Die anthroposophische Medizin (auch: anthroposophisch erweiterte Medizin, von altgriechisch ánthrōpos ‚Mensch‘ und sophia ‚Weisheit‘) ist eine auf pseudowissenschaftlichen und okkulten Annahmen beruhende Alternativmedizin, die auf der Grundlage der Anthroposophie Rudolf Steiners (1861–1925) die Medizin erweitern will. Sie wird vor allem in Deutschland und der Schweiz praktiziert.

In Deutschland hat die anthroposophische Medizin als AußenseitermethodeRobert Jütte (1996), S. 15. seit 1978 den rechtlichen Status einer „besonderen Therapierichtung“, die ihr einen Binnenkonsens sichert. Daher ist für die Zulassung anthroposophischer Arzneimittel ein Wirksamkeitsnachweis in der sonst üblichen Form nicht erforderlich, und es sind dabei auch die „medizinischen Erfahrungen“ und die „Besonderheiten“ dieser Therapierichtung zu berücksichtigen.§ 25 Absatz 2 AMG und § 105 Absatz 4f AMG

Anthroposophische Vorstellungen über Einteilung, Entstehung und Verlauf von Krankheiten sind mit naturwissenschaftlichen Erkenntnissen nicht zu vereinbaren. Nach Einschätzung durch Autoren der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft und verschiedene Reviewautoren liegen für die Anwendung anthroposophischer Heilmittel nur unzureichende Wirksamkeitsstudien vor. Zwar gibt es kontrollierte Versuchsreihen für die Behandlung von Tumorpatienten mit Mistelpräparaten, aber weder eine Wirkung auf die Tumorprogression noch auf die Überlebenszeit gelten als gesichert. Die deutsche Bundesärztekammer stellte 1993 in einem Memorandum fest, dass die Anthroposophische Medizin nicht zu den „objektiv wirksamen Behandlungsverfahren“ gehöre.Bundesärztekammer: Arzneibehandlung im Rahmen „besonderer Therapierichtungen“, 2. Auflage, Deutscher Ärzteverlag, Köln 1993. Zitiert bei: Manfred Anlauf, Lutz Hein, Hans-Werner Hense, Johannes Köbberling, Rainer Lasek, Reiner Leidl, Bettina Schöne-Seifert: Komplementäre und alternative Arzneitherapie versus wissenschaftsorientierte Medizin In: GMS Ger Med Sci 2015;13:Doc05. doi:10.3205/000209.

Die anthroposophische Medizin stützt sich zur Erforschung der Phänomene des Physischen, Lebendigen, Seelischen und des Geistes nach eigenem Verständnis sowohl auf die Prinzipien der Naturwissenschaft als auch auf die anthroposophische „Geisteswissenschaft“, die eine Erweiterung der Erkenntnis durch „höhere“ Erkenntnisformen postuliert, durch die unter anderem vier „Wesensglieder“ des Menschen („physischer Leib“, „Ätherleib“, „Astralleib“ und „Ich-Organisation“) als ursächlich wirksam in den genannten Phänomenbereichen beschrieben werden könnten. Erkrankungen werden unter anderem als gedeutet, und Therapien werden mit dem Ziel eingesetzt, durch die Überwindung der Krankheit ein neues Gleichgewicht zu finden. Zu den anthroposophischen Therapien zählen neben der Anwendung von Heilpflanzen wie z. B. der Misteltherapie bei Krebs und homöopathischer Präparate auch Heileurythmie, Farbtherapie, die Rhythmische Massage nach Ita Wegman sowie anthroposophische Ansätze heilkundlicher Anwendungen künstlerischer Prozesse (Kunst- und Maltherapie, Plastizieren, Musiktherapie). Geschichte mini|

1920 wurde Steiner von einigen der Anthroposophie zugetanen Medizinern um einen Fachkurs für Ärzte gebeten, nachdem er zuvor in einem Vortrag in Basel behauptet hatte, dass auch die Medizin von der Anthroposophie profitieren könne. Bereits seit 1908 hatte Steiner auf persönliche Anfragen von Ärztinnen und Ärzten Hinweise für die Medizin gegeben; 1911 fand in Prag ein Vortragszyklus zu einer „Okkulten Physiologie“ statt. Die Idee, am Goetheanum in Dornach bei Basel einen von Steiner geleiteten Kurs für Medizinstudenten und Ärzte abzuhalten, die sich bereits der Anthroposophischen Gesellschaft angeschlossen hatten, stammte von dem Chemiker Oskar Schmiedel, dem nachmaligen Direktor der Weleda AG. Der erste zwischen dem 21. März und dem 9. April 1920 in Dornach abgehaltene Ärztekurs gilt als die „Geburtsstunde der anthroposophischen Medizin“. Neben Steiner dozierte u. a. die niederländische Ärztin Ita Wegman über die Misteltherapie. Mitschriften von Steiners Vorträgen wurden später unter dem Titel Geisteswissenschaft und Medizin veröffentlicht. Sie bilden zusammen mit weiteren Vortragskursen Steiners in den Folgejahren das „Fundament, auf dem die anthroposophische Medizin noch heute ruht“.Robert Jütte: Geschichte der Alternativen Medizin. Beck, München 1996. S. 241.

Wegman wurde Steiners engste Mitarbeiterin auf dem Gebiet der Medizin. Die angestrebte Zusammenarbeit mit weiteren Ärzten kam über Anfänge beim ersten Ärztekurs nicht hinaus, so dass Steiner bei den nachfolgenden Kursen der einzige Vortragende blieb.Helmut Zander: Anthroposophie in Deutschland. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2007. S. 1489–1491. Wegman gründete 1921 in Arlesheim, einem Nachbarort von Dornach, eine kleine Privatklinik (heute Klinik Arlesheim), in der Steiner regelmäßig mitwirkte und in der seine Anregungen umgesetzt wurden.Robert Jütte: Geschichte der Alternativen Medizin. Beck, München 1996., S. 253f. 1923 übertrug er ihr die Leitung der Medizinischen Sektion der neu gegründeten Freien Hochschule für Geisteswissenschaft am Goetheanum. Außerdem verfasste er mit ihr das Buch Grundlegendes für eine Erweiterung der Heilkunst (1925), das als Standardwerk der anthroposophischen Medizin konzipiert war.Robert Jütte: Geschichte der Alternativen Medizin. Beck, München 1996. S. 242; Helmut Zander: Anthroposophie in Deutschland. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2007. S. 1538 f.

Steiners Ansatz gehörte zu den alternativmedizinischen Konzepten, die damals als Reaktion auf die Vorherrschaft der naturwissenschaftlich-empirischen Medizin aufkamen, welche diese seit den 1870er Jahren dank ihrer bahnbrechenden Erfolge erlangt hatte.Helmut Zander: Anthroposophie in Deutschland. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2007. S. 1459–1461. Zu den Gründen für diese Gegenbewegung gehörte die zunehmende Tendenz, den Menschen auf einen naturwissenschaftlich funktionierenden Apparat zu reduzieren, psychosomatische Aspekte zu marginalisieren und den Patienten zu einem bloßen Objekt der Behandlung zu degradieren.Helmut Zander: Anthroposophie in Deutschland. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2007. S. 1461. Dabei betonte Steiner, dass er die „gegenwärtige Wissenschaft“ voll anerkenne, aber eine Erweiterung aufgrund einer ebenso streng wissenschaftlich gehaltenen „Geistesforschung“ entwickeln wolle.Helmut Zander: Anthroposophie in Deutschland. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2007. S. 1467.Robert Jütte: Geschichte der Alternativen Medizin. Beck, München 1996, S. 243. Zwischen 1914 und 1921 war Steiner häufig im Stift Neuburg bei Alexander von Bernus, der mit Conrad Johann Glückselig in der Entwicklung spagyrischer Arzneimittel zusammenarbeitete. Steiner war an der Entwicklung dieser spagyrischen Arzneimittel sehr interessiert und informierte sich regelmäßig über den Fortschritt der praktischen Laborarbeit.F. A. Schmitt. Alexander von Bernus. Nürnberg 1971, S. 107–110. Von der Homöopathie übernahm er die Idee der Gewinnung von Arzneimitteln durch „Potenzieren“; ansonsten gab es zu ihr aber kaum Berührungspunkte.Helmut Zander: Anthroposophie in Deutschland. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2007. S. 1519–1521; Robert Jütte: Geschichte der Alternativen Medizin. Beck, München 1996, S. 237 f.

Im Unterschied zur Homöopathie und zur, gelegentlich die anthroposophische Medizin mit einschließenden, Naturheilkunde wurde die aufkommende anthroposophische Medizin von der etablierten Ärzteschaft wenig beachtet und offenbar nicht als ernsthafte Bedrohung angesehen.Robert Jütte (1996), S. 29.Robert Jütte: Geschichte der Alternativen Medizin. Beck, München 1996, S. 249 f. Der Medizinhistoriker Robert Jütte führt das darauf zurück, dass Steiner im Gegensatz etwa zu Samuel Hahnemann nicht die Konfrontation suchte.Robert Jütte: Geschichte der Alternativen Medizin. Beck, München 1996, S. 250. Während der Weimarer Republik kamen anthroposophisch ausgerichtete Ärzte wegen der noch gültigen Kurierfreiheit nicht mit den Medizinalgesetzen in Konflikt. Sie konnten approbieren, Kliniken gründen und ihre anthroposophischen Heilmittel frei vertreiben und verordnen. Das änderte sich grundlegend mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten in Deutschland 1933, die der anthroposophischen Bewegung von Anfang an feindlich gegenüberstanden, nicht nur aus ideologischen Gründen, sondern vor allem aus Furcht vor den vermeintlich geheimbündlerisch organisierten esoterischen Zirkeln der Anthroposophen.Robert Jütte: Geschichte der Alternativen Medizin. Beck, München 1996. S. 251. In der am 25. Mai 1935 in Nürnberg gegründeten und von Karl Kötschau geleiteten Reichsarbeitsgemeinschaft für eine Neue Deutsche Heilkunde war laut Jütte neben weiteren Verbänden auch eine Vereinigung anthroposophischer Ärzte eingeschlossen.Robert Jütte (1996), S. 48 f. und 57. 1935 wurde die Anthroposophische Gesellschaft verboten, und viele deutsche Anthroposophen emigrierten. Anthroposophische Ärzte gingen nach England, Frankreich und in die Schweiz, wo sich das Zentrum der anthroposophischen Bewegung (Goetheanum) befand.Robert Jütte: Geschichte der Alternativen Medizin. Beck, München 1996, S. 251 f.

Nach dem Ende der Zeit des Nationalsozialismus konnte sich die anthroposophische Medizin wieder ungehindert entfalten, und sie erreichte bei der Neufassung des Arzneimittelgesetzes von 1976 in Deutschland die staatliche Anerkennung. Seitdem ist sie als eine von drei besonderen Therapierichtungen definiert, für die arzneimittelrechtlich, bezüglich des Wirksamkeitsnachweises zulassungspflichtiger Arzneimittel, in Deutschland Sonderregelungen gelten (siehe „Rechtlicher Status“ und Artikel Binnenkonsens).Robert Jütte: Geschichte der Alternativen Medizin. Beck, München 1996. S. 252 f. Das Gesetz trat 1978 in Kraft. Eine vollgültige Anerkennung als Therapierichtung im gesamten Gebiet der Europäischen Gemeinschaft blieb der anthroposophischen Medizin bislang versagt.

Grundlagen Erkenntnisstufen und Wesensglieder Die anthroposophische Medizin erhebt den Anspruch, aufgrund zusätzlicher Methoden der Erkenntnis (in anthroposophischer Terminologie: Imagination, Inspiration und Intuition) die konventionelle Medizin zu erweitern.Rudolf Steiner, Ita Wegman: Grundlegendes zu einer Erweiterung der Heilkunst. 1925. Dadurch seien vier „Glieder“ des menschlichen Wesens wahrnehmbar: der physische Leib, der Ätherleib, der Astralleib und die Ich-Organisation. Nur der physische Leib unterliege den Gesetzen der Physik. Die drei höheren Glieder seien immateriell, sollen aber auf den physischen Leib einwirken. Der Ätherleib sei bei allen Lebewesen der Träger der Lebensfunktionen, der Astralleib sei bei Mensch und Tier der „Vermittler der Empfindungen“, und die Ich-Organisation unterscheide den Menschen von den anderen Organismen, indem sie ihn zu einem geistigen Individuum mache.Robert Jütte: Geschichte der alternativen Medizin. Beck, München 1996, S. 243 f.

Dreigliederung des menschlichen Organismus Die bis heute nahezu unverändert gültige Grundlage der anthroposophischen Krankheitslehre ist das von Steiner Anfang der 1920er Jahre entwickelte Konzept der „Dreigliederung“ des Menschen. Steiner unterschied drei Organsysteme: die Nerven-Sinnesorganisation, die primär im Kopf lokalisiert sei, die Stoffwechsel-Gliedmaßenorganisation, deren Schwerpunkt im Verdauungs- und im Bewegungsapparat liege und die als Träger der „Willenserscheinungen“ fungiere, und die rhythmische Organisation, die mit dem Gefühlsleben korrespondiere und in erster Linie die Atmung und den Blutkreislauf umfasse.