mini|alt=Die Landkarte zeigt die Lage Ägyptens am nordöstlichen Rand Afrikas mit einem Ausläufer auf die arabische Halbinsel.|Geografische Lage von Ägypten

Geschlechtliche und sexuelle Vielfalt in Ägypten ist in der ägyptischen Gesellschaft stark eingeschränkt. Abweichungen von Hetero- und Cisnormativität sind tabuisiert und werden staatlicherseits verfolgt.

Geschichte mini|alt=Die stellenweise verblasste Wandmalerei zeigt zwei einander zugewandte Männer, deren Nasen sich berühren.|Niankhkhum und Khnumhotep auf einem Wandrelief in ihrer Mastaba, ca. 2450–2410 v. Chr. Altes Ägypten Über Homosexualität im Alten Ägypten ist wenig gesichert bekannt. Darstellungen in der gemeinsamen Grabanlage von Nianchchnum und Chnumhotep, zweier Männer aus der 5. Dynastie (um 2450–2410 v. Chr.), zeigen die beiden in inniger Umarmung. Eine mögliche Deutung ist eine homosexuelle Beziehung der beiden.

Möglicherweise sind in Mythen und Erzähungen des Mittleren Reichs und in Hieroglyphen Hinweise auf Homosexualität zwischen Männern und Frauen zu sehen.

Skulpturen von Hatschepsut, Pharao der 18. Dynastie von 1479 bis 1458 v. Chr., werden oft als queer, Crossdressing, Genderbending oder Frau mit Bart gedeutet, was aber vermutlich nicht der damaligen Sicht entspricht: Der künstliche Bart war Zeichen der Gottkönigswürde und (Götter-)Statuen im alten Ägypten wurden allegorischer verstanden.

Inweweit später unter griechischer und römischer Herrschaft das jeweilige Verständnis von Sexualität übernommen wurden, ist nicht geklärt. Aus dem 3. Jahrhundert n. Chr. ist ein Zauberspruch erhalten, der einer Frau Begehren einer anderen sichern soll.

Mittelalter In talmudischer Literatur wird Ägypten mehrfach als Ort queerer Sexualität dargestellt. Raschi und Rambam (Maimonides) bewerten im 11. und 12. Jahrhundert lesbische Heirat und Sex und Polyandrie als ägyptische Unsitten und den Sex als nicht Sex genug, um verboten zu sein. Die in Kairo verfasste Mischne Tora erwähnt außerdem Intergeschlechtlichkeit (androgynus und tumtum), und stellt Nichtjuden unter Generalverdacht der verbotenen Sodomie, was 1563 als Hinweis auf Praxis in dieser Zeit gewertet wird.ebd., 22.2,5,6, vgl. Fußnote 6: "[...] homosexuality had become prevalent in his community and hence, it was deemed appropriate not to enter into privacy with other men."

Neuzeit Im 19. Jahrhundert traten in Ägypten Khawalat als Tänzer auf, die von europäischen Reisenden und Orientalisten als Männer in Frauenkleidung eingestuft wurden. Selbst diese beschreiben Kajal als neutral und jüngere Quellen gehen von gemischten Kleidern aus, teils von Fortführung der Tanztradition von Awalim und verbotenen Ghawazim. Heute gilt die Bezeichnung Khawal oft als abwertend.

Bis in die 1940er Jahre gab es in der Oase Siwa eheähnliche Bündnisse zwischen Männern und männlichen Jugendlichen. Sie wurden 1928 von Fu'ād I. verboten.Barry D. Adam: Age, Structure, and Sexuality: Reflections on the Anthropological Evidence on Homosexual Relations. In: Evelyn Blackwood (Hrsg.): Anthropology and Homosexual Behavior. Routledge, 1986, ISBN 0-86656-328-8, S. 24.Dan Richardson: The Rough guide to Egypt. Rough Guides, 2003, ISBN 1-84353-050-3, S. 562.

mini|alt=Das Foto zeigt ein dreistöckiges Schiff auf einem Fluss; im Hintergrund sind mehrere Hochhäuser zu sehen.|Das Restaurantschiff, auf dem 2001 die Bootsparty stattfand, nach der mehrere homosexuelle Männer ins Gefängnis kamen. Im Mai 2001 verhaftete die Polizei in Kairo 52 homosexuelle oder angeblich homosexuelle Männer während einer Bootsparty im „Queen Boat“ auf dem Nil. Dafür wurde ein Sondergericht einberufen, basierend auf einem Gesetz, das nach der Ermordung von Anwar as-Sadat (1981) eigentlich zur Terrorismusbekämpfung geschaffen worden war. 23 der 52 Angeklagten wurden am Ende der Gerichtsverhandlungen zu Gefängnisstrafen verurteilt.Tom Musbach: , Sodomylaws.org, 14. November 2001 (englisch). Die Strafe wurde in den meisten Fällen von drei Jahren auf ein Jahr reduziert. Angefacht durch internationale Proteste, wurden am 19. Juli 2003 im Berufungsverfahren 11 Angeklagte aufgrund von „Verfahrensfehlern“ freigesprochen.Thomas Kolb: Hoffnungsschimmer für Ägypten?, Queeramnesty. Unter anderem forderten deutsche Politiker und der französische Präsident anlässlich dieses Vorfalls Ägypten auf, die Rechte Homosexueller zu beachten.Reuters: , Sodomylaws.org, 5. September 2001 (englisch).Gay.com: , Sodomylaws.org, 11. Februar 2002 (englisch).

Am 28. August 2003 wurde ein Treffpunkt schwuler Männer auf der Qasr-an-Nil-Brücke polizeilich nach Absperrung der beiden Brückenseiten durchsucht und 63 Männer verhaftet.

Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch berichtete 2004 von mehreren hundert Festnahmen Homosexueller in Ägypten innerhalb von zwei Jahren.Human Rights Watch: Egypt: Crackdown on Homosexual Conduct Exposes Torture Crisis, 29. Februar 2004 (englisch) Die Dunkelziffer bei Festnahmen ohne Anklage sei hoch, mehrere hundert Menschen seien auch gefoltert worden, vermutet die Organisation.Queer.de: Ägypten foltert Schwule, 2. März 2004BBC News: Egypt crackdown on homosexuals, 6. März 2002 (englisch).

In der Hauptstadt Kairo wurden am 7. Dezember 2014 mindestens 26 Schwule bei einer Razzia in einem Badehaus verhaftet. Die Männer wurden wegen „homosexueller Ausschweifungen“ angeklagt, im Januar 2015 jedoch von einem Gericht freigesprochen.

mini|alt=Das Foto zeigt zwischen weiteren Demonstrierenden eine Frau mit schwarzen kurzen Haaren und Brille, die ein Plakat hält, auf dem arabischer Text und darunter auf Englisch „Stop Capital punishment“ steht.|Sara Hegazy (Mitte) auf einer Demonstration Im September 2017 kam es nach einem Konzert der libanesischen Indie-Rock-Band Mashrou' Leila, deren Sänger Hamed Sinno offen schwul lebt, zu einer Welle von Verfolgungen homosexueller Männer. Einige Zuschauer hatten beim Konzert Regenbogenfahnen geschwenkt.Hamed Sinno, auf Süddeutsche.de; 5. Oktober 2017LGBT people in Egypt targeted in wave of arrests and violence, Guardian Als einzige Frau wurde auch die Aktivistin Sarah Hegazi inhaftiert. Sie erkrankte an Depressionen, floh nach Kanada und nahm sich dort am 14. Juni 2020 das Leben.Trauer um ägyptische LGBTQ-Aktivistin Sarah Hijazi. In: RedaktionsNetzwerk Deutschland. 15. Juni 2020, abgerufen am 16. Juni 2020.Guido Schäfer: LGBT in Ägypten: Razzien, Verhaftungen und Gefängnis. LSVD 2017; abgerufen am 3. April 2026. In Folge der Vorfälle 2017 kam es zu einer Initiative von Parlamentariern, die einen Gesetzentwurf einbrachten, der Homosexualität, jegliche queere Symbole und jedwede Unterstützung queerer Organisationen ausdrücklich unter Strafe stellen sollte. Die Strafen sollten bis zu 5 Jahre Gefängnis betragen. Der Gesetzesentwurf wurde jedoch nicht in dieser Weise beschlossen. Allerdings wurde im Dezember 2017 vom Obersten Rat für Medienregulierung ein Dekret erlassen, das queeres Leben weitestgehend einschränkt (siehe Abschnitt „Rechtliche Lage“).Bundesamt für Migration und Flüchtlinge: Länderkurzinformation Ägypten, S. 9.

Unter der Präsidentschaft von Abd al-Fattah as-Sisi (seit 2014 im Amt) kam es immer wieder zu Kampagnen des Innenministeriums, die ägyptische LGBTIQ-Personen oder deren Einrichtungen gezielt ins Visier nahmen.Bundesamt für Migration und Flüchtlinge: Länderkurzinformation Ägypten, S. 2.

Rechtliche Lage Die ägyptische Verfassung von 2019 gewährt nach Art. 9 zwar allen Bürgerinnen und Bürgern diskriminierungsfrei die gleichen Rechte und nach Art. 53 soll jede Form von Diskriminierung beseitigt werden. In der Praxis werden die Rechte queerer Personen und aller, die nicht den gesellschaftlichen Erwartungen entsprechen, aber durch den Staat systematisch eingeschränkt. LGBTIQ-Personen sind in Ägypten Strafverfolgung und Gewalt durch staatliche Institutionen sowie durch Teile der ägyptischen Gesellschaft ausgesetzt.Bundesamt für Migration und Flüchtlinge: Länderkurzinformation Ägypten, S. 1.

Homosexualität ist in Ägypten kein expliziter Straftatbestand, gleichwohl werden andere, allgemeinere Rechtsvorschriften herangezogen, um von der Heteronormativität abweichende – insbesondere homosexuelle – Handlungen zu bestrafen.LSVD: LSBTIQ*-Rechte weltweit; Auswärtiges Amt: Ägypten: Reise- und Sicherheitshinweise (Weblinks). Zentral ist hierbei Law No. 10/1961 zur Bekämpfung von Prostitution („Law on the Combating of Prostitution“), das fujur (فجور, Unzucht) kriminalisiert. Ein im Dezember 2017 vom Obersten Rat für Medienregulierung erlassenes Dekret verbietet es, Inhalte zu verbreiten und zu veröffentlichen, die sich positiv mit queeren Themen beschäftigen.Bundesamt für Migration und Flüchtlinge: Länderkurzinformation Ägypten, S. 9. Aufgrund der gesellschaftlichen Ächtung existieren keine Gesetze zum Schutz homosexueller Menschen oder deren Beziehungen.

Homophobe Gesetzgebung in Ägypten ist kein Ausdruck „traditionaler ägyptischer Werte“, sondern ein Produkt der britischen Kolonialherrschaft und der darauf folgenden postkolonialen Staatswerdung.

Ausländische Touristen sind strafrechtlich bisher nicht verfolgt worden, jedoch kam es schon zu Verhaftungen mit anschließender Abschiebung.Auswärtiges Amt: Ägypten: Reise- und Sicherheitshinweise, abgerufen am 4. März 2026.

Verfolgten Schwulen, die aus Ägypten als Flüchtling nach Deutschland gelangen, wird die Flüchtlingseigenschaft nach § 3 AsylG in Deutschland zugestanden und sie unterliegen einem Abschiebungsverbot.LSVD: Rechtsprechung zu Herkunftsländern von LSBTI-Geflüchteten. Gerichtsurteile zur Anerkennung des Flüchtlingsstatus aufgrund der Verfolgung wegen der sexuellen Orientierung oder Geschlechtsidentität im Herkunftsland.

Gesellschaftliche Lage Während homosexuelle Handlungen früher üblich, aber ein Tabuthema waren, stoßen sie zunehmend gesellschaftlich auf Ablehnung. Homosexualität wird von 95 % der ägyptischen Bevölkerung abgelehnt.Bundesamt für Migration und Flüchtlinge: Länderkurzinformation Ägypten, S. 6. Queer-Sein wird mit dem „dekadenten Westen“ in Verbindung gebracht., At home in a world of strangers – Cairo. Die Thematisierung dient so auch dazu, innerägyptische Konflikte auf einen „Sündenbock“ abzulenken.Bundesamt für Migration und Flüchtlinge: Länderkurzinformation Ägypten, S. 2.

Homosexuelle Handlungen werden in Ägypten als unmoralisch betrachtet. Bei schwuler Homosexualität wird deutlich zwischen der aktiven und der passiven Rolle unterschieden und grundsätzlich Analverkehr unterstellt. Dabei wird Homosexualität meist nur dem passiven Sexualpartner zugeschrieben, der Aktive aber nicht zwingend als homosexuell eingestuft.

Wird in den staatlichen Medien über queere Personen und Themen berichtet, so geschieht dies auf ablehnende, beleidigende und herabwürdigende Weise.Bundesamt für Migration und Flüchtlinge: Länderkurzinformation Ägypten, S. 7. Einem Fernsehmoderator, der entgegen dieser Linie einen homosexuellen Mann interviewt hatte, wurde Anstiftung zu Ausschweifung und die Missachtung der Religion vorgeworfen. Er wurde zu einer einjährigen Haftstrafe und Geldbuße verurteilt.Egypt TV host Mohamed al-Ghiety jailed for interviewing gay man. BBC vom 21. Januar 2019; abgerufen am 3. April 2026.

Queere Organisationen arbeiten aufgrund der prekären Lage zumeist geheim, anonym oder aus dem Exil heraus. Ein fragiles Unterstützungsnetzwerk innerhalb der LGBTIQ-Gemeinschaft Ägyptens soll jedoch bestehen.Bundesamt für Migration und Flüchtlinge: Länderkurzinformation Ägypten, S. 9.

Religion und geschlechtliche Vielfalt Religionsübergreifend wird sowohl seitens der islamischen wie der christlichen (koptischen) Autoritäten Homosexualität als Sünde oder Krankheit abgelehnt.Bundesamt für Migration und Flüchtlinge: Länderkurzinformation Ägypten, S. 6. Analverkehr ist nach mehrheitlicher Auslegung des Koran untersagt, während es zu anderen Spielarten von Sexualität hier keine Aussagen gibt.

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