Ottone Orseolo (* 993 in Venedig; † Frühjahr 1032 auf dem Rückweg von Konstantinopel nach Venedig) war, folgt man der sogenannten venezianischen Tradition, also der seit dem 14. Jahrhundert zunehmend staatlich gesteuerten Geschichtsschreibung der Republik Venedig, ihr 27. Doge. Er regierte von 1009 bis 1026 und starb in der Verbannung. In den zeitlich näheren Quellen erscheint er als Otto oder Otho, ergänzt durch verschiedene Varianten von Ursiollo; sein Taufname war Petrus, bzw. Piero. Die Kenntnisse über die venezianische Geschichte sind ab diesem Dogen wieder wesentlich geringer als zuvor, da im Jahr vor seiner Wahl die Istoria Veneticorum des Johannes Diaconus abbricht, die als bei Weitem wichtigste erzählende Quelle zur frühen Geschichte der Stadt gilt.
Einordnung in den historischen Zusammenhang Heiratsallianzen und die Besetzung von hohen Kirchenpositionen waren ein Kennzeichen der Politik der Orseolo, die eine Art Erbmonarchie anstrebten. Diese Familienpolitik griff bis in beide Kaiserreiche aus, genauso aber in die benachbarten Herrscherhäuser. 1011 heiratete Ottone eine Tochter des Königs von Ungarn. Darüber hinaus besetzte die Familie den Sitz des Patriarchen von Grado und des Bistums Torcello und damit zwei der bedeutendsten Kirchenämter. Die Wiederherstellung der Autorität Venedigs in Dalmatien gelang in Abstimmung mit Konstantinopel ebenfalls.
Das westliche Kaiserreich hingegen unterstützte den Patriarchen von Aquileia Poppo. Dieser versuchte, sich das Patriarchat Grado unterzuordnen, indem er es zu seinem Suffraganbistum machte. Dies bedrohte sowohl die Machtstellung Venedigs als auch die der Orseolo, denn Orso Orseolo war dort Patriarch. Als Ottone in Folge eines Volksaufstands, den die Flabanico und die Gradenigo wohl angefeuert hatten, vertrieben wurde, übernahm sein Bruder Orso, obwohl Kleriker, als eine Art Vizedoge das Amt. Venedig rief Ottone Orseolo zurück, dem die Rückeroberung des von Poppo bereits besetzten Grado gelang.
Es drohte nun eine Ausweitung des Konflikts auf das Römisch-deutsche Reich und bis nach Rom. Unter Führung des Domenico Flabanico bemächtigte sich eine Gruppe von Aufständischen des Dogen und verjagte ihn aus Venedig. An seine Stelle trat 1026 als Doge Pietro Centranico, eine „Kreatur“ des Domenico Flabanico. Ottone ging ins Exil nach Konstantinopel, doch war seine Familie damit keineswegs entmachtet.
In Konstantinopel starb zwar 1028 der Kaiser, der der Schwiegervater des älteren Bruders von Ottone, nämlich von Giovanni (Johannes) gewesen war, doch blieb, auch wenn dieser gleichfalls längst verstorben war, die Partei der Orseolo weiterhin einflussreich.
Die Unfähigkeit Centranicos, ein Mittel gegen die Unruhe in Dalmatien und gegen den Patriarchen Poppo zu finden, der mit Rückendeckung Konrads II. den Handel der Venezianer schädigte, führte schließlich zu seinem Sturz. Der Patriarch Orso Orseolo übernahm die Regentschaft und ließ Ottone aus Konstantinopel zurückrufen. Doch starb dieser auf der Rückreise (?) im Frühjahr 1032.
Am Ende übernahm Domenico Flabanico noch im selben Jahr die Macht. Ihm gelang es 1040, die Erbmonarchie in Venedig endgültig auszuschließen, womit in Venedig eine neue Epoche der Verfassungsentwicklung begann.
Familie Ottone Orseolo gehörte zu einer einflussreichen tribunizischen Familie, die mit seinem Vater Pietro II. Orseolo und Pietro I. bereits zwei Dogen gestellt hatte. Mit gerade einmal 12 Jahren wurde er mit Erlaubnis der Volksversammlung zum Mitdogen erhoben, nachdem sein älterer Bruder Giovanni (Johannes) mitsamt seiner Familie an der Pest („pestilencia“) gestorben war. Seine Brüder Orso und Vitale bekleideten als Bischof von Torcello und Patriarch von Grado die höchsten geistlichen Ämter.
Herkunft und Heiratspolitik mini|Hans Part: Markgräfin Adelheid (Frowiza), Tochter des Dogen und Schwester des Königs Peter von Ungarn, Babenberger-Stammbaum, Stift Klosterneuburg, zwischen 1489 und 1492
Ottone war eines von neun Kindern des Dogen Pietro II. Orseolo und seiner Frau Maria, Tochter des Dogen Vitale Candiano. Als drittgeborener Sohn wurde er im Alter von drei Jahren Patensohn Ottos III., des römisch-deutschen Kaisers. Verheiratet war er ab 1011, angeblich mit „Geiza“,Hier irrt Giuseppe Gullino, denn der Name der ungarischen Ehefrau ist nicht überliefert, vgl. einer Tochter des ungarischen Großfürsten Géza aus dem Geschlecht der Arpaden. Durch seine Heirat wurde er zum Schwager von Stephan I., des ungarischen Königs und Heiligen. Der Sohn Ottones und seiner ungarischen Frau, Pietro Orseolo, wurde von Stephan zu seinem Nachfolger als König bestimmt (in der deutschsprachigen Historiographie „Peter Orseolo“). Er regierte Ungarn von 1038 bis 1041 und, nach einer dreijährigen Unterbrechung, von 1044 bis 1046. Eine Tochter des venezianisch-ungarischen Paares namens Froiza, Froila oder Domenica, auch Frozza genannt, heiratete den Babenberger Markgrafen von Österreich, Adalbert.Alfried Wieczorek, Hans-Martin Hinz, Magyar Nemzeti Múzeum (Hrsg.): Europas Mitte um 1000, Theiss, 2000, S. 783.
Pietro II. Orseolo, der Vater und Vorgänger Ottones, unterhielt hervorragende Beziehungen zu beiden Kaiserreichen, die durch die Schaffung von Verwandtschaftsverhältnissen, durch Patenschaften und Ehen gefestigt wurden. Dazu wurde auch Ottone eingesetzt. Dessen Taufname war Piero (Petrus), doch im März 996 wurde er in Verona auf Veranlassung des zur Krönung nach Rom ziehenden Kaisers Otto III. gefirmt, wobei der Kaiser als Firmpate fungierte, dessen Namen der Firmling zugleich erhielt.Giuseppe Gullino, Orseolo, Ottone (vgl. Literaturangaben) nach Johannes Diaconus, Istoria Veneticorum, cap. 28b-29a, in der Edition von Giovanni Monticolo (vgl. Quellenangaben) S. 151 f. Als Otto III. keine zwei Jahre später aus Anlass der Usurpation des römischen Patriziers Crescentius erneut gen Rom zog, sandte der Doge Pietro II. Orseolo auf kaiserlichen Wunsch seinen kaum fünfjährigen Sohn Ottone mit einem Prunkschiff und einer kleinen Flottille dem Firmpaten poaufwärts bis Ferrara entgegen. Die Flottille nahm den Kaiser und sein Gefolge auf und brachte ihn bis nach Ravenna, von wo Otto den jungen Dogensohn zurück nach Venedig schickte.Johannes Diaconus, Istoria Veneticorum, cap. 30a, in der Edition von Giovanni Monticolo (vgl. Quellenangaben) S. 154 f.
Im Jahr 1004 begleitete Ottone seinen ältesten Bruder Giovanni (Johannes), der bereits Mitdoge war, nach Konstantinopel. Johannes heiratete dort Maria, eine Tochter des Patricius Argiros, eines kaiserlichen Verwandten, der später selbst Kaiser wurde. Doch 1007 starben sowohl Johannes als auch Maria und ihr gemeinsamer Sohn Basilios in Venedig, wie es heißt, an der Pest. Da die beiden anderen Brüder Geistliche waren und daher für ein weltliches Amt wie das eines Dogen nicht mehr in Frage kamen, wurde Ottone nun seinerseits zum Mitdogen seines Vaters. Als dieser starb, wurde er selbst im Alter von 16 Jahren zum Dogen erhoben. Von Ottones vier Schwestern gingen drei ins Kloster, während Hicela (Icella) Stephan (Stjepan) heiratete, den Sohn des kroatischen Königs Svjetoslav.John Van Antwerp Fine: The Early Medieval Balkans. A Critical Survey from the Sixth to the Late Twelfth Century, University of Michigan Press, Ann Arbor 1983, Taschenbuchausgabe 1991, 9. Aufl., 2000, S. 276 (online, PDF).
Nicht ohne politisches Talent heiratete er 1011 eine Tochter des Königs von Ungarn und Schwester des später heiliggesprochenen Stephan. Sie starb allerdings 1026. Als 1018 der Patriarch von Grado, Vitale Candiano, nach fast fünfzigjähriger Amtszeit starb, erreichte die Familie, dass Ottones Bruder Orso, der bis dahin Bischof von Torcello gewesen war, Candiano im Amt folgte. Dieses Amt übernahm wiederum ein weiterer Bruder, nämlich Vitale, der kaum 20 Jahre alt war. Damit waren die höchsten Würden in der Hand der Orseolo.
Das Dogenamt mini|Machtverhältnisse auf dem Balkan und im Ägäisraum, hier vor allem in der Zeit des Zaren Samuel (um 993–1018) Bis 1016 gelang es dem jungen Dogen, den Bischof von Adria zur Abtretung einiger Gebiete bei Loreo zu zwingen, und 1018 erreichte er sogar die Wiederherstellung der unsicheren Autorität Venedigs in Dalmatien. Dort agierten kroatische Flotten als Piraten und bedrängten die Städte, allen voran Zara. Durch das Aufbieten der venezianischen Flotte gelang ihm in Dalmatien ein ähnlicher Erfolg wie im Jahr 998 oder 1000 seinem Vater. Klerus, Prioren und Volk von Arbe, Veglia und Ossero leisteten Tribute, Zara, Spalato, Traù und Ragusa erneuerten ihre Treueide. Ebenfalls wie sein Vater handelte Ottone Orseolo in Abstimmung mit Konstantinopel, wo es Kaiser Basileios II. gelang, das Bulgarenreich unter Zar Samuel 1018 endgültig zu zerschlagen, und gleichzeitig Melus von Bari zu besiegen.
Hingegen kühlten sich die Beziehungen zum westlichen Kaiserreich ab. Dieses unterstützte im Gegenteil die Ambitionen des Patriarchen von Aquileia Poppo. Das Patriarchat Aquileia lag seit Jahrhunderten in Konflikt mit dem Patriarchat Grado, das Poppo versuchte wieder zu seinem Suffraganbistum zu machen. Dazu intervenierte er bei Papst Benedikt VIII. Poppos Vorgehen bedrohte nicht nur die Stellung Venedigs, sondern auch die gesicherte Machtposition der Orseolo, spätestens seit Orso dort Patriarch war.
Der Konflikt eskalierte, als Ottone aus Venedig vertrieben wurde. Dies wiederum war die Folge eines Volksaufstands, den die Flabanici und die Gradenigo wohl angefeuert hatten. Letztere waren dadurch brüskiert worden, dass der Doge die Wahl des 18-jährigen Domenico Gradenigo zum Bischof von Olivolo, dem späteren Castello im Osten Venedigs, hintertrieb. Ottone, dem sein Bruder Orso als eine Art Vizedoge folgte, erschien in Istrien auf Gradenser Gebiet, während Poppo die Gelegenheit nutzte, Grado zu besetzen und zu plündern. Venedig rief daraufhin den Orseolo zurück, dem die Rückeroberung von Grado gelang. Der Sieger ließ die Stadtmauer von Grado durch Eisentore verstärken.
Doch seine Rückkehr auf den Dogenstuhl war von kurzer Dauer, denn der Konflikt mit Poppo war keineswegs gelöst. Es drohte eine Ausweitung auf das Reich und bis nach Rom. Unter Führung des Domenico Flabanico bemächtigte sich eine Gruppe von Aufständischen des Dogen, ließ seinen Bart scheren und verjagte ihn aus Venedig. An seine Stelle trat 1026 als Doge Pietro Barbolano Centranico, auch Pietro Centranico genannt, eine „Kreatur“ des Domenico Flabianico.Flabànico, Domenico, doge di Venezia, Enciclopedie on line, Treccani. Ottone ging nach Konstantinopel, sein Sohn Pietro floh nach Ungarn an den dortigen Hof.
mini|Das östliche Kaiserreich beim Tod Basileios’ II. im Jahr 1025 Von weit reichender Bedeutung wurden die Veränderungen in Konstantinopel, wo 1028 Romanos III. Argyros den Thron bestieg, der der Schwiegervater des älteren Bruders von Ottone, von Giovanni (Johannes) gewesen war. Dadurch wurde, auch wenn Tochter und Schwiegersohn des neuen Kaisers längst verstorben waren, die Partei der Orseolo gestärkt. Die Unfähigkeit Centranicos, ein Mittel gegen die Unruhe in Dalmatien und die Feindseligkeiten des Patriarchen Poppo zu finden, der mit Rückendeckung Konrads II. den Handel der Venezianer schädigte, führte zu einem erneuten Umsturz. Der neue Doge wurde von den Anhängern Orseolos aber schon 1031 wieder gestürzt. Auch ihm wurde der Bart geschoren und er musste seinem Vorgänger nach Konstantinopel ins Exil folgen. Orso übernahm die Regentschaft und ließ Ottone aus Konstantinopel zurückrufen, doch nun starb dieser auf der Rückreise von Konstantinopel im Frühjahr 1032.
Die Orseolo setzten sogleich Domenico Orseolo als neuen Dogen ein. Der Arengo, die Volksversammlung, zwang ihn jedoch, nach nur einem Tag als Doge, Venedig zu verlassen.
Rezeption Bis gegen Ende der Republik Venedig mini|Die Heiligen Theodor und Georg, Thessaloniki, um 1010, Archäologisches Museum Venedig