Stegosaurus ist ein thyreophorer (schildtragender) Dinosaurier aus der Familie der Stegosauridae und damit ein Vertreter der Ornithischia (Vogelbeckendinosaurier), der im Oberjura (Kimmeridgium bis frühes Tithonium) lebte. Mit bis zu 9 Metern Länge war er der größte bekannte Vertreter der Stegosauria. Der Name Stegosaurus bedeutet so viel wie „Dachechse“ (altgriechisch στέγος stegos „Dach“, σαῦρος sauros „Echse“).
Mindestens drei verschiedene Arten wurden aus der unteren Morrison-Formation im westlichen Nordamerika geborgen, die Überreste stammen insgesamt von etwa 80 Individuen. Ein Fund aus Portugal im Jahr 2006 hat gezeigt, dass die Gattung auch in Europa vorkam.Fernando Escaso, Francisco Ortega, Pedro Dantas, Elisabete Malafaia, Nuno L. Pimentel, Xabier Pereda-Suberbiola, José Luis Sanz, José Carlos Kullberg, María Carla Kullberg, Fernando Barriga: New Evidence of Shared Dinosaur Across Upper Jurassic Proto-North Atlantic: Stegosaurus From Portugal. In: Die Naturwissenschaften. Bd. 94, Nr. 5, 2007, S. 367–374, . Mit seinen imposanten Knochenplatten und Schwanzstacheln ist Stegosaurus – zusammen mit Tyrannosaurus, Triceratops, Apatosaurus und Velociraptor – einer der populärsten Dinosaurier überhaupt.
Stegosaurus war ein großer, schwergebauter und quadrupeder (vierbeinig laufender) Herbivore mit einer ungewöhnlichen Körperhaltung: Der Rücken war stark gewölbt, die Vorderbeine waren kurz. Den Schwanz hielt das Tier hoch in der Luft, während der Kopf nahe über dem Boden gehalten wurde. Seine verschiedenen Knochenplatten und Schwanzstacheln boten Stoff für viele Spekulationen. Während letztere sehr wahrscheinlich zur Verteidigung dienten, wurden für die Knochenplatten Funktionen wie Verteidigung, Temperaturregulierung oder Brautwerbung vorgeschlagen.
Beschreibung mini|links|Künstlerische Lebenddarstellung mini|Stegosaurus armatus und Mensch im Größenvergleich mini|Stegosaurus-Zahn
Stegosaurus stenops, die Typspezies, wurde etwa sieben Meter lang und etwas mehr als drei Meter hoch; die Überreste von Stegosaurus armatus lassen auf eine Gesamtlänge von neun Metern schließen. Auf Hals, Rücken und Schwanz verliefen in zwei Reihen unterschiedlich große flache, drachenförmige Platten, deren Zahl zwischen 17 (bei Stegosaurus stenopsPeter M. Galton, Paul Upchurch: Stegosauria. In: David B. Weishampel, Peter Dodson, Halszka Osmólska (Hrsg.): The Dinosauria. 2. Ausgabe. University of California Press, Berkeley CA u. a. 2004, ISBN 0-520-24209-2, S. 343–362, hier S. 355.) und 22 variiert. In Verbindung mit den langen Schwanzstacheln, die in zwei Paaren in der Nähe des Schwanzendes standen, machen diese Stegosaurus zu einem für den Laien leicht zu identifizierenden Dinosaurier.
Die Hinterfüße weisen jeweils drei kurze Zehen auf, während jeder Vorderfuß fünf Zehen hatte. Nur die inneren zwei Zehen hatten einen stumpfen Huf. Alle vier Beine wurden durch Polster hinter den Zehen unterstützt.David Lambert: The ultimate dinosaur book. Dorling Kindersley in Association with Natural History Museum, London u. a. 1993, ISBN 1-56458-304-X, S. 110–129. Die Vorderbeine waren wesentlich kürzer als die Hinterbeine, was in einer ungewöhnlichen Haltung resultierte. So wurde der Schwanz hoch über den Boden gehalten, während der Kopf relativ flach gehalten wurde – vermutlich befand er sich nicht höher als ein Meter über dem Boden.Kenneth Carpenter: Armor of Stegosaurus stenops, and the taphonomic history of a new specimen from Garden Park Colorado. In: The Upper Jurassic Morrison Formation. An interdisciplinary Study. Denver Museum of Natural History, Denver, USA, May 26–28, 1994 (= Modern Geology. Bd. 22). Part 1. Gordon & Breach, New York NY u. a. 1998, ISBN 90-5699-183-3, S. 127–144.
Der längliche und dünne Schädel war, im Vergleich zum restlichen Körper, klein. Die niedrige Position des Schädels lässt vermuten, dass Stegosaurus niedrig wachsende Vegetation abgegrast hat. Dies wird durch die Abwesenheit von Vorderzähnen und durch das Vorhandensein eines Hornschnabels unterstützt. Die kleinen Zähne waren dreieckig, flach und gesägt, was darauf hindeutet, dass das Tier seine Nahrung vor dem Schlucken zerquetschte. Wangen sorgten vermutlich dafür, dass Stegosaurus seine Nahrung beim Kauen im Maul behalten konnte.David E. Fastovsky, David B. Weishampel: Stegosauria: Hot Plates. David E. Fastovsky, David B. Weishampel: The Evolution and Extinction of the Dinosaurs. 2. Ausgabe. Cambridge University Press, Cambridge u. a. 2005, ISBN 0-521-81172-4, S. 107–130.
Trotz der Gesamtgröße des Tieres war die Hirnschale klein und nicht größer als die eines Hundes. Eine gut erhaltene Stegosaurus-Hirnschale erlaubte es Othniel Charles Marsh, welcher Stegosaurus erstmals beschrieb, einen Abguss anzufertigen, der einen Hinweis auf die Gehirngröße des Stegosaurus gab. Wie der Abguss zeigte, war das Gehirn sehr klein – vielleicht das kleinste unter allen Dinosauriern. Die Tatsache, dass ein Tier wie Stegosaurus mit einem Gewicht von über 4,5 Tonnen ein Gehirn von nur 80 Gramm haben konnte, trug maßgeblich zu der früher weit verbreiteten Idee bei, Dinosaurier seien extrem dumm gewesen – eine Annahme, die heute weitgehend zurückgewiesen wird.
Der Großteil des Wissens über Stegosaurus stammt von den Überresten ausgewachsener Tiere; in jüngerer Zeit wurden aber auch Überreste von Stegosaurus-Jungtieren entdeckt. Ein solcher Fund wurde 1994 in Wyoming gemacht – das Tier war 4,6 Meter lang, zwei Meter hoch, und das Gewicht wird auf 2,3 Tonnen geschätzt. Das Skelett kann heute im University of Wyoming Geological Museum besichtigt werden.Stegosaurus. University of Wyoming Geological Museum. 8. Oktober 2006. Noch kleinere Skelette – mit bis zu 210 Zentimetern Länge und 80 Zentimetern Rückenhöhe – sind im Denver Museum of Nature & Science zu besichtigen.
Systematik Stegosaurus war die als erstes benannte Gattung der Familie Stegosauridae. Er ist das Typ-Genus und Namensgeber der Familie. Die Stegosauridae sind eine von zwei Familien innerhalb der Infraordnung Stegosauria, zusammen mit den Huayangosauridae. Stegosauria bilden zusammen mit Ankylosauria die Gruppe Thyreophora. Stegosaurier waren sich im Körperbau ähnlich und unterschieden sich hauptsächlich an ihrem Spektrum an Stacheln und Platten. Zu den engsten Verwandten von Stegosaurus gehören Wuerhosaurus aus China und Kentrosaurus aus Ostafrika.
Ursprünge Die Ursprünge von Stegosaurus sind ungewiss – es sind nur wenige Überreste von basalen Stegosauriern und ihren Vorfahren bekannt. Kürzlich wurde ein neuer Stegosaurier – Hesperosaurus – aus der unteren Morrison-Formation entdeckt. Dieser Fund aus dem frühen Kimmeridgium ist einige Millionen Jahre älter als die Überreste von Stegosaurus.Kenneth Carpenter, Clifford A. Miles, Karen Cloward: New Primitive Stegosaur from the Morrison Formation, Wyoming. In: Kenneth Carpenter (Hrsg.): The Armored Dinosaurs. Indiana University Press, Bloomington IN 2001, ISBN 0-253-33964-2, S. 55–75. Der früheste bekannte Vertreter der Stegosauridae, Lexovisaurus, stammt aus der Oxford-Clay-Formation in England und Frankreich und lebte im frühen bis mittleren Callovium.
Das frühere und ursprünglichere Genus Huayangosaurus aus dem mittleren Jura von China (vor ca. 170 Millionen Jahren) lebte etwa 20 Millionen Jahre früher. Es ist die einzige bekannte Gattung in der Familie Huayangosauridae. Noch älter ist Scelidosaurus, aus dem frühen Jura von England, der vor etwa 190 Millionen Jahre lebte. Scelidosaurus zeigte Merkmale sowohl von Stegosauriern als auch von Ankylosauriern. Emausaurus aus Deutschland ist ein weiterer basaler Thyreophore, während der bipede (zweibeinig laufende) Scutellosaurus aus Arizona (USA) ein noch früheres Genus war. Dieser kleine, leichtgepanzerte Dinosaurier ist vermutlich eng verwandt mit den direkten Vorfahren von Stegosauriern und Ankylosauriern. Eine etwa 195 Millionen Jahre alte fossile Fährte, vermutlich von einem frühen Stegosaurier oder einem Stegosaurier-Vorfahren, wurde in Frankreich entdeckt.Jean Le Lœuff, Martin Lockley, Christian Meyer, Jean-Pierre Petit: Discovery of a thyreophoran trackway in the Hettangian of central France. In: Comptes Rendus de l'Académie des Sciences. Série 2, Fascicule A: Sciences de la Terre et des Planètes. Bd. 328, Nr. 3, 1999, , S. 215–219, .
Entdeckung und Arten miniatur|rechts|Marshs Stegosaurus-Rekonstruktion aus dem Jahr 1896 mit zwölf Rückenplatten und vier Paar Schwanzstacheln, jedoch hat die Gattung in Wirklichkeit 17 Rückenplatten und nur zwei Paar Schwanzstacheln Stegosaurus, einer von vielen Dinosauriern, die erstmals während der „Knochenkriege“ entdeckt und beschrieben wurden, wurde von Othniel Charles Marsh im Jahr 1877 anhand von Überresten benannt,Othniel C. Marsh: A new order of extinct Reptilia (Stegosauria) from the Jurassic of the Rocky Mountains. In: The American Journal of Science and Arts. Series 3, Bd. 14 = Bd. 114, Nr. 84, Article 52, 1877, , S. 513–514, Digitalisat. die nördlich von Morrison, Colorado, entdeckt wurden. Diese ersten Knochen wurden zum Holotypus – Stegosaurus armatus. Marsh nannte das Tier Stegosaurus, was so viel wie „Dachechse“ bedeutet, da er anfangs dachte, die Platten lägen flach auf dem Rücken des Tieres und würden sich wie Dachziegel überlappen. In den Jahren nach der Erstbeschreibung wurde eine Fülle von weiterem Material entdeckt und Marsh veröffentlichte weitere Abhandlungen über dieses Genus. Anfänglich wurden viele verschiedene Arten beschrieben – jedoch wurden viele von diesen in der Folgezeit als ungültig oder als synonym mit anderen Arten erklärt.Kenneth Carpenter, Peter M. Galton: Othniel Charles Marsh and the Eight-Spiked Stegosaurus. In: Kenneth Carpenter (Hrsg.): The Armored Dinosaurs. Indiana University Press, Bloomington IN 2001, ISBN 0-253-33964-2, S. 76–102.
Gültige Arten miniatur|Stegosaurus-Schädel Stegosaurus stenops, „schmalköpfige Dachechse“, wurde von Marsh im Jahr 1887 benannt.Othniel C. Marsh: Principal characters of American Jurassic dinosaurs, part IX. The skull and dermal armour of Stegosaurus. In: The American Journal of Science. Series 3, Bd. 34 = Bd. 134, Nr. 203, Article 45, 1887, S. 413–417, Digitalisat. Das Holotyp-Material war im Jahr zuvor von Marshal Felch in Garden Park, nördlich von Cañon City, Colorado, entdeckt worden. Dies ist die am besten bekannte Stegosaurus-Art, da mindestens ein komplettes verbundenes Skelett geborgen werden konnte. Weiter sind mindestens 50 Teilskelette – sowohl von erwachsenen Tieren als auch von Jungtieren – ein kompletter Schädel und vier teilweise Schädel bekannt. Stegosaurus stenops hatte große, breite Platten und vier Schwanzstacheln. Er war mit sieben Metern Länge kürzer als Stegosaurus armatus. Seit 2013 gilt Stegosaurus stenops als Typusart.Stegosaurus Marsh, 1877 (Dinosauria, Ornithischia): type species replaced with Stegosaurus stenops Marsh, 1887, abgerufen am 31. Mai 2019.
Stegosaurus ungulatus, was so viel bedeutet wie „Dachechse mit Huf“, wurde von Marsh im Jahr 1879 anhand von Überresten benannt, die in dem berühmten Dinosaurierfriedhof Como Bluff in Wyoming entdeckt wurden.Othniel C. Marsh: Notice of new Jurassic reptiles. In: The American Journal of Science and Arts. Series 3, Bd. 18 = Bd. 118, Nr. 108, Article 60, 1879, S. 501–505, Digitalisat. Er ist von wenigen Wirbeln und Knochenplatten bekannt. Vielleicht ist er ein Jungtier von Stegosaurus armatus,Peter M. Galton, Paul Upchurch: Stegosauria. In: David B. Weishampel, Peter Dodson, Halszka Osmólska (Hrsg.): The Dinosauria. 2. Ausgabe. University of California Press, Berkeley CA u. a. 2004, ISBN 0-520-24209-2, S. 343–362, hier S. 361. obwohl das ursprüngliche Material letzterer Spezies noch nicht vollständig beschrieben wurde. Ein Fund aus Portugal, der ins obere Kimmeridgium bis ins untere Tithonium datiert wurde, wurde dieser Spezies zugeschrieben.
Nomina dubia (nachträglich für „ungültig“ erklärte Arten)