Als Glockenbecherkultur (), auch Glockenbecherphänomen (Heyd 2008, Strahm 2012) wird eine kupfersteinzeitliche Kultur des mitteleuropäischen Endneolithikums bezeichnet, die sich von der iberischen Halbinsel (ca. 2800 v. Chr.) nach West- und Mitteleuropa, im Osten bis ins nördliche Ungarn ausbreitete, etwa bis 2200 v. Chr. andauerte und nur in Großbritannien bis ca. 1800 v. Chr. bestand. Sie stellte in diesen Regionen eine Kultur am Übergang von der Jungsteinzeit zur Bronzezeit dar.
Forschungsgeschichte Als „Glockenbecher“ werden keramische Gefäße mit flachem Standboden und S-förmigem Profil bezeichnet, die meist flächendeckend verziert sind. Im Jahr 1900 verwendete der damals in Mainz arbeitende Prähistoriker Paul Reinecke diesen Ausdruck, den zuvor schon italienisch- und tschechischsprachige Prähistoriker benutzt hatten, und führte ihn in die deutsche Terminologie ein.
Die Einstufung der Glockenbecherkultur (GBK) als eigenständige archäologische Kultur ist strittig. Gordon Childe sah die Glockenbecherleute als Missionare, die sich, von Spanien kommend, über den atlantischen Rand Europas ausbreiteten und die Kenntnis der Kupfermetallurgie mit sich brachten. Die Ansicht, dass es sich bei der typischen Glockenbecherausstattung um die Prestigegüter einer neuen Oberschicht handelt, vertritt vor allem Stephen Shennan (UCL). Christian Strahm (Freiburg) prägte den Begriff Glockenbecherphänomen, um den Ausdruck Kultur zu vermeiden.
Edward Sangmeister kennzeichnet 1972 die Träger der Glockenbecherkultur als bewegliche, in Kleingruppen aufgegliederte Gesellschaft, geschätzt wegen ihrer Fähigkeiten im Aufsuchen, Verarbeiten und Verhandeln begehrter Werkstoffe. Der Mangel an Siedlungsfunden unterstützt die frühe Hypothese der hochmobilen „Glockenbecherleute“.
Die Glockenbecherkultur ist in Europa nicht flächig verbreitet, sondern bildete inselartige Fundkonzentrationen (zum Beispiel Südbayern). Zumindest für die frühen Phasen kann man kaum von einer „Kultur“ im engeren Sinne sprechen, da Elemente wie zum Beispiel gemeinsame Gebrauchskeramik, Haustypen oder einheitliche Bestattungssitten fehlen. Letzteres trifft jedoch für die jüngeren Phasen der Glockenbecherkultur zu. Heute wird aus archäologischer Sicht das Modell einer sozialen Schichtung vorgezogen, nach dem die zunehmende gesellschaftliche Differenzierung im ausgehenden Neolithikum zur Herausbildung privilegierter Gruppen geführt habe, welche die Möglichkeit zum Handel/Tausch von Prestigegütern über größere Entfernung wahrgenommen hätten.
Verbreitung mini|Verbreitung der Glockenbecherkultur Die Verbreitung der Glockenbecherkultur umfasste Mitteleuropa (von Ungarn über Polen (Grabhügel von Supraśl als östlichster Punkt) bis Dänemark (insbesondere Jütland – Bejsebakken), Deutschland und in die Schweiz, wo sie die Seeufersiedlungsphase unterbricht) Westeuropa (Niederlande, Frankreich, Großbritannien, Irland) Südeuropa (Italien mit Sizilien und Sardinien, die Iberische Halbinsel mit den Balearen, nicht jedoch Korsika)Campaniformes en Corse; on sait en effet que les porteurs de cette belle cerarnique etaient de hardis navigateurs, puisqu 'ils gagnerent la Sardaigne, la Sicile (en venant du Nord-Ouest) et les Baleares (Majorque). C’est la raison pour laquelle on attachera la plus grande importance ä la toute recente decouverte de ICesari, aux Calanchi, d’un tesson, malheureusement unique, decore suivant le mode campaniforme. Cette trouvaille doit etre mise en relation avec la brusque acceleration des echanges que la Corse du Sud et la Sardaigne entretenaient depuis longtemps, mais elle ne suffit pas, pour le moment, ä prouver l' extension du complexe culturel campaniforme ä l' ensemble de 1 'Ile. Marokko
Bestattungsform mini|Artefakte der Glockenbecherkultur
mini|Rekonstruktion eines Männergrabes; Blick nach Westen, Kopf nach Norden (Museo Arqueológico Nacional de España, Madrid)
Typisch für das Totenritual der östlichen kontinentalen Glockenbecherkultur sind Einzelbestattungen in Erdgräbern oder Steinkisten. In einigen Fällen lässt sich Überhügelung rekonstruieren. Im westlichen Verbreitungsgebiet kommen häufig Nachbestattungen in Megalithanlagen und Beisetzungen in Höhlen vor – mitunter, auch an die vorherigen megalithischen Traditionen angepasst, als Mehrfachbestattung. Die Glockenbecher- und die Einzelgrabkultur zeigen ihre Einflüsse in zahlreichen Großsteingräbern. In der Westschweiz wurde beobachtet, dass sich die Gräber der Glockenbecherkultur besonders häufig im Umfeld von Menhiren und Steinreihen fanden.
Die Toten wurden als Hocker in geschlechtsspezifischer Orientierung und Seitenlage beigesetzt:
weibliche Individuen mit dem Kopf im Süden, Füße im Norden, die Gliedmaßen nach rechts gewandt männliche Individuen mit Kopf im Norden, Füße im Süden, nach links gewandt.
Beide Geschlechter wurden demnach mit dem Blick nach Osten bestattet. Diese Art der strikten geschlechtlich bipolaren Bettung erinnert an das Totenritual der zum Teil zeitgleichen Schnurkeramik, steht aber in seiner Ausführung in augenfälligem Gegensatz dazu – die Hauptorientierungsachse der Glockenbecherkultur ist Nord-Süd, nach Osten gewandt, die der Schnurkeramik jedoch Ost-West, nach Süden gewandt. Einige Forscher sehen darin eine bewusste Abgrenzung der Träger der Glockenbecherkultur von den Schnurkeramikern.Zum Beispiel Alexander Häusler: Struktur und Evolution der Bestattungssitten im Neolithikum und in der frühen Bronzezeit Mittel- und Osteuropas. Habil.-Schrift, Halle 1991. Die bipolare Lage der Toten hält sich in einigen Regionen bis in die Bronzezeit, zum Beispiel bei der Unterwölblinger Gruppe in Niederösterreich. Hin und wieder, jedoch nicht regelmäßig, treten auch Brandbestattungen auf. In der Csepel-Gruppe im östlichen Randgebiet ist die Verbrennung des Leichnams sogar häufiger als die Körperbestattung.
Steinkisten Bei Brackagh im County Londonderry enthielt ein kleiner rechteckiger Grabhügel, der von elf Randsteinen eingefasst war, ein Steinkistenpaar. Eine Kiste war rechteckig, die andere achteckig. In der oktogonalen Kiste lag die Asche von zwei Erwachsenen, die auf 2620–2485 v. Chr. datiert wurden. Die rechteckige Kiste enthielt Leichenbrand von zwei Individuen, die auf 2485–2342 v. Chr. datiert wurden. Grabbeigaben fehlen. Grabbeigaben mini|Gestielte Pfeilspitzen der Glockenbecherkultur mini|Armschutzplatte der Glockenbecherkultur Zu den Grabbeigaben zählen die namengebenden Glockenbecher, Dolche aus Kupfer, Armschutzplatten und Pfeilspitzen aus Silex – diese vier Beigabenkategorien werden als Beaker Package bezeichnet und kommen im gesamten Verbreitungsgebiet oft in herausragenden Männergräbern vor. In seltenen Fällen werden diese Gegenstände von Goldschmuck (zum Beispiel Amesbury Archer) oder Bernstein begleitet (zum Beispiel Frau im Steinbruch von Berkshire). Nur 6 % der Gräber weisen eine Kombination aus Dolch und Armschutzplatte auf, ein Hinweis auf eine kleine Oberschicht und damit für eine beginnende soziale Differenzierung.Almut Bick: Die Steinzeit. Theiss WissenKompakt, Stuttgart 2006, ISBN 3-8062-1996-6.
Konische V-förmig durchbohrte Knöpfe kommen in Frauengräbern und Knebel, die als Anhänger oder Gewandschließen interpretiert werden, in Männergräbern vor. Auf der iberischen Halbinsel wurden diese Artefakte auch aus Elfenbein gefertigt. Die überwiegende Mehrheit der Gräber jedoch wurde weniger aufwändig ausgestattet. In der Anfangsphase enthalten die „gewöhnlichen“ Gräber vor allem Keramikgefäße der vor Ort ansässigen Kulturen; sogenannte Begleitkeramik.
Obwohl Pfeile häufige Grabausstattung der Männer waren, sind meist keinerlei organische Reste, sondern nur noch die Pfeilspitzen aus Feuerstein sowie steinerne Armschutzplatten erhalten. In mehreren Gräbern Bayerns und Böhmens wurden außerdem Pfeilschaftglätter aus Sandstein gefunden.Tobias Bosch: Archäologische Untersuchungen zur Frage von Sozialstrukturen in der Ostgruppe des Glockenbecherphänomens anhand des Fundgutes. Dissertation, Universität Regensburg, 2009 (PDF; 28,3 MB). (Mittelbayerische vom 14. Juni 2010).
Siedlungen Siedlungen sind wenig bekannt. Lediglich aus den Niederlanden, Großbritannien (zum Beispiel Gwithian, Belle Tout), Irland (Knowth, Monknewton) und der Schweiz sind eindeutige Häuser belegt. In Cortaillod-Sur Les Rochettes-Est (Kanton Neuchâtel, Schweiz) wurden Überreste eines zweiphasigen Dorfes mit sieben Hausgrundrissen entdeckt. Ein fast vollständiger Grundriss eines Hauses konnte in Bevaix Le Bataillard (Schweiz) freigelegt werden. Die Einstufung der ausgegrabenen Funde erfolgte über die Leittypen kammstempelverzierter Glockenbecher und Armschutzplatten. Viele der Funde wurden über C14 datiert.
Keramik
Glockenbecher Aus einer Steinkiste in Neehausen wurden im 19. Jahrhundert Gefäße geborgen, die die typische Verzierung der Glockenbecher zeigen. Die Verzierungen wurden durch gezogene Linien oder Kammstempelmuster gebildet. Es gibt umlaufende Linien und waagerechte oder senkrechte Leiterbänder. Gewöhnlich sind die Zierstreifen in zwei, mehrfach gegliederte Zonen unterteilt. Eine regionale Besonderheit Mitteldeutschlands ist die Gliederung in einzelne Bildsequenzen, sogenannte Metopen. Diese zeigen beispielsweise Sanduhrmuster und andere Sonderformen; zuweilen sind auch Zonen ganz schraffiert. Die eingetieften Verzierungen wurden mitunter mit Farbe gefüllt. Markant ist beim Fund von Neehausen das Vorkommen von gehenkelten und ungehenkelten Gefäßen. Die Stücke gehören zu einer Sondergruppe innerhalb der Glockenbecherkultur, die aufgrund von Parallelen in Böhmen „böhmische Becher“ genannt werden.
Musikinstrumente In Unterdigisheim wurde 2019 eine Knochenflöte gefunden. Das Instrument mit den filigranen eingeritzten Verzierungen stammt aus der Glockenbecherkultur.
Wirtschaftsweise Für den jüngeren Horizont der Glockenbecherkultur wird davon ausgegangen, dass es in Europa domestizierte Pferde gegeben hat. Im Übrigen lässt sich über die Viehhaltung und Jagd der Glockenbecherleute in Deutschland angesichts der Quellenlage fast nichts sagen. Daher gilt die Siedlung von Nähermemmingen bei Nördlingen als Ausnahme: Die meisten Knochen stammen dort vom Rind, danach folgen Schaf/Ziege und Schwein; Wildtiere fehlen, „was zu einem Jägervolke, als das man die Glockenbecherleute bezeichnet hat, nicht passen will“. Der Befund passt dagegen zum mährischen Inventar aus Holubice mit 99,8 % Haustieren, davon 72 % Rind, 14 % Schwein, 12 % Ovicapriden (Schaf/Ziege) und einige Hundeknochen.
Ursprung Den Ursprung der Glockenbecherkultur suchen einige Forscher, wie Edward Sangmeister, in Spanien und Portugal (Zambujal), andere in der Kontaktzone zur Schnurkeramischen Kultur am Niederrhein. Wieder andere verweisen auf Ungarn, den östlichen Rand des Verbreitungsgebietes, und die Vučedol-Kultur.Grafik: Die Kultur der Linearbandkeramiker im Verlauf (A), Trichterbecherkultur entsteht und breitet sich aus (B), Schnurkeramische und Glockenbecher-Kultur kommen nach Mitteleuropa und die Beziehung zur Jamnaja-Kultur (C) Die mitochondrialen DNA (mtDNA) sind vermerkt. Guido Brandt: Beständig ist nur der Wandel! Die Rekonstruktion der Besiedelungsgeschichte Europas während des Neolithikums mittels paläo- und populationsgenetischer Verfahren. Dissertationsschrift, Johannes Gutenberg-Universität, Mainz 2014 ( auf researchgate.net; über download full-text PDF) hier S. 17; 19
Einzelne Länder Glockenbecherkultur in Irland Die Grabsitten der Glockenbecherkultur in Irland dauerten rund 300 Jahre (etwa 2450–2170 v. Chr.). Die Becher der Kultur wurden zumeist in Siedlungen, bei Bestattungen und in Kupferminen gefunden. Lange Zeit waren nur Funde aus Großsteingräbern bekannt, vor allem im Norden der Insel. Entdeckungen der 1990er Jahre haben die Situation verändert. Jetzt sind zwei Grabtraditionen erkennbar, nachgenutzte oder neu gebaute Megalithanlagen (primär Steinkisten) im Norden und eine Einzelgrabtradition im Süden.