mini|31. Juli 1941: Auftrag Görings an Heydrich zum Erstellen eines organisatorischen Gesamtentwurfs für die Endlösung der Judenfrage

„Endlösung der Judenfrage“, kurz „Endlösung“, ist ein Ausdruck aus der Sprache des Nationalsozialismus für den Holocaust bzw. die Schoa. Damit bezeichneten die Nationalsozialisten zunächst die staatlich organisierte Vertreibung oder Umsiedlung von Juden, die deutsche Antisemiten seit etwa 1880 gefordert hatten. Ab Juli 1941 bezeichneten sie mit dem Ausdruck ihr Ziel, alle von ihnen als Juden definierten Personen in Europa und darüber hinaus zu ermorden. Dieses Ziel verfolgten sie systematisch bis zur bedingungslosen Kapitulation der Wehrmacht (8./9. Mai 1945).Peter Longerich: Der ungeschriebene Befehl. Hitler und der Weg zur „Endlösung.“ München 2001, S. 27f. und 166 Der Ausdruck war ein Euphemismus ihrer systematischen Judenvernichtung, um diese nach außen zu tarnen und nach innen ideologisch zu rechtfertigen.

Seit den Nürnberger Prozessen wird der Ausdruck „Endlösung“ fast nur noch als Kürzel für den Holocaust gebraucht; andere Bedeutungen spielen in der deutschen Alltagssprache keine Rolle mehr. Viele Darstellungen des Holocaust zitieren den Ausdruck (englisch final solution, französisch solution finale), im Deutschen meist in distanzierenden Anführungszeichen.

Entstehung des Ausdrucks „Judenfrage“

Als „jüdische Frage“ bezeichnete man seit etwa 1750 zunächst in Großbritannien (Jewish Question), seit der Französischen Revolution 1789 auch in Frankreich (la question juive) umstrittene Schritte zur jüdischen Emanzipation und die damit verbundenen Probleme.

In Deutschland erschien 1843 Bruno Bauers Aufsatz Die Judenfrage. Seither beschäftigten sich Hunderte von Traktaten, Pamphleten, Zeitungsartikeln und Büchern damit. Als „Lösungen“ dieses „Problems“ schlugen Judengegner Assimilation, Umsiedlung oder Ausweisung vor, während Liberale oder Philosemiten Konzepte der Integration, Erziehung und Tolerierung vorschlugen.Wolfgang Benz: Endlösung. In: Wolfgang Benz (Hrsg.): Enzyklopädie des Nationalsozialismus, 5. Auflage, dtv, München 2007, ISBN 3-423-34408-3, S. 446 In dieser Debatte war also noch nicht entschieden, ob die „Judenfrage“ die Probleme der deutschen Juden mit ihren Gegnern beschrieb oder umgekehrt deren Problem mit ihrem Dasein.

Etwa ab 1860 erhielt der Begriff zunehmend antisemitische Bedeutung: Juden wurden unter diesem Titel immer öfter als Hindernis für Identität und Zusammenhalt der Nation und als Fremde im eigenen Land definiert. Antisemiten wie Wilhelm Marr, Karl Eugen Dühring, Theodor Fritsch, Houston Stewart Chamberlain, Paul de Lagarde und andere erklärten die Judenfrage zum durch Integration unlösbaren „Rassen“-Problem, um ihre Forderungen nach „Entjudung“ der Presse, von Bildung, Kultur, Staat und Wirtschaft, der Ächtung von „Mischehen“ usw. plausibel erscheinen zu lassen und die Juden aus vermeintlich dominierender gesellschaftlicher Stellung zu verdrängen.Wolfgang Benz: Die „Judenfrage“ / The „Jewish Question“. Bibliographie. Verein der Freunde und Förderer des Zentrums für Antisemitismusforschung (Hrsg.), Saur, Berlin 2003, ISBN 3-598-35046-5 (Vorwort)

„Endlösung“ Frühe Antisemiten etablierten parallel zur allmählichen rechtlichen Gleichstellung der Juden ein Vokabular vom „Ausmerzen“, „Ausschalten“, „Beseitigen“, „Entfernen“, „Unschädlichmachen“, „Vertilgen“ oder sogar „Ausrotten“ der Juden im öffentlichen Diskurs. Mit solchen biologistischen Metaphern entmenschlichten Antisemiten die Juden und setzten sie mit Krankheitserregern, Insekten oder Parasiten gleich. Demgemäß forderten sie unter anderem Einwanderungs- und Berufsverbote, die Zwangssterilisation zur Verhinderung von Nachwuchs, den Entzug aller Bürgerrechte und wirtschaftliche Unterdrückungsmaßnahmen gegen die Juden.Rainer Erb, Werner Bergmann: Die Nachtseite der Judenemanzipation. Der Widerstand gegen die Integration der Juden in Deutschland 1780–1860. Metropol, Berlin 1989, ISBN 3-926893-77-X, S. 215 ff.

1881 verlangte Eugen Dühring in seinem populären, oft aufgelegten Aufsatz Die Judenfrage als Rassen-, Sitten- und Kulturfrage als einer der ersten Antisemiten eine „endgültige Lösung der Judenfrage“. Dazu erwog er ihre „völkerrechtliche Internierung“ in einer für sie bestimmten Region, forderte ein Ausnahmerecht, Vermögenskontrolle, die Deportation von jüdischen Kriminellen und letztlich die „Ausscheidung des Judentums durch den modernen Völkergeist“, weil angeblich nur so die Zerstörung der eigenen Nation aufzuhalten sei.Alex Bein: Die Judenfrage. Biographie eines Weltproblems, Band 1. Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1980, ISBN 3-421-01963-0, S. 224 f.

Der Zionismus reagierte auf diesen Antisemitismus mit Vorschlägen zur freiwilligen Auswanderung der jüdischen Minderheiten in ein außereuropäisches Land, um ihr langfristiges Überleben zu sichern. Theodor Herzl begann 1881 nach Lektüre von Eugen Dührings Pamphlet sein Zionistisches Tagebuch (erschienen 1920).Alex Bein: Die Judenfrage. Biographie eines Weltproblems, Band 2: Anmerkungen, Exkurse, Register. Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1980, ISBN 3-421-01963-0, S. 186 In seiner Programmschrift Der Judenstaat: Der Versuch einer modernen Lösung der Judenfrage (1886) schrieb er: „Ich halte die Judenfrage weder für eine soziale noch für eine religiöse, wenn sie sich noch so oder anders färbt. Sie ist eine nationale Frage, und um sie zu lösen, müssen wir sie vor allem zu einer politischen Weltfrage machen, die im Rate der Kulturvölker zu lösen sein wird.“Cornelia Schmitz-Berning: Vokabular des Nationalsozialismus. De Gruyter, Berlin 2007, ISBN 3-11-019549-6, S. 331

Dagegen befürworteten viele deutsche Akademiker eine Assimilation der Juden durch Aufgabe der jüdischen Religion. So schrieb der Naturwissenschaftler Ludwig Büchner am 2. September 1884 an den Lexikografen Isidore Singer, „dass die Juden selbst sehr viel zur endlichen Lösung der leidigen Judenfrage beitragen könnten und würden, wenn sie ihre absonderlichen rituellen Einrichtungen […] aufgeben und sich bestreben würden, durch Beförderung der Heiraten zwischen Juden und Christen eine allmälige Amalgamirung herbeizuführen.“Isidor Singer: Briefe berühmter christlicher Zeitgenossen über die Judenfrage. Nach Manuscripten gedruckt und mit Autorisation der Verfasser zum ersten Male herausgegeben, mit biographischen Skizzen der Autoren und einem Vorwort versehen. Oskar Frank, Wien 1885, S. 140

Der evangelische Theologe Carl Friedrich Heman meinte ab 1882, dass „gründlich, endgültig und befriedigend die Judenfrage von den Juden selbst gelöst werden muß“.Carl Friedrich Heman: Die religiöse Weltstellung des jüdischen Volkes. Hinrichs, Leipzig 1882, S. VI (PDF-Download); zitiert in: Verein der Freunde Israels (Hrsg.): Judaica: Beiträge zum Verständnis des jüdischen Schicksals in Vergangenheit und Gegenwart, Band 53. Evangelische Judenmission / Stiftung für Kirche und Judentum, Zwingli, Basel 1997, S. 90 Obwohl er die christliche Judenmission begrüßte und mit seinem Schweizer Verein Freunde Israels (gegründet 1874) förderte, sah er die Juden nicht als Teil der eigenen Nation an. Darum befürwortete er Herzls Streben nach einem „Judenstaat“ und begrüßte den ersten Zionistenkongress von 1897 in Basel euphorisch mit seiner Schrift Das Erwachen der jüdischen Nation: Der Weg zur endgültigen Lösung der Judenfrage. Mit dem jüdischen Nationalismus verknüpfte er endzeitliche Hoffnungen.Thomas Metzger: Das Erwachen der jüdischen Nation (Friedrich Heman, 1897). In: Wolfgang Benz (Hrsg.): Handbuch des Antisemitismus Band 6: Publikationen. De Gruyter / Saur, Berlin 2013, ISBN 978-3-11-025872-1, S. 180–182 Die meisten Juden wollten jedoch im Vertrauen auf die allmähliche Durchsetzung des Liberalismus lieber in den europäischen Zivilgesellschaften bleiben und an deren Demokratisierung mitwirken.

Ab 1880 radikalisierten und organisierten sich die Antisemiten zunehmend. Theodor Fritsch, eine zentrale Figur der „Berliner Bewegung“, forderte in seinem Antisemitencatechismus von 1887, den Antisemitismus in alle Parteien und Organisationen zu tragen, um so im Reichstag mehrheitsfähig zu werden und den Ausschluss der Juden mit einem Gesetz zu erzwingen. Einen eigenen Staat der Juden in Palästina lehnte er ab: Mit seiner Propaganda zur „Rückkehr der armen verfolgten Juden in die alte Heimat“ Palästina treffe der Zionismus nur „die letzten Vorbereitungen zur Vollendung der jüdischen Weltherrschaft“. In der 23. Auflage seines Handbuchs der Judenfrage von 1923 schrieb er: „Die letzte Lösung des Judenproblems kann nur in einer völligen Ausscheidung aller Juden aus dem arischen Völkerleben gefunden werden.“Michael Bönisch: Die „Hammer“-Bewegung. In: Uwe Puschner, Walter Schmitz, Justus H. Ulbricht (Hrsg.): Handbuch zur „Völkischen Bewegung“ 1871–1918. Saur, München 1996, ISBN 3-598-11241-6, S. 341–365, hier S. 348 und Fn. 47

Die 1894 entstandene Deutschsoziale Reformpartei forderte in ihrem Programm von 1899 erstmals, die Judenfrage „durch völlige Absonderung und (wenn die Notwehr es gebietet) schließliche Vernichtung des Judenvolkes“ zu lösen.Wolfgang Benz (Hrsg.): Handbuch des Antisemitismus Band 5: Organisationen, Institutionen, Bewegungen. De Gruyter / Saur, Berlin 2012, ISBN 978-3-598-24078-2, S. 203; Hans-Ulrich Wehler: Deutsche Geschichte: Das Deutsche Kaiserreich 1871–1918. 7. Auflage, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1994, ISBN 3-525-33542-3, S. 112 Die Deutschvölkische Partei proklamierte 1914 in ihrem Gründungsprogramm, die endgültige „Lösung der Judenfrage“ werde zur „Weltfrage des 20. Jahrhunderts“ werden. Sie bündelte die bisherigen Ziele der Antisemiten des Kaiserreichs und verband sie im Ersten Weltkrieg mit großdeutschen Eroberungs- und Kolonisierungszielen.Wolfgang Benz (Hrsg.): Handbuch des Antisemitismus Band 5, Berlin 2012, S. 206

Obwohl die Antisemitenparteien im Deutschen Kaiserreich ihre Ziele parlamentarisch nicht erreichten, verbreiteten ihre Organe die antisemitische Propaganda nach dem Kriegsende weiter, etwa im Deutschvölkischen Schutz- und Trutzbund.Wolfgang Benz (Hrsg.): Handbuch des Antisemitismus Band 6, Berlin 2013, S. 149 Mit der Judenzählung (1916) und der Dolchstoßlegende (ab 1919) machten Antisemiten deutsche Juden planmäßig für die Kriegsniederlage verantwortlich, ebenso für soziale und ökonomische Kriegsfolgen wie die Hyperinflation (1919–1923), Ruhrbesetzung (1923) und Weltwirtschaftskrise (1929/30).Jacob Rosenthal: „Die Ehre des jüdischen Soldaten“: Die Judenzählung im Ersten Weltkrieg und ihre Folgen. Campus, Frankfurt am Main 2007, ISBN 3-593-38497-3, S. 180; Hans Otto Horch, Horst Denkler (Hrsg.): Conditio Judaica: Judentum, Antisemitismus und deutschsprachige Literatur vom 18. Jahrhundert bis zum Ersten Weltkrieg. De Gruyter, Berlin 2012, ISBN 3-484-10607-7, S. 38; Thorsten Eitz, Isabelle Engelhardt: Diskursgeschichte der Weimarer Republik. Georg Olms, Hildesheim 2015, ISBN 3-487-15189-8, S. 71 f.

Bedeutungswandel im Nationalsozialismus Ideologie ab 1919 Das 25-Punkte-Programm der NSDAP von 1920 schrieb den Entzug der vollen Bürgerrechte, ein Berufsverbot für öffentliche Ämter und Presseleitung für die deutschen Juden, bei Erwerbslosigkeit ihre Ausweisung sowie die Vertreibung eines Großteils zugewanderter Juden fest. Damit übernahm es die Ziele der organisierten Antisemiten des Kaiserreichs. Die Methoden zur Umsetzung der antijüdischen Programmpunkte legte die NSDAP bis 1933 nicht fest.