Herbert Jankuhn (* 8. August 1905 in Angerburg in Ostpreußen; † 30. April 1990 in Göttingen) war ein deutscher Prähistoriker. Er prägte maßgeblich die Methoden der modernen Siedlungsarchäologie. In der Zeit des Nationalsozialismus war Jankuhn führendes Mitglied des SS-Ahnenerbes. Nach dem Zweiten Weltkrieg war er Professor für Vor- und Frühgeschichte an der Universität Göttingen und Mitherausgeber des Reallexikons der Germanischen Altertumskunde.
Leben bis 1933 Der Name Jankuhn ist abgeleitet von litauisch Jankunas („Sohn des Johannes“). Herbert Jankuhns Großvater Wilhelm Jankuhn besuchte Karalene, ein Lehrerseminar für litauischsprachige Grundschullehrer, und unterrichtete danach im Memelland. Von ihm ist ein Beitrag für den Deutschen Sprachatlas, ein Wenkerbogen für den Ort Trakseden, in litauischer Sprache erhalten. Herbert Jankuhn wurde als Sohn des späteren Studienrates Hugo Jankuhn geboren. Seine Mutter, Gertrud Jankuhn, war eine geborene Jedamski und stammte aus Masuren. Nach Jankuhns eigenen Aussagen wuchs er in einem national orientierten, konservativen Elternhaus auf.Steuer 2000, S. 23.
Jankuhn besuchte die Königliche Litthauische Provinzialschule (ein humanistisches Gymnasium) in Tilsit und studierte danach Geschichte, Vorgeschichte, Germanistik, Philosophie und Leibesübungen in Königsberg, Jena und Berlin. Sein wichtigster Lehrer war Max Ebert, bei dem er sowohl in Königsberg als auch in Berlin studierte. Auch Carl Schuchhardt beeinflusste ihn maßgeblich. 1931 wurde Jankuhn an der Friedrich-Wilhelms Universität zu Berlin mit einer Arbeit zu den Gürtelgarnituren der älteren römischen Kaiserzeit im Samland promoviert.Jankuhn 1932. In Grabungstechniken unterwiesen ihn vor allem Wilhelm Unverzagt und Schuchhardt, die ihn 1930 an das Kieler Museum vaterländischer Alterthümer empfahlen, für das Jankuhn im folgenden Jahr die Leitung der Grabungen in Haithabu übernahm.
Im Jahr 1931 trat Jankuhn der von Alfred Götze, ab 1933 von Hans Reinerth geleiteten Gesellschaft für Deutsche Vorgeschichte bei,Pape 2001, S. 62. jener Einrichtung, die sich im Jahr 1934 in den Reichsbund für Deutsche Vorgeschichte umwandelte. Nach kurzer Unterbrechung in den Jahren 1932/33, in denen er als Reisestipendiat des Archäologischen Institutes des Deutschen Reiches den Balkan und den Orient bereiste sowie als Grabungsleiter an Ausgrabungen in Ägypten teilnahm, kehrte er noch 1933 nach Kiel zurück, um abermals die Leitung über die Grabungen in Haithabu zu übernehmen.
Im Nationalsozialismus Leben und Karriere bis 1937 Im November 1933 trat Jankuhn der SA bei und wurde Mitglied der Sektion Fachgruppe Vorgeschichte im völkisch gesinnten, antisemitischen Kampfbund für deutsche Kultur, der später in den Reichsbund für Deutsche Vorgeschichte überführt wurde.Pape 2001: 70. Im folgenden Jahr trat Jankuhn in den NSD-Dozentenbund ein.Pape 2001: 68. Gleichzeitig geriet er in einen heftigen Konflikt mit Peter Paulsen, dem Leiter der Kieler Sektion des Reichsbundes, und Hans Reinerth, der sich bis 1936 hinzog. Beide äußerten Zweifel an seiner nationalsozialistischen Gesinnung, die Jankuhn in einer Besprechung mit der Universitätsleitung ausräumen konnte. Der Rektor der Kieler Universität und der Gaudozentenführer untersagten Paulsen schließlich, sich negativ über Jankuhn zu äußern.Mahsarski 2009: 157f.
Von 1934 an standen die Ausgrabungen in Haithabu unter der Schirmherrschaft des Reichsführers SS Heinrich Himmler.
Jankuhn war evangelisch-lutherisch und heiratete 1935 Ilse Kröger. Aus der Ehe gingen die Kinder Harald und Dieter hervor. Im selben Jahr habilitierte sich Jankuhn mit einer Arbeit über Die Wehranlagen der Wikingerzeit zwischen Schlei und TreeneJankuhn 1936. in Kiel und erhielt eine Dozentenstelle für Europäische Vorgeschichte an der Universität Kiel. Seit 1936 war er gemeinsam mit Gustav Schwantes Herausgeber der Fachzeitschrift Offa.
Eintritt in die SS und Auswirkungen Im Sommer 1936 bewarb Jankuhn sich um Aufnahme in die Schutzstaffel, Ende 1936 wurde er als „für die SS geeignet“ eingestuft. Dementsprechend wechselte er am 1. März 1937 von der SA zur SS (SS-Nummer 294.689), der er zunächst als SS-Mann im Stab des SS-Abschnittes XX angehörte.Pape 2001, S. 69 Anm. 28.Mahsarski 2009: 158ff. Zum 1. Mai 1937 trat Jankuhn der NSDAP bei (Mitgliedsnummer 3.970.135).Bundesarchiv R 9361-IX KARTEI/18030011Pape 2001, S. 66. Im darauf folgenden Jahr wurde er Mitglied im SS-Ahnenerbe und dort stellvertretender Abteilungsleiter der Lehr- und Forschungsstätte Ausgrabungen. Damit übernahmen die SS und das Ahnenerbe offiziell die Ausgrabungen in Haithabu. Ein halbes Jahr später wurde Jankuhn mit Himmlers Unterstützung neuer Direktor des Kieler Museums vorgeschichtlicher Altertümer, kurz darauf erfolgte auf Himmlers persönliche Anweisung die Beförderung zum SS-Untersturmführer. Bis 1938 blieb er als Direktor des Kieler Museums tätig. Nachdem Jankuhn bereits 1938 auf der gemeinsamen Jahrestagung der Vereinigung der Freunde germanischer Vorgeschichte und des Ahnenerbes einen Vortrag gehalten hatte, organisierte er für Pfingsten 1939 die erste selbständige Jahrestagung des Ahnenerbes. Nach dem Ausscheiden von Hans Schleif im Jahre 1940 wurde er Leiter der Lehr- und Forschungsstelle Ausgrabungen des SS-Ahnenerbes und gleichzeitig außerplanmäßiger Professor an der Universität Kiel. Bis dahin war er bereits zum SS-Sturmbannführer befördert worden.Mahsarski 2009: 161–165. Er leitete zunächst die Forschungsgruppe, die unter anderem den Teppich von Bayeux untersuchte. Über dieses im 11. Jahrhundert entstandene Bildwerk, das die Eroberung Englands durch die Normannen thematisiert, sprach er am 14. April 1941 vor einem Kreis von Himmlers Freunden und erneut im August 1943 vor der deutschen Akademie in Stettin.Andrew Bridgeford: 1066, The Hidden History of the Bayeux Tapestry. London 2004, ISBN 1-84115-040-1, S. 40.
Kriegseinsatz Auf eigene Initiative hin wurde Jankuhn 1940 für die SS in Norwegen tätig.Johansen 2002, S. 619. Aus dieser Zeit stammt eine Notiz gegenüber den leitenden Stellen der SS über den norwegischen Archäologen Anton Wilhelm Brøgger, der in Norwegen auf die Gefahren des Nationalsozialismus in Deutschland hinwies. Jankuhn bezeichnete ihn als „nicht deutschfreundlich“, was vermutlich mit zu Brøggers Verhaftung beitrug.Hagen 1985/86, S. 269; in Eickhoff/Halle 2007, S. 145. Außerdem denunzierte er den „juedischen Kunsthistoriker und Architekten Harry Per Fett“,Johansen 2002, S. 621 damals norwegischer Reichsantiquar. Jankuhn schlug vor, ihn durch einen „zuverlässigen Norweger“ ersetzen zu lassen. 1942 wurde Jankuhn Professor an der Universität Rostock. Zwei Jahre darauf wurde er Obersturmbannführer der Allgemeinen SS sowie zum Sturmbannführer im persönlichen Stab des Reichsführers SS befördert.
Im Wintersemester 1941/42 hielt Jankuhn in Berlin im Rahmen der „Vorlesungen für das RSHA durch besondere Professoren“ Vorträge über ideologisch relevante vor- und frühgeschichtliche Themen an der Führerschule der Sicherheitspolizei und des SD in Berlin-Charlottenburg. (PDF; 670 kB)
1941 schlug Jankuhn dem SS-Ahnenerbe die Bildung des so genannten Sonderkommandos Jankuhn vor, welches die in den diversen sowjetischen Museen befindlichen Objekte in Hinblick auf eine „germanische Kolonisation des Südostraumes“ untersuchen sollte. Diese Untersuchungen führten oftmals zum Diebstahl der interessanten Objekte und deren Entwendung nach Deutschland.Eickhoff/Halle 2007, S. 142. Für seine Tätigkeit wurde Jankuhn eine Beförderung zum SS-Sturmbannführer Fachführer der Waffen-SS in Aussicht gestellt. 1942 wurde er nach freiwilliger Meldung der 5. SS-Panzer-Division „Wiking“ zugewiesen. Aus dieser Zeit sind diverse Dokumente vorhanden, welche die Konfiszierung von Bibliotheks- und Museumsbeständen belegen, Aktionen also, die nach der Haager Landkriegsordnung verboten waren. Die Operation endete 1943, nachdem die Panzerdivision Wiking den Rückzug aus dem Kessel von Tscherkassy antreten musste.
In der Folgezeit war Jankuhn als Dritter Generalstabsoffizier (Ic) des IV. SS-Panzerkorps unter Herbert Otto Gille aktiv an den Kriegshandlungen beteiligt, für die ihm am 9. November 1944 das Eiserne Kreuz Erster Klasse verliehen wurde.Steuer 2004, S. 500.
Seit 1945 Jankuhn wurde 1945 verhaftet und 1948 aus der Haft entlassen. Danach forcierte er seine Entnazifizierung mit falschen Angaben. So sagte er, dass er nur unter Zwang in die SS eingetreten sei und nie Mitglied in der NSDAP war.Pape 2001, S. 69 Anm. 69. Unterstützung erhielt er von Gustav Schwantes, der aussagte, dass Jankuhn nur „in ein loses Verhältnis zur SS trat, der er nie angehörte“.
Im Jahre 1949 erhielt Jankuhn von der Schleswig-Holsteinischen Landesregierung einen Forschungsauftrag, der es ihm ermöglichte, die Grabungen in Haithabu wieder aufzunehmen. 1952 wurde er Gastprofessor an der Universität Kiel, 1956 außerordentlicher Professor sowie Direktor des Ur- und Frühgeschichtlichen Seminars an der Georg-August-Universität Göttingen. Aus dieser Professur wurde drei Jahre später ein Ordinariat, welches Jankuhn bis zu seiner Emeritierung im Jahre 1973 innehatte.
Die 1960 von ihm mitbegründete Arbeitsgemeinschaft der Ur- und Frühgeschichtsforscher in Niedersachsen wurde im Jahre 1970 zur Archäologischen Kommission für Niedersachsen umgewandelt, der er in der Folge auch vorsaß. Seit 1961 war Jankuhn Mitglied der Akademie der Wissenschaften in Göttingen. Er wurde zudem Mitglied der wissenschaftlichen Akademien in Stockholm, Lund, Wien und Leeuwarden. Im Jahre 1968 wurde ihm in Anerkennung seiner Verdienste um die Niedersächsische Altertumskunde das Große Verdienstkreuz des Niedersächsischen Verdienstordens verliehen. Jankuhn war auch Ehrenmitglied zahlreicher Institutionen. 1980 wurde er zum Ehrenmitglied der Union international d’archéologie Slave. Ein geplanter Gastauftritt an der Universität Bergen wurde ihm jedoch 1968 verweigert, weil man ihm seine unkritische Bewältigung der eigenen Vergangenheit in Norwegen übel nahm.Heather Pringle: The Master Plan: Himmler’s Scholars and the Holocaust. Hyperion, New York 2009, S. 312. Die Ostfriesische Landschaft verlieh ihm als eine Art Ehrenbürgerschaft das Indigenat.
Jankuhn war Mitglied der Hilfsgemeinschaft auf Gegenseitigkeit der Angehörigen der ehemaligen Waffen-SS.Mahsarski 2011, S. 319. Außerdem war er bis zu seinem Tode am 30. April 1990, neben David Irving, Marija Gimbutas und weiteren, Mitglied des Patronatkomitees der Zeitschrift Nouvelle École,Nouvelle École, Bd. 46, Paris 1990. einem Organ der rechtsextremen Groupement de recherche et d’études pour la civilisation européenne. Alain de Benoist würdigte ihn posthum als einen der „Väter“ dieser Zeitschrift.Roger-Pol Droit, Rémi Brague: Les Grecs, les Romains et nous. Le Monde 1991, S. 222. Inwieweit es sich bei dem Kontakt zur Nouvelle École um eine aktive Mitarbeit seinerseits oder eher um eine Inanspruchnahme seiner wissenschaftlichen Reputation durch de Benoist handelt, ist noch nicht geklärt.Mahsarski 2011, S. 319.
Würdigung Die wissenschaftsgeschichtliche Rezeption Jankuhns in der forschungsgeschichtlichen Literatur ist relativ eindeutig, Jankuhn war ein Profiteur des nationalsozialistischen Machtapparates und schaffte eine steile Karriere, die ihn bis in die höchsten Ebenen verschiedener SS-Einheiten trug.Pape 2001: S. 69 u. Anmerkung 28.Eickhoff/Halle 2007: S. 140 Die Bewertung Jankuhns durch seinen Schüler Heiko Steuer wird kritisch gesehen. Zwar gibt er mit Bezug auf KaterKater 1974: S. 157 zu, dass Jankuhn kein Opportunist, sondern überzeugter Nationalsozialist gewesen sei.Steuer 2004: S. 526 Andererseits spielt er Jankuhns Rolle systematisch herab und bewertet die Präsenz von NS-Ideologie in Jankuhns Arbeiten als „dem Zeitgeist geschuldet“, ohne dass dieser wirklich daran geglaubt hätte.Steuer 2001: S. 439
Jankuhn gilt als einer der wichtigsten und einflussreichsten Prähistoriker Deutschlands seit Ende des Zweiten Weltkrieges.