Hausen über Aar (häufig vorkommende historische Schreibweise Hausen ü/Aar) ist ein Ortsteil der Gemeinde Aarbergen im hessischen Rheingau-Taunus-Kreis und liegt im Aartal.
Geschichte Hausen (historisch Orhusen in der Bedeutung von Oberhausen) wurde im Jahr 879 erstmals urkundlich erwähnt.A. Bach: Die Siedlungsnamen des Taunusgebiets in ihrer Bedeutung für die Besiedlungsgeschichte. Bonn 1927, . Der Namensteil Ober- bezieht sich dabei auf die frühere Existenz der im 17. Jahrhundert aufgelassenen Wüstung Niederhausen, die sich auf der Westseite des Tals zwischen Hausen und Rückershausen befandStolz, Christian: Einwohnerschwund bis auf Null. Wüstungen zeugen von gravierenden Umbrüchen schon in früherer Zeit. - Jahrbuch des Rheingau-Taunus-Kreises 2014, S. 13–16. Bad Schwalbach..
Der Zusatz „über Aar“ Hausen liegt nicht über, sondern an der Aar. Der Zusatz über Aar bedeutet daher so viel wie auf der anderen Seite der Aar gelegen. Denn der alte Ortskern des Dorfes befindet sich östlich der Aar. Der Zusatz bezieht sich wahrscheinlich auf den Blickwinkel von der früheren Niedergrafschaft Katzenelnbogen aus. Die Grafen von Katzenelnbogen bzw. ihre Nachfolger, die Landgrafen von Hessen, verfügten u. U. über abgabepflichtige Personen in Hausen, obwohl das Dorf nie selbst zum Territorium der Grafschaft gehörte.W. Rau: Ortschronik der Gemeinde Hausen über Aar. Aarbergen 2004. Der Zusatz dient bis heute zur Unterscheidung der Siedlung von anderen Dörfern mit dem Namen Hausen in der Region und speziell im Altkreis Untertaunus. Denn Hausen ist der häufigste Ortsname in Deutschland (vgl. Hausen vor der Höhe und Hausen über Balduinstein).
Hessische Gebietsreform Im Zuge der Gebietsreform in Hessen fusionierten die bis dahin eigenständigen Gemeinden Daisbach, Hausen über Aar, Kettenbach, Michelbach, Panrod und Rückershausen am 31. Dezember 1970 freiwillig zur neuen Gemeinde Aarbergen. Für jeden Ortsteil wurde durch die Hauptsatzung ein Ortsbezirk mit Ortsbeirat und Ortsvorsteher nach der Hessischen Gemeindeordnung eingerichtet.
Historische Flurnamen Die Gemarkung Hausen verfügt über einen äußerst reichen Schatz aus über 400 Flurnamen, die auch Wege- und Gewässernamen umfassen und vom Ursprung her vom Hochmittelalter bis ins 20. Jahrhundert zurückreichen.C. Stolz: Die Flurnamen der Gemarkung Hausen über Aar. Aarbergen 1999. Sie geben beispielsweise Aufschluss über frühere Wirtschaftszweige in Hausen, wie den Weinbau, der dort bis ins 17. Jahrhundert betrieben wurde.Stolz, C. (2014): So schmackhaft wie Holzäpfelsaft. Über 900 Jahre Weinbau im Aartal. - Jahrbuch des Rheingau-Taunus-Kreises 65, 79-82.
Siedlungsentwicklung Hausen erstreckt sich mindestens seit dem 17. Jahrhundert beiderseitig der Aar. Der alte Ortskern von Hausen befindet sich jedoch östlich davon im Bereich der heutigen Straße Zum Wingert (früher Langgasse). Eine erste Erweiterung erfolgte im 19. Jahrhundert entlang der heutigen Aarstraße (früher Leergasse) und im frühen 20. Jahrhundert im Mühlholz. In den 1950- und 1960er Jahren erfuhr das Dorf eine großflächige Erweiterung mit den Neubaugebieten „Schaltenbach“ (Siedlungserweiterung überwiegend für Heimatvertriebene aus Ungarn) und „Sonnenhang“. Später folgten Erweiterungen am Struthweg und Am Steinkopf (1970er bis 1990er Jahre), am Mühlweg (2000er Jahre), zuletzt Im Feldchen (2010er und 2020er Jahre).
Wappen Hausen verfügte historisch über kein eigenes Wappen. Das derzeit gebräuchliche Wappen entstand in den 1990er Jahren auf Initiative mehrerer Heimathistoriker und des Ortsbeirats. Es ist in den nassauischen Landesfarben blau-orange gehalten, was die jahrhundertelange Zugehörigkeit zu mehreren nassauischen Grafschaften und seit 1806 zum Herzogtum Nassau symbolisiert. Den oberen Teil bildet dementsprechend der mit Schindeln umgebene Nassauische Löwe. Der untere Bereich symbolisiert die trennende Wirkung des Flusses Aar, der das Dorf in eine (ältere) Ost- und eine Westseite gliedert. Weitere Ideen, noch eine Ähre für die traditionelle landwirtschaftliche Prägung und einen Hammer für die Tradition als Arbeitergemeinde in Bezug zur Michelbacher Hütte hinzuzufügen, kamen nicht zur Umsetzung.
Geomorphologie Die Gemarkung Hausen erstreckt sich beiderseits des mittleren Aartals. Der alte Ortskern befindet sich auf den Schwemmfächern der kleinen Bäche Bettenbach (von Westen) und Wingertsbach (von Osten). Neuere Teile des Dorfs erstrecken sich auf den mäßig steilen und teils deutlich terrassierten Hängen des Aartals, die fast flächendeckend von Periglaziale Lagen, örtlich auch von primärem Löss und jungholozänen Kolluvien bedeckt werden.Stolz, C., S. Böhnke & J. Grunert (2012): Reconstructing 2500 years of land use history on the Kemel Heath (Kemeler Heide), southern Rhenish Massif, Germany. – E&G Quaternary Science Journal 61 (2): 173-187. An mehreren Stellen sind die Deckschichten von mehreren Meter tiefen, jungen Erosionsschluchten-Systemen zerschnitten.Stolz, C. & J. Grunert (2006): Historic land-use and gully formation, a case study from the Taunus mountains/southern Rhenish Slate Massif. - Zeitschrift für Geomorphologie, N.F., Supplement 142: 175-194. Den geologischen Untergrund bilden überwiegend unterdevonische Tonschiefer und im Südwesten der Gemarkung Quarzite und quarzitische Sandsteine. Nach oben hin weitet sich das Tal in Form von Verebnungsflächen. Darauf finden sich stellenweise marine Kiesvorkommen aus dem Oligozän, sogenannte Vallendar-Gerölle, die im Bereich des heutigen Grillplatzes in der „Kieskaut“ sowie auf der anderen Talseite in der „Kettenbacher Struth“ abgebaut wurden.Sonne, V. (1982): Waren Teile des Rheinischen Schiefergebirges im Tertiär vom Meer überflutet. Mainzer Geowiss. Mitteilungen 11: 217-219 Oberhalb und unterhalb des Dorfs bildet die Aar eine breite Talaue. Sie wird durch eine pleistozäne mächtige, kiesige Talfüllung gebildet, die von mehrere Meter dicken Auelehmdecken überlagert wird. Ihre Bildung begann bereits in vorgeschichtlicher Zeit.Stolz, C., J. Grunert & A. Fülling (2013): Quantification of floodplain sedimentation in a medium sized river catchment of the German Uplands. A case study from the Aar River in the southern Rhenish Slate Mts., Western Germany. - Die Erde 144, 1-2: 30-50.
Klima Das mittlere Aartal verfügt über ein niederschlagsarmes, mäßig warmes submontanes Mittelgebirgsklima im Lee von Westerwald, Eifel und Hunsrück mit mäßig kalten, schneearmen Wintern und mäßig warmen Sommern.Liedtke, H. & Marcinek, J. (1991): Physische Geographie Deutschlands
Politik Im Ortsbeirat sitzen seit 2026 Vertreter der Wählergemeinschaft GfH (Gememeinschaft gür Hausen) und der CDU. Ortsvorsteher ist Harald Thorn (GfH).
Religion Christentum Die Region im Bereich der früheren Grafschaft Nassau-Idstein ist traditionell evangelisch geprägt. Hausen verfügt jedoch über keine eigene Kirche, sondern gehört zum Kirchspiel Kettenbach, was die seit Jahrhunderten bestehende Verbundenheit und familiäre Verknüpfung zwischen beiden Dörfern begründet. Seit 1806 besteht in Hausen ein eigener Gemeindefriedhof in der Flur „Im obersten Feldchen“. Davor wurden Verstorbene an der Kettenbacher Kirche bestattet.W. Rau: Ortschronik der Gemeinde Hausen über Aar. Herausgeben zur 1125-Jahrfeier 2004 von Willi Thomä, Hans Stolz und Christian Stolz Aarbergen 2004. im Internetauftritt der Gemeinde Seit dem Zweiten Weltkrieg leben auch verstärkt Katholiken in HausenW. Rau: Ortschronik der Gemeinde Hausen über Aar. Aarbergen 2004.Stolz, C.: Die Flurnamen der Gemarkung Hausen über Aar. Aarbergen 1999., die aus Ungarn, Schlesien und dem Sudetenland als Heimatvertriebene und später aus Italien als Gastarbeiter auf der Michelbacher Hütte nach Hausen kamen. Die von ihnen neu errichtete katholische Kirche St. Bonifatius befindet sich im Nachbardorf Michelbach.
Judentum Mindestens seit der Frühe Neuzeit waren in Hausen mehrere jüdische Familien ansässig. Die dazugehörige Synagoge nebst jüdischer Kultusgemeinde befand sich seit 1760 in Kettenbach und der jüdische Friedhof seit 1803 in Burgschwalbach. In den 1930er Jahren lebten noch drei jüdische Familien in Hausen, die man nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten systematisch ausgeschlossen und schikaniert hatte. Nachweislich mindestens zwölf jüdische Einwohner aus Hausen wurden in den Vernichtungslagern der Nationalsozialisten ermordet, in Auschwitz, Buchenwald, Majdanek, Sobibor, Theresienstadt und Treblinka. Darunter befanden sich auch drei Kinder im Alter von acht und zwölf Jahren, die nachweislich in Treblinka und Auschwitz, wahrscheinlich in den dortigen Gaskammern, den Tod fanden. Der Verbleib eines weiteren, damals etwa vierzehnjährigen Mädchens ist trotz umfangreicher Recherchen bis heute ungeklärt. Nur vier Personen überlebten. Ihnen gelang bereits in den 1930er Jahren die Flucht nach Palästina (später Israel), Uruguay und in die USA.Stolz, C. (2023): Selbst Kinder aus Hausen starben in Auschwitz. Jüdische Vergangenheit in Hausen über Aar und Ihr jähes Ende im Nationalsozialismus. – Alemannia Judaica (Online-Ressource). URL: https://www.uni-flensburg.de/fileadmin/content/abteilungen/integrative-geographie/dokumente/stolz-downloads/stolz-hausen-ueber-aar-juden-2023.pdf Seit Juli 2024 existiert für die Ermordeten vor dem Friedhof in Hausen eine Gedenktafel, die von einer Privatperson gestiftet worden ist.
Islam Spätestens seit 1970er Jahren ist Hausen auch der Heimatort von Muslimen mit familiären Wurzeln in mehreren Ländern. Sie kamen zunächst aus der Türkei und fanden Arbeit auf der Michelbacher Hütte.
Kultur und Sehenswürdigkeiten Vereine Hausen verfügte einst über ein aktives Vereinsleben, das sich insbesondere seit den 2010er Jahren stark dezimierte. Die verbliebenen Vereine sind in einem Vereinsring organisiert. Die Jugend organisierte sich bis zum Jahr 2010 in der Kerbegesellschaft, was auf eine mindestens über 100-jährige Tradition zurückzuführen war. Dörfliche Veranstaltungen finden zumeist in der Turnhalle, einer Mehrzweckhalle mit Saal und Ausschankbereich, statt. Darüber hinaus existiert ein Jugendraum in der Alten Schule. Schützenverein „Thalschütz 1957“ (mit eigenem Schützenhaus an der Turnhalle, Luftdruckwaffen- und Dart-Abteilung; seit 2007 mit elektronischem Luftdruckwaffenschießstand und seit 2025 mit mehreren professionellen Dartscheiben) Freiwillige Feuerwehr (gegründet 1935) Turnverein (gegründet 1912)
Frühere Vereine Männergesangverein „Union“ 1875 (von 1875 bis ca. 2015; zeitweise mit Kinderchor „Häuser Singvögel“ und Theatergruppe „Die Mühlhölzer“)Schönborn, A. (1971): Chronik des Männergesangvereins „Union“ Hausen über Aar, gegründet 1875. In: Festschrift 100 Jahre Männergesangverein „Union“ 1875 Hausen über Aar. Hausen über Aar 1975. CantAare Femina (moderner Frauenchor mit zeitweise über 70 Sängerinnen und regionaler Bekanntheit; von den 1990er bis in die 2010er Jahre) Frauensingkreis (bis ca. 1990) DRK-Ortsverein Schützenverein Kyffhäuserbund (vor dem Ersten Weltkrieg)
Regelmäßige Veranstaltungen Lindenfest der Feuerwehr (1. Mai; am gemeinsamen Feuerwehrhaus Rückershausen-Hausen; früher in der Dorfmitte an der Linde) Fahr zur Aar (jeweils im Mai) Osterfeuer der Feuerwehr (unregelmäßig am Samstag vor Ostern) Weinfeste des Schützenvereins und der Feuerwehr (ein- bis zweimal jährlich im Sommer) Sonnwendfeuer der Jagdgenossenschaft und des „Bauwagens“ (auf der Höhe über dem Dorf am „Schnellen Berg“) Jedermannsschießen des Schützenvereins (3. Oktober) Häuser Weihnachtsmarkt (meist am 4. Advent an der Turnhalle; früher im Ortskern an der Linde)
Ehemalige Veranstaltungen