mini|Diederich Hahn Christian Diederich Hahn (* 12. Oktober 1859 in Osten (Oste); † 24. Februar 1918 in Hamburg-Barmbek) war ein zunächst nationalliberaler, später konservativer deutscher Politiker und führender Funktionär und anti-großkapitalistischer, antisemitischer Ideologe des Bundes der Landwirte.
Ausbildung und berufliche Anfänge Hahn stammte aus einer seit dem 17. Jahrhundert mit Deich- und Sielbau befassten Familie in Koppel bei Hechthausen a. d. Oste. Sein Vater Adolph Diederich Hahn war Absolvent der Königlichen Baugewerkschule Nienburg und Schleusenbaumeister in Osten/Oste.Hans Lefevre, Jürgen Bohmbach: Von Johann Hane 1664 bis J.D. Hahn, 1984. Eine Bauchronik aus dem Elbe-Weser-Dreieck. Hansa-Druckerei Stelzer, Stade o. J. (1984) Hahn studierte, nach dem Abitur am Stader Gymnasium Athenaeum, Geschichte, Geographie und germanische Philologie in Leipzig und Berlin.
Während des Studiums wurde er, 21 Jahre alt, Mitbegründer der Vereine Deutscher Studenten (VDSt). Auf deren Kundgebung auf dem Kyffhäuser 1881 war Hahn, zusammen mit seinem Freund, dem Theologiestudenten Friedrich Naumann, Wortführer der Organisation.vergl. Der Verein deutscher Studenten: Leipziger Studenten gedenken der ersten zehn Jahre (1881–1891)Gottlieb Klauder: Diederich Hahn zum 100. Geburtstag. In: Akademische Blätter, Zeitschrift des Verbandes der Vereine Deutscher Studenten (Kyffhäuserverband) 61,10, 181-182, Kiel 1959Theodor Heuss: Friedrich Naumann. Der Mann, das Werk, die Zeit, Stuttgart/Berlin 1937, S. 40 Naumann war ein begeisterter Anhänger der christlich-sozialen Vorstellungen des Berliner Hofpredigers Stoecker, und die beiden jungen Studenten, von sozialreformerischen Ideen getragen, entwickelten antimaterialistische, sozial-konservative und christlich-nationale Leitbilder als Alternative zu einer zunehmenden Hinwendung der Arbeiterschaft zur Sozialdemokratie. Schließlich galten 1881 noch die Sozialistengesetze („Gesetz gegen die Gemeingefährlichkeit der Sozialdemokratie“), deren Verfolgung zu einer zunehmenden Zerrissenheit im deutschen Volk geführt hatte. Adolf StoeckerRüdiger vom Bruch: Friedrich Naumann in seiner Zeit. Walter de Gruyter, 2000, ISBN 3-11-016605-4, S. 129 (Digitalisat) hatte sich mit seinem christlich-sozialen Feldzug gegen Finanz- und Börsenkapital einen Namen gemacht, indem er sich das antisemitische Ressentiment im Kleinbürgertum Berlins gegen die reich gewordenen Juden zunutze machte.Vgl. Otto Graf zu Stolberg-Wernigerode: Die Unentschiedene Generation, Deutschlands konservative Führungsschichten am Vorabend des Ersten Weltkrieges. R. Oldenbourg, München und Wien 1968, S. 235 Stoeckers Bewegung wurde ergänzt durch das nationale Identitätspostulat des damals berühmten Berliner Historikers Heinrich von Treitschke. Aus der Kyffhäuser-Kundgebung entstand der Kyffhäuserverband als eine ursprünglich monarchistisch-christlich-antisemitisch-national ausgerichtete Studentenorganisation.Nipperdey S. 302 Anfangs war die Hälfte ihrer Mitglieder Theologen.Nipperdey, S. 302
1884 legte Hahn in Berlin das Examen pro facultate docendi ab, danach unterrichtete er als Probekandidat am Kaiserin-Augusta-Gymnasium Charlottenburg,siehe Vagts 1965, S. 155–192. von 1885 bis 1886 absolvierte er ein Studium der Nationalökonomie und Rechtswissenschaften. Am 1. Oktober 1886 wurde er Archivar und Leiter des Volkswirtschaftlichen Bureaus der Deutschen Bank in Berlin. Es folgte die Promotion zum Dr. phil. über das „Deichrecht der Altendorfer Schauung“ in Berlin. In der Deutschen Bank arbeitete Hahn eng mit Georg von Siemens zusammen, unter anderem an dem Projekt der Bagdadbahn.Albert Herzog: Ihr glücklichen Augen. Ein Karlsruher Journalist erzählt aus seinem Leben Karlsruhe 2008 (S. 46 u. 52–53), ISBN 978-3-88190-500-8 (beschreibt seine Zeit bei der Deutschen Bank zusammen mit dem "hochgewachsenen Niedersachsen" Diederich Hahn)Martin L. Müller: The Historical Institute of Deutsche Bank. Financial History Review 4 (1997) S. 94–95 Ende 1893 schied er aus der Bank wegen politischer Differenzen mit Georg von Siemens aus, der selbst Mitglied des Reichstags war und soeben sein Mandat verloren hatte.
Seit 1889 war Diederich Hahn Leutnant der Reserve beim Königl. Preuß. 3. Garde-Regiment zu Fuß,N.N. (von Kathen): Das 3. Garde-Regiment zu Fuß 1860–1890. Berlin 1891 (Anhang: Liste "Reserve-Offiziere", Nr. 41) Premierlieutenant 1901. Die Zugehörigkeit als Reserveoffizier zu diesem Regiment – seine Traditionen wurden 1921 vom Infanterie-Regiment 9 in Potsdam übernommen – dürfte für die nationalkonservative Entwicklung Diederich Hahns von wesentlicher Bedeutung gewesen sein.
Im Jahr 1897 heiratete Hahn die Pianistin und Klindworth-Schülerin Margarete Böing aus dem Dinslakener Ärzte-Zweig der Hohenlimburger Unternehmerfamilie BöingMarzin, S. 311–328. Diese schrieb unter dem Pseudonym Margarete von der Oste Kinderbücher sowie Romane vor allem über Personen aus westfälischen Bauern-, Industriellen und Gelehrtenfamilien. Margarethe Hahn-Böing wurde, 17 Jahre jünger als Diederich Hahn, seine – ausweislich einer Fülle erhaltener Ehebriefe – wichtigste Beraterin in Fragen der Politik. Mit dem Buch „Dein Vater“ legte sie 1936 seine sehr persönlich gehaltene Biografie vor.
Politische Mandate Nach der Entlassung des Reichskanzlers Otto von Bismarck durch Kaiser Wilhelm II. setzte sich Hahn, zusammen mit den preußischen Landtagsabgeordneten Ziegeleibesitzer Johann Schoof und Peter Rickmers (Rickmers Reismühlen Bremerhaven) für ein Verbleiben Bismarcks in der Politik ein: Der „Erzpreuße“ Bismarck sollte für den ausscheidenden Abgeordneten Hermann Gebhard des „erzwelfischen“ 19. Wahlkreises „Neuhaus (Oste), Hadeln, Lehe, Kehdingen, Jork“ im erst kürzlich von Preußen annektierten Königreich Hannover in den Reichstag entsandt werden.Manfred Hank: Kanzler ohne Amt. Fürst Bismarck nach seiner Entlassung 1890-1898 (Dissertation). München 1977
10 Jahre zuvor schon, in Diederich Hahns Leipziger VDSt-Tagen, war Bismarck auf den temperamentvollen jungen Geschichtsstudenten aufmerksam geworden und hatte ihn seitdem häufiger nach Friedrichsruh eingeladenRudolf Vierhaus (Hrsg.): Das Tagebuch der Baronin Spitzemberg geb. Freiin v. Varnbüler - Aufzeichnungen aus der Hofgesellschaft des Hohenzollernreiches, Göttingen 1960, S. 307. Es gelang Diederich Hahn, den Altkanzler bei der Wahl am 30. April 1891 gegen den welfischen Kandidaten v. Plate und den Sozialdemokraten Hinrich Schmalfeldt durchzubringen, eine wahlkämpferische Meisterleistung. Bismarck machte von dem Abgeordnetenmandat allerdings nie Gebrauch und protegierte Hahn als seinen Nachfolger,Manfred Hank, S. 270, Fußnote 2.„Bismarck mit Familie und Freunden in Friedrichsruh 1893“, Diederich Hahn am Türpfosten lehnend, Foto Nr. 23, in: Fritz Stern Gold und Eisen, Bismarck und sein Bankier Bleichröder, Ullstein, Frankfurt, Berlin, Wien 1978 der darauf bei der Reichstagswahl 1893 als damals jüngster Abgeordneter in den Reichstag einzog. Er gehörte ihm, stets als Vertreter des genannten Wahlkreises, von 1893 bis 1903 und von 1907 bis 1912 an; zunächst als Hospitant der Nationalliberalen Partei, später als Hospitant der Deutschkonservativen Partei.
Von 1893 bis zu seinem Tode 1918 war Diederich Hahn zudem Mitglied des Preußischen Hauses der Abgeordneten und von 1894 bis 1918 Mitglied des Hannoverschen Provinziallandtags.
In den drei Parlamenten stand er in der Streitfrage Agrar- oder Industriestaat ganz für eine konservative Agrarpolitik. Als Mittelstands- und Sozialpolitiker setzte er sich nicht nur für die Interessen des Bauerntums ein, sondern besonders auch für die der Gewerbetreibenden, Kleinkaufleute, Küstenschiffer und Handwerker – „Erst Heimatpolitik, dann Weltpolitik“J.J. Cordes: "Erst Heimatpolitik - dann Weltpolitik": in: Niederdeutsches Heimatblatt, Mitteilungsblatt der Männer vom Morgenstern, Nr. 111, März 1959, Bremerhaven 1959. – und damit gegen das expandierende Großkapital, dessen Gegnerschaft sich Diederich Hahn häufig zuzog.
Anlässlich des Zusammenbruchs der Leipziger Bank infolge von Fehlspekulationen ihrer Inhaber forderte er 1902 im Reichstag als erster die Schaffung einer Reichs-Angestelltenversicherung. Die Bismarcksche Alters- und Invalidenversicherung hatte sich auf die Arbeiterschaft beschränkt, Diederich Hahn forderte nun den Schutz auch der „Privatangestellten“, wie er mit dem Versicherungsgesetz für Angestellte 1911 schließlich auch Gesetz wurde (Angestelltenversicherungsgesetz).Barbara Bichler: Die Formierung der Angestelltenbewegung im Kaiserreich und die Entstehung des Angestelltenversicherungsgesetzes von 1911 (Dissertation München), Peter Lang, Frankfurt am Main 1997siehe: Reichstagsprotokolle, 1900/03,4, 116. Sitzung, 13. Januar 1902, Dr. Hahn, S. 3346 (A) - In der gleichen Reichstagsrede forderte D.H. - es könnte zur Bankenkrise 2008 passen, 100 Jahre später - „daß vor allen Dingen bei Verlusten eine besondere Haftbarkeit für die Direktoren und Aufsichtsräte der Banken etc. eingeführt werden müßte. Würden die Aufsichtsräthe und Direktoren, die auf der einen Seite die hohen Tantiemen beziehen, auf der anderen Seite ein ausreichendes Maß von Haftbarkeit auf ihren Schultern haben, so würden sie wahrscheinlich ihre Pflicht ganz anders wahrnehmen...“N.N.: Wer hat die Angestelltenversicherung geschaffen? In: Rostocker Anzeiger, Nr. 285 (1. Beiblatt), Rostock 5. Dezember 1924 Diederich Hahns mitreißende rhetorische Begabung – 1911 hat er etwa 400 mal das Wort im Deutschen Reichstag ergriffen – machte ihn zu einem der bekanntesten Parlamentarier im kaiserlichen Berlin vor 1914.Haunfelder 2010.Rudolf Martin 2010.
Organisator des Bundes der Landwirte mini|hochkant=1.4|Der engere Vorstand des Bundes der Landwirte um 1900, links Diederich Hahn, Mitte Conrad von Wangenheim, rechts Gustav Roesicke Hahn trat dem Bund der Landwirte (BdL) in seiner konstituierenden Versammlung am 18. Februar 1893 mit einer flammenden Rede beiv. Volkmann, S. 357–360 und war 1897 bis 1918 Mitglied des dreiköpfigen engeren Vorstandes. 1898 berief ihn der Bundesausschuss zusätzlich zum volkswirtschaftlichen bzw. politischen 1. Direktor. Er war bezahlter Geschäftsführer des BdL und damit, wie Gustav Stresemann, einer der ersten Berufspolitiker im bislang von Honoratioren-Mitgliedern geprägten Deutschen ReichstagMargaret L. Anderson: Lehrjahre der Demokratie - Wahlen und politische Kultur im Deutschen Kaiserreich. Stuttgart 2009, S. 471.Joachim Radkau: Max Weber: Die Leidenschaft des Denkens. München 2005, ISBN 978-3-446-20675-5, S. 619. Hahn widmete sich vor allem der Presse- und Propagandaarbeit für den BdL. Er war Mitbegründer der Deutschen Tageszeitung und deren Vorstandsmitglied bis 1918. Hahn war in hohem Maße verantwortlich für die Schaffung der modernen und wirksamen organisatorischen Strukturen des BdL.
Politische Positionen Als Ideologe des Bundes spielte er eine Rolle bei der Bildung einer radikal-nationalen, völkischen, anti-großkapitalistischen und antisemitischen rechten Strömung in Deutschland.Nipperdey, S. 606 In einer Versammlung des Bundes erklärte er etwa: Die Deutschen gehörten „alle zum Adel der Welt. Der höchsten Rasse in der Welt gebührt die Herrschaft über sie.“Werner Eugen Mosse: Juden im wilhelminischen Deutschland 1890–1914. Verlag Mohr Siebeck, 1998, ISBN 3-16-147074-5, S. 461 (Digitalisat)
Im Jahr 1902 gab es zwischen dem politischen Konservativismus und dem BdL einen schweren Konflikt. Die Konservativen wollten den Schutzzollforderungen des BdL, insbesondere gegen die Getreideimporte aus Russland und gegen die Obstimporte aus Österreich, nicht folgen. So stellte der BdL bei den Reichstagswahlen von 1903 66 eigene Kandidaten auf, von denen aber nur vier gewählt wurden. Auch Hahn verlor vorübergehend sein Reichstagsmandat.Nipperdey, S. 539 Im preußischen Haus der Abgeordneten aber blieben Hahn und einige andere Abgeordnete als Vertreter des BdL in der 20. Wahlperiode vertreten.