Der Almanach de Gotha oder Gothaischer Hofkalender, kurz meist nur Le Gotha bzw. Der Gotha genannt, war ein von 1764 bis 1943 jährlich in einer französischen sowie 1765–1943 einer deutschen Parallelausgabe in Gotha erscheinender Hofkalender, der sich seit dem 19. Jahrhundert vor allem als genealogisches Nachschlagewerk etablierte. Seit 2015 wird er vom Gothaischem Genealogischen Handbuch fortgesetzt.

Geschichte Entstehung und erste Bände mini|Titelseite des Almanach de Gotha auf das Jahr 1771 (erschienen 1770). Die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts war der Höhepunkt der Almanache, eine spezialisierte Publikationsform, die vor allem von französischsprachigen Modellen geprägt war. Der später nur Gotha genannte Almanach fügt sich in diese Tradition ein und gehört zu den relativ vielen Almanachen, die in Gotha erschienen.Hans-Jürgen Lüsebrink: The Almanach de Gotha - production, distribution and circulation of a French-language almanac in Europe at the end of the eighteenth century and the first decades of the nineteenth century. In: Revista Internacional de Historia de la Comunicación 23 (2024), S. 15–31, hier 18–21. Dazu gehörte neben solchen zu anderen Themen (z. B. Theater) auch der von 1740 bis 1765 erscheinende Gothaische genealogische und Schreib-Calender, der aber meist nicht als Vorläufer des Gotha gilt.

Als unmittelbarer Vorgänger gilt vielmehr der knappe, in französischer Sprache verfasste Almanac nécessaire, den der Gothaische Hofmeister Wilhelm von Rotberg 1763 veröffentlichte. Auf das Jahr 1764 schließlich erschien, auf unmittelbare Anregung Herzog Friedrichs III. von Sachsen-Gotha-Altenburg, der Almanac de Gotha contenant diverses connoissances curieuses et utiles pour l'Année bissextile MCDDLXIV, im Folgejahr auch eine deutschsprachige Parallelausgabe unter dem Titel Gothaischer Kalender, zum Nutzen und Vergnügen eingericht auf das Jahr 1765.York-Gothart Mix: Genealogische Kalender als Medium europäischer Identität. In: Hans-Jürgen Lüsebrink / York-Gothart Mix (Hrsg.): Französische Almanachkultur im deutschen Sprachraum (1700-1815). Gattungsstrukturen, komparatistische Aspekte, Diskursformen. V&R unipress, Göttingen 2013. S. 35–50, hier S. 48.Histoire de l’Almanach de Gotha. In: Almanach de Gotha. Annuaire diplomatique et statistique pour l’année 1863. Justus Perthes, Gotha 1862, S. V–XX, hier VI-VII. Auch online. Der Almanach wurde von Emanuel Christoph Klüpfel herausgegeben, wie Rotberg ein (Ober-)Hofmeister und für die Erziehung des Kronprinzen zuständig.

Den französischsprachigen Band von 1764 betrachtete auch die Gotha-Redaktion später als den eigentlichen Beginn des Almanach.[Richard O.] Wendelmuth: Zur Geschichte des Hofkalenders 1763-1913. In: Gothaischer Genealogischer Hofkalender nebst diplomatisch-statistischem Jahrbuche. 1913. Justus Perthes, Gotha 1912, S. VIII-XXVI.

Beginn als Hofkalender bis ca. 1800 Von 1768 bis ins frühe 19. Jahrhundert bestand der Almanach stets aus festen und variablen Artikels: Kernbestandteile waren ein Kalendarium und aktuelle Informationen über hochadelige Familien, wobei das Haus Sachsen-Gotha-Altenburg stets besonders hervorgehoben wurde. Die wechselnden Artikel waren informative und unterhaltsame Texten und Bilder (Kupferstiche) mit sehr unterschiedlichen Themen, z. B. Literatur, Geschichte, Theater, Wissenschaften und Mode.Emil Fromm: Napoleon und der Gothaer Almanach. Ein Beitrag zur Geschichte der Censur unter dem ersten Kaiserreich. In: Zeitschrift für Bücherfreunde Band 1 (1897/98) S. 414–420, hier S. 415–417.

Die Redaktion des Gotha korrespondierte mit Höfen, Kanzleien, Standesvereinigungen und einzelnen Adeligen, um aktuelle Informationen über Geburten, Eheschließungen, Konfession, Auszeichnungen und (zunehmend wichtig) die Abstammung der jeweiligen Adeligen bzw. Adelsfamilien zu erhalten. Die Hofkanzlei in Gotha unterstützte die Redaktion bei der Versendung von Fragebögen an Kanzleien in ganz Europa. Genealogische Informationen wurden im Wesentlichen von den Familien selbst bereitgestellt. Einträge zu Familien, die längere Zeit nicht auf Anfragen der Redaktion antworteten, konnten aus dem Almanach gestrichen werden. Die Redaktion überprüfte eingesandte Angaben, unter anderem mit Hilfe einer wachsenden Bibliothek an einschlägiger Literatur. Angesichts der vielfältigen Heiratsverbindungen innerhalb des europäischen Hochadels stellte auch das Zielpublikum selbst eine Kontrollinstanz dar; Falschangaben zumal zu aktuellen Eheschließungen und nahen Verwandten wären der Leserschaft aufgefallen.

Entwicklung zum genealogischen Standardwerk im 19. Jahrhundert mini|Titelseite des Almanach de Gotha auf das Jahr 1851. In den ersten Jahrzehnten seines Erscheinens hatte der Almanach vor allem Informationen über die herrschenden Häuser und den Hofadel zusammengestellt. Um 1800, während bzw. nachdem die Napoleonischen Kriege (1792–1815), der Reichsdeputationshauptschluss (1803) und die folgende Säkularisierung die politische Landkarte Europas stark verändert hatten, viele ehemals souveräne Adelshäuser ihre Herrschaft verloren hatten und auch das Haus Sachsen-Gotha-Altenburg ausgestorben war (1825), ändere sich die Ausrichtung des Almanach.Hans-Jürgen Lüsebrink: The Almanach de Gotha - production, distribution and circulation of a French-language almanac in Europe at the end of the eighteenth century and the first decades of the nineteenth century. In: Revista Internacional de Historia de la Comunicación 23 (2024), S. 15–31, hier 22–27.

Schon seit den 1790ern hatte der Almanach umfangreiche statistische Angaben aufgenommen. Artikel zur höfischen Kultur, Wissenschaft und schönen Künsten hingegen sowie bestimmte praktische Informationen (z. B. Termine von Messen) verschwanden um 1800. Neben europäischen Ländern wurden zunehmend auch Lateinamerika, Teile Asiens und auch Nordafrika berücksichtigt. Vor allem aber weitete er den Kreis der aufgenommenen Familien aus und räumte der Genealogie immer größeren Raum ein. Zwischen 1786 und 1824 verdreifachte sich der Umfang des genealogischen Teils.

Auch die Einteilung des Gotha änderte sich. Die Ausgabe für 1808 wurde auf Geheiß von Napoleon stark zensiert, und bis 1815 vermied die Redaktion Aussagen, die als Kritik an Frankreich verstanden werden konnten.Emil Fromm: Napoleon und der Gothaer Almanach. Ein Beitrag zur Geschichte der Censur unter dem ersten Kaiserreich. In: Zeitschrift für Bücherfreunde Band 1 (1897/98), S. 414–420, hier S. 417–420. Seit 1824 wurde der Hochadel in drei Abteilungen behandelt, nämlich ersten die verbleibenden herrschenden Souveräne und ihre Häuser, zweiten die übrigen fürstlichen Häuser sowie drittens die Standesherren, eine seit der Bundesakte von 1815 neu gebildete Gruppe mediatisierter Grafenfamilien, die den fürstlichen Häusern als ebenbürtig galten. Andere gräfliche Häuser wurden ab 1825 im Genealogischen Taschenbuch der gräflichen Häuser erfasst, das ebenfalls jährlich erschien. Ab 1848 erschien eine weitere solche Reihe, das Genealogischen Taschenbuch der freiherrlichen Häuser.

Der verstärkten Konzentration auf Fragen der Abstammung, der Titulatur und der Ebenbürtigkeit entsprach die Nutzung des Gotha im Hochadel, der insbesondere bei Eheschließungen den Gotha konsultierte.Christophe Duhammele: Le Gotha. In: Christophe Charle/Daniel Rouche (Hrsg.) L'Europe : encyclopédie historique, Actes Sud, Arles 2018, S. 996–997

mini|Titelseite des Genealogischen Taschenbuchs der freiherrlichen Häuser für 1849.

Mit dem Hinzukommen der Taschenbücher war der Gotha vor allem ein genealogisches Sammelwerk, das überwiegend in deutscher Sprache erschien und vor allem den Adel der deutschsprachigen Länder erfasste. Wesentliche Quelle der Genealogien waren die Selbstauskünfte der Familien.Werner Paravicini: Wer reinkommt, ist drin. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 18. September 2015, S. 10.Harald von Kalm: Das Preußische Heroldsamt. (1855–1920). Adelsbehörde und Adelsrecht in der preußischen Verfassungsentwicklung (= Quellen und Forschungen zur brandenburgischen und preußischen Geschichte. Band 5) Duncker und Humblot, Berlin 1994, ISBN 3-428-07965-5, hier S. 189. Die Redaktion überprüfte und bewertete die eingesandten Stammbäume und anderen Dokumente eigenständig. Das konnte Konflikte mit einzelnen Familien bzw. Standesverbänden auslösen, etwa mit dem Verein der deutschen Standesherren.Jens Harry Detzer: Mit vereinten Kräften. Die standesherrlichen Beamtenkonferenzen in Bayern und der Verein der deutschen Standesherren im 19. Jahrhundert, Bamberg: University of Bamberg Press, Bamberg 2029, , hier S. 264–266. Ausdrücklich verzichtete die Redaktion aber auf die Anzeige von Eheschließungen, die gegen den Willen der Familien erfolgt waren, und verschwieg gegebenenfalls Ehescheidungen; hingegen nahm sie teilweise auch nicht ebenbürtige Eheschließungen auf, soweit die beteiligten Familien diese meldeten.W. H. Ewald: Vorwort. In: Gothaischer genealogischer Hof-Kalender auf das Schalt-Jahr 1840. Justus Perthes, Gotha 1839, S. III-X, hier S. VI. Auch online. Allgemein wurden Informationen, die dem Selbstbild der im Gotha eingetragenen Familien nicht entsprechen (z. B. sozialer Abstieg), auch nicht an die Redaktion des Gotha weitergegeben.

Je mehr sich der Gotha als Standardwerk für die Genealogien des (Hoch-)Adels etablierte, desto stärker wurde er auch in verschiedene Pläne zur Erstellung von Adelsmatrikeln einbezogen. Solche Versuche, vollständige Verzeichnisse des jeweiligen Adels eines Staats aufzubauen, wurden im 19. Jahrhundert von den Heroldsämtern mehrerer deutscher Staaten unternommen, scheiterten aber regelmäßig. Der Gotha diente bei solchen Versuchen, zum Beispiel in Preußen,Waldemar Schupp: Abstammung und Verwandtschaft. In: Friedrich Beck / Eckhart Henning (Hrsg.): Die archivalischen Quellen. Mit einer Einführung in die Historischen Hilfswissenschaften. 5. Auflage Böhlau, Köln/Weimar/Wien 2012, S. 315–338, hier S. 335–336. als Hilfsmittel. Nach der Reichsgründung arbeitete die Deutsche Adelsgenossenschaft mit der Redaktion des Gotha und dem Verlag Justus Perthes daran, eine solche Matrikel zu erstellen, was aber trotz umfangreicher Vorarbeiten in den 1890er Jahren ebenfalls scheiterte.Thomas von Fritsch, Die Gothaischen Taschenbücher, Hofkalender und Almanache. Starke: Limburg an der Lahn 1968, S. 24.Walter von Hueck: Organisationen des Deutschen Adels seit der Reichsgründung und das Deutsche Adelsarchiv. In: Kurt Adamy / Kristina Hübener (Hrsg.): Adel und Staatsverwaltung in Brandenburg im 19. und 20. Jahrhundert. Ein historischer Vergleich (= Potsdamer historische Studien Band 2). Verlag Walter de Gruyter, Berlin 1996, ISBN 3-05-002825-4, S. 19–37, hier 21–22.

Die Zusammenarbeit führte aber zur Gründung zweier weiterer Unterreihen des Gotha: ab 1900 erschien das Gothaische genealogische Taschenbuch der adeligen Häuser, das ab 1907 in Gothaisches genealogisches Taschenbuch der uradeligen Häuser umbenannt und um das Gothaische genealogische Taschenbuch der briefadeligen Häuser ergänzt wurde. Damit schloss der Gotha über seine Genealogischen Taschenbücher zunehmend auch den Niederadel ein, der in dieser Zeit bereits seine rechtliche Sonderstellung weitgehend verloren hatte.

Anfang des 20. Jahrhunderts kritisierten adelige und nichtadelige Mitglieder der völkischen Bewegung den vermeintlich zu geringen Antisemitismus im Adels und thematisierte immer wieder angebliche oder tatsächliche jüdische Vorfahren einzelner Adeliger. Diese Kritik richtete sich auch gegen den Almanach de Gotha, der diese Adeligen und ihre Vorfahren aufzählte. Eine 1912 veröffentlichte antisemitische Polemik, die (oft irrige) Angaben über jüdische Vorfahren verschiedener Adeliger enthielt, trug den Titel Semi-Gotha und parodierte damit den Gotha.Georg Hufenreuter: Semi-Gotha (Wilhelm von Witkenberg, 1912–1919). In: Wolfgang Benz (Hrsg.): Handbuch des Antisemitismus, Bd. 5: Organisationen, Institutionen, Bewegungen. De Gruyter Saur, Berlin 2012, 209–210.