Das Infanterie-Regiment „Herzog Friedrich Wilhelm von Braunschweig“ (Ostfriesisches) Nr. 78 war ein Infanterieverband der Preußischen Armee.
Geschichte Das Regiment wurde am 30. Oktober 1866 aus den 3., 13. und 15. Kompanien des Infanterie-Regiments Nr. 20 sowie den 13., 14. und 15. Kompanien der Infanterie-Regimenter Nr. 24, 60 und 64 in Brandenburg neu aufgestellt. Der Regimentsstab, das I. und II. Bataillon wurden in Emden, das III. Bataillon in Aurich stationiert. Am 7. November 1867 erhielt das Regiment die Bezeichnung „Ostfriesisches Infanterie-Regiment Nr. 78“. Ein Großteil der Mannschaften waren zu dieser Zeit und bis in die Zeit nach 1871 tatsächlich Ostfriesen.Hinrich Dirksen: Das Ostfriesische Infanterie-Regiment Nr. 78 in der Schlacht bei Vionville – Mars la Tour am 16. August 1870 (= Die Erinnerung, Themenheft 1). Hinte, September 2006, S. 34.
Das Regiment nahm 1870/71 im Krieg gegen Frankreich vor allem an den Schlachten bei Vionville, Gravelotte, Beaune-la-Rolande, Beaugency und Le Mans sowie der Belagerung von Metz teil. Bis 1872/73 blieb das Regiment als Teil der deutschen Besatzungsarmee in Frankreich. Am 1. April 1887 wurden sechs Kompanien an das Infanterie-Regiment „Graf Barfuß“ Nr. 17 in Elsass-Lothringen abgegeben, die 1890 im 4. Unter-Elsässischen Infanterie-Regiment Nr. 143 aufgingen.
Nach Verlegung von Stab und Gros des Regiments von Emden nach Osnabrück (das III. Bataillon blieb in Aurich) wurden ab 1899 Rekruten in der neu errichteten Caprivi-Kaserne (Baubeginn 1897) ausgebildet,Vom Militärstandort zum Bildungszentrum. Hochschule Osnabrück, abgerufen am 8. April 2026. der ersten von sechs um die Jahrhundertwende neu entstandenen Kasernen in der ehemals hannoverschen Stadt. Ebenfalls schon am Standort Osnabrück war am 2. Januar 1893 das aus zwei weiteren Kompanien bestehende IV. Bataillon neu aufgestellt worden, das zum 1. April 1897 an das neu aufgestellte 4. Hannoversche Infanterie-Regiment Nr. 164 abgegeben wurde.
Eine Allerhöchste Kabinett-Order legte am 24. Januar 1899 fest, dass das Infanterie-Regiment Nr. 78 als eins mit dem ehemaligen „Königlich Hannöverschen 6. Infanterie-Regiment“ anzusehen sei (Referenzjahr der Zählung 1838). Damit galt nun der 30. November 1813 als ursprüngliches Gründungsdatum des Regiments. Zugleich erhielt das Regiment am 24. Januar 1899 das Helmband „Waterloo“, mit dem man der Beteiligung der hannoverschen Feldbataillone an der Schlacht bei Waterloo unter Generalleutnant Friedrich Wilhelm von Braunschweig (dem in Waterloo gefallenen „Schwarzen Herzog“) gedachte. In Erinnerung an diesen trug das Regiment bereits seit dem 27. Januar 1889 den Ehrennamen „Infanterie-Regiment Herzog Friedrich Wilhelm von Braunschweig (Ostfriesisches) Nr. 78“. Vom 15. bis 17. August 1913 fand die „Hundertjahr-Feier“ des Regiments in Osnabrück statt.
Erster Weltkrieg mini|hochkant|Erich Maria Remarque als Regimentsangehöriger im Januar 1919 unmittelbar vor seiner Entlassung Zu Beginn des Ersten Weltkriegs wurde das Regiment am 2. August 1914 mobilisiert und rückte mit der 37. Infanterie-Brigade als Teil der 19. Division ins Feld. Im Kriegsverlauf wurde es unter anderem in der Winterschlacht in der Champagne, an der Somme und im Osten eingesetztSebastian Bondzio: Soldatentod und Kriegsgesellschaft. In: Niedersächsisches Jahrbuch für Landesgeschichte 90 (2018), S. 170. und kämpfte wiederholt an der Seite des 1. Hannoverschen Infanterie-Regiments Nr. 74, so im Winter 1915/16 am Chemin des Dames,Kurt Gabriel (Hrsg.): Das 1. Hannoversche Infanterie-Regiment Nr. 74 im Weltkriege. Selbstverlag der kameradschaftlichen Vereinigungen des ehemaligen 1. Hannoverschen Infanterie-Regiments Nr. 74, Druckerei Willy Hahn, Hannover 1931, S. 240. im Herbst 1916 am Stochid,Kurt Gabriel (Hrsg.): Das 1. Hannoversche Infanterie-Regiment Nr. 74 im Weltkriege. Selbstverlag der kameradschaftlichen Vereinigungen des ehemaligen 1. Hannoverschen Infanterie-Regiments Nr. 74, Druckerei Willy Hahn, Hannover 1931, S. 298. in der Schlacht an der AisneKurt Gabriel (Hrsg.): Das 1. Hannoversche Infanterie-Regiment Nr. 74 im Weltkriege. Selbstverlag der kameradschaftlichen Vereinigungen des ehemaligen 1. Hannoverschen Infanterie-Regiments Nr. 74, Druckerei Willy Hahn. Hannover 1931. S. 318. und 1917 bei Beaumont-en-Verdunois.Kurt Gabriel (Hrsg.): Das 1. Hannoversche Infanterie-Regiment Nr. 74 im Weltkriege. Selbstverlag der kameradschaftlichen Vereinigungen des ehemaligen 1. Hannoverschen Infanterie-Regiments Nr. 74, Druckerei Willy Hahn, Hannover 1931, S. 364. Ab September 1917 lag es für einige Zeit in den Verteidigungsstellungen vor Verdun. Ab März 1918 wurde es gemeinsam mit dem Hannoverschen Infanterie-Regiment Nr. 74 und dem 1915 aufgestellten Reserve-Infanterie-Regiment Nr. 229, in dem ebenfalls viele aus Osnabrück stammende Soldaten dienten, zu Beginn der deutschen Frühjahrsoffensive 1918 im Kernbereich der „Operation Michael“ eingesetzt und blieb im weiteren Verlauf der Folgeoffensiven und des anschließenden Rückzugs in Nordfrankreich und Flandern.Sebastian Bondzio: Soldatentod und Kriegsgesellschaft. In: Niedersächsisches Jahrbuch für Landesgeschichte 90 (2018), S. 171.
Als Kriegsformation stellte das Regiment im August 1914 gemäß Mobilmachungsplan das Reserve-Infanterie-Regiment Nr. 92 auf,Sebastian Bondzio: Soldatentod und Kriegsgesellschaft. In: Niedersächsisches Jahrbuch für Landesgeschichte 90 (2018), S. 165. das der 19. Reserve-Division unterstellt wurde. Gemeinsam mit dem Mutterregiment wurde es in der Schlacht bei St. Quentin (1914) und während des Feldzuges in Galizien im Frühjahr und Sommer 1915 eingesetzt und nahm danach unter anderem von März bis Juni 1916 an der Schlacht um Verdun teil, wo es mehrfach an vergeblichen Angriffen auf das Zwischenwerk Thiaumont beteiligt war. In der Endphase des Krieges wurde es erneut gemeinsam mit dem Infanterie-Regiment Nr. 78 und dem Reserve-Infanterie-Regiment Nr. 229 bei Rückzugsgefechten in Flandern eingesetzt, was zu besonders hohen Verlusten unter Osnabrücker Soldaten in den Monaten vor dem Kriegsende 1918 führte.Sebastian Bondzio: Soldatentod und Kriegsgesellschaft. In: Niedersächsisches Jahrbuch für Landesgeschichte 90 (2018), S. 172.
Einer der bekanntesten Angehörigen des Infanterie-Regiments Nr. 78 aus der Zeit des Ersten Weltkriegs war Erich Maria Remarque, der Autor des Weltkriegsromans Im Westen nichts Neues, der als Heranwachsender in seiner Heimatstadt Osnabrück zu dem Regiment eingezogen und in dessen Rekruten-Depot in der Caprivi-Kaserne ausgebildet wurde und nach kurzer Einsatzzeit als Schanzsoldat beim Reserve-Infanterie-Regiment Nr. 15 an der Westfront und längerer Rekonvaleszenz nach seiner Verwundung zum Ersatzkontingent seiner Stammeinheit zurückkehrte und dem Regiment bei seiner Demobilisierung angehörte.Erich Maria Remarque: Biografie in Daten. Erich Maria Remarque-Friedenszentrum, abgerufen im März 2026.
Verbleib Nach Kriegsende kehrten die Reste des Regiments nach Osnabrück zurück, wo ab 1. Januar 1919 die Demobilisierung und anschließende Auflösung erfolgte. Bereits Mitte Dezember 1918 hatten sich Teile dem Freiwilligen-Bataillon Reichenbach angeschlossen und kamen mit diesem in Berlin sowie beim Grenzschutz in Oberschlesien zum Einsatz.Jürgen Kraus: Handbuch der Verbände und Truppen des deutschen Heeres 1914–1918. Teil VI: Infanterie. Band 1: Infanterie-Regimenter. Verlag Militaria, Wien 2007, ISBN 978-3-902526-14-4, S. 143–144.
Die Tradition übernahm in der Reichswehr durch Erlass des Chefs der Heeresleitung General der Infanterie Hans von Seeckt vom 24. August 1921 die 14. Kompanie des 16. Infanterie-Regiments in Oldenburg.
Regimentschef mini|hochkant|Leo Graf von Caprivi, 1880 mini|Gedenkstein bei Vionville für die 1870/71 Gefallenen Erster und einziger Regimentschef war seit dem 21. September 1889 der General der Infanterie und spätere Reichskanzler Leo von Caprivi.
Kommandeure DienstgradNameDatumGünter Wegmann (Hrsg.), Günter Wegner: Formationsgeschichte und Stellenbesetzung der deutschen Streitkräfte 1815–1990. Teil 1: Stellenbesetzung der deutschen Heere 1815–1939. Band 2: Die Stellenbesetzung der aktiven Infanterie-Regimenter sowie Jäger- und MG-Bataillone, Wehrbezirkskommandos und Ausbildungsleiter von der Stiftung bzw. Aufstellung bis 1939. Biblio Verlag, Osnabrück 1992, ISBN 3-7648-1782-8, S. 205–206.OberstHermann von Wedel30. Oktober 1866 bis 20. Oktober 1869OberstLothar von Lyncker21. Oktober 1869 bis 21. Oktober 1870OberstleutnantPeter von Mutius22. Oktober bis 31. Dezember 1870 (mit der Führung beauftragt)OberstLothar von Lyncker1. Januar 1871 bis 21. April 1873OberstFriedrich Schulz23. Mai 1873 bis 15. Juni 1874OberstLeo von Caprivi16. Juni bis 14. Oktober 1874OberstHermann von der Groeben15. Oktober 1874 bis 11. März 1881OberstKarl von Lengerke12. März 1881 bis 16. Oktober 1883OberstTheodor von Kameke17. Oktober 1883 bis 14. Februar 1885OberstHeinrich von Wodtke15. Februar 1885 bis 3. August 1888OberstKarl Tuebben4. August 1888 bis 21. März 1889OberstFerdinand Borell du VernayGothaisches Genealogisches Taschenbuch der Briefadeligen Häuser 1910. 3. Jahrgang, Justus Perthes, Gotha Ende Oktober 1909, S. 74.22. März 1889 bis 27. Juli 1892OberstAlwin Moeller28. Juli 1892 bis 13. Juli 1895OberstKarl von Grolman14. Juli 1895 bis 17. November 1897OberstHermann Bennecke18. November 1897 bis 16. Februar 1898Oberstleutnant/OberstMax von Fabeck17. Februar 1898 bis 17. August 1901OberstSylvester Jordan18. August 1901 bis 17. August 1905OberstErnst von Bacmeister18. August 1905 bis 21. März 1907OberstFriedrich von Hugo22. März 1907 bis 20. Februar 1911OberstThilo von Hanstein21. Februar 1911 bis 24. August 1914OberstleutnantKarl Winkelmann25. August bis 4. September 1914OberstleutnantRalf von Rango15. September 1914 bis 10. Dezember 1915OberstleutnantKurt von Behr11. Dezember 1915 bis 25. Juni 1916OberstleutnantFriedrich Karl Spiecker26. Juni 1916 bisMajorOstermeyer OberstPaul Kienitz1919 mini|Regimentsdenkmal am Bucksturm in Osnabrück für die Gefallenen des Ersten Weltkriegs
Denkmal In Osnabrück wurde 1922 am Bucksturm, einem Bauwerk der ehemaligen Stadtbefestigung, ein Denkmal für das Regiment angebracht. Das Kriegerdenkmal aus Anröchter Stein hatte Hermann Hosaeus (1875–1958) entworfen. Das Denkmal und die Gedenktafel wurden von den Überlebenden des Regiments gestiftet. Die Tafel listet mit 120 Offizieren, 305 Unteroffizieren und 3042 Mannschaften die Zahl der im Ersten Weltkrieg Gefallenen dieses Regiments auf. Nicht aufgeführt sind die Verwundeten.
Literatur Oskar von Busse: Erinnerungen des Ostfriesischen Infanterie-Regiments Nr. 78 aus den Jahren seiner Formation und des Feldzugs gegen Frankreich. W. Haynel, Emden 1872. Digitalisat A. v. Hennings: Geschichte des Infanterie-Regiments Herzog Friedrich Wilhelm von Braunschweig (Ostfriesisches) Nr. 78. E. S. Mittler & Sohn, Berlin 1895. Kurze Geschichte des Infanterie-Regiments Herzog Friedrich Wilhelm von Braunschweig (Ostfriesischen) Nr. 78. Verlag Meinders & Elstermann, Osnabrück 1910. Hundertjahr-Feier des Infanterie-Regiments Herzog Friedrich Wilhelm von Braunschweig (Ostfriesisches Nr. 78) am 15., 16. und 17. August 1913. Osnabrücker Volkszeitung, Osnabrück 1913. Fritz Ebeling: Geschichte des Infanterie-Regiments Herzog Friedrich Wilhelm von Braunschweig (ostfriesischen) Nr. 78 im Weltkriege. (Erinnerungsblätter deutscher Regimenter Band 119), Verlag Gerhard Stalling, Oldenburg 1924. Digitalisat der Württembergischen Landesbibliothek.
Einzelnachweise
Infanterie-Regiment 078 Kategorie:Geschichte (Ostfriesland) Kategorie:Geschichte (Osnabrück) Kategorie:Militärischer Verband im Deutsch-Französischen Krieg Preußen Infanterieregiment #::78 Kategorie:Friedrich Wilhelm (Braunschweig-Wolfenbüttel)