Niutao (auch Nuitao, alte Namen: Gran Cocal, Speiden Island, Loper’s Island, Smut-Face Island, Lynx Island) ist eine kleine, bewohnte Insel im Südpazifik, die geografisch zum Archipel der Ellice-Inseln und politisch zum Inselstaat Tuvalu gehört. Geographie Niutao ist ein gehobenes Atoll von ungefähr ovaler Form im Norden der Ellis-Gruppe, 2,6 km lang und 1,2 km breit, das sich nur wenige Meter über die Meeresoberfläche erhebt. Die Gesamtfläche beträgt 2,53 km². Nach der tektonischen Hebung hat sich ein neues Saumriff gebildet. Als Überrest der einstigen Lagune ist ein flacher, polyhaliner Brackwassersee im Nordwesten der Insel verblieben, der keine oberirdische Verbindung zum Ozean hat. Offenbar erfolgt aber ein Wasseraustausch durch den porösen Kalkstein, denn die Oberfläche hebt und senkt sich mit der Tide.Walter M. Goldberg: Atolls of the World: Revisiting the Original Checklist. In: Atoll Research Bulletin, Nummer 610, Juni 2016, S. 28. (Digitalisat). Die Lagune wird heute von einem Fahrdamm überspannt, um die Kokosplantagen im nördlichen Bereich zu erschließen.

Wetter und Klima Nach der Klassifikation des Klimas von Köppen und Geiger gehört Niutao zur tropischen Klimazone Af.Koeppen-Geiger world climate classification map Das Klima in Äquatornähe ist ausgeglichen, tropisch heiß und feucht. Die durchschnittlichen Höchsttemperaturen liegen bei 28 bis 30 °C, die mittlere Regenmenge im Jahr liegt bei 3200 mm. Der Regen fällt, wie in den Tropen üblich, meist in kurzen, heftigen Schauern. Im (südlichen) Winter zwischen April und Oktober sind die Temperaturen und die Niederschläge etwas geringer.Gotthard Wolf (Hrsg.): Encylopaedia Cinematographica: Polynesier – Niutao (Ellice-Inseln). Institut für den wissenschaftlichen Film, Göttingen 1961. Gelegentlich wird Niutao von Zyklonen heimgesucht. Die vorläufig letzten, die Schäden an Wohnhäusern und in den Plantagen anrichteten, waren die Zyklone „Nina“ Anfang Januar 1993 und „Pam“ im Februar 2015. Nachfolgende Zyklone hatten keinen direkten Landkontakt.

Flora Die Flora von Niutao entspricht nicht mehr der ursprünglichen. Außerhalb der besiedelten Areale dominieren heute Kokospalmen-Plantagen, durchsetzt mit Pandanus. Das Ufer der Lagune ist dicht besetzt mit Mangroven.

Geschichte Vorgeschichte Der Legende nach wurde Niutao von Samoa aus besiedelt. Zwei Männer mit Namen Afoa und Tefoa kamen über Nauru zur Insel Niutao und heirateten zwei dort lebende Frauen mit Namen Fifala und Falafalaloloa. Fifala gebar einen Jungen und Falafalaloloa Siamesische Zwillinge, den Jungen Tefoilagi und das Mädchen Kulu, die am Rücken verwachsen waren. Tefoa, der Vater der Zwillinge, beschwor den Ozean mit magischer Kraft, der eine riesige Welle aussandte, die die Zwillinge erfasste und voneinander trennte. Kulu wurde Oberhäuptling von Niutao und Tefoilagi Oberhäuptling der 120 km westlich gelegenen Insel Nanumanga. Tefoilagi heiratete eine Halbgöttin von Samoa, die einen Sohn mit Namen Papaoatua gebar. Als er erwachsen war, sandte ihn sein Vater nach Niutao, um die Insel von seiner Tante zu erobern. Doch nachdem Papaoatua sich über seine Abstammungslinie legitimiert hatte, übertrug Kulu ihm freiwillig die Herrschaft, ohne dass es zu einem Krieg kam.Pulekai A. Sogivalu: A Brief History of Niutao. Institute of Pacific Studies, University of the South Pacific, Suva 1992, ISBN 982-02-0058-X, S. 2 f. Seitdem herrschten seine Nachkommen, die alle den Namen Papaoatua trugen, über Niutao. Der Überlieferung nach soll es 15 Herrschergenerationen dieses Namens gegeben haben.Matagi Tokelau: History and Traditions of Tokelau. Office for Tokelau Affairs 1991, ISBN 978-982-02-0058-6

Die nördlichen Inseln des Tuvalu-Archipels wurden tatsächlich von Samoa oder Tonga aus besiedelt, insoweit dürfte die Legende auf einem wahren Kern beruhen. Der Zeitpunkt der Initialbesiedlung ist unklar. Nach genealogischer Rückrechnung nimmt man für das nördlich gelegene Nanumea-Atoll an, es sei im 14. Jahrhundert besiedelt worden.Keith S. Chambers und Doug Munro: The Mystery of Gran Cocal: European Discovery and Mis-Discovery in Tuvalu. The Journal of the Polynesian Society, Band 89 (2) 1980, S. 167–198 Auf Niutao entwickelte sich eine stratifizierte Stammesgesellschaft unter Führung eines Häuptlings (aliki), die sich auf Großfamilien (pologa) stützte, die jeweils auf eine besondere Fähigkeit oder ein Handwerk spezialisiert waren, zum Beispiel Fischerei, Kanubau, Gesang und Tanz usw. Die Kenntnisse waren tapu und wurden jeweils vom Vater zum Sohn mündlich weitergegeben. Um die Bevölkerung der kleinen Insel mit ihren begrenzten Ressourcen zu regulieren, durften nur das erste männliche und das erste weibliche Kind überleben. Nachgeborene Kinder wurden erdrückt oder ausgesetzt, bis sie starben (tama-kumi).Donald Gilbert Kennedy: Land tenure in the Ellice Islands. In: The Journal of the Polynesian Society, Vol. 62 (4), Dezember, 1953, S. 356 A.W. Murray: Forty Years’ Mission Work. James Nisbet & Co, London 1876

Nach der mündlichen Überlieferung soll es im 15. Jahrhundert, während der Regierungszeit von Papaoatua VII., zwei Invasionen von Kriegern aus Tonga gegeben haben und im späten 16. Jahrhundert eine weitere. Sie konnten jedoch abgewehrt werden. Im 17. Jahrhundert versuchte eine Gruppe von Kriegern der Gilbertinseln Niutao zu erobern, doch die Invasoren waren nicht erfolgreich, sie wurden allesamt getötet. Im späten 17. Jahrhundert kam es zu einem Bürgerkrieg zwischen konkurrierenden Großfamilien auf Niutao. Die Mitglieder des unterlegenen Clans wurden vertrieben und ließen sich auf Nanumea nieder.

In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts erreichten europäische Händler und Abenteurer Niutao und tauschten Kopra, Schalen der Perlmuschel und Kunsthandwerk gegen europäische Güter ein, zum Beispiel Metallwerkzeuge, die den Insulanern unbekannt waren, aber auch gegen Alkohol. Die Tatsache, dass die Insulaner ihre Häuptlinge betrunken sahen, führte zur Abnahme des Respekts und zum Niedergang ihrer Macht. Dazu trug auch die Ankunft der Missionare der London Missionary Society (LMS) bei, die 1870 eintrafen.Simati Faaniu: Tuvalu A History. University of the South Pacific, Institute of Pacific Studies, Suva 1983

Entdeckungsgeschichte Möglicherweise wurde Niutao bereits am 16. Januar 1568 von dem Seefahrer Alvaro de Mendaña de Neyra für Europa entdeckt, der sie „Isla de Jesus“ taufte.John Dunmore: Who’s Who in Pacific Navigation. University of Hawaii Press, Honolulu 1991 Die Insel war bewohnt und bei der Ankunft des spanischen Schiffes legten sieben vollbesetzte Kanus ab. Mendana konnte wegen einsetzender Dunkelheit und schlechten Wetters keine Boote aussetzen, sodass er die Isla de Jesus nicht betrat. Es kam zu keiner näheren Kontaktaufnahme. Nach anderen Meinungen könnte Mendanas Neuentdeckung allerdings die Insel NuiHenry Evans Maude: Spanish discoveries in the Pacific. The Journal of the Polynesian Society, Volume 68 (4) 1959, S. 300 f., NiulakitaMax Quanchi, John Robson: Discovery and Exploration of the Pacific Islands. The Scarecrow Press, Lanham (MD) 2005, S. 110 oder Vaitupu gewesen sein.

Der Spanische Seefahrer Francisco Antonio Mourelle de la Rúa (1750 – 1820) hat Niutao am 5. Mai 1781 für Europa entdeckt. Er betrat die Insel jedoch nicht, sondern sein Schiff La Princesa blieb außerhalb des Korallenriffes, als sich mehrere Kanus mit Insulanern näherten, die der Besatzung Kokosnüsse schenkten. Mourelle nannte die Insel daraufhin „El Gran Cocal“.

Am 19. November 1825 sichtete der US-amerikanische Kapitän Obed Starbuck (1797 – 1882) aus Nantucket von Aranuka kommend eine Insel auf der Position in 6° 07′ Süd und 177° 40′ Ost, die er jedoch nicht betrat. Er taufte sie „Loper's Island“, nach seinem Walfangschiff Loper. Die von Starbuck ermittelten Koordinaten liegen fast 40 Kilometer östlich von Niutao.Henry Evans Maude: Post-Spanish discoveries in the Central Pacific. In: The Journal of the Polynesian Society, Vol. 70, Auckland 1961, S. 67–111 Da es in der Nähe keine andere Insel gibt, dürfte Starbucks Entdeckung die Insel Niutao gewesen sein, obwohl das Logbuch der Loper keine eindeutige Zuordnung zulässt. Mit der Zeit erschien Loper's Island auf einigen Karten unter der falschen Position 177° 40′ West (statt 177° 40′ Ost), in einem leeren Seegebiet halbwegs zwischen Tuvalu und der Phönix-Gruppe. Der Fehler hatte zur Folge, dass Loper's Island nicht mehr gefunden und zeitweilig als nicht existent betrachtet wurde.

Im Jahr 1836 erreichte ein anderer Walfänger aus Nantucket, Kapitän William Plaskett, mit seinem Schiff Independence II die Insel Niutao. Da ihm die mit Holzkohle schwarz gefärbten Gesichter der Krieger auffielen, nannte er sie „Smut-Face Island“. Weitere alte Namen für Niutao sind „Speiden Island“ und „Lynx Island“.British Admiralty chart No. 987: Islands in the South Pacific (1897)Pacific Islands Pilot (Volume 2). United States Hydrographic Office, Washington 1916, S. 409

Am Abend des 23. März 1841 passierten die Schiffe der United States Exploring Expedition in einiger Entfernung eine kleine Insel, die Charles Wilkes „Speiden Island“ nannte, nach einem Offizier der USS Peacock. Die Expeditionsmitglieder betraten Niutao nicht, es kam auch zu keinem Kontakt mit den Bewohnern.Charles Wilkes: Narrative of the United States Exploring Expedition. Volume V, Philadelphia 1849, S. 44

Im Mai 1865 nahm die London Missionary Society (LMS) ihre Missionstätigkeit in Tuvalu auf. Die LMS charterte ein deutsches Handelsschiff, das im Südpazifik operierte, um Missionare auf die Inseln der Ellice-Gruppe zu bringen. An Bord waren Elekana, Diakon einer kongregationalistischen Kirche in Manihiki (Cookinseln), und zwei samoanische Theologieabsolventen mit ihren Frauen sowie der schottische Missionar Archibald Wright Murray (1811–1892). 1866 kam das Schiff auch zur Insel Niutao, zunächst wurden aber keine Missionare dort stationiert. 1869 erwarb die LMS die Bark John Williams III und beorderte sie in den Pazifik. Das Schiff brachte 1870 zwei einheimische Prediger von Niue mit Namen Tabu und Sione Paea nach Niutao.Maina Talia: Ekalesia Kelisiano Tuvalu: A Critical Evaluation of its Autonomous Status. Bachelor Thesis, Kanana Fou Theological Seminary, Tafuna (Amerikanisch-Samoa) 2008 Die samoanischen Missionare importierten ihren eigenen Lebensstil und erließen Regeln, die oft im Gegensatz zu den gelebten Traditionen der Insulaner standen. Sie wurden die neuen administrativen und religiösen Autoritäten auf Niutao und die Verehrung von Kulu, der vergöttlichen ersten Siedlerin, schwand. Die Missionare lehrten die samoanische Sprache, um die Insulaner zu befähigen, die Bibel zu lesen und verdrängten damit allmählich den örtlichen Dialekt.

Am 20. Juli 1871 landete John Moresby mit dem segel- und dampfgetriebenen Sloop HMS Basilisk auf einer Insel, die er als Hudson Island bezeichnete.

Die Position, die Moresby nennt, liegt rund 80 km südwestlich von Niutao. Ob es sich bei der Hudson-Insel um Niutao handelte, die Mourelle de la Rúa Gran Cocal taufte, ist unklar.