mini|Klaus Dörre (2019)
Klaus Dörre (* 31. Juli 1957 in Volkmarsen-Külte mdr.de vom 26. Januar 2014.) ist ein deutscher Soziologe.
Leben Dörre studierte von 1976 bis 1982 Politikwissenschaft, Soziologie, Wirtschafts- und Sozialgeschichte und Volkswirtschaftslehre an der Philipps-Universität Marburg, wo er 1992 promoviert wurde. Er war von 2001 bis 2006 geschäftsführender Direktor des Forschungsinstituts Arbeit, Bildung, Partizipation an der Ruhr-Universität Bochum. Dörre habilitierte sich 2002 an der Universität Göttingen, und anschließend war er dort als Privatdozent tätig. 2004 erhielt Dörre einen Ruf an die Friedrich-Schiller-Universität Jena. Seit 2005 war er dort Professor für Arbeits-, Industrie- und Wirtschaftssoziologie, 2025 ging er in den Ruhestand.
2009 hat Dörre das Jenaer Zentrum für interdisziplinäre Gesellschaftsforschung initiiert und am 3. Dezember 2009 mitgegründet. Drei Jahre lang war er Sprecher des Zentrums. Dörre trat von dieser Funktion zurück, um die Kollegforschungsgruppe „Landnahme, Beschleunigung, Aktivierung. Dynamik und (De-)Stabilisierung moderner Wachstumsgesellschaften“ aufzubauen. Gemeinsam mit Hartmut Rosa und Stephan Lessenich hatte Dörre dieses Institut auf Zeit 2011 erfolgreich bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft beantragt. Von 2011 bis 2012 und seit 2014 übt Dörre die Funktion des geschäftsführenden Direktors dieses koordinierten Großprojekts aus.Überblick der Arbeit bei in Dörre, Klaus/Rosa, Hartmut/Becker, Karina/Bose, Sophie/Seyd, Benjamin (Hrsg.): Große Transformation? Zur Zukunft moderner Gesellschaften. Sonderband des Berliner Journals für Soziologie. Wiesbaden: Springer VS.
2008 war Dörre gemeinsam mit Stephan Lessenich Veranstalter des 34. ordentlichen Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Soziologie (DGS), der zum Thema „Unsichere Zeiten: Herausforderungen gesellschaftlicher Transformationen“ diskutierte. Im September 2019 lud Dörre gemeinsam mit Hartmut Rosa und dem Vorstand der DGS zur Konferenz „Great Transformation: Die Zukunft moderner Gesellschaften“ nach Jena ein. An dieser Regionalkonferenz beteiligten sich rund 1500 Wissenschaftler.
Seit 2018 ist Dörre gemeinsam mit Brigitte Aulenbacher Herausgeber des Global Dialogue – einer Publikation der International Sociological Association (ISA), die in 17 Sprachen erscheint. Seit 2018 fungiert Dörre als Mitherausgeber des Berliner Journals für Soziologie (BJS).
Dörre war Gastdozent an der Universität Coimbra, weitere Forschungsaufenthalte führten ihn unter anderem an die Universitäten in Siena und Johannesburg. Er ist permanent Fellow des Society, Work & Politics Institute (SWOP) in Johannesburg. 2018 war er mit mehreren Vorträgen an der CLACSO-Konferenz in Buenos Aires beteiligt. Seit 2020 ist sein Arbeitsbereich offiziell Mitglied bei CLACSO.https://www.clacso.org/ Im Dezember 2019 hielt Dörre die Poulantzas-Lecture in Athen.
Der parteilose Dörre war bereits zweimal Wahlmann in der Bundesversammlung, die den deutschen Bundespräsidenten wählt. Er wurde dabei jeweils von der Thüringer LINKEN benannt. In einem Interview erklärte er, 2010 im dritten Wahlgang – entgegen der Fraktionsmeinung – für Joachim Gauck gestimmt, diesem jedoch 2012 nicht seine Stimme gegeben zu haben.„Lieber Frau Göring-Eckhardt oder Frau von der Leyen als Gauck“, Interview mit dem Jenaer Studentenmagazin unique, März 2012. 2020 engagierte sich Dörre in den Protesten gegen die Wahl eines Ministerpräsidenten mit Stimmen der AfD. Dörre initiierte einen Aufruf, der den Rücktritt von Thomas Kemmerich forderte und sich für sofortige Neuwahlen in Thüringen aussprach.
Dörre erhielt 2021 den Thüringer Forschungspreis mit Hartmut Rosa und Stephan Lessenich in der Kategorie Grundlagenforschung., zuletzt abgerufen am 14. April 2021.
Im März 2022 gehörte Dörre gemeinsam mit Jan Dieren, Julia Schramm, Ingar Solty und Andrea Ypsilanti zu den Initiatoren des Aufrufs „Nein zum Krieg“., zuletzt abgerufen am 19. April 2022.
Am 27. Juni 2024 fand Dörres Abschiedsvorlesung mit dem Titel What’s left statt. Seit 2025 ist Dörre Gastprofessor am Kassel Institute for Sustainability der Universität Kassel.
Mitgliedschaften Dörre ist ein Gründungsmitglied des Institut Solidarische Moderne.Institut Solidarische Moderne: Gründungsmitglieder Des Weiteren ist er Mitglied im wissenschaftlichen Beirat von Attac (Stand Januar 2016) und des Beirats der 2012 gegründeten wissenschaftlichen Open-Access-Zeitschrift Momentum Quarterly. Seit 2018 gehört er zu den Mitherausgebern des Berliner Journals für Soziologie. Zusammen mit Stephan Lessenich ist er Herausgeber der International Labour Studies bei Campus und gehört zu den Herausgebern von Global Dialogue, dem Magazin of the International Sociological Association.
Forschungsschwerpunkte/theoretische Annahmen/empirische Befunde Dörre befasst sich mit den Themenfeldern „finanzkapitalistische Landnahme des Sozialen“, „Prekarität“, „Finanzmarkt-Kapitalismus“, „Jenaer Machtressourcenansatz“ und „öffentliche Soziologie“. Landnahme Seit längerem setzt sich Dörre mit dem Begriff der „Landnahme“ auseinander.Amlinger, Carolin (2017) Klaus Dörre: Die neue Landnahme. In: Kraemer K., Brugger F. (Hrsg.) Schlüsselwerke der Wirtschaftssoziologie. Wirtschaft + Gesellschaft. Springer VS, Wiesbaden, S. 471–480 Das von Dörre ausgearbeitete „Landnahme-Theorem“Dörre, Klaus (2009): Die neue Landnahme. Dynamiken und Grenzen des Finanzmarktkapitalismus. In: Dörre, Klaus/Lessenich, Stephan/Rosa, Hartmut: Soziologie – Kapitalismus – Kritik. Eine Debatte. Frankfurt am Main: Suhrkamp, S. 21–86. zielt auf die Analyse der expansiven Dynamik der kapitalistischen Wirtschaftsweise und deren struktureller Wachstumszwänge. Landnahme besagt, dass der Kapitalismus sich nicht ausschließlich auf seinen eigenen Grundlagen reproduzieren kann. Dörre fragt sowohl nach den sozioökonomischen als auch nach den politischen, kulturellen und ideologischen Ursachen des kapitalistischen Expansionismus.Dörre, Klaus (2019): Risiko Kapitalismus. Landnahme, Zangenkrise, Nachhaltigkeitsrevolution. In: Dörre, Klaus / Rosa, Hartmut / Becker, Karina / Bose, Sophie / Seyd, Benjamin (Hrsg.): Große Transformation? Zur Zukunft moderner Gesellschaften. Sonderband des Berliner Journals für Soziologie. Wiesbaden: Springer VS. S. 3–34. Theoriegeschichtlich geht das Konzept der Landnahme auf die Ausführungen über die ursprüngliche Akkumulation zurück, ein Ansatz, den Karl Marx im ersten Band von Das Kapital entwickelt.Marx Karl (1973 ): Das Kapital. Band 1. Der Produktionsprozeß des Kapitals. In: MEW 23. Berlin: Dietz. Darin: Die sogenannte ursprüngliche Akkumulation, S. 741–802. Im Anschluss daran wurde das Landnahmekonzept insbesondere von Rosa LuxemburgLuxemburg, Rosa (1975 ): Die Akkumulation des Kapitals. In: Gesammelte Werke Band 5. Berlin: Dietz, S. 5–412. und Hannah ArendtArendt (2006 ): Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft. Antisemitismus, Imperialismus, totale Herrschaft. 11. Aufl. München: Piper. weiterentwickelt. In der jüngeren Vergangenheit wurde der Begriff unter anderem von David Harvey aufgegriffen, der in seinen Arbeiten die kapitalistische Entwicklungsdynamik als Akkumulation durch EnteignungHarvey, David (2005): Der neue Imperialismus. Hamburg: VSA. beschreibt. In Anlehnung an diese theoretischen Vorläufer geht Dörre davon aus, dass sich der Kapitalismus niemals auf seiner eigenen Grundlage reproduzieren könne und auf die fortwährende Okkupation eines bestehenden, nicht kapitalistischen „Außen“ angewiesen sei. Nach Dörre unterliegen nicht nur geografische Räume, sondern prinzipiell alle sozio-ökonomisch relevanten Sphären eines „Landes“ einer kapitalistischen Okkupation. Land ist ein Synonym nicht nur für Territorien, sondern auch für Produktions- und Lebensweisen sowie Wissensbestände, die dem kapitalistischen Warentausch nicht oder noch nicht unterworfen sind. Historisch lassen sich nach Dörre unterschiedliche Typen kapitalistischer Landnahmen nachweisen.Dörre, Klaus (2009): Prekarität im Finanzmarkt-Kapitalismus. In: Castel, Robert/Dörre, Klaus (2009): Prekarität, Abstieg, Ausgrenzung – Die soziale Frage am Beginn des 21. Jahrhunderts. Frankfurt am Main/New York: Campus, S. 35–64. Während sich der Landnahme-Zyklus der fordistischen Ära allgemein durch marktbegrenzende Politik, wohlfahrtsstaatliche Reformen sowie die Institutionalisierung von Sozialeigentum ausgezeichnet hat, erfolgt als Reaktion auf die Krise des Fordismus seit den 1980er Jahren eine Gegenbewegung. Diesen Wechsel hin zum postfordistischen Zyklus einer „neuen Landnahme“ bezeichnet Dörre auch als „finanzkapitalistische Landnahme des Sozialen“.Dörre, Klaus (2015): Social Capitalism and Crisis: From the Internal to the External Landnahme. In: Dörre, Klaus/Lessenich, Stephan/Rosa, Hartmut (Hrsg.) (2015): Sociology – Capitalism – Critique. London/New York: Verso, S. 247–277.
Prekarität Dörre bezeichnet Prekarität als die Wiederkehr sozialer Unsicherheit, die sich seit den 1980er Jahren in der Arbeitswelt reicher Gesellschaften abzeichnet und sich auf Arbeits-, Beschäftigungs- und Lebensverhältnisse gleichermaßen auswirken können. Ihm zufolge gilt ein Erwerbsverhältnis dann als prekär, „wenn es nicht dauerhaft oberhalb eines von der Gesellschaft definierten kulturellen Minimums existenzsichernd ist und deshalb bei der Entfaltung in der Arbeitstätigkeit, gesellschaftlicher Wertschätzung und Anerkennung, der Integration in soziale Netzwerke, den politischen Partizipationschancen und der Möglichkeit zu längerfristiger Lebensplanung dauerhaft diskriminiert. Im fortgeschrittenen Kapitalismus bedeutet Prekarität, dass Beschäftigte aufgrund ihrer Tätigkeit und deren vertraglicher Einbettung deutlich unter das wohlfahrtsstaatliche Schutz- und Integrationsniveau sinken, das gesellschaftliche Mehrheiten als Standard definieren. Beschäftigungsverhältnisse und/oder Arbeitstätigkeiten können in einem solchen Fall auch subjektiv mit Sinnverlusten, Partizipations- und Anerkennungsdefiziten sowie Planungsunsicherheit verbunden sein“.Castel, Robert/Dörre, Klaus (2009): Einleitung. In: Castel, Robert/Dörre, Klaus (2009): Pre- karität, Abstieg, Ausgrenzung – Die soziale Frage am Beginn des 21. Jahrhunderts. Frankfurt am Main/New York: Campus, S. 11–18, hier: S. 17 In Anlehnung an das Zonenmodell des französischen Soziologen Robert Castel hat Dörre eine Typologie entwickelt, die auch den subjektiven Umgang mit unsicherer Beschäftigung abbildet.Dörre, Klaus (2019): Precariousness in the Eurozone: Causes, Effects and Developments. In: Schmalz, Stefan / Sommer, Brandon (Hrsg.): Confronting Crisis and Precariousness. Organized Labour and Social Unrest in the European Union. London / New York: Rowman and Littlefield. S. 15–32 Das deutsche Job-Wunder der 2010er Jahre bezeichnet Dörre als Übergang hin zu einer „prekären Vollerwerbsgesellschaft“, in welcher die Massenarbeitslosigkeit mittels Zunahme prekärer Beschäftigung zum Verschwinden gebracht wird.Dörre, Klaus/Scherschel, Karin/Booth, Melanie/Haubner, Tine/Marquardsen, Kai/Schierhorn, Karen (2013): Bewährungsproben für die Unterschicht? Soziale Folgen aktivierender Arbeitsmarktpolitik. Erschienen in der Reihe International Labour Studies – Internationale Arbeitsstudien, Band 3. Frankfurt am Main/New York: Campus Die Prekarisierung bewirkt laut Dörre eine eigentümliche Stabilisierung eigentlich instabiler gesellschaftlicher Verhältnisse. Sie wirkt als Herrschaft- und Kontrollsystem, das auch geschützte Stammbelegschaften diszipliniert.Dörre, Klaus (2001): Das deutsche Produktionsmodell unter dem Druck des Shareholder Value. In: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie 4/2001, S. 675–704.
Finanzmarkt- oder Finanzkapitalismus