mini|hochkant=1.4|Paul Dessau zu seinem 80. Geburtstag beim Solidaritätskonzert (1974); links im Bild Kurt Hager mini|Gedenktafel für Paul Dessau in der Nähe der Hauptkirche Sankt Michaelis in Hamburg Paul Dessau (* 19. Dezember 1894 in Hamburg; † 28. Juni 1979 in Königs Wusterhausen bei Berlin) war ein deutscher Komponist und Dirigent.
Leben Familiärer Hintergrund Dessau wurde in eine Musikerfamilie hineingeboren. So waren sein Urgroßvater, Berend Moses Dessau (1791–1851), sowie sein Großvater, Moses Berend Dessau (1821–1881), bekannte Kantoren der deutsch-israelitischen Gemeinde in Hamburg. Sein Onkel Bernhard Dessau (1861–1923) wirkte von 1898 bis 1918 als Konzertmeister an der Königlichen Kapelle, dem Orchester der Berliner Königlichen Oper Unter den Linden und war zudem kompositorisch tätig. Paul Dessaus Cousin Max Winterfeld wurde unter dem Namen Jean Gilbert als Operettenkomponist bekannt.
Dessaus Eltern waren der Zigarrenfabrikant Sally Dessau (1849–1923), welcher sich aus Liebhaberei Gesangsvorträgen widmete, und dessen Frau Louise, geborene Burchard (1863–1942).
Dessaus Hamburger Geburtshaus im Hohler Weg 21 wurde 1943 zerstört, wie auch das gesamte Wohnviertel um die Michaeliskirche. Jedoch sind mehrere Häuser, welche die innerhalb Hamburgs häufig umziehende Familie Dessau später bewohnte, bis heute noch erhalten.
Musikalische Ausbildung Durch seinen Vater kam Dessau schon früh mit den Standardwerken des Musiktheaters in Berührung – bereits mit drei Jahren soll er laut seinen Eltern den Prolog aus der Oper Bajazzo gesungen haben.Vgl. Paul Dessau: Aus Gesprächen, S. 120 Ginge es nach dem Vater, sollte der Sohn ebenfalls Sänger werden. Eine Geige aber, die Dessau als Sechsjähriger von seinem Onkel Bernhard geschenkt bekam, lenkte den vorläufigen Weg auf eine Karriere als Violinsolist. Als solcher debütierte er in Altona im Alter von elf Jahren mit Werken von Mozart, Svendsen und Wieniawski vor einem größeren Auditorium. Vier Jahre später gab er sein erstes eigenes Konzert. Schon in diesem jungen Alter spielte Dessau alle Violinkonzerte von Mozart und brachte ein verschollenes Haydn-Konzert zur Erstaufführung.
Die vielversprechende Solistenlaufbahn endete jedoch bereits im Alter von 16 Jahren, als eine Schwäche der linken Hand festgestellt wurde. Nach Aussage des Violinlehrers würden Terzläufe Dessau „unüberwindliche Schwierigkeiten“ bereiten. Die erste erhaltene Komposition Dessaus begann er in diesem Alter zu komponieren: die Oper Giuditta (1910–1912). Hier zeigte sich schon die Begeisterung des jungen Dessau für das Musiktheater.
Der Rat, seiner musikalischen Begabung eine andere Richtung zu geben, führte Dessau nach Berlin. Dort durchlief er ab 1909 am Klindworth-Scharwenka-Konservatorium eine vierjährige Ausbildung zum Kapellmeister mit dem Hauptfach Violine bei Florián Zajíc. Daneben erhielt er Klavierunterricht vom Brahmsschüler Eduard Behm, der ihm besonders das Partiturspiel nahebrachte.
Erste Anstellungen 18-jährig wurde Dessau für die Spielzeit 1912/1913 als Korrepetitor an das Hamburger Stadttheater verpflichtet, wo er nicht nur die wichtigsten Werke der Zeit einstudieren und die Arbeit der Dirigenten Felix Weingartner und Arthur Nikisch studieren durfte. Er traf mit bedeutenden Persönlichkeiten wie Giacomo Puccini und Enrico Caruso zusammen und nahm auch bei Max Julius Loewengard erstmals Kompositionsunterricht. Von dem jugendlichen Ehrgeiz, Engagement und Selbstbewusstsein Dessaus zeugt sein Bericht über die Probenarbeit für die Neuinszenierung von Wagners Walküre durch Hans Loewenfeld:
Eine Anstellung als Zweiter Kapellmeister am Bremer Tivoli-Theater, vermittelt durch seinen Cousin Jean Gilbert, war für Dessau unbefriedigend und nur von kurzer Dauer.
Kriegserfahrung Nach dem Beginn des Ersten Weltkriegs wurde Dessau im Herbst 1915 zum Kriegsdienst eingezogen. Ein halbes Jahr mit dem 84. Infanterieregiment Schleswig-Holstein im Schützengraben an der französischen Front bedeuteten für den Menschen und Künstler Dessau einen tiefgreifenden Einschnitt. Er lernte die „Schreckensherrschaft des entfesselten Militarismus“Fritz Hennenberg: Paul Dessau. Eine Biographie, S. 11 kennen, entwickelte einen „unversieglichen Abscheu gegen alles was ‚Drill‘ heißt“Paul Dessau: Notizen zu Noten, S. 22 und eine entschieden antimilitaristische Haltung: „Schnell wurde mir der Wahnsinn des Krieges bewusst. Die Herren Vorgesetzten trugen dazu bei, meinen Haß auf den preußischen Kadavergehorsam bis zum Äußersten zu steigern.“Paul Dessau: Notizen zu Noten, S. 34
Nach seiner verletzungsbedingten Rückkehr nach Deutschland wurde Dessau für den Rest der Kriegszeit einer Militärkapelle zugeordnet.
Lehrjahre in Hamburg, Köln und Mainz Nach dem Ersten Weltkrieg wurde Dessau in der Saison 1918/1919 vom Intendanten Erich Ziegel erneut an die Hamburger Kammerspiele als Hauskomponist und Kapellmeister verpflichtet. Doch schon in der darauf folgenden Spielzeit verließ Dessau Hamburg und wechselte als Solorepetitor und Kapellmeister an die Kölner Oper unter Otto Klemperer. Aus der vierjährigen Zusammenarbeit mit Klemperer erwuchs eine lebenslange Freundschaft. 1923 wurde Dessau Erster Kapellmeister in Mainz.
Kapellmeister in Berlin 1925 übernahm Dessau die Position als Erster Kapellmeister an der Städtischen Oper Berlin unter Bruno Walter.
„Ich war sehr unbeliebt bei Walter, denn ich habe ihm nie Elogen gemacht – ich kam von Klemperer und war das nicht gewöhnt.“Paul Dessau: Aus Gesprächen, S. 126
Dessaus wachsender Unzufriedenheit mit dem Musiktheaterbetrieb standen in dieser Zeit die ersten Erfolge als Komponist gegenüber: Er erhielt 1925 den renommierten Preis des Musikverlags Schott für sein Concertino für Solo-Violine mit Flöte, Klarinette und Horn (1924), über welches Paul Hindemith äußerte: „Schreiben Sie nur mehr solcher zweiten Sätze“.Zit. nach Paul Dessau: Aus Gesprächen, S. 57 1927 folgten die von Wilhelm Steinberg in Prag uraufgeführte 1. Sinfonie und das Streichtrio.
Aufgrund kollegialer Differenzen endete Dessaus Opernanstellung 1927, und er schwor dem Musiktheater ab, wie er in seinen Notizen zu Noten schreibt. Um jeden Preis wollte er jedoch seine kompositorischen Studien und Arbeiten fördern und weiterentwickeln. Die hierfür notwendigen Mittel beschaffte er sich in der Folgezeit durch kompositorische Mitarbeit an mehreren Filmen.
Filmmusik (1928–1933) Dessau hat sein filmmusikalisches Schaffen später als „eine eigentümliche, aber wichtige Schule“ eingeordnet.Paul Dessau: Aus Gesprächen, S. 59 Ab 1928 arbeitete er als Geiger, Kapellmeister und Komponist am Berliner Erstaufführungskino „Alhambra“. Er schuf illustrative Begleit- wie eigenständige Originalmusik und vertonte Kurzstummfilme, darunter Walt Disneys Frühwerk Alice in Cartoonland. Gleichzeitig entwickelte er neuartige Kulturprogramme für das Filmtheater. So gewann er für die von ihm ins Leben gerufenen Mitternachtskonzerte bedeutende Künstler wie Paul Hindemith. Mit der Ablösung des Stummfilms durch den Tonfilm endete Dessaus Verpflichtung am Kino „Alhambra“.
Ab Anfang der 1930er Jahre war Dessau als einer der führenden Filmkomponisten an der musikalischen Gestaltung der ersten Tonfilme beteiligt: Er schrieb umfangreiche Filmmusiken, zunächst für sogenannte Filmoperetten wie Die große Attraktion mit dem Tenor Richard Tauber, später für die monumentalen Berg- und Abenteuerfilme von Arnold Fanck Stürme über dem Mont Blanc (1930), Der weiße Rausch (1931) und S.O.S. Eisberg (1933). Dabei experimentierte Dessau, stets bemüht, einen neuen Klang in seinen Filmmusiken zu entwickeln, mit der bausteinhaften Kombination verschiedenster Stilelemente unter Verwendung eines größtmöglichen Orchesterapparates. 1929 brachte Dessau seine erste experimentelle Tonfilm-Musik Episode beim Kammermusikfest Baden-Baden zur Aufführung.
Dort traf er auch zwei Jahre zuvor erstmals auf Bertolt Brecht – ein Kontakt, der für die Zukunft weitreichende Folgen haben sollte.
Emigration nach Paris Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 emigrierte Dessau, der als politisch links orientierter, fortschrittlicher Komponist jüdischer Abstammung dreifacher Verfolgung ausgesetzt gewesen wäre, nach Frankreich. Unmittelbarer Auslöser war die Denunziation eines Orchestermusikers während der Tonaufnahmen zu S.O.S. Eisberg. Seinen Lebensunterhalt verdiente Dessau, der mit seiner Familie ein Haus in Herblay nahe Paris bewohnte, weiterhin mit Filmkompositionen. Das Exilleben trug entscheidend zur Politisierung Dessaus und seiner Musik bei sowie zur Ausprägung seines geistigen Standorts – als politischer Künstler, als Komponist einer avancierten Tonsprache und als Verfechter eines gestischen Musizierkonzepts.
Dessau beschäftigte sich verstärkt mit seiner kulturellen Herkunft und schrieb zahlreiche Werke mit hebräischen Texten und im jüdischen Musikidiom, darunter das hebräischsprachige Oratorium Hagadah schel Pessach (1934–1936) nach einem auf der Haggada beruhenden Libretto von Max Brod. 60 Jahre später, am 4. September 1994, wurde das Werk in Hamburg – nach der Uraufführung 1962 in Jerusalem – erstmals in Deutschland aufgeführt, allerdings wie in Jerusalem stark gekürzt. Die erste vollständige Aufführung fand am 21. April 2011 in New York statt. Außerdem schuf Dessau die Musik zu den Helmar-Lerski-Filmen Awodah (1935) und Adamah (1947).
Unter dem Pseudonym „Peter Daniel“ schrieb Dessau für die Arbeitersängerbewegung politische Lieder, Kantaten und Lehrstücke, teilweise nach Texten seiner Frau Gudrun Kabisch (Pseudonym: „Karl Ernst“). Darunter waren auch Die Thälmannkolonne und No pasaran, die der Arbeitersänger Ernst Busch zu den Internationalen Brigaden nach Spanien trug. Nicht nur Busch war zeitweise Gast bei den Dessaus, auch zu anderen Exilierten und Anhängern der kommunistischen Bewegung knüpfte der Komponist zahlreiche Kontakte.
Durch seine Bekanntschaft mit René Leibowitz, mit dem ihn ein wechselseitiges Lehrverhältnis und eine enge Freundschaft verbanden, und Erich Itor Kahn kam Dessau 1936 mit der Zwölftontechnik in Berührung, die sein kompositorisches Denken nachhaltig beeinflusste (später intensiviert durch die persönliche Begegnung mit Arnold Schönberg). Die Dodekaphonie fand erstmals Eingang in Dessaus Schaffen in dem durch Picassos Monumentalgemälde Guernica inspirierten, gleichnamigen Klavierstück.
1938 schrieb Dessau eine Schauspielmusik zur Erstfassung von Brechts Furcht und Elend des Dritten Reiches, die in der Regie von Slatan Dudow unter dem Titel 99 % – eine deutsche Heerschau uraufgeführt wurde.
Emigration in die USA mini|Affidavit seines Cousins Arnd Burchard, Februar 1939 Nach dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs emigrierte Dessau im Herbst 1939 in die USA, wo er todkrank in New York ankam. Er konnte aber gerettet werden.
Anfänglich verdiente sich Dessau ein knappes Einkommen mit Aushilfsarbeiten bei einem Verlag, wie dem Kopieren von Noten und Texten anderer Kollegen sowie als Musiklehrer in einem Kinderheim und einer Musikschule. Er führte Kompositionsaufträge aus und trat sporadisch mit eigenen Liedern auf.
Trotz der widrigen Lebensumstände beendete Dessau hier die bereits in Paris begonnene Kantate Les Voix nach Paul Verlaine, welche am 21. Mai 1941 auf dem Musikfest der Internationalen Gesellschaft für Neue Musik (IGNM) uraufgeführt wurde.
Erste Arbeiten mit Brecht 1942 kam es während der Vorbereitungen zu einer Veranstaltung zur Wiederbegegnung mit Bertolt Brecht. Anlässlich eines Brecht-Abends stand unter anderem Die heilige Johanna der Schlachthöfe auf dem Programm. Da die Sängerin kurzfristig ausfiel, sang Dessau die von ihm komponierte Ballade der schwarzen Strohhüte spontan selbst. Beide Künstler verstanden sich sofort und es begann eine fruchtbare Zusammenarbeit, die bis zu Brechts Tod 1956 anhalten sollte.