mini|Blockade der Spree als Protest gegen die ufernahe Gentrifizierung „Mediaspree“, 2008 mini|Kranbesetzung durch Robin Wood in Dresden
Direkte Aktion ist ein Begriff aus der Sozialgeschichte und beschreibt den Versuch des direkten und unvermittelten Eingreifens in ökonomische und politische Zusammenhänge. Dabei wird Macht nicht an Interessenvertreter, etwa Parlamentarier oder Gerichte delegiert, stattdessen werden Betroffene unmittelbar zur Durchsetzung ihrer Interessen tätig. Durch die Handlungen selbst muss die Erreichung des angestrebten Ziels direkt möglich sein. Dadurch grenzen sich direkte Aktionen von indirekten wie beispielsweise dem Verfassen von Petitionen, dem Sammeln von Unterstützungserklärungen, dem Gründen von Parteien, Wahlkämpfen, Appellen an Herrschende usw. oder aber auch von Vergeltungsaktionen jeglicher Art ab.
Beispiele für direkte Aktionen sind: Streik und Generalstreik, Boykott, Critical Mass, Demonstration, Baumbesetzung, Hausbesetzung oder Besetzung von Baustellen, Betrieben oder Feldern, Sabotage, Selbstorganisation, Schottern, Sitzblockade, Smart Mob, Die-In, Go-In, Tierbefreiung und Teach-In.
Begriffsgeschichte Im Jahr 1907 hat der französische Revolutionäre Syndikalist Émile Pouget in seiner Schrift Die direkte Aktion ausgearbeitet, „was man unter direkter Aktion versteht“:
In ihrem 1910 veröffentlichten Text Anarchism: What It Really Stands For beschreibt Emma Goldman die Direkte Aktion als „die offene Missachtung und den Widerstand gegen alle Gesetze und Einschränkungen ökonomischer, sozialer und moralischer Art“.Emma Goldman: Anarchism: What It Really Stands For. 1910. Zitiert nach Sie hebt den Begriff von der ökonomischen auf die allgemeine Ebene:
Voltairine de Cleyre verfasste 1912 einen Text über die Direkte AktionDirect Action by Voltairine De Cleyre (undatiert) William Mellor verwendet 1920 in seinem Buch Direct Action eine Definition, die sich auf den Arbeitskampf bezieht. Direkte Aktion sei die Nutzung einer ökonomischen Macht derjenigen, die diese Macht besitzen, Arbeitgeber wie Arbeitnehmer. Zu den Mitteln zählt er neben Aussperrungen und Kartellen auch Streik und Sabotage. Im anglo-amerikanischen Raum wird die Direkte Aktion in einem radikaldemokratischen Verständnis auch als Gewaltfreie Aktion verstanden. Beispiele sind die US-amerikanische Bürgerrechtsbewegung und später die gewaltfreien Aktionen der Friedensbewegung. In Gruppen der Friedensbewegung wird auch von „gewaltfreien direkten Aktionen“ (nonviolent direct action) gesprochen.
Direkte Aktion und Anarchismus/Anarchosyndikalismus mini|Zerschneiden von Grenzbefestigungen durch die AATW 2007 Direkte Aktion ist essentiell als Aktionsform von Autonomen, Anarchisten und Anarchosyndikalisten, die den Prinzipien Selbstorganisation und Herrschaftslosigkeit gerecht werden soll. Seit 1968 werden mit dem Begriff der direkten Aktion oftmals alle Aktionen verstanden, die praktisch und militant sind, so die Veränderung von Wahlplakaten und die Blockade von Bahngleisen etwa bei Transporten von Atommüll.
Historisch sind mit Direkten Aktionen kollektive, ökonomische Aktionen in der Arbeitswelt gemeint, die sich – im Gegensatz zu Verhandlungen – direkt auswirken. Daher werden als Mittel der Direkten Aktion oftmals Streik, Boykott und Sabotage genannt. In der anarchosyndikalistischen Theorie ist der Generalstreik die zentrale Direkte Aktion. Verbunden mit der Aneignung der Produktionsmittel durch die Arbeiter stellt sie für die Anarchosyndikalisten die soziale Revolution dar.
Im Gegensatz zur Direkten Aktion ist die Propaganda der Tat eine individualistische, nicht zwingend ökonomische Aktionsform, die historisch von nicht-syndikalistischen Anarchisten angewandt wurde, aber auch von anderen politischen Strömungen, einschließlich von Nationalisten. Während die Direkte Aktion ausschließlich Mittel zum Zweck sein soll, sollte die „Propaganda der Tat“ Vorbildcharakter haben. Daher sind nicht nur historische Attentate, sondern auch die Gründung von Kommunen und anderen selbstverwalteten Strukturen durchaus als „Propaganda der Tat“ aufzufassen. Insofern der Aufbau alternativer Strukturen auch den Zweck ökonomischer Existenzsicherung erfüllen soll, kann auch dies als „Direkte Aktion“ verstanden werden.
Siehe auch Aktivismus Affinity Group Clownarmee Gewaltfreie Aktion Guerilla Gardening Wilder Streik Ziviler Ungehorsam
Literatur David Graeber: Direkte Aktion, Ein Handbuch. Edition Nautilus, Hamburg 2013, ISBN 978-3894017750. Direct Action Reader. SeitenHieb Verlag, Reiskirchen 2008, ISBN 978-3867470322.
Weblinks
Harald Beyer-Arnesen: Direkte Aktion. Zum Verständnis eines Konzepts. (Anarcho-Syndicalist Review, 2000) Umfangreiche deutschsprachige Seite zu Direct Action mit Beispielen, Berichten und mehr
Einzelnachweise
Kategorie:Anarchismus Kategorie:Autonome Bewegung Kategorie:Revolutionärer Syndikalismus Kategorie:Politisches Instrument