stuttgart 1996, S. 3.
Grenzkolonisation ist aber auch die vorwiegende Form, in der die Expansion Europas im Hochmittelalter stattfand. Sie wurde in ihrer Ausrichtung nach Ost- und Südosteuropa seit dem 19. Jahrhundert von deutschen Imperialtheoretikern im Wettbewerb mit den bereits existierenden europäischen Kolonialmächten noch vor der Gründung des ersten deutschen Nationalstaates als nachahmenswertes Vorbild für den Erwerb deutschen Kolonialgebietes propagiert.
Begriff „Grenzkolonisation“ ist ein Begriff, der im ersten deutschen Nationalstaat in den 1890er Jahren geprägt wurde. Das geschah in dem Augenblick, als Deutschland nach der bereits weitgehend erfolgten britischen und französischen Kolonisation sein Mitspracherecht bei der imperialistisch-kolonialistischen Aufteilung der Welt geltend machen wollte. Nachweisen lässt sich der Begriff in dem Umfeld des 1891 gegründeten Alldeutschen Verbandes, der sich unter anderem für die „Pflege und Unterstützung deutsch-nationaler Bestrebungen in allen Ländern, wo Angehörige unseres Volkes um die Behauptung ihrer Eigenart zu kämpfen haben, und Zusammenfassung aller Deutschen auf der Erde für diese Ziele“ und die „Förderung einer tatkräftigen deutschen Interessenpolitik in Europa und über See, insbes. auch Fortführung der deutschen Kolonialbewegung zu praktischen Ergebnissen“ einsetzte.Meyers Großes Konversations-Lexikon. Band 1, Leipzig 1905, S. 342–343. Eine erste Verwendung zeigt sich in dem Buch „Großdeutschland und Mitteleuropa um das Jahr 1950“ des Vorsitzenden des „Alldeutschen Verbandes“ Ernst Hasse, das 1895 in zweiter Auflage erschien. Hasse war Professor für Statistik und Kolonialpolitik in Leipzig und Reichstagsabgeordneter. Er schrieb in dem Buch, dass das deutsche Volk mit „Grenzkolonisation seine Grenzpfähle“ nach Osten und Südosten pflanzen werde, weil dort „der Entwicklung des Deutschtums natürliche Grenzen nicht gesteckt“ seien.Zitiert bei Klaus Thörner: Der ganze Südosten ist unser Hinterland. S. 179. Eine wichtige und die wohl folgenreichste Verwendung fand der Begriff bei dem ebenfalls „alldeutsch“ organisierten Geographen Friedrich Ratzel, und zwar in seiner „Politischen Geographie“ von 1897. Auch für den Politiker und Publizisten Ottomar Schuchardt (1856–1939), Freund, Nachlassverwalter und erster Biograph von Constantin Frantz, war „Grenzkolonisation“ die für Deutschland „gebieterisch verlangte Besiedlungsform“.Ottomar Schuchardt: Die deutsche Politik der Zukunft. Band 2, Celle 1900, S. 64. – Zu Schuchardts Kolonisationskonzeption in Osteuropa vgl. Bert Riehle: Eine neue Ordnung der Welt: Föderative Friedenstheorien im deutschsprachigen Raum zwischen 1892 und 1932. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2009, ISBN 978-3-89971-558-3, S. 125–129.Der geforderten Grenzkolonisation entsprach die Propagandaformel der Alldeutschen, dass „der alte Drang nach Osten wiederbelebt“ werden müsse.
Geschichte Die Siedlungskolonie zur Urbarmachung der Erde kann als Urtyp der Kolonie angesehen werden. Wolfgang Reinhard stellt fest, dass Kolonisation in der europäischen Tradition „als der Inbegriff der Geschichte betrachtet“ wurde. Dies sei in Anlehnung an das 1. Buch Mose 1, 28 geschehen: „Seid fruchtbar und mehret euch und erfüllet die Erde und macht sie euch untertan!“ Dabei sei jedoch übersehen worden, dass die zur Siedlung ins Auge gefassten Gegenden nirgends menschenleer waren, sondern dass dort Jäger, Sammler und Nomaden lebten, die der Ackerbauwirtschaft und den mit ihr verbundenen Eigentumsformen weichen mussten. Die Urbarmachung der Erde sei von daher in der Regel als ein Gewaltvorgang zu beschreiben, weil sie mit Verdrängung und Vernichtung vorausgehender Lebensformen einherging. Moderne Beispiele hierfür sieht Reinhard in den „Neusiedlungsländern von Amerika über Australien bis Palästina“.Wolfgang Reinhard (1996), S. 2 f.
Mittelalterlicher Kolonialismus miniatur|Das arabische al Andalus um 910Der englische Historiker Robert Bartlett beschrieb 1993 die mittelalterliche Geschichte Europas unter der Überschrift The Making of Europe. Conquest, Colonization and Cultural Change, 950–1350 (deutsch 1996: Die Geburt Europas aus dem Geist der Gewalt. Eroberung, Kolonisierung und kultureller Wandel von 950–1350).Zur Kritik an Bartlett vgl. – Von Nikolas Jaspert (Bochum) hingegen als „herausragende Synthese“ vergleichender mittelalterlicher Forschung gelobt in: Klaus Herbers u. Nikolas Jaspert (Hrsg.): Europa im Mittelalter, Abhandlungen und Beiträge zur historischen Komparatistik. Band 7: Grenzräume und Grenzüberschreitungen im Vergleich. Der Osten und der Westen des mittelalterlichen Lateineuropa. Akademie-Verlag, Berlin 2007, ISBN 978-3-05-004155-1, S. 54. Er geht davon aus, dass mit dem englischen Kolonialismus in der keltischen Welt (Wales, Irland, Schottland), der Ausdehnung des ‚deutschen‘ Siedlungsgebiets nach Osteuropa (vgl. Ostsiedlung), der Rückeroberung Spaniens (siehe Reconquista) und den Unternehmungen der Kreuzfahrer im östlichen Mittelmeerraum (siehe Outremer, Kreuzfahrerstaaten) neue Staaten geschaffen – Kastilien, Portugal, Böhmen, Jerusalem, Zypern, Sizilien und Thessalonike – und entfernte Landstriche an der Peripherie des Kontinents besiedelt wurden.Robert Bartlett (1996), S. 13.
mini|Szene aus dem Sachsenspiegel zeigt die deutsche Ostsiedlung um 1300 Während sich im 12. und 13. Jahrhundert durch Eroberung und Kolonisation ohne Unterstützung durch Königs- und Kaiserherrschaft das deutsche Siedlungsgebiet und die politische Einflusssphäre nahezu verdoppelt hätten, seien im 10. Jahrhundert die Ottonen entscheidend für die Expansion in den Osten gewesen.Robert Bartlett (1996), S. 370. Dabei habe sich eine Vereinheitlichung Europas vollzogen, weil „kodifizierbare und übertragbare rechtliche Vorlagen es ermöglichten, neue Formen der gesellschaftlichen Organisation in ganz Europa zu verbreiten“.Robert Bartlett (1996), S. 371. Beispiele hierfür seien das für viele Städte Osteuropas vorbildliche ‚deutsche‘ Stadtrecht, die Verpflanzung normannischer Gepflogenheiten nach Wales und die fueros (Siedlungsrecht) des christlichen Spaniens für die Reconquista-Städte.
Wichtig für die spätmittelalterliche Kolonisationserfahrung sei die seit dem 14. Jahrhundert in den osteuropäischen Grenzgebieten wie auch in Irland und Spanien aufkommende Fremdenfeindlichkeit, die als biologischer Rassismus entsprechende juristische Kodifizierung in Gestalt von Heiratsregeln, Zunftmitgliedschaften oder der in Spanien geforderten Limpieza de sangre („Reinheit des Blutes“) gegenüber Juden und Mauren erfahren habe.Robert Bartlett (1996), S. 287–294. Vorausgegangen war dieser Verachtung der Fremden ihre Versklavung, was sich besonders in Sachsen zeigte, wo vom 10. bis ins 12. Jahrhundert „Sklavenjagden“ stattfanden, bei denen die Sachsen die benachbarten Slawen überfielen, ausplünderten und in die Sklaverei verschleppten und verkauften.Robert Bartlett (1996), S. 366.
Insgesamt hätten die europäischen Christen im 15. und 16. Jahrhundert bei ihrem kolonisatorischen Aufbruch nach Übersee über alle Voraussetzungen verfügt, „einen der größten Eroberungs-, Kolonisierungs- und kulturellen Transformationsprozesse der Welt“ zu initiieren.Robert Bartlett (1996), S. 376.
Russland Die russische Expansion im Zarenreich vom 16. bis zum 20. Jahrhundert zeigt nach Wolfgang Reinhard einen „unmittelbaren geographischen und historischen Zusammenhang mit der mittelalterlichen Ostkolonisation Europas“, wobei er die Besetzung Sibiriens „buchstäblich als Errichtung eines Neu-Europa“ bezeichnet. mini|hochkant=1.5|Topografische Übersicht Sibiriens, dazu der größte Teil des europäischen RusslandsZu ihr habe in erheblichem Maße die vom Zaren schon im 16. Jahrhundert beauftragte Kaufmannsfamilie Stroganow beigetragen. Da die Kosaken als traditionelle Vorkämpfer der Grenzkriege über eine den Tataren und sibirischen Völkern vielfach überlegene Bewaffnung (Feuerwaffen) verfügt hätten, habe sich die Kolonisierung „nach Brutalität und rücksichtsloser Ausbeutung der Eingeborenen in keiner Weise von der spanischen Conquista“ unterschieden (siehe auch Jermak Timofejewitsch).Wolfgang Reinhard (1996), S. 161 f. Zwischen 1943 und Mai 1944 hatte die sowjetische Geheimpolizei außerdem ganze Volksgruppen, z. B. Kalmücken, Tataren, Tschetschenen, Inguschen und Balkaren, in Viehwaggons über Tausende von Kilometern nach Sibirien deportiert.Wolfgang Sofsky: Zeiten des Schreckens. Amok, Terror, Krieg. S. Fischer, Frankfurt a. M. 2002, S. 89.Durch Einwanderung sei Sibirien heute jedoch „seiner Bevölkerungszusammensetzung nach der ‚russischste‘ Teil nicht nur der ehemaligen Sowjetunion, sondern auch von Russland im engeren Sinn – ein typischer Befund für ein Neu-Europa“.Wolfgang Reinhard (1996), S. 165. Das Entstehen von weltweiten „Neu-Europa“ hat nach Wolfgang Reinhard in der Regel im 20. Jahrhundert deren Dekolonisierung verhindert.Für Teile von Russland sieht das inzwischen anders aus. Dort habe sich seit 1990 ein ethnisch-nationaler Desintegrationsprozess abgespielt, der als Dekolonisation zu bezeichnen sei. Betroffen sind vor allem Gebiete in Kaukasien und Zentralasien, die in „durchaus kolonialistischer Weise“ Russlands Herrschaft unterworfen worden seien. Dort habe sich nichts anderes vollzogen als in den Unabhängigkeitskämpfen Vietnams, Algeriens oder Tanganjikas.Wolfgang Reinhard (1996), S. 331. So schrieb Avi Primor am 3. September 2008 in der Frankfurter Rundschau: „Heute erinnert Moskaus Sprache an die dunklen Zeiten des absoluten Nationalismus. Man spricht von verlorenen Territorien, von 80 Millionen Russen, die außerhalb russischer Grenzen leben müssen. Sollten diese 80 Millionen Menschen also auch Russland angehören? In Wirklichkeit hat Russland keine Territorien verloren, sondern musste den von ihm beherrschten Völkern die Unabhängigkeit gewähren, so wie die westlichen Kolonialmächte auf ihre Kolonien verzichten mussten. Auch sind außerhalb Russlands nicht unbedingt 80 Millionen Russen zu finden. In den südlich und nordwestlich Russlands gelegenen ehemaligen Sowjetrepubliken leben rund 17 Millionen russischsprachiger Menschen, die nicht alle unbedingt Russen sein wollen. Viele in Südossetien und Abchasien nehmen aus politischen Gründen russische Pässe an, ohne russischsprachig zu sein.“Hervorzuheben ist aber, dass es beim Verlust von Territorien bei den ehemaligen Kolonialmächten um vom Mutterland getrennte Gebiete in Übersee ging, wohingegen die russische Expansion als kontinentale Grenzkolonisation im Sinne des Vorschiebens der „Frontier“ wie in den USA erfolgte.
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