Mit Gerechtigkeitsforschung (engl.: Social Justice Research) werden verschiedene Forschungsansätze aus der Psychologie und den empirischen Sozialwissenschaften bezeichnet, die sich mit den in der Gesellschaft vorhandenen Einstellungen, Motiven, Wahrnehmungen und Urteilen zur Gerechtigkeit befassen. Dabei werden persönliche, soziale, ökonomische und kulturelle Einflussfaktoren auf die jeweils eingenommenen Standpunkte untersucht.Stefan Liebig und Holger Lengfeld: Gerechtigkeitsforschung als interdisziplinäres Projekt, in: Stefan Liebig und Holger Lengfeld (Hrsg.): Interdisziplinäre Gerechtigkeitsforschung. Zur Verknüpfung empirischer und normativer Perspektiven, Campus, Hamburg 2002, 7 – 20, hier 8
Im Gegensatz zu den analytischen Gerechtigkeitstheorien der Philosophie und der politischen Theorie macht die Gerechtigkeitsforschung keine Aussagen darüber, was unter Gerechtigkeit verstanden werden soll, sondern in ihr wird mit empirischen Erhebungen untersucht, was die Menschen über Gerechtigkeit denken und wie sie die gegebenen Verhältnisse in Hinblick auf ihre Gerechtigkeitsvorstellung beurteilen. 300px|mini|rechts|Der Gerechtigkeitsbrunnen in Frankfurt/Main. Die Darstellung der „Gerechtigkeit“ im westlichen Kulturkreis ist die urteilende Justitia, mit Waage (abwägend), Schwert (strafend) und einer Binde vor den Augen (ohne Ansehen der Person).
Zielsetzung Die grundlegende Zielsetzung der empirischen Gerechtigkeitsforschung ist es, festzustellen inwieweit die in der Bevölkerung tatsächlich vorhandenen Gerechtigkeitsvorstellungen mit den theoretischen Konzepten in Einklang zu bringen sind und inwieweit sich hieraus Handlungsanstöße für das praktische Leben ableiten lassen.Stefan Liebig: Modelle und Befunde der empirischen Gerechtigkeitsforschung in Deutschland am Beispiel der Einkommens- und Steuergerechtigkeit, in: Stefan Empter und Robert B. Vehrkamp (Hrsg.): Soziale Gerechtigkeit - eine Bestandsaufnahme, Bertelsmann Stiftung, Gütersloh 2007, 111–135, hier 111 () Die Erkenntnisse der Gerechtigkeitsforscher werden in der Politik, in der Mediation, vor allem aber in Organisationen zum Beispiel bei der Arbeitsbewertung und Lohnfindung, bei Beförderungen oder bei Aufgabenzuweisungen verwendet (organisationale Gerechtigkeit).
Die sozialpsychologische Forschung beschäftigt sich mit dem Entstehen, Erleben und Beurteilen von Ungerechtigkeiten und den Reaktionen darauf; denn tatsächliche oder vermeintliche Ungerechtigkeit(en) werden stark wahrgenommen und führen zu teilweise heftigen Reaktionen. Empfundene Ungerechtigkeit ist ein wesentliches Motiv für die Forderung, Gerechtigkeit herzustellen.„Der Ausgangspunkt der sozialpsychologischen und soziologischen empirischen Gerechtigkeitsforschung ist die motivtionale Kraft von Ungerechtigkeitserfahrungen, d. h. die Frage danach, inwieweit Ungerechtigkeitserfahrungen sowie Gerechtigkeits- bzw. Ungerechtigkeitswahrnehmungen das Handeln von Personen beeinflussen.“, Kerstin Haase: Gerechtigkeit und Unparteilichkeit. Zum Verhältnis von normativen und empirischen Theorien der Gerechtigkeit, in: Stefan Liebig und Holger Lengfeld (Hrsg.): Interdisziplinäre Gerechtigkeitsforschung. Zur Verknüpfung empirischer und normativer Perspektiven, Campus, Hamburg 2002, 53–75, hier 54–55
In den Sozialwissenschaften, vor allem in der Soziologie, wird die Fragestellung erweitert, wie sich gesellschaftliche Institutionen, beispielsweise das SteuersystemChristine Porschke & Erich H. Witte: , die Chancen auf Erwerbstätigkeit und BildungChristof Mandry: (PDF-Datei; 290 kB) und Jürgen Oelkers: (PDF-Datei; 359 kB), Zugang zum GesundheitswesenDetlef Schwefel: Gerechtigkeit und Gesundheit (PDF-Datei; 111 kB), in: Razum, Oliver et alii (Hrsg.): Globalisierung – Gerechtigkeit – Gesundheit. Eine international vergleichende Einführung in Public Health. Hans Huber Verlag, Bern 2006, 65–78, betriebliche EntlohnungssystemeJohannes Schwarze: (PDF-Datei; 230 kB) Eine empirische Analyse subjektiver Erwerbseinkommen oder das Strafrecht auf Gerechtigkeitsvorstellungen auswirken. Dabei wird zugleich der soziale Kontext der jeweiligen Werthaltungen untersucht.
Analysekonzepte
Die Untersuchungen beziehen sich vor allem auf Einstellungen zur Gerechtigkeit (Psychologie) und inwieweit diese in den gegebenen gesellschaftlichen Verhältnissen widergespiegelt werden (Sozialwissenschaften). Dabei werden folgende Fragestellungen bearbeitet:Stefan Liebig: Empirische Gerechtigkeit, , 2 (1) Wovon glauben Individuen und Gesellschaften, dass es gerecht sei, und warum glauben sie es? (2) Wie beeinflussen Gerechtigkeitsvorstellungen die aktuellen Belohnungen und die bestehende Güterverteilung in einer Gesellschaft? (3) Wie ist das Ausmaß wahrgenommener Ungerechtigkeit bei einer Abweichung von einem gerechten Zustand? (4) Was sind die verhaltensbezogenen und sozialen Folgen einer wahrgenommenen Ungerechtigkeit?
Aus psychologischer Sicht interessiert insbesondere, welche Faktoren die Haltung eines Menschen in Hinblick auf seine Gerechtigkeitsvorstellung beeinflussen und welche Auswirkungen als ungerecht beurteilte Sachverhalte haben. Welchen Einfluss hat die Moralerziehung? Wie wirken sich welche Verfahrensprinzipien und Verteilungsnormen auf das Gerechtigkeitsempfinden aus? Dabei werden zumeist Erhebungen mit den Methoden der empirischen Sozialforschung durchgeführt.
Grundsätzlich ist zu unterscheiden zwischen einer Mikroperspektive und einer Makroperspektive.Clara Sabbagh: Eine Taxonomie normativer und empirischer Theorien der Verteilungsgerechtigkeit, in: Liebig/Lengfeld, 23 – 52 Im Fall der „Mikro-Gerechtigkeit“ werden Aussagen mit Bezugnahme auf einzelne Personen getroffen. Zur „Makro-Gerechtigkeit“ werden Prinzipien untersucht, deren Ergebnisse sich personenneutral auf größere gesellschaftliche Gruppen beziehen. Oftmals werden dabei gesamtgesellschaftliche Daten wie eine bestehende Einkommensverteilung oder Informationen zur Sozialstruktur betrachtet. Ein Prinzip zur Beförderung oder zur Lohneinstufung betrifft demnach die Mikroebene, während die staatliche Festlegung eines Mindestlohns auf der Makroebene erfolgt. Ein makrotheoretischer Ansatz ist die Institutionenanalyse, in der gefragt wird, ob gesellschaftliche Einrichtungen wie das Steuersystem, das Rentensystem oder die soziale Marktwirtschaft durch Gerechtigkeitsvorstellungen begründet werden und ob die tatsächlichen Verteilungsergebnisse diesen Begründungen entsprechen.
Eine zweite systematische Unterscheidung der Forschungsansätze kann danach getroffen werden, ob sie auf ein einzelnes Prinzip (eindimensional) oder auf mehrere Prinzipien (mehrdimensional) abheben. Eindimensionale Ansätze werden in der Regel nach einem universalistischen Prinzip definiert und haben ein formales Gerechtigkeitskriterium. Ein solcher Ansatz ist der Utilitarismus. Auch moderne utilitaristische Theorien, die auf die Bewertung verschiedener Präferenzen ausgerichtet sind, fokussieren am Ende auf einen einheitlichen Gesamtnutzen. Multidimensionale Ansätze sind hingegen partikular und berücksichtigen mehrere Gerechtigkeitskriterien. Als mehrdimensionale Makrotheorie kann man die Theorie der Gerechtigkeit von John Rawls einstufen, der zumindest zwei Gerechtigkeitsprinzipien zugrunde legt. Eine eindimensionale Mikrotheorie ist das Verdienstprinzip, das bereits Aristoteles mit der Methode der proportionalen Verteilung beschreibt. Eine moderne Entsprechung findet sich in den Theorien von Homans und Adams (s. u.). Ein mehrdimensionaler Ansatz auf der Mikroebene ist das Konzept der Verwirklichungschancen von Amartya Sen. Als hybride Konzepte kann man die Sphären der Gerechtigkeit von Michael Walzer sowie lokalen Gerechtigkeiten von Jon Elster (s. u.) beschreiben, weil diese je nach Bereich unterschiedliche Prinzipien annehmen.
Methodisch wird unterschieden zwischen Korrelationsstudien Beobachtungen (z. B. Feldstudien) Befragungen (Interviews und Fragebögen) Experimenten (Szenarien).Henning Adam und Catrin Yazdani: Psychologische Gerechtigkeitsforschung, in: Ulrich Druwe/Volker Kunz (Hrsg.): Politische Gerechtigkeit, Leske+Budrich, Opladen 1999, 145–166, hier 147
Entwicklung Wegbereiter der Gerechtigkeitsforschung in der Sozialpsychologie war in den 1950er Jahren die Theorie der kognitiven Dissonanz von Leon Festinger und seine soziale Vergleichstheorie. George C. Homans führte erstmals ein Konzept der Verteilungsgerechtigkeit in seiner Austauschtheorie des sozialen Verhaltens ein. Danach soll eine Interaktion zu einer angemessenen Belohnung im Verhältnis zum Einsatz führen.George C. Homans: Elementarformen sozialen Verhaltens, Westdeutscher Verlag, Opladen 1968
Equity-Theorie Eine wegweisende Theorie aus diesem Forschungsbereichen ist die Equity-Theorie von J. Stacy Adams, nach der sich das Verhältnis des geleisteten Inputs und der erhaltenen Outputs relativ an einem sozialen Bezug orientiert, zum Beispiel Entlohnung und Arbeitsleistung am Einkommen einer Referenzperson.J. Stacy Adams: Inequity in Social Exchange, in: Leonard Berkowitz (Hrsg.): Advances in Experimental Social Psychology, Vol.2, Academic Press, New York 1965, 267–300 sowie: Elain Walster und G. William Walster: Equity and Social Justice. Journal of Social Issues 31, 1975, S. 21–43
Die Equity-Theorie beinhaltet das folgende Gedankenkonzept:Darstellung nach Kerstin Haase: Gerechtigkeit und Unparteilichkeit. Zum Verhältnis von normativen und empirischen Theorien der Gerechtigkeit, in: Stefan Liebig und Holger Lengfeld (Hrsg.): Interdisziplinäre Gerechtigkeitsforschung. Zur Verknüpfung empirischer und normativer Perspektiven, Campus, Hamburg 2002, 53–75, hier 64–65 Alle Individuen versuchen das Verhältnis von Leistung/Ertrag (Input/Output) zu maximieren. Die Individuen einer Gruppe gehen davon aus, dass sie durch Kooperation den Gesamtnutzen steigern können. Equity wird erreicht durch Proportionalität (entspricht der distributiven Gerechtigkeit bei Aristoteles). Innerhalb von Gruppen werden allgemein akzeptierte Regeln zur Verteilung entwickelt. Innerhalb von Gruppen werden diejenigen belohnt, die den Regeln entsprechen. Abweichler innerhalb einer Gruppe werden sanktioniert. Fühlen sich Personen innerhalb von Gruppen ungerecht behandelt, erzeugt dies Unbehagen. „Je größer die vorhandene Unausgewogenheit ist, desto größeres Unbehagen werden sie empfinden und desto mehr werden sie sich bemühen, einen Zustand der equity wiederherzustellen.“William Austin und Elaine Hatfield: Equity-Theorie, Macht und soziale Gerechtigkeit, in: Gerold Mikula (Hrsg.): Gerechtigkeit und soziale Interaktion, Huber, Bern 1980, 25–68, hier 26–27
Nicht nur Gerechtigkeitstheoretiker verweisen darauf, dass Handlungen nicht nur nach dem Rationalitätsprinzip, sondern vor allem auch aufgrund von Bedürfnissen sowie im Falle von allgemeinen Rechten (Grundrechte) nach dem Gleichheitsprinzip (Egalitarismus) beurteilt werden. Weil Personen ausschließlich als Nutzenmaximierer betrachtet werden, entspricht die Equity-Theorie dem Utilitarismus bzw. der Wohlfahrtsökonomik.
Gerechtigkeitsmotivtheorie Die Gerechtigkeitsmotivtheorie von Melvin Lerner,Melvin Lerner: The belief in a just world. A fundamental delusion. Plenum Press, New York 1980 die in Deutschland von Leo Montada und J. Maes vertreten wird.Stefan Liebig: untersucht den „Gerechte-Welt-Glauben“, also den Umfang der Überzeugung, dass die Lebenswelt sich grundsätzlich am Maßstab der Gerechtigkeit orientiert.Claudia Dalbert: Die Allgemeine Gerechte-WeIt-Skala (PDF-Datei; 230 kB)
Verfahrensgerechtigkeit Gerald S. Leventhal verwies darauf, dass wahrgenommene Gerechtigkeit nicht nur durch die Verteilung als solche, sondern auch durch das Verteilungsverfahren bestimmt wird.Gerald S. Leventhal: Es geht nicht nur um Fairness. Eine Theorie der Verteilungspräferenzen, in: Gerold Mikula (Hrsg.): Gerechtigkeit und soziale Interaktion, Huber, Bern 1980, 185 – 250 Er stellte sechs Prinzipien der Verfahrensgerechtigkeit auf: