Das keltische Oppidum Lindenhof stand auf dem namensgebenden Hügelzug Lindenhof in der Schweizer Stadt Zürich. Es bildete das Siedlungszentrum des gallo-römischen Vicus Turicum im ersten vorchristlichen Jahrhundert.
Topographie mini|Limmat, Schipfe und Lindenhof–Moräne Als markanteste Erhebung des Quartiers Lindenhof (Kreis 1) bildet der Hügelzug des Lindenhofs, nördlich in den Sihlbühl übergehend, das Zentrum der Zürcher Altstadt am linken Ufer der Limmat. Seit dem Bau der Uraniastrasse (1905) wird der Lindenhof–Sihlbühl im Norden – das Areal des ehemaligen Klosters Oetenbach respektive der Polizeihauptwache (Amtshaus I) – von dieser begrenzt und reicht im Süden bis zur Kirche St. Peter. Der heute weitgehend abgeflachte Lindenhof () erhebt sich rund 25 Meter über dem Niveau der Limmat auf Höhe der Schipfe ().
Die keltische Siedlung aus der Spätlatènezeit (1. Jh. v. Chr.) lag auf dem Lindenhof–Sihlbühl. Überreste sind auf der Kuppe und am westlichen Abhang, im Bereich des dicht bebauten Stadtgebiets im Umfeld von Rennweg und Oetenbachgasse nachgewiesen. An der Fortuna- und Oetenbachgasse sind Teile eines aus der gleichen Zeit stammenden, mächtigen V–förmigen Grabens entdeckt worden, der zur Befestigung gehört oder Stadtteile respektive Quartiere der keltischen Siedlung getrennt haben könnte. Die derzeit archäologisch bekannte Ausdehnung des Siedlungsgebiets aus dem 1. Jahrhundert v. Chr. beträgt rund 3,5 Hektar.Geneviève Lüscher: Turicum – Das keltische Zürich gewinnt an Profil. UniPress 128/2006, Universität Bern.
Besiedlungsgeschichte mini|Das keltische Siedlungsgebiet auf dem Lindenhof mit den Umrissen des spätrömischen Kastells Die aus der Moränenbildung entstandenen Flachuferzonen des Zürichsees förderten zwischen 4500 und 850 v. Chr. die Bildung jungsteinzeit- und bronzezeitlicher Seeufersiedlungen beim Seeabfluss der Limmat, beispielsweise beim Kleinen und Grossen Hafner sowie beim Bauschänzli, Alpenquai und Lindenhof.Amt für Städtebau der Stadt Zürich: Infotafel Euro 08–Plattform (Das Floss) und Unterwasser–Archäologie. Spätestens in der Mittelbronzezeit (um 1500 v. Chr.) dürfte der Lindenhof bewohnt gewesen sein, wie Fundstücke von Werkzeugen aus der Limmat vermuten lassen. Der Lindenhof war damals wohl weitgehend von Wasser umgeben: Noch bis ins Frühmittelalter war der südlich anliegende Münsterhof eine sumpfige, von einem hier in die Limmat mündenden Sihlarm überflutete Mulde.Website Rennweg 8 Haus: Lindenhof–Terrasse
Bis ins Jahr 1997 konnte eine Siedlung aus der Spätlatènezeit archäologisch nicht nachgewiesen werden, obwohl Funde zwar vorlagen, aber nicht als keltischen Ursprungs erkannt wurden. Vermutet wurde eine Fluss–/Seesiedlung an der Limmat im Zusammenhang mit dem Oppidum Uetliberg und dem Fürstengrabhügel Sonnenbühl auf Gemeindegebiet des benachbarten Uitikons.Website Fürstensitz Kelten–Info–BankGeneviève Lüscher: Turicum – Das keltische Zürich gewinnt an Profil. Universität Bern, 2004.
Der frühe Stadtwerdungsprozess von Zürich wurde mit dem Ausbau des römischen Vicus Turicum ab 15 v. Chr. vermutet, als nach dem Alpenfeldzug von Drusus und seinem Bruder Tiberius das Gebiet am linken Ufer des Zürichsees dem Grenzbereich der römischen Provinzen Raetia und Germania superior eingegliedert wurde. Der Hügel war Teil einer vermutlich eher kleinen, unbefestigten Siedlung, die sich um die Zollstation auf beiden Seiten der Limmat erstreckte.
Turicum, der römische Name des heutigen Zürich, wird erstmals Ende des 2. Jahrhunderts n. Chr. erwähnt, auf einem beim Lindenhof entdeckten Grabstein des anderthalbjährigen Lucius Aelius Urbicus, Sohn des Vorstehers der römischen Zollstation.Der Grabstein befindet sich im Schweizerischen Landesmuseum, eine Kopie ist in die Mauer beim Lindenhof (Pfalzgasse) eingelassen. Der bereits 1747 entdeckte Grabstein des Lucius Aelius Urbicus förderte wiederholt Spekulationen über eine keltische Siedlung: Die lateinische Bezeichnung STA{TIONIS} TURICEN{SIS} für die Zollstation Turicum lässt auf einen vorlateinischen Ursprung der Ortsbezeichnung schliessen, wenn auch die Herkunft des Namens nicht geklärt ist. Am wahrscheinlichsten scheint nach aktuellen Erkenntnissen eine Ableitung Turicon vom keltischen Personennamen Turos.Andres Kristol: Zürich ZH (Zürich). In: Dictionnaire toponymique des communes suisses – Lexikon der schweizerischen Gemeindenamen – Dizionario toponomastico dei comuni svizzeri (DTS|LSG). Centre de dialectologie, Université de Neuchâtel. Verlag Huber, Frauenfeld/Stuttgart/Wien 2005. ISBN 3-7193-1308-5 und Éditions Payot, Lausanne 2005, S. 992f. ISBN 2-601-03336-3 Aus der römischen Epoche sind im Bereich des Lindenhofs mehrere Steingebäude bekannt: In der Thermengasse (Weinplatz), wo einst eine Limmatbucht lag, können Überreste der öffentlichen römischen Badeanlage besichtigt werden, im sogenannten Lindenhofkeller römische Fundamente und Überreste des Kastells aus dem späten 4. Jahrhundert.Beim Gebäude der Zürcher Freimaurerloge Modestia cum Libertate können im sogenannten Lindenhofkeller gut erhaltene Baureste aus der Römerzeit, dem Mittelalter und der frühen Neuzeit, auf Schautafeln sachkundig erläutert, besichtigt werden. Der Schlüssel zum Lindenhofkeller ist beim Baugeschichtlichen Archiv auf telefonische Reservierung hin erhältlich. Die angrenzende Kirche St. Peter steht vermutlich an der Stelle eines römischen Jupitertempels, und beim Grossen Hafner fanden die Zürcher Unterwasserarchäologen die Überreste eines Rundtempels (Inselheiligtum) aus dem Jahr 122 n. Chr.Kantonsarchäologie, Baudirektion Kanton Zürich (Hrsg.): Archäologie im Kanton Zürich 2003–2005. Berichte der Kantonsarchäologie Zürich 18. Verlag Fotorotar, Zürich/Egg 2006. ISBN 978-3-905681-22-2
Zur frühmittelalterlichen und späteren Siedlungsgeschichte siehe Lindenhof (Zürcher Hügelzug), Quartier Lindenhof und Geschichte der Stadt Zürich.
Archäologische Erforschung mini|Überreste eines römischen Gebäudes im sogenannten Lindenhofkeller. mini|Grabungsarbeiten auf Initiative von Emil Vogt, 1937/38 Der Moränenhügel zählt zu den bedeutendsten archäologischen Fundstellen der Schweiz. Ferdinand Keller, der Gründer der Antiquarischen Gesellschaft und Pionier der Zürcher Altertumsforschung, hatte im 19. Jahrhundert auf dem Lindenhof keltische Siedlungsspuren vermutet. Er fand dort zwar einen Graben, den er den Kelten zuschrieb, konnte aber keine stichhaltigen Beweise vorbringen.Christina Neuhaus: Aufsehenerregender Keltenfund in Zürich. In: Neue Zürcher Zeitung. 18. Oktober 2007: «Die keltische Siedlung am Lindenhof war bedeutender als bisher angenommen». Am 3. Juli 1890 kamen in einer Baugrube beim damaligen Börsengebäude an der Bahnhofstrasse 1 (Bürkliplatz) in 5,5 Metern Tiefe mehrere Metallklumpen zum Vorschein, deren grösster 59,2 Kilogramm wiegt, und die über Jahrzehnte hinweg historisch nicht eingeordnet werden konnten.Infoblatt Keltisches Geld in Zürich: Der spektakuläre «Potinklumpen». Amt für Städtebau der Stadt Zürich, Stadtarchäologie (Hrsg.). Zürich, Oktober 2007.
Die Ernüchterung für die Keltenforschung folgte 1937/38, als der Prähistoriker Emil Vogt die ganze Lindenhofkuppe mit über 100 Sondierschnitten durchsuchte – und nichts als römische Relikte fand, hingegen keinen Beleg für eine frühe keltische Siedlung. Grabungsleiter Vogt stellte weitere Spuren der frührömischen Militäranlage sicher, die er in einen Zusammenhang mit den römischen Alpenfeldzügen im Jahr 15 v. Chr. stellte, Wie sich sechzig Jahre später herausstellte, lagen die keltischen Schichten deutlich tiefer als die Sondierbohrungen reichten und waren in den sterilen Moränengrund eingebettet, sodass sie sich optisch kaum von den ältesten Verfüllungen mit demselben Material unterscheiden. Professor Vogt glaubte, mit seinen Sondierschnitten die sterile Moräne bereits erreicht zu haben, weshalb er keine eindeutigen Befunde erhielt: Tatsächlich hatte er einige keltische Scherben gefunden, sie aber aufgrund des damaligen Forschungsstands nicht als solche erkennen können. In den Jahrzehnten seit Vogts Ausgrabungen gingen die archäologischen Untersuchungen in bescheidenem Rahmen weiter, allerdings nicht flächendeckend. Infolge des dicht überbauten historischen Stadtzentrums erfolgten lediglich Rettungsgrabungen, die sich meist den Vorgaben des jeweiligen Bauprojektes unterzuordnen hatten. 1989 entdeckten Archäologen beim Umbau des Hotels Widder am Rennweg erstmals Spuren einer keltischen Siedlung; die Bedeutung der Funde wurde allerdings erst erkannt, als im Jahr 1997 zweifelsfrei Reste von keltischen Gebäuden aus der Spätlatènezeit gefunden wurden.
1997 hat die Abteilung Denkmalpflege und Archäologie der Stadt Zürich die Grabungsleitung für die immer zahlreicher werdenden Rettungsgrabungen mit Margrit Balmer neu besetzt. Bei der Begutachtung von nicht zweifelsfrei klassifizierten Funden aus früheren Grabungen stiess sie überraschend auf eindeutig keltische Funde, die bis anhin im Depot übersehen worden waren. Bei den Kanalisationssanierungen am Rennweg in den Jahren 1997 bis 1999 erfolgte der Durchbruch: «Wir befanden uns mitten in einer keltischen Siedlung!» 1999 haben der Schweizerische Nationalfonds, die Stadtarchäologie und die Kantonsarchäologie Zürich ein mehrjähriges Projekt aufgegleist. Dieses umfasst neue Grabungen und schwerpunktmässig das Sichten und Neubearbeiten der zahlreichen Rettungsgrabungen, die seit den 1960er-Jahren in der Altstadt durchgeführt worden waren – mit einer Fülle von Einzelinformationen, welche fehlender Kapazitäten wegen wissenschaftlich nie gesamthaft analysiert worden waren.
Seither wurden bei Grabungen am Fuss des Lindenhofs weitere Funde sichergestellt, deren wissenschaftliche Auswertung die keltische Besiedlung Zürichs zweifelsfrei belegt. Im Sommer 2007 wurde im Rahmen einer Grabungskampagne durch die städtische archäologische Fachstelle im Hinterhof der Liegenschaft Rennweg 35 eine 20 Meter lange und 5 Meter breite Fläche anlässlich einer Kellererweiterung in einer Tiefe von vier Metern erfasst. Im keltischen Siedlungshorizont des 1. Jahrhunderts v. Chr. fanden sich eine Steinpflästerung und Reste von Holzbauten sowie Fragmente von Weinamphoren aus Italien und Tüpfelplatten, die bei der Herstellung von Münzen verwendet wurden. In römischer Zeit und im Mittelalter wurde das Areal nicht überbaut, sondern als Grünfläche oder Hinterhof – im 19. Jahrhundert befand sich hier ein Ziergarten mit Weiher – genutzt.
Befunde Siedlungsgebiet mini|Der Lindenhof mit dem rechts angrenzenden Plateau des Sihlbühls und die Schipfe auf den Altarbildern von Hans Leu dem Älteren Insbesondere die nachfolgenden Grabungen, hauptsächlich an der Oetenbachgasse und auf einer kleinen, dem Lindenhof im Nordwesten vorgelagerten Terrasse, lieferten aufschlussreiche Informationen. Für eine keltische Siedlung ist der Lindenhof topographisch geradezu prädestiniert: Der isolierte, im Osten steil zur Limmat abfallende Moränenhügel bietet eine natürliche Schutzlage. Nach Norden und Westen senkt sich der Hügel flacher ab – hier breitete sich zur Zeit der keltischen Besiedlung und bis ins Hochmittelalter das weite Flussdelta der Sihl aus. Dieses teilte sich bei Hochwasser in viele Arme auf und verwandelte den Lindenhofhügel in eine Insel, weil die Sihl nicht wie heute direkt in die Limmat mündete, sondern vor dem Lindenhof südwärts in den See entwässerte. An dieser Stelle bauten die Kelten ihre Siedlung und nutzten deren strategisch hervorragende Lage.