Die folgende Geschichte (niederländisch: Het volgende verhaal) ist eine Novelle des niederländischen Schriftstellers Cees Nooteboom, die 1991 als Boekenweekgeschenk veröffentlicht wurde. Die mysteriösen Umstände, unter denen der Protagonist der Geschichte eines Morgens erwacht, verdichten sich zu seinem Übergang vom Leben in den Tod. Auf einer Todesfahrt erinnert er sich seiner Vergangenheit und einer 20 Jahre zurückliegenden Liebe. Die Handlung ist eingebettet in zahlreiche Verweise auf antike Mythen und Motive über das Erzählen, das Reisen und den Tod. In Deutschland verhalf eine Besprechung in der Sendung Das Literarische Quartett dem Buch zu einem großen Verkaufserfolg und dem Autor zu nachhaltiger Popularität.

miniatur|hochkant=1.5|Daniel Chodowiecki: Tod des Sokrates – eine der Szenen, die der Protagonist, der selbst den Spitznamen Sokrates trägt, seinen Schülern im Unterricht stets mit besonderer Leidenschaft vorzutragen pflegte.

Inhalt Erster Teil miniatur|Torre de Belém in Lissabon Hermann Mussert wacht eines Morgens in einem Lissabonner Hotelzimmer auf, obwohl er überzeugt ist, am gestrigen Abend wie gewöhnlich in seiner Amsterdamer Wohnung zu Bett gegangen zu sein. In einem unklaren Zustand zwischen Realität, Traum oder Tod erinnert er sich an Geschehnisse, die ihn vor zwanzig Jahren schon einmal in dieses Zimmer geführt haben.

Damals war Mussert Gymnasiallehrer für Griechisch und Latein, ein weltfremder und von den Schülern „Sokrates“ getaufter Altphilologe, der sich an den Erzählungen von Phaetons Himmelsfahrt und Sokrates’ Tod berauschte. Nur ein einziges Mal drang die Liebe zu ihm und machte ihn gewöhnlich: Er begann ein Verhältnis mit seiner Kollegin Maria Zeinstra, die keinen Hehl daraus machte, dass sie mit dem Seitensprung ihren Ehemann, den Niederländischlehrer und Sporttrainer Arend Herfst, für seine Affaire mit Lisa d’India bestrafen wollte, einer hochbegabten Musterschülerin des Gymnasiums, in die das gesamte Lehrerkollektiv verliebt war. Nur sich selbst nimmt Mussert aus, obwohl er gestehen muss, dass sie die einzige Schülerin war, die die toten Sprachen und klassischen Mythen, die er unterrichtete, erst lebendig und wirklich erscheinen ließ.

Noch einmal wandelt Mussert in Portugal auf den Wegen, auf denen er einst Maria Zeinstra während eines Kongresses begleitete, und beschwört ihre gemeinsame Vergangenheit herauf. Als er in dem Lissabonner Hotelzimmer, in dem sie damals eine Nacht verbrachten, in den Schlaf fällt, sieht er sich selbst in seinem Amsterdamer Bett liegen und im Schlaf mit etwas ringen.

Zweiter Teil miniatur|Der Schwarzwasserfluss Rio Negro bei Sonnenuntergang. Gemeinsam mit einer geheimnisvollen Frau und fünf weiteren Passagieren – dem italienischen Pater Fermi, dem amerikanischen Piloten Captain Dekobra, dem spanischen Jugendlichen Alonso Carnero, dem englischen Journalisten Peter Harris und dem chinesischen Gelehrten Professor Deng – befindet sich Mussert auf einer mysteriösen Schiffsfahrt vom Lissabonner Vorort Belém nach Belém in Brasilien zu den „Todeswassern“ des Rio Negro.

Während der Passage erinnert sich Mussert erneut an die zwanzig Jahre zurückliegenden Geschehnisse. In einer Unterrichtsstunde deklamierte er vor seiner Klasse die Todesszene des Sokrates, wobei er eigentlich nur zu seiner Lieblingsschülerin Lisa d’India sprach, die für ihn die Rolle von Sokrates’ Schüler Kriton verkörperte. Am Ende der Stunde blieben sie zu zweit zurück und sprachen über die Unsterblichkeit der Seele, als sie ihn unvermittelt fragte, ob er Maria Zeinstra verlöre, wenn sie mit Herfst Schluss mache. In diesem Moment wurden sie von Maria Zeinstra unterbrochen. Lisa hinterließ Mussert einen Brief. Doch Maria, eifersüchtig auf ihre Rivalin, stellte ihn vor die Wahl, den Brief zu lesen oder sie zu behalten. Er entschied sich für Maria und erfuhr so nie Lisa d’Indias letzte Worte an ihn. Auf dem Schulhof lauerte ihm bereits Arend Herfst auf, der von Musserts Verhältnis mit seiner Frau erfahren hatte. Im angetrunkenen Zustand verprügelte er Mussert, packte Lisa, fuhr mit ihr in seinem Auto davon und verursachte einen Unfall, bei dem Lisa d’India starb und er selbst sich beide Beine brach. Sowohl Herfst als auch Mussert wurden nach dem Eklat aus dem Schuldienst entlassen. Maria Zeinstra zog mit ihrem Mann nach Amerika, und Mussert, der fortan als Dr. Strabo Reiseführer verfasste, hörte nie wieder von ihr.

Währenddessen nimmt die Fahrt über den Atlantik immer mehr die Züge einer Totenreise an. Das Schiff hat die Mündung des Amazonas erreicht, und während es langsam den Fluss hinaufgleitet und bei Manaos in den Rio Negro hinüberwechselt, darf Abend für Abend je einer der sieben Reisenden von seiner Todesgeschichte berichten, bevor er von der Frau mit zärtlicher Gebärde weggeführt wird: Carnero erzählt von einer Mutprobe mit einem Freund, bei der er von einem Nachtzug überrollt und getötet wurde; Harris wurde in einer Bar in Guyana von einem eifersüchtigen Rivalen niedergestochen, weil er sich mit einer schwarzen Prostituierten eingelassen hatte; Captain Dekobra stürzte aus großer Höhe in den Ozean, nachdem er mit seinem Flugzeug in eine Wolke aus Vulkanasche geraten war; Pater Fermi wurde am Ende einer Pilgerreise von einem Krankenwagen angefahren und tödlich verletzt; Deng nahm sich das Leben, weil man ihn während der chinesischen Kulturrevolution gedemütigt und vertrieben hatte.

Jeder der Vortragenden scheint auf eigene Art seine Erfüllung zu finden, wenn er der Frau ins Gesicht blickt, ein Gesicht, das immer nur der jeweils Erzählende erkennt, das den anderen jedoch verborgen bleibt. Mussert wusste im Gegensatz zu den anderen lange nicht, welches seine eigene Geschichte sei, die er erzählen werde. Aber als ihm die geheimnisvolle Frau als letztem Verbliebenen der Reisegesellschaft zuwinkt und er sie anblickt, hat sie für ihn das Gesicht von Lisa d’India, und er erzählt ihr die folgende Geschichte.

Form Die im Original 92 Seiten umfassende Novelle (die deutsche Buchausgabe des Suhrkamp Verlags enthält 149 Seiten) wird vom Protagonisten Hermann Mussert in der Ich-Form erzählt. Sie zerfällt in zwei Teile, die formal getrennt sind und jeweils gesondert mit einem Zitat eingeleitet werden, sowie in zwei Zeitebenen: Musserts (allerdings ebenfalls erzählte) Gegenwart in einem Lissabonner Hotel sowie die Ereignisse einer 20 Jahre zurückliegenden Vergangenheit. Die Vorgeschichte und Musserts Zwischenzeit als Reiseschriftsteller werden in der Erzählung nur gestreift.

Die Novelle besitzt eine ringförmige Struktur. Der letzte Satz verweist auf den Beginn der Erzählung. Das Motiv des Kreislaufs wird immer wieder aufgegriffen, etwa im Bild des Hundes, der sich in den Schwanz beißt (S. 13) oder auf der Schiffsreise: „Man fährt weg in Belém, man kommt an in Belém. Auf diese Weise erreicht man doch noch so etwas wie die ewige Wiederkehr.“ (S. 126)

Interpretation Vorangestellt sei eine Anmerkung Nootebooms aus einem Interview mit Jan van Damme: „Jedem sei seine eigene Interpretation gestattet, für mich aber ist es eine Geschichte über den Tod, ganz einfach. Ein Mann stirbt in Amsterdam und sieht sein ganzes Leben in wenigen Sekunden an sich vorüberziehen. Das ist der Grundgedanke.“Wim Hottentot: Der Tod des Sokrates als Verwandlung. In: Daan Cartens (Hrsg.): Cees Nooteboom, Der Augenmensch. Suhrkamp, 1995, S. 174.

Antike und Moderne miniatur|Sokratesbüste aus den Vatikanischen Museen Für den Altphilologen Mussert ist die Antike geistige Heimat und Zuflucht. Er identifiziert sich mit dem Spitznamen Sokrates, mit dem ihn seine Schüler verspotten, und sieht sogar eine körperliche Ähnlichkeit zu dem großen Philosophen. „Sokrates ohne Bart und mit Brille, das gleiche klumpige Gesicht, bei dem keiner je an Philosophie denken würde, wenn wir nicht zufällig wüßten, welche Worte diese Specklippen unter der stumpfen Nase mit den breiten Nasenlöchern gesprochen hatten und welche Gedanken hinter dieser Schlägerstirn entstanden waren.“ (S. 31)

Mussert bedient sich der Antike, um die Moderne abzuwehren und die klassische Ordnung in seinem Leben wiederherzustellen. Die Metamorphosen des Ovid sind für ihn „meine Bibel, und sie hilft wirklich.“ (S. 28) Zeitungsartikel über politische Aktualitäten hat er „gerade viel besser bei Tacitus gelesen“, und er liefert sogleich die passende Textstelle dazu. (S. 18) Er verklärt die Präzision des Lateins und verachtet das „Wortgedränge“ und „unübersichtliche Gebrabbel“ (S. 19) moderner Sprachen. Arend Herfst als Niederländischlehrer und dazu moderner Dichter nimmt die Position eines natürlichen Gegenspielers ein, über den sich Mussert immer wieder verächtlich äußert: „er sprach […] von gar nichts und war daher wahnsinnig beliebt. Ein leibhaftiger Dichter und dann noch einer, der die Basketballmannschaft der Schule trainiert“. (S. 34) Als Lisa d’India ihm eines ihrer ebenfalls modern abgefassten Gedichte präsentiert, ist er, was selten vorkommt, enttäuscht von seiner Lieblingsschülerin: „es hatte keine Form, es ähnelte der modernen Poesie“. (S. 95) Auch gegenüber den Naturwissenschaften nimmt der in der Mythologie befangene Mussert eine instinktive Abwehrhaltung ein: Die Biologin Maria Zeinstra „wußte alles, was ich nicht wissen wollte“. (S. 101)

Als die Liebe in Musserts Leben eindringt und ihn für kurze Zeit zu einem „gewöhnlichen Menschen“ (S. 39) macht, erfährt Mussert, dass das wirkliche Leben in nichts dem gleicht, „worauf Worte, Verse, Bücher mich vorbereitet hatten.“ (S. 40) Später bekräftigt er noch einmal: „Kein Buch, das ich je gelesen habe, hat mich hierauf vorbereitet […], mit solchem Unfug beschäftigen sich also leibhaftige Menschen.“ Und es hilft ihm, der sich nicht zufällig als „die Verlängerung meines Bücherschranks“ bezeichnet, (S. 70) in der Realität nicht weiter, „daß Horaz über solche Banalitäten glänzende Gedichte geschrieben“ hätte. (S. 119)Vgl. zum Abschnitt: Bertold Heizmann: Interpretationshilfe Deutsch: Cees Nooteboom. Die folgende Geschichte. Stark, Freising, 2002, S. 42–44.

Liebe So, wie sich Mussert und Herfst als Antipoden gegenüberstehen, gilt dies in ähnlicher Form für Maria Zeinstra und Lisa d’India. Die Biologin Zeinstra ist ein moderner Mensch, der Ratio und Naturwissenschaft zugewandt, mit einer „nordholländischen“ (S. 67) Art. Lisa d’India verkörpert das Südländische. Sie ist die Tochter italienischer Gastarbeiter und genau wie Mussert der Antike und den alten Sprachen zugetan.

Die Liebe zu Maria Zeinstra holt Mussert aus dem Elfenbeinturm seiner Weltabgewandtheit. Er sagt: „ich war zum erstenmal in meinem Leben in die Nähe von etwas gekommen, das wie Liebe aussah. Maria Zeinstra gehörte zu den freien Menschen und hielt das für selbstverständlich, sie war in allem äußerst direkt, ich kam mir vor, als hätte ich nun auch zum erstenmal etwas mit Niederländern zu tun, oder mit Volk.“ (S. 69) Ihre Beziehung fasst er zusammen: „Sie hatte mir ein Gebiet gezeigt, das mir verschlossen gewesen war. Das war es noch immer, doch jetzt hatte ich es zumindest gesehen.“ (S. 72) Doch gleichzeitig profaniert ihn diese Form der Liebe: „Und jetzt war ich also verliebt und dadurch zum Mitglied eben jenes faden, zusammengewürfelten Vereins gleichgeschalteter Automaten geworden, den ich angeblich so sehr verabscheute.“ (S. 29)