Paul Britton (* Mai 1946 in Leamington Spa, England) ist ein britischer Kriminalpsychologe und einer der Begründer der Operativen Fallanalyse der britischen Polizei. Er war an der Aufklärung einiger der spektakulärsten britischen Kriminalfälle beteiligt. Seine Tätigkeit lieferte die Vorlage für die britische Kriminalserie „Für alle Fälle Fitz“.
Kindheit und Ausbildung Paul Britton wuchs zusammen mit seinem jüngeren Bruder Anthony und seiner alleinerziehenden Mutter in bescheidenen Verhältnissen auf. Als er zwölf Jahre alt war, heiratete seine Mutter einen ehemaligen Major der Roten Armee, der als erklärter Antikommunist die Sowjetunion nach dem Zweiten Weltkrieg verlassen hatte.
Nach der Grundschule (Primary School) scheiterte er an den Aufnahmeprüfungen (Eleven Plus Exam) zum gymnasialen Zweig einer weiterführenden Schule. Später bemängelte er, dass nur die Kinder aus den besseren Familien von der Schule hinreichend gefördert wurden, um diese Prüfung bestehen zu können, während die Kinder der unteren Schichten diesen Sonderunterricht nicht erhielten. Demzufolge scheiterten auch alle Kinder der unteren Schichten an der Prüfung, während die der bürgerlichen Familien sie ungeachtet des intellektuellen Niveaus aufgrund der gründlichen Vorbereitungen seitens der Lehrer bestanden. Trotz des nun maximal für ihn erreichbaren Schulabschlusses, dem britischen Äquivalent zum Hauptschulabschluss, entstand dennoch früh der Wunsch zu studieren.
Nach der Schule meldete sich Britton zum Polizeidienst in der Grafschaft Warwickshire, den er nach einem Jahr bereits wieder quittierte. Anschließend folgten zahlreiche Arbeitsstellen als Verkäufer und Geschäftsführer kleinerer Läden. 1966 heiratete er seine Frau Marilyn, eine Krankenschwester. Aus der Ehe entstammen zwei Kinder. Weitere Arbeitsstellen, unter anderen als Croupier und ab 1972 als Sachbearbeiter im Bestellwesen eines Automobilzulieferers, folgten.
Beruflich und familiär gefestigt, entschloss sich Paul Britton seinen Wunsch nach einem Studium doch noch zu entsprechen. Dazu holte er in der Abendschule bis zum Sommer 1973 zunächst mit Bestnote die Mittlere Reife nach und meldete sich anschließend, ohne zuvor den zweijährigen Vorbereitungskurs absolviert zu haben, zu den Abiturprüfungen an, die nur acht Monate später stattfinden sollten. Auch das Abitur bestand er trotz Doppelbelastung durch Arbeit und intensives Selbststudium mit Bestnoten und begann im Alter von 27 Jahren im Oktober 1974 ein dreijähriges, mit Stipendien gefördertes Studium der Psychologie an der Universität Warwick.
Beruflicher Werdegang Nach Abschluss seines Studiums nahm Paul Britton eine zunächst unbezahlte Stelle als klinischer Psychologe bei der britischen Leicester Health Authority, einer lokalen Behörde des National Health Service, an und lernt dort Patienten mit den unterschiedlichsten Traumata, psychologischen Krankheitsbildern und Persönlichkeitsstörungen kennen. Bald darauf wechselt an das Leicester General Hospital, wo er seine Arbeit in der klinischen Psychologie fortsetzte und weitere praktische Erfahrung mit zahlreichen Patienten sammelte. Im Laufe der Zeit bildete sich mit der Behandlung von Opfern und Tätern von vorwiegend sexuell motivierten Straftaten ein Tätigkeitsschwerpunkt in der Kriminalpsychologie heraus. Dieser Bereich entsprach neben der Arbeitspsychologie seinen Interessen und er sah seine Tätigkeit im Sinne der Kriminalprävention und des Opferschutzes als am meisten sinnstiftend an.
1984 bewarb sich Paul Britton erfolgreich um die Leitung des Regionalen Amts für Gerichtsmedizinische Psychologie in Leicester, das eine zentrale geschlossenen Einrichtung des Maßregelvollzugs namens Arnold Lodge für bis zu 40 verurteilte Straftäter mit schweren oder akuten Persönlichkeitsstörungen für die Grafschaften Leicestershire, Nottinghamshire, Derbyshire, Lincolnshire und South Yorkshire betrieb. Hier kam er in Kontakt mit schwersten Fällen von sexuell oder sonst wie aufgrund von Persönlichkeitsstörungen motivierten Straftätern und vertiefte sein Wissen über die Handlungsweisen von Gewalttätern. Da diese Straftäter in deren frühen Entwicklung fast immer selbst Opfer von Missbrauch und/oder körperlicher bzw. sozialer Gewalt waren, richtete sich sein Augenmerk auch auf die Erforschung der Ursachen dieser Persönlichkeitsstörungen mit dem Ziel Konzepte zu entwickeln, wie diese Entwicklungen frühzeitig erkannt und korrigiert werden können. Neben der Klinikleitung ist er Dozent an den Universitäten Warwick und Coventry für das Fach forensischer Psychologie.
Seit 1983 beriet er in seiner Freizeit kostenlos Polizeidienststellen im ganzen Land bei schwerwiegenden Kriminalfällen. Als fachliche Basis seiner Tätigkeit dient vor allem die internationale einschlägige psychologische Fachliteratur, als auch die Ergebnisse eigener Studien. 1990 wurde er von dem britischen Innenministerium beauftragt, ein Gutachten über den Einsatz von psychologischen Täterprofilen in der britischen Polizei und deren bislang vollkommen unbekannt realen Nutzwert zu verfassen. Gleichzeitig sollte er den Einsatz im britischen System mit dem im amerikanischen und kontinentaleuropäischen vergleichen.
Die Studie, die vor allem auf der Befragung von allen Dienststellen und den Daten einiger kriminalistisch-psychologischer Institute des Innenministeriums basierte, zeigt ein desillusionierendes Bild des „Profilings“. Der überwiegende Teil des Einsatzes war nicht zielführend oder sogar kontraproduktiv gewesen. Viele Ersteller von Täterprofilen waren inkompetent oder stellten andere Ziele wie Reputationssteigerung und eigene finanzielle Interessen in den Vordergrund. Dennoch waren auch viel versprechende Ansätze, besonders aus dem universitären Umfeld und dem praktischen Bereich der klinischen Psychologie, zu erkennen. Er erhielt im Anschluss den Auftrag, Empfehlungen zur Förderung der viel versprechenden Ansätze auszuarbeiten. Diese lauteten unter anderem die Erweiterung einer zentralen Datenbank für Gewaltverbrechen, eine Qualitätsanalyse des Täterprofils im Nachgang jeder Ermittlung und der Entwurf eines Computerprogramms, um Gemeinsamkeiten bei Gewaltverbrechen von Serientätern früher finden zu können, sowie die Schulung der Ermittlungsbeamten.
Im Laufe seiner Beratertätigkeit half er im Krisenfall internationale Konzerne aus dem Bereich Pharmazie, Industrie, Gesundheit und dem Bankenwesen und trainierte seine Kunden für den Fall von Geiselnahmen, Erpressung, Entführung und Gewalttaten vor. Er beriet sowohl das amerikanische FBI als auch das russische Innenministerium. Er war mehrere Jahre Mitglied eines beratenden Gremiums der Association of Chief Police Officers (ACPO).
1998 schrieb Paul Britton eine Autobiographie, indem er die Teilnahme an Ermittlungen an spektakulären Kriminalfällen aus seiner Perspektive detailliert schildert. In dem Buch stellt er seine Methoden vor und spart die seelischen und familiären Belastungen, die ihm seine Arbeit gebracht haben, nicht aus. So schrieb er: „Wenn man durch den Beruf tagtäglich Tod und Trauer erlebt, so kann man dieser Erfahrung nie mehr entkommen. Jedes Mal, wenn ich mich ganz darauf einlasse, mindert das meine Fähigkeit, mich des Lebens zu erfreuen. Ich finde die Farben noch immer leuchtend, die Sonne scheint nach wie vor warm, und Leute lächeln noch immer, doch irgendwie betrete ich einen Bereich, der mich daran hindert, diese Dinge wirklich zu genießen.“
Teilnahme an der Aufklärung spektakulärer Kriminalfälle (Auswahl) Mordfälle Caroline Osborne und Amanda Weedon Bereits 1983 wandte sich die lokale Polizei von Leicester an Paul Britton, um ihn um Hilfe bei dem Mordfall Caroline Osborne zu bitten. Die junge Frau war im Jahr zuvor brutal ermordet und mit satanistischen Symbolen versehen aufgefunden worden. Trotz Befragung von 15.000 Personen und der vorläufigen Festnahme von 80 Verdächtigen waren zuvor alle Ermittlungen ergebnislos gewesen, und die Polizei hoffte nun auf neue Ermittlungsansätze. Dieser Fall war einer der ersten in Großbritannien, bei der die Einbeziehung eines klinischen Psychologen in Betracht gezogen wurde.
Britton ließ sich in die Details des Falles einweisen und skizzierte anhand des Tatablaufs, des Tatorts und der zeitlichen Gegebenheiten eine Reihe von Persönlichkeitsmerkmalen und Eigenschaften, die der Täter mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit besitze. Als ein Jahr später Amanda Weedon vom mutmaßlich selben Täter auf eine ähnliche Art ermordet wurde, beschränkte sich die Polizei bei den Ermittlungen auf die Bevölkerungsgruppe, die dem Täterprofil entsprach, und ermittelte rasch einen Tatverdächtigen.
Da die forensischen Beweise nicht hinreichend waren, wandte man sich erneut an Paul Britton, um eine geeignete Verhörstrategie zu entwickeln. Die Polizeiführung betrat damit Neuland, war sich aber bewusst, dass die Methoden, die bei den üblichen Kriminellen zielführend waren, bei solchen Tätergruppen nicht zum Erfolg führen würden. Die Verhörstrategie hatte starken Bezug auf die Arbeit eines klinischen Psychologen, der sich konzentrisch an die Kernpunkte allmählich herantastet, um dem Täter das Eingeständnis seiner Schuld zu erleichtern und nicht bei einer direkten Konfrontation eine Abwehrhaltung zu provozieren. Mit Hilfe dieser Verhörstrategie gelang es, ein allumfassendes Geständnis zu erhalten, das von den vorhandenen forensischen Beweisen gestützt wurde.
Mordfälle Lynda Mann und Dawn Ashworth Im Abstand von zweieinhalb Jahren wurden die jugendlichen Frauen Lynda Mann und Dawn Ashworth in der Nähe von Spazierwegen in Narborough vergewaltigt und ermordet. Die Polizei fand einen Verdächtigen, der in seinen Verhören trotz konfuser Angaben spezifisches Täterwissen in einem der Fälle offenbarte und die Tat mehr oder weniger deutlich einräumte. Als die gerade neu entwickelte Methode des genetischen Fingerabdrucks den Verdächtigen aber zweifelsfrei als Täter ausschloss, wurde Paul Britton 1986 gebeten die Verhörprotokolle durchzusehen. Es sollte beurteilen, ob das Täterwissen bei den Verhören vielleicht unabsichtlich von dem Beamten offenbart wurde. Dies konnte er jedoch nach Durchsicht der Protokolle ausschließen. Zugleich sollte er ein Täterprofil erstellen und klären, woher der Verdächtige sein Wissen hätte haben können.
Mit einem der ersten Massengentests der Geschichte wurde der wahre Täter Colin Pitchfork gefasst, der die Vergewaltigungen und die Morde gestand. Vor allem der Hinweis von Paul Britton, dass solche Täter sich "steigern" würden und in der Vergangenheit häufig durch harmlosere Sexualdelikte wie Exhibitionismus bereits polizeilich auffällig geworden waren, sorgte aber für einen zusätzlichen Erkenntnisgewinn für zukünftige Ermittlungen. Auch in diesem Fall verhielt es sich so.
Es wurde nie geklärt, warum der zuvor Verdächtige im zweiten Fall Täterwissen besaß. Man konnte nur vermuten, dass er die Tat beobachtete und anschließend die Misshandlungen an der Leiche vornahm, die der Mörder trotz Tatgeständnis bestritt.
Produkterpressung der Firmen Mars Incorporated und H. J. Heinz Company Im August 1988 erreichte das Tochterunternehmen Pedigree Pet Food Ltd. des Geschäftsbereichs Tiernahrung der Firma Mars Incorporated ein Erpresserschreiben, in dem die Vergiftung von Hundefutter der Marke Pedigree angekündigt wurde, sofern nicht eine Summe von 500.000 Pfund auf verschiedene Konten überwiesen würde, die der Täter zuvor anonym eröffnet hatte. Dem Schreiben lag eine manipulierte Dose mit Hundefutter bei, die mit einer toxischen Substanz kontaminiert war.