Das Schloss Chillon ( []) ist eine mittelalterliche Wasserburg im schweizerischen Kanton Waadt. Das grosse, vielgliedrige Bauwerk steht am Rand des Genfersees in der Gemeinde Veytaux fünf Kilometer südöstlich von Montreux im Bezirk Riviera-Pays-d’Enhaut. Seine ältesten Bauteile sind vor etwa eintausend Jahren zur Zeit des burgundischen Königreichs unter dem Bischof von Sitten entstanden, ihre heutige Gestalt erhielt die Burg im 13. und 14. Jahrhundert unter der Herrschaft der Grafen von Savoyen. Von 1536 bis 1798 diente die Festung der bernischen Landvogtei von Vevey als Verwaltungszentrum und zuletzt noch als Magazin, und seit dem Jahr 1803 ist sie im Besitz des Kantons Waadt.
Dank der auffälligen Position am Genfersee vor der imposanten Gebirgskulisse der Waadtländer Alpen und der Chablais-Alpen und mit seiner malerischen und gut erhaltenen Gebäudegruppe zählt das Baudenkmal seit dem 18. Jahrhundert zu den beliebtesten landschaftlichen Bildvorlagen in der Westschweiz.Aline Bassin: Cinq jalons du tourisme en Suisse: coup de foudre à Chillon. In: Le Temps, 3. August 2020, abgerufen am 3. Dezember 2020. 2013 verzeichnete das Schloss Chillon 349'000Reto E. Wild: Reiseland Schweiz. Migros-Magazin, Zürich 13. Juli 2015, Seite 8 und im Jahr 2019 über 430'000 Besucher. Es ist damit das meistfrequentierte historische Bauwerk der Schweiz.
Die Burg Chillon steht seit 1891 unter kantonalem Denkmalschutz, sie gilt als Kulturgut von nationaler Bedeutung im Kanton Waadt und ist im Inventar der schützenswerten Ortsbilder der Schweiz ISOS aufgeführt. Im Auftrag des Kantons Waadt verwaltet die im Jahr 2002 gegründete Schloss-Chillon-Stiftung das Bauwerk; sie erforscht und unterhält es und macht es dem Publikum zugänglich.Direktorin des Schlossbetriebs ist seit 2014 die Kunsthistorikerin und Ökonomin Marta Sofia dos Santos als Nachfolgerin von Jean-Pierre Pastori, Direktor seit 2007.«Nous ne ferons pas de Chillon un Disneyland!», swissinfo.ch, abgerufen am 5. Dezember 2020.Die Vorzeige-Attraktion der Schweiz. In: Der Bund, 5. Oktober 2019.L’interview de la directrice du château Marta Sofia dos Santos! wordpress.com Die Landschaft bei Chillon liegt bis zum See im Parc naturel régional Gruyère Pays-d’Enhaut. mini|Plakat für die Tourismuswerbung der Simplonlinie mit Schloss Chillon und den Dents du Midi im Hintergrund, Entwurf: Emil Cardinaux, 1928 Von 1897 bis 1934 liess der Kanton Waadt zusammen mit der 1887 gegründeten Association pour la restauration du château de Chillon unter der Leitung des Architekten und Kantonsarchäologen Albert Naef und seiner Nachfolger in einem aufwändigen Dokumentations- und Restaurierungsprojekt die Baugeschichte der Burg untersuchen und die Anlage wiederherstellen.Denis Bertholet (u. a.): Autour de Chillon. Archéologie et restauration au début du siècle (Digitalisat). Lausanne 1998. Die Sanierung der savoyischen Burg erfolgte unter der Aufsicht einer internationalen Expertengruppe und gilt als ein Musterbeispiel der frühen Denkmalpflege.
Lage Die Burg steht auf der Felseninsel Île de Chillon am Ostufer des Genfersees, die nur durch einen wenige Meter breiten Graben vom Seeufer getrennt ist. Die während der Eiszeiten vom Rhonegletscher am Rand des Seebeckens herausgebildete Insel hat bei einer Länge von 120 Metern und einer Breite bis zu 48 Metern eine Fläche von etwa 5070 m². Sie ist damit die grösste der sieben Inseln im Genfersee.Paul Guichonnet: Nature et histoire du Léman. 1994. Der anstehende Kalkfels bildet vor dem Bergvorsprung einen flachen Hügel, der in der Mitte der Burg ungefähr acht Meter über die Seeoberfläche herausragt. Auf der westlichen Seite fällt der Felsen vor den Burgmauern sehr steil tief in den See ab.Die Anfänge der Archäologie im Léman (Genfersee), Kanton Waadt sub-leman.ch, abgerufen am 18. November 2020.
Bei der Burginsel lässt der steile Berghang des westlichen Ausläufers der Rochers de Naye nur eine schmale, im Laufe der Jahrtausende künstlich ausgebaute Passage von Montreux nach Villeneuve und in das Rhonetal frei. Die Stelle hat seit dem Mittelalter den Flurnamen Cluse (vgl. dazu: Klause) und wird in Urkunden aus dem 13. Jahrhundert als clusa de Chillon genannt.usque ad clusam de Chillon, in einer Urkunde um 1250. Mémoires et documents publiés par la Société d’histoire de la Suisse romande, hrsg. Société d’histoire de la Suisse romande, 29, S. 436.Artikel Cluse, clusaz In: Glossaire des patois de la Suisse romande online Durch das Engnis bei der Burg führt seit der Antike eine Fernstrasse. Diese Passage benützen heute nebeneinander die schweizerische Hauptstrasse 9 und die 1861 eröffnete Simplonstrecke der Eisenbahn und hoch darüber auf dem kühnen, um 1969 gebauten Chillon-Viadukt die Autobahn A9, auf welcher auch die Routen der Europastrassen E 27 und E 62 verlaufen.
Die römische Strasse von Italien über den Pass Summus Poeninus, den heutigen Grossen Sankt Bernhard, nach Lausanne und an den Rhein passierte hier den Genfersee; bei Villeneuve in der Nähe von Chillon stand an diesem Weg ein römischer Meilenstein,CIL XII. 5526; vgl. CIL XVII Fasc. 2, 122. Der Meilenstein von Villeneuve steht heute im Kantonsmuseum in Lausanne. der sich heute im Museum für Geschichte und Archäologie in Lausanne befindet. Im Mittelalter führte eine wichtige Handelsstrasse und Pilgerroute vom Norden über die Alpen und nach Rom, die auch als Via Francigena bekannt war, dem Seeufer entlang.Reinhard Zweidler: Der Frankenweg – Via Francigena. Der mittelalterliche Pilgerweg von Canterbury nach Rom. Theiss, Stuttgart 2003. mini|Luftbild von Süden, Aufnahme von Werner Friedli, 1948. Sammlung Bildarchiv der ETH-Bibliothek In der Nähe der Burg liegen die Haltestelle Veytaux-Chillon der Eisenbahn und die im Jahr 1939 eingerichtete Anlegestelle Château-de-Chillon für die Kursschiffe der Compagnie générale de navigation sur le lac Léman. Die Burg und die Schiffstation sind durch die Uferpromenade verbunden, die von Montreux bis nach Villeneuve führt. An der Kantonsstrasse liegt ein grosser Parkplatz für die Besucher der Burganlage. Seit 1957 ist der Ort durch den Trolleybus Vevey–Villeneuve an das öffentliche Verkehrsnetz angeschlossen. Vorher hatte auch die 1888 eröffnete Strassenbahn Vevey–Chillon, die 1903 nach Villeneuve verlängert worden war, die Fahrt direkt zur Burg ermöglicht.
Die Umgebung von Schloss Chillon gehört mit der Fläche des Obersees von Montreux bis nach Saint-Gingolph im Kanton Wallis als Important Bird Area und Ramsar-Gebiet zur Schutzzone von Les Grangettes, in welcher die Schifffahrt Beschränkungen unterliegt.
Die Fortifikationsgeschichte des Passage obligé von Chillon wurde im 20. Jahrhundert noch um ein Kapitel erweitert, als die Schweizer Armee im Zweiten Weltkrieg das Felsmassiv gegenüber der Burginsel für den Bau der starken «Sperrstelle Chillon» auswählte. Diese sollte im Falle eines Angriffs auf die Schweiz den Weg vom Mittelland in den westlichen Teil der Armeestellung Réduit sichern. Anfänglich hätte auch die mittelalterliche Burg selbst zur modernen Panzerabwehrfestung umgebaut werden sollen, worauf die Armeeleitung nach einem Besuch von General Henri Guisan am 3. September 1940 in Chillon jedoch verzichtete.Denis Bertholet (u. a.): Autour de Chillon. Archéologie et restauration au début du siècle. 1998, S. 232. Die von der Gebirgsbrigade 10 gebaute Anlage östlich der Burg umfasste Panzerhindernisse an der Strasse und der Bahnlinie, Infanteriebunker und das Artilleriewerk Chillon, die noch heute in der Umgebung der Burg vorhanden sind und eine eigene militärgeschichtliche Besucherattraktion darstellen.Silvio Keller, Maurice Lovisa: Militärische Denkmäler in den Kantonen Waadt und Genf. Bern 2006.Fort de Chillon, fortdechillon.ch Das geplante Abwehrdispositiv erstreckte sich über die Rhoneebene bis zum zweiten Strassenengnis im Chablais bei der Burg von Porte-du-Scex an der Route auf der andern Seite des Genfersees von Évian-les-Bains nach Monthey.Position de barrage de la porte du Scex. In: Monuments militaires dans le canton du Valais. Inventaire des ouvrages de combat et de commandement. Bern 2002, S. 16–17.
Name Die mittelalterliche Burg ist erstmals in einem Dokument aus dem Jahr 1150 mit dem Namen Chillun erwähnt, 1157 als Cilon, in einer andern Urkunde aus dem Jahr 1195 als castrum Quilonis.
Im Mittelalter stand nahe bei der Burg das Dorf Chillon. Diese Siedlung war möglicherweise älter als die Festung auf dem Felsen im See, sie könnte aber auch zunächst als Wirtschaftsbetrieb der Burg entstanden sein. Der Ortsname Chillon kommt gemäss dem Schweizer Ethnologen und Linguisten Albert Samuel Gatschet vom frankoprovenzalischen Dialektwort chillon,Albert Samuel Gatschet: Beiträge zu einer Toponomastik der Schweiz. Verlag Nabu Press, 1867. das einen flachen Stein oder Felsen bezeichnet und hier also wohl den Namen der Insel im See und davon abgeleitet dann auch den Ortsnamen der ehemaligen Siedlung ergab.Zum Flurnamen Chillon siehe auch: Henry Suter: Noms de lieux de Suisse romande, Savoie et environs online. Das Wort entspricht dem altfranzösischen chail und französisch caillou.Das romanische Wort stammt von lateinisch cachlax ab. Wilhelm Meyer-Lübke: Romanisches Etymologisches Wörterbuch. Heidelberg 1911, S. 110, Nr. 1449. Der dialektale Festungsname “Châtél de chillon” bedeutete demnach ursprünglich nichts anderes als «Felsenburg».
Geschichte Vorgeschichte Auf der Felskuppe, wo heute das Schloss Chillon steht, fand man bei den archäologischen Untersuchungen um 1900 Spuren einer Besiedlung seit der Bronzezeit und Objekte aus der Zeit des Römischen Reiches; wegen der späteren Veränderung der Felsoberfläche und der starken Bautätigkeit im Mittelalter sind jedoch allfällige urgeschichtliche oder antike Gebäude nicht zu rekonstruieren. Bei Unterwasseruntersuchungen in der Nähe der Burg hat man 1969 Reste einer prähistorischen Seeufersiedlung entdeckt.Die Anfänge der Archäologie im Léman (Genfersee), Kanton Waadt sub-leman.ch, abgerufen am 18. November 2020. Frühere Bauwerke auf der Insel dürften schon beim sogenannten Tauredunum-Ereignis im Jahr 563, von welchem die Chronisten Gregor von Tours. und Marius von Avenches. berichten, nach einem grossen Bergsturz an der gegenüberliegenden Talseite überflutet und wohl zerstört worden sein.
Die Bischofsburg mini|Reliquiar aus dem Altar der hochmittelalterlichen Burgkapelle Die ältesten, noch heute sichtbaren Bauteile der Burg sind die Fundamente einer früh- oder hochmittelalterlichen Kapelle, eine Partie der inneren Umfassungsmauer, die wohl aus dem 10. oder dem 11. Jahrhundert stammt, sowie der untere Bauabschnitt des Hauptturms (Donjon). Die Landschaft im Rhonetal unterstand dem Bischof von Sitten, seit der burgundische König Rudolf III. im Jahr 999 dem Bischof Hugo von Sitten die Grafschaftsrechte im Wallis übertragen hatte.Gilbert Coutaz: La donation des droits comtaux à l'évêque de Sion, en 999. Un texte dévalué de l’histoire du Valais. In: Vallesia, 1999, S. 31–67. Schon seit dem Frühmittelalter gehörten neben Chillon noch einige andere Güter in der Waadt und an der Riviera am Genfersee, etwa bei Lausanne, Montreux und Vevey, dem Walliser Bischof.Jean-Daniel Morerod: L’Eglise du Valais et son patrimoine dans le diocèse de Lausanne. Contribution à une préhistoire des évêchés romands. In: Vallesia, 1999, S. 137–160. Die erste mittelalterliche Burg Chillon mit der kleinen Burgkirche, die dem Patrozinium des heiligen Tryphon unterstand, dürfte an der strategisch wichtigen Stelle am Ausgang aus dem Wallis im Auftrag des Bischofs gebaut worden sein. Zeitweise verwaltete im 11. Jahrhundert die savoyische Adelsfamilie von Allinges im bischöflichen Dienst die Burg.