mini|Salzburger Handschrift der Historia Langobardorum, die linke Seite eines beschnittenen Doppelblattes aus Pergament, etwa 205–208 × 122–131 mm, süddeutsch. Die Handschrift wurde als Einband verwendet und von einem Druck des Jahres 1697 abgelöst, die alte Signatur ist am ehemaligen Rücken noch lesbar: „XIX 45“ (?). Der Schriftraum ist einspaltig und umfasst 17 Zeilen in karolingischer Minuskel des 11. Jahrhunderts. Es handelt sich um eine Passage aus dem liber III, 18 f., in der Ereignisse des Jahres 585 geschildert werden.Der Textanfang lautet: „[In qua Droctulft dux Langobardis confugerat seque partibus imperatoris tradens sociatus militibus, Langobardorum] exercitui fortiter resistebat. Iste ex Suavorum hoc est Alamannorum gente oriundus inter Langobardos creverat et quia erat forma idoneus ducatus honorem meruerat / …“. mini|Der Anfang der Historia Langobardorum in einer humanistischen Handschrift. Biblioteca Apostolica Vaticana, Urbinas Lat. 984, fol. 2r (2. Hälfte des 15. Jahrhunderts) Die Historia Langobardorum (Geschichte der Langobarden) ist das Hauptwerk des Langobarden Paulus Diaconus († wohl vor 800). Das Werk verfasste er gegen Ende seines Lebens, wohl nach 787 und nicht später als 796. In seinem aus sechs Büchern (libri) bestehenden Werk, wie in dieser Zeit üblich auf Latein, versucht Paulus die Geschichte seiner gens, der Langobarden, nach den Grundsätzen antiker Geschichtsschreibung darzustellen, was auch für die Geschichten über einzelne langobardische Heroen gilt, die starke Analogien zu solchen der antiken Historiographen aufweisen.Dabei spielen auch indirekte Einflüsse eine Rolle, so etwa durch Herodot oder Livius, Vergil und Horaz. Wie weit die Griechischkenntnisse des Paulus reichten, ist unklar. Gleichzeitig gilt es, die Vorgänge in den göttlichen Heilsplan einzubinden. In diesem Plan erhalten die nach-römischen gentes einen legitimen Platz mit entsprechenden Aufgaben und Verdiensten, aber auch dem nach antikem Muster sich bereits ankündigenden Untergang.Rosa Maria Lucifora: Motivi classici nella Historia Langobardorum di Paolo Diacono. La caccia di Liutprando, in: Tradizione culturale, relitti linguistici e memoria, 2024, S. 931–952 (online, PDF). Dabei nennt Paulus als Tugenden seiner gens laut Stefano Gasparri vor allem „Mut, Ergebenheit gegenüber seinen Führern, Ehrgefühl“.Stefano Gasparri: Paulus Diaconus, in: Lexikon des Mittelalters, Bd. 6, Artemis & Winkler, München/Zürich 1993, Sp. 1825 f., hier: Sp. 1826.

Paulus greift bei seiner Erzählung bis in die legendäre Zeit der Aufteilung der ursprünglich in Skandinavien ansässigen gens zurück. Das Werk endet mit dem Tod König Liutprands im Jahr 744 und somit bereits drei Jahrzehnte vor der Eroberung des Langobardenreichs durch die Franken unter der Führung Karls des Großen. Den Untergang des Reiches, den Paulus auf die Vernachlässigung der Religion durch den langobardischen Herrscher zurückführt, in deren Folge Johannes der Täufer das Reich nicht länger geschützt habe, stellt der Verfasser nicht dar.

Paulus, der einer adligen Familie aus dem Friaul entstammte, hielt sich wohl unter König Ratchis zwischen 744 und 749 am langobardischen Königshof in Pavia auf, Jahrzehnte später am Hof Karls des Großen. Zu diesem stand er bald in einem persönlichen, aber auch wirtschaftlich abhängigen Klientelverhältnis, denn sein Patron schreibt in einem Brief „Paulo, diacono, familiari, clientulo nostro“.Christopher Timothy Heath: Narrative Structures in the Work of Paul the Deacon, PhD, Manchester 2012, S. 28.

Die Geschichte der Langobarden schrieb er schließlich in seinem süditalienischen Benediktinerkloster, nach eigener Aussage zumindest partiell im Kloster Montecassino, wobei er sich – mehrfach seine geringen literarischen Fertigkeiten bedauernd – insgesamt an fünfzehn Stellen seiner Historia selbst erwähnt. Wann er in das Kloster eingetreten ist, ist nicht bekannt.

Das Opus bildet die bei weitem wichtigste Grundlage weiter Teile der Geschichtsschreibung zum Italien der Zeit zwischen 568 und 744. Es wurde vielfach kopiert. Die überlieferten Abschriften weisen verhältnismäßig geringe Abweichungen voneinander auf. Schon Andreas Bergomas, der die Historia Langobardorum bis 877 fortsetzte (Adbreviatio de gestis LangobardorumAndreae Bergomatis Historia, dMGH, Scriptores rerum langobardicarum et italicarum saec. VI–IX, Hannover 1878, S. 220–230.), und Erchempert von Benevent verweisen explizit auf Paulus’ Werk. Überliefert ist die Kenntnis von rund 200 Abschriften, davon sind 115 erhalten.Laura Pani: Aspetti della tradizione manoscritta, in: Paolo Chiesa (Hrsg.): Paolo Diacono. Uno scrittore fra tradizione longobarda e rinnovamento carolingio, Forum, Udine 2000, S. 367–412. Seit 1480 wurde das Werk, dessen Autograph verschollen ist, häufig gedruckt; die beste Edition bietet immer noch die Fassung im Rahmen der Monumenta Germaniae Historica von 1878. Das Werk wurde vielfach übersetzt.

Zeitpunkt und Ort der Abfassung, Anlass Nach einer These von Rosamond McKitterickRosamond McKitterick: Paul the Deacon’s Historia Langobardorum and the Franks, in: Dies. (Hrsg.): History and Memory in the Carolingian World, Cambridge 2004, S. 60–83. entstand das Werk auf Initiative König Karls I. und seines Sohnes Pippin, der von 781 bis 810 König von Italien war. Das Ziel sei gewesen, die Kenntnis über die Langobarden und das wechselseitige Verständnis zwischen diesen und den siegreichen Franken zu verbessern. Die verhältnismäßig weite Verbreitung lässt sich anhand früher Chroniken nachweisen, wie etwa in Neapel oder Salerno. Auch deutete sie das Werk als eine Art admonitio („Ermahnung“) für König Pippin.Rosamond McKitterick: Paul the Deacon and the Franks, in: Early Medieval Europe 8 (1999) 319–339.

Zwar deutete es Walter Goffart ähnlich, doch habe sich das Werk an Grimoald III. von Benevent gerichtet,Walter A. Goffart: The Narrators of Barbarian History (550-800). Jordanes, Gregory of Tours, Bede and Paul the Deacon, Princeton 1988, S. 347. was wiederum McKitterick nicht überzeugte. Auch wurde vermutet, Paulus habe vor allem die langobardische Identität stärken wollen, oder er habe sich vorrangig von den Interessen Benevents leiten lassen. Oder er habe vor allem Verständnis für die griechische Theologie und Politik besessen, eine These, der gleichfalls widersprochen wurde. Derartige Ansätze, eine strikte Korrelation zwischen Paulus’ Schreibweise und seinen Intentionen aus seinem jeweiligen Aufenthaltsort abzuleiten, gelten als gescheitert.Christopher Timothy Heath: Narrative Structures in the Work of Paul the Deacon, PhD, Manchester 2012, S. 19 f.

Das Geschichtswerk wurde nach 787 und nicht später als 796 verfasst, denn Paulus erwähnt mit keinem Wort die Zerschlagung des Awarenreiches in diesem Jahr 796 durch einen der Söhne König Karls. Das Konzept des Werkes ist sehr stark auf die wichtigen Könige zwischen Alboin und Liutprand ausgerichtet, der gleichsam die Verkörperung der gesamten Entwicklung der Langobarden seit ihrer Abwanderung aus Skandinavien darstellt.

Paulus schrieb im Kloster Montecassino, denn er erwähnt in seinem Werk, er habe dort am ersten Buch gearbeitet (I, 26), ebenso wie am letzten (VI, 2 und 40). Auch erwähnt der Verfasser an mehreren Stellen, er habe das Opus nach seiner Rückkehr aus dem Frankenreich verfasst.

Dem Werk fehlen die sonst übliche Widmung, ebenso wie Prolog und Epilog. Auch kündigt Paulus selbst an, über einen bestimmten Vorgang noch zu schreiben, doch fehlt dieser angekündigte Teil. Daher wurde vermutet, Paulus habe sein Werk nicht mehr vollenden können – allerdings kann sich diese Ankündigung auch auf ein separates Werk beziehen, das außerhalb der Langobardengeschichte entstehen sollte. Die besagte Vollendung mit König Liutprand spricht gegen eine intendierte Fortsetzung.

Der Abschluss mit dem Tod Liutprands führte in der modernen Geschichtsschreibung zu Überlegungen darüber, ob möglicherweise ein weiteres Buch geplant war, um auch die letzten Jahrzehnte des Langobardenreiches darzustellen. Die These, er habe den Untergang des Langobardenreiches aus Schmerz nicht geschildert, gilt dabei als unhaltbar, da er die langobardische Schuld daran sehr wohl erwähnt (V, 6), ebenso wie die der Päpste (IV, 29). Auch nennt er in einem seiner Werke, den Gesta Episcoporum Mettensium, den Taten der Metzer Bischöfe, sehr wohl diesen Untergang, wenn er auch meint, „sine gravi praelio suae subdidit dicioni“. Karl der Große habe die Langobarden also ‚ohne eine größere Schlacht seiner Herrschaft unterworfen‘.Christopher Timothy Heath: Narrative Structures in the Work of Paul the Deacon, PhD, Manchester 2012, S. 18.

Allgemeines zum Quellengebrauch durch Paulus Als Quellen nutzte Paulus die Origo Gentis Langobardorum, den Liber pontificalis, die verschollene Historiola des Secundus von Trient und die ebenfalls verlorenen Annalen von Benevent. Er machte zudem von Beda Venerabilis,Die gelegentlich angeführte Übernahme des Textes des Caedwalla-Epitaphs aus Bedas Historia ecclesiastica gentis Anglorum bestreitet Richard Sharpe: King Ceadwalla’s Roman Epitaph, in: Katherine O’Brien O’Keeffe, Andy Orchard (Hrsg.): Latin Learning and English Lore. Studies in Anglo-Saxon Literature for Michael Lapidge, University of Toronto Press, Bd. 1, Toronto 2005, S. 171–193, hier: S. 180 f. (online). Gregor von Tours und Isidor von Sevilla Gebrauch.

Dies lässt sich nur aus dem Werk selbst ermitteln, denn die Bibliothek, auf die Paulus in seinem Kloster zurückgreifen konnte, ist vernichtet worden. Als die Sarazenen im Jahr 883 das Kloster Montecassino angriffen, brannten sie das Kloster nieder, doch immerhin hatte der Abt rechtzeitig die Mönche und die Bibliothek nach Teano bringen lassen. Allerdings kam es dort ebenfalls zu einem Brand, dem die Bibliothek am Ende doch zum Opfer fiel. Daher ist es nicht möglich, aus den Beständen zu erweisen, auf welche Werke Paulus zurückgreifen konnte. Die Forschung ist also auf das Opus selbst angewiesen. Dies ist umso gravierender, als Paulus sein Werk im Kloster abgefasst hatte.

Daran knüpfte man im 19. Jahrhundert die Frage, ob Paulus von den verfügbaren erzählenden Quellen abhängig war, oder ob er über besondere Originalität verfügt habe. In der Langobardengeschichte finden sich 31 wörtliche Zitate aus 20 verschiedenen Quellen. Benutzt wurden wohl erheblich mehr Werke.Christopher Timothy Heath: Narrative Structures in the Work of Paul the Deacon, PhD, Manchester 2012, S. 102 f. bietet eine Tabelle der etwa 46 wahrscheinlich benutzten Werke. Außerdem fügt er eigene Zeugenaussagen und eigene Ortsbesichtigungen ein, wie etwa im Dom von Monza oder bei den Epitaphien des Droctulft und des Cædwalla, die er wörtlich zitiert. Daneben nutzt er sowohl religiöse als auch Rechtsquellen, klassische ethnographische und Geschichtswerke, sowie poetische Werke, letzteres allerdings nur in Buch I.